Tschechen zünden Offensiv-Feuerwerk

Niederlande - Tschechische Republik 2:3
Die Tschechen drehten den 0:2-Rückstand in einen 3:2-Sieg und zogen ins Viertelfinale ein.

Vladimír Šmicer (rechts) jubelt mit Tomáš Rosický und Pavel Nedvěd
©Getty Images

Vladimir Šmicer schoss die Tschechen in einem der denkwürdigsten Fußballspiele der letzten Jahre mit dem 3:2-Siegtreffer in der 89. Minute vorzeitig ins Viertelfinale. Die Niederlande stehen nach der bitteren Niederlage in Aveiro nun vor dem Aus.

In einem wahrlichen "Feuerwerk der Offensive" brachten Wilfried Bouma und Ruud van Nistelrooy die starke Mannschaft der "Oranje" zunächst in Führung, doch Jan Koller und Milan Baroš schafften den Ausgleich. Johnny Heitinga wurde zur tragischen Figur des Abends, indem er mit seiner Gelb-Roten Karte die Niederlage einleitete.

Bondscoach Dick Advocaat ließ seine Auswahl erwartungsgemäß erneut mit einem 4-3-3-System auflaufen und gab diesmal Edgar Davids die Chance, sich an der Seite von Phillip Cocu und Clarence Seedorf in der Schaltzentrale von Beginn an zu beweisen. Im Angriff durfte Arjen Robben anstelle des jungen Rafael van der Vaart auf der linken Außenbahn ran. Tschechiens Nationaltrainer Karel Brückner setzte abermals auf Offensive und bot wie schon gegen Lettland mit Koller und Baroš zwei Stürmer auf. Für den an Fieber erkrankten Innenverteidiger René Bolf rückte Martin Jiránek ins Team.

Bereits die ersten Minuten ließen andeuten, dass das Aufeinandertreffen im Municipal ein hocklassiger Schlagabtausch werden würde. Die Tschechen begannen furios und hätten nach zwei Minuten durch Koller und Marek Jankulovski schon mit 2:0 führen können. Doch der Sturmtank von Borussia Dortmund zielte nach hervorragendem Pass von Klubkollege Tomas Rosický über das Tor, während ein sehenswertes Solo des Linksverteidigers am kläglichen Abschluss scheiterte.

Postwendend dann die Strafe für die Brückner-Elf: Robben setzte eine Freistoß von halbrechts mustergültig auf den Kopf des völlig freistehenden Bouma, der das Leder seelenruhig ins lange Eck drücken konnte. Die Führung der "Oranje" erwischte die Tschechen eiskalt.

Die Tschechen drückten, die Niederländer hatten die Chancen: Ein von Seedorf in der achten Minute gezirkelter 22-Meter-Freistoß segelte nur an den Außenpfosten. Er schien die Tschechen aus ihrer vorübergehenden Lethargie zu befreien, denn fortan peitschten der starke Rosický sowie der immer wieder für Druck sorgende Pavel Nedved die Brückner-Elf nach vorne, obgleich die starke niederländische Defensive keine verwertbaren Torchancen für Koller und Baroš zuließen.

Anders auf der Gegenseite: Das ebenso starke Mittelfeld der "Oranje" mit Davids und Seeedorf kombinierte prächtig mit Keilstürmer Ruud van Nistelrooy, der sich immer wieder den Ball holte, abtropfen ließ und dem Mittelfeldmann des AC Milan gleich mehrere Chancen zu Distanzschüssen ermöglichte.

Ohnehin waren es vor allem die beiden Mittelfeld-Duos, die die ersten 45 Minuten zu einem Fußballfest werden ließen. Seedorf und Davids spielten jedoch effizienter und setzten den gefährlichen Flügelstürmer Robben immer wieder herrlich in Szene. So auch in der 19. Minute: Davids mit Traumpass auf den zu Chelsea FC wechselnden jungen Linksaußen, der wiederum direkt auf den in der Mitte freistehend lauernden van Nistelrooy, und der staubte zum 2:0 ab.

