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Bernd Neuendorf: „Fußball ist so viel mehr als nur ein Sport.“

Die UEFA Mitglieder
Bernd Neuendorf
Bernd Neuendorf UEFA via Getty Images

Der Deutsche Fußball-Bund richtet 2029 die nächste UEFA Women’s EURO aus. Für DFB-Präsident Bernd Neuendorf soll das Turnier ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen.

„Die Ausrichtung eines derart wichtigen Turniers ist eine Ehre. Sie ist aber auch mit einer großen Verantwortung verbunden. Wir möchten ein Turnier ausrichten, auf das die UEFA und der gesamte europäische Fußball stolz sein können.“

Im Folgenden schildert Neuendorf die Entwicklungen des DFB in den letzten Jahren. Er berichtet auch, wie der Fußball seinen Lebensweg geprägt hat und wie dieser „ein Vorbild für die Gesellschaft“ sein kann.

Bernd, erzählen Sie uns, wie Sie DFB-Präsident und Mitglied im FIFA-Rat geworden sind?

Schon als Kind war ich vom Fußball begeistert. Mein Vater hat mich immer zu den Spielen von Alemannia Aachen ins legendäre Tivoli-Stadion mitgenommen. Ich selbst habe in einem kleinen Amateurverein in der Nähe von Düren gespielt. Da bin ich auch noch heute Mitglied. Es war ein fantastisches Team. Es mag sich klischeehaft anhören, aber wir waren auf und neben dem Platz Freunde, die durch Dick und Dünn gegangen sind. Im Rückblick sind es diese Erfahrungen, die mich geprägt und die mir dabei geholfen haben, eine lebenslange Leidenschaft für den Fußball zu entwickeln.

Natürlich hat mich auch die WM 1974 beeinflusst, die Deutschland mit einem Topteam gewonnen hat. Damals wollten alle meine Freunde Gerd Müller, Franz Beckenbauer oder Sepp Maier sein – um nur einige Spieler dieser großartigen Mannschaft zu nennen.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte habe ich schon viele äußerst spannende Spiele erlebt, aber wenn man seine eigene Mannschaft anfeuert, wird alles natürlich nochmal emotionaler. Ich erinnere mich noch lebhaft an ein Spiel zwischen Alemannia Aachen – damals eine Zweitligamannschaft – und dem mächtigen Bayern München im Viertelfinale des DFB-Pokals 2004. Es war die Überraschung der Saison. Im ausverkauften Tivoli besiegte Alemannia die Bayern mit 2:1 und zog später dann sogar ins Finale ein. Es war einfach unvergesslich!

Alemannia Aachen feiert 2004 einen unvergesslichen Sieg gegen Bayern München.
Alemannia Aachen feiert 2004 einen unvergesslichen Sieg gegen Bayern München.Bongarts/Getty Images

Ich habe meine große Leidenschaft allerdings erst 2019 zu meinem Beruf gemacht, als ich zum Präsidenten des Fußballverbands Mittelrhein gewählt wurde. Davor war ich als Journalist und in der Politik tätig. Aber selbst dort konnte ich immer wieder die enorme gesellschaftliche Kraft des Fußballs spüren. 2022 befand sich der DFB in einer sehr schwierigen Phase. Ich fühlte mich bereit dazu, noch mehr Verantwortung für diesen großartigen Sport, seine Spielerinnen und Spieler sowie verschiedenen Akteure mit ihren jeweiligen Interessen zu übernehmen. Nach meiner Wahl zum Präsidenten haben wir den DFB mit einem großartigen Team konsolidiert. Wir mussten zahlreiche Herausforderungen überwinden. Wir haben den DFB restrukturiert. Jetzt, in meiner zweiten Amtszeit, gestalten wir die Zukunft des deutschen Fußballs.

Herzlichen Glückwunsch zur Ernennung als Ausrichter der UEFA Women’s EURO 2029. Wie war Ihre erste Reaktion und was kommt als Nächstes?

Wir sind sehr stolz und glücklich, dass wir die UEFA Women’s EURO 2029 ausrichten dürfen, und möchten der UEFA und den Mitgliedern des UEFA-Exekutivkomitees für das in uns gesetzte Vertrauen danken. Die Ausrichtung eines derart wichtigen Turniers ist eine Ehre. Sie ist aber auch mit einer großen Verantwortung verbunden. Nach der wunderbaren UEFA Women's EURO 2025 in der Schweiz wollen wir neue Maßstäbe setzen. Wir sind fest davon überzeugt, dass diese Frauen-EM in Deutschland erstmals über eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer in die Stadien bringt. Wir freuen uns darauf, im Sommer 2029 ein großes Frauenfußballfest zu feiern.

Deutschland kann sich auf eine lange Frauenfußballtradition stützen...

Wir haben einige herausragende Pionierinnen, die mit unserem Nationalteam beachtliche Erfolge feiern konnten. Dazu gehören unsere Ehrenspielführerinnen Doris Fitschen, Silvia Neid, Birgit Prinz und Bettina Wiegmann. Unser Nationalteam ist achtmal Europameister geworden und zählt zwei Weltmeistertitel sowie eine olympische Goldmedaille. Die Mitgliederzahlen der Regionalverbände und Amateurvereine zeigen, dass immer mehr Frauen in Deutschland Fußball spielen. Und dennoch bleibt eine unserer größten Herausforderungen die noch umfassendere Förderung des Mädchen- und Frauenfußballs. In dieser Hinsicht ist die Ausrichtung der UEFA Women’s EURO 2029 ein Meilenstein.

Bekanntgabe des Ausrichters der UEFA Women’s EURO 2029

Deutschland hat mehrfach gezeigt, dass es sportliche Großveranstaltungen erfolgreich ausrichten kann, nicht zuletzt die EURO 2024 im letzten Jahr, das Endspiel der UEFA Champions League und das Final Four der UEFA Nations League. Was lernen Sie aus diesen Erfahrungen?

Diese Veranstaltungen haben gezeigt, dass wir als Ausrichter Vertrauen genießen und in der Lage sind, große Spiele und Turniere leidenschaftlich und professionell durchzuführen. Im Sommer 2024 waren wir bei der Heim-EM vier Wochen lang wirklich „Vereint im Herzen Europas.“ Deutschland hat sich 36 Jahre nach der EM 1988 und 34 Jahre nach der friedlichen Wiedervereinigung als fußballbegeistertes Land, als freundlicher und offener Gastgeber und nicht zuletzt als verlässlicher Partner für die Organisation sportlicher Großveranstaltungen präsentiert.

Wie können solche Veranstaltungen als Katalysator für das Wachstum des Breitenfußballs und ein positives Vermächtnis im ganzen Land genutzt werden?

Der Fußball, insbesondere der Amateurfußball, wird von dieser Heim-EM profitieren. Das war auch schon bei der EURO 2024 der Fall. Das Turnier hat ein langfristiges Vermächtnis hinterlassen, nicht nur, weil hochkarätige Spiele und eine einzigartige Stimmung für bleibende Erinnerungen gesorgt haben. Es hat auch in Sachen Nachhaltigkeit klare Maßstäbe gesetzt und soll den Amateurfußball mit diversen Maßnahmen und Projekten voranbringen. Nach der EM haben unsere Vereine einen regen Mitgliederzuwachs erlebt. Erstmals in unserer 125-jährigen Geschichte verzeichