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Verletzungsprävention und Schutz der Spielerinnen: Wie wissenschaftliche Forschung den Frauenfußball voranbringen kann

Die UEFA

Fachleute aus Medizin und Fußball kommen zusammen, um Vorurteile zu begraben und wichtige Fragen mit Blick auf Gesundheit und Wohlbefinden zu erörtern.

Szene vom Endspiel der UEFA Women’s Champions League 2024.
Szene vom Endspiel der UEFA Women’s Champions League 2024. UEFA via Getty Images

Der Frauenfußball ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und verzeichnet mehr Aktive, höhere Standards und größere Wettbewerbe als je zuvor.

Im Zuge ihrer neuen Strategie „Unstoppable“ wird die UEFA bis 2030 eine Milliarde Euro in den Frauenfußball investieren und diesen auf eine neue Ebene befördern.

Mit dem Wachstum des Frauenfußballs steigt jedoch auch der Bedarf an umfassenden, evidenzbasierten Forschungsarbeiten zur medizinischen und physischen Betreuung von Spielerinnen, damit diese ihr sportliches Potenzial ausschöpfen und unnötige Verletzungen vermeiden können.

Beim Medizinischen Symposium der UEFA vom 4. bis 6. Februar 2025 im schweizerischen Lugano kamen medizinische Fachleute aus ganz Europa zusammen, um eine Reihe von frauenspezifischen Themen zu erörtern und sich darüber auszutauschen, wie die bestmöglichen Erfolgsvoraussetzungen geschaffen werden können.

„Im Hinblick auf die mentale und physische Gesundheit gibt es im Fußball noch viele Wissenslücken zu schließen und Präventionspotenzial auszuschöpfen, insbesondere vor dem Hintergrund der stetig wachsenden Zahl an Frauen, die Fußball spielen. Sie haben Ihre kostbare Zeit hier in Lugano für die Gesundheit und die Sicherheit der Spielerinnen eingesetzt. Dafür möchte ich Ihnen danken und meinen tiefsten Respekt aussprechen.“

Dominique Blanc, Präsident des Schweizerischen Fußballverbands, in seiner Ansprache vor den Teilnehmenden des Symposiums

Eine der größten Herausforderungen für medizinische Fachleute ist die Sensibilisierung von Spielerinnen, Coaches und der breiten Öffentlichkeit für die besten Strategien zur Förderung der Gesundheit und des Wohlergehens von Frauen im Fußball. Im Folgenden einige der wichtigsten in Lugano besprochenen Themen.

Neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit Verletzungen des vorderen Kreuzbandes (VKB)

VKB-Verletzungen im Frauenfußball stehen seit langem im Fokus des Interesses. Im Dezember 2023 setzte die UEFA einen Expertenausschuss ein, um die Ursachen und Häufigkeit dieser Verletzungen besser zu verstehen.

In Lugano räumten Mitglieder dieses Ausschusses mit einigen Mythen rund um VKB-Verletzungen bei Spielerinnen auf.

Die Forschung zeigt, dass die Häufigkeit dieser Verletzungen bei Fußballerinnen über die letzten 20 Jahre konstant geblieben ist. Obwohl es im Vergleich zu den Männern mehr Fälle gibt, kann im Frauenfußball entgegen gewisser Medienberichte keineswegs von einer Epidemie die Rede sein – VKB-Verletzungen treten während einer Saison weiterhin bei 1-3 % der Spielerinnen auf.

Entscheidend ist vielmehr die Anwendung zuverlässiger und praktikabler Präventionstechniken. Durch gezielte Übungsprogramme kann das Risiko für VKB-Verletzungen um bis zu 50 % verringert werden.

Vorgeschlagene Trainingseinheiten zur Vorbeugung von VKB-Verletzungen

10-20 Minuten, zweimal pro Woche
Fokus auf Rumpfstabilität, Agilität und technische Abläufe bei Landungen und Richtungswechseln
Durchführung während der gesamten Saison inklusive Vorbereitung
Teilnahme aller Spielerinnen auf allen Stufens

Mit dieser einfachen Strategie kann die Angst vor der sogenannten „VKB-Epidemie“ gemeinsam bekämpft werden, wodurch sich auch die Aussichten für verletzungsgefährdete Spielerinnen verbessern.

Wie Spielerinnen von einem langfristigen sportlichen Entwicklungsplan profitieren können

Ein effektives Kraft- und Konditionstraining dient nicht nur dazu, das Risiko von VKB-Verletzungen zu verringern.

Ein strukturierter und langfristiger sportlicher Entwicklungsplan trägt dazu bei, die Grundlagen zu schaffen, um junge Spielerinnen auf eine Karriere auf A-Stufe vorzubereiten, was mit Blick auf die Erreichung des bestmöglichen Leistungsniveaus und die Verringerung des Verletzungsrisikos von entscheidender Bedeutung ist.

Aufgrund unterschiedlicher Reifegrade können Mädchen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren verletzungsanfälliger sein. Dieses Risiko kann jedoch durch ein maßgeschneidertes und altersgerechtes Kraft- und Konditionstraining während der gesamten Karriere abgefedert werden.