Nun mussten die Tschechen kommen - und sie taten es. Ein Fehlpass von "Oranje"-Kapitän Cocu ermöglichte Baroš nur vier Minuten später eine Eins-gegen-Eins-Situation mit Jaap Stam, der Angreifer von Liverpool FC umspielte den Innenverteidiger, rutschte im Strafraum aus, passte im Fallen zum heranstürmenden Koller, und der Hühne schob zum Anschlusstreffer ein. Zauberfußball hüben wie drüben!

Brückner reagierte und nahm daraufhin Verteidiger Zdenek Grygera für den offensiven Šmicer raus. Doch gefährlich wurden abermals nur die Niederländer: Zwei 35-Meter-Schüssse von Heitinga und Seedorf zischten nur hauchdünn am tschechischen Gehäuse vorbei. Und nachdem Koller mehrfach aussichtsreich vor Edwin van der Sar scheiterte, traf Davids mit einer Direktabnahme aus 20 Metern nur den Innenpfosten.

Nach der Pause das gleiche Bild. Beide Teams erspielten sich eine Chance nach der anderen. In der 46. Minute scheiterte erst Andy van der Meyde alleine vor Tschechen-Schlussmann Petr Čech, im Gegenzug verlor Karel Poborský alleine vor van der Sar die Nerven. Die begeisterten Fans auf beiden Seiten verwandelten das Schmuckkästchen von Aveiro in ein Tollhaus.

Nedved prüfte nach 52 Minuten mit einem 14-Meter-Schuss abermals van der Sar, doch der niederländische Rückhalt hielt seinen Kasten sauber. Nun erkämpfte sich der Titelträger der EURO 1976 ganz leichte Feldvorteile, doch wer glaubte, dass sich "Oranje" mit Verteidigung begnügte, sah sich getäuscht. Über Konter war die Elftal stets brandgefährlich, und van Nistelrooy hätte in der 56. Minute nach feiner Robben-Flanke per Kopf das 3:1 erzielen können. Čech aber bewahrte seine Mannschaft vor der Vorentscheidung.

Als Advocaat nach 59 Minuten den bärenstarken Robben für Defensiv-Allrounder Paul Bosvelt herausnahm und diese Entscheidung von einem gellenden Pfeifkonzert der niederländischen Fans quittiert wurde, drückte fortan nur noch die Tschechische Republik. Erst recht, als Brückner vier Minuten darauf auch noch Stürmer Marek Heinz für Defensivmann Tomaš Galásek brachte. Fast hätte sich der Wechsel auch prompt ausgezahlt, doch van der Sar lenkte einen Smicer-Schuss aus sieben Metern noch um den Pfosten.

Dann war es soweit, die Tschechen erzwangen den verdienten Ausgleich: Der alles überragende Nedved bediente den im Strafraum lauernden Baroš von der linken Flanke, und der Jungstar drosch den Ball per Volleyabnahme unhaltbar in den Winkel. Die tschechischen Anhänger ließen das Municipal beben.

Als dann Heitinga Nedved nur mit einem Foul stoppen konnte und daraufhin mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde, waren dem Offensivspiel der Tschechen keine Grenzen mehr gesetzt. Europas Spieler des Jahres 2003 scheiterte unmittelbar darauf mit einem 14-Meter-Kracher an van der Sar. Doch obwohl in Unterzahl hätten auch die Niederlande das dritte Tor erzielen können: Nach einem Konter sah sich van der Meyde freistehend vor Čech, versagte aber.

Es sollte auch fünf Minuten vor Spielende Nedved sein, dem sich die nächste Möglichkeit zum Siegtreffer bot. Der quirlige Mittelfeld-Motor der Tschechen nahm aus 24 Metern Maß und setzte den Ball unglücklich an die Unterkante des Quergebälks.

Doch dann der von nichts mehr zu übertreffende Auftritt des eingewechselten Šmicer: Heinz zog aus 18 Metern ab, van der Sar konnte reflexartig nur noch abklatschen und der eingewechselte Mittelfeldspieler staubte zum Siegtreffer ab.

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