„Ein solcher Entwicklungsplan zieht sich durch eine gesamte Karriere hindurch und geht über die Nachwuchsförderung hinaus. Aufgrund unterschiedlicher individueller Eigenschaften verändert sich der Fokus zudem ständig“, betont Paudie Roche, der bei den Arsenal Women für die körperliche Leistungsanalyse verantwortlich zeichnet. „Es braucht Geduld, aber wenn die Spielerinnen das Konzept erst einmal verinnerlicht haben und verstehen, dass die Arbeit im Fitnessraum sie auf dem Platz stärker macht, dann kann der Plan erfolgreich sein.“

Fehlende Zeit auf dem Trainingsplatz wird oft als Grund dafür angeführt, dass auf solche physische Arbeit verzichtet wird, doch Dr. Stacey Emmonds, Lehrbeauftragte für Leistungssport an der Leeds Beckett University, ist überzeugt, dass eine Zusammenarbeit von Fachleuten aus den Bereichen Medizin und Fitness mit Trainerinnen und Trainern funktionieren kann, um gemeinsame Ziele zu erreichen.

„Es wird oft unterschätzt, wie viel [medizinische Fachleute] von der Coaching-Seite des Fußballs verstehen müssen. Man braucht nicht unbedingt dasselbe technische Wissen wie ein Coach, aber man muss in der Lage sein, einige der Trainingsübungen so anzupassen, dass einzelne Komponenten des langfristigen Entwicklungsplans eingearbeitet werden können.“

Langfristige sportliche Entwicklung: auf welche physischen Qualitäten kommt es an?

Mobilität
Flexibilität
Tempo
Schnellkraft
Ausdauer
Muskelaufbau
Maximalkraft

Bedeutung der Aufklärung über die Gesundheit von Frauen

Verletzungsprävention ist eine Sache, doch ebenso wichtig ist der Schutz der Gesundheit der Spielerinnen abseits des Rasens – hier muss das medizinische Personal seinen Teil zu einer angemessenen Betreuung beitragen.

So berichteten beispielsweise 61 % der befragten Fußballerinnen über Brustschmerzen oder -beschwerden, ein im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung und zu anderen Sportlerinnen höherer Anteil. Führende Studien haben gezeigt, dass Elitespielerinnen bei ihrer BH-Auswahl immer noch dazulernen können. Gut sitzende und stützende Sport-BHs können Brustschmerzen lindern sowie Komfort, Halt und Leistung verbessern. Nach individuellen Anproben und Tests gaben 91 % der Spielerinnen an, dass sich ihr Komfort verbessert hat, was zeigt, dass Probleme mit der richtigen Beratung gelöst werden können.

Die UEFA hat bereits umfassende Studien zum Menstruationszyklus und seinen Auswirkungen auf das Wohlbefinden und Leistungsvermögen der Spielerinnen durchgeführt. Das Ziel besteht darin, die Spielerinnen, Coaches und das medizinische Personal dafür zu sensibilisieren, den Zyklus aufzuzeichnen, damit sie jeden Tag bestmöglich trainieren und Wettkämpfe bestreiten können. Aus wissenschaftlicher Sicht können Frauen auch während ihrer Periode Höchstleistungen erbringen.

„Es wird viel darüber geschrieben, wie die Gesundheit von Sportlern überwacht werden kann, aber wenig über Sportlerinnen. Da Frauen nicht einfach ,kleine Männer‘ sind, müssen Sportwissenschaft und Medizin darauf achten, dass physiologische Eigenschaften von Frauen im Sport nicht ignoriert, in einem rein medizinischen Kontext betrachtet oder missverstanden werden.“

Margo Mountjoy, klinische Professorin, McMaster University

Bei der Tagung in Lugano wurde auch über das Thema Schwangerschaft und die Frage diskutiert, wie stark sich Fußballerinnen während einer Schwangerschaft sportlich betätigen sollten. Es herrscht weithin Konsens darüber, dass in diesem Bereich weitere Forschungsarbeiten erforderlich sind. Die UEFA empfiehlt daher in ihren medizinischen Richtlinien, dass schwangere Spielerinnen nicht an Wettkämpfen teilnehmen, aber weiter trainieren, um ihre Grundfitness zu erhalten.

Die ehemalige österreichische Nationalspielerin Viktoria Schnaderbeck, die in Deutschland und England nationale Titel gewann, schilderte ihre Erfahrungen mit psychischen Problemen während ihrer Karriere.

Sie betonte, wie wichtig die psychologische Unterstützung der medizinischen Teams für die Spielerinnen sei. „Als Spielerin wird Leistung von dir erwartet, aber niemand versteht wirklich, wie es in dir drin aussieht“, so Schnaderbeck. „Es wäre einfacher gewesen, wenn die Physios und Ärzte mir diese Fragen gestellt und Hilfe angeboten hätten, denn es fällt einem schwer, darum zu bitten.“

Was ist das Medizinische Symposium der UEFA?

Beim Medizinischen Symposium der UEFA kamen über 500 Mediziner/-innen aus ganz Europa und darüber hinaus im schweizerischen Lugano zusammen, um die neuesten fußballbezogenen Forschungsarbeiten und Studien zu präsentieren und zu diskutieren.

Es war die neunte Ausgabe des alle zwei Jahre stattfindenden Symposiums, bei dem medizinische Fachleute aus verschiedenen Bereichen des europäischen Fußballs zusammenkommen, um sich mit aktuellen medizinischen Fragen auseinanderzusetzen.

Die UEFA richtete die diesjährige Veranstaltung gemeinsam mit der Europäischen Klubvereinigung (ECA) aus und lud neben den UEFA-Mitgliedsverbänden erstmals auch Vereine, die European Leagues und die FIFPRO Europe ein.

Eine weitere Premiere war die Präsenz von Physiotherapeut/-innen beim Symposium, die in der täglichen Betreuung von Spielerinnen und Spielern eine unverzichtbare Rolle spielen.

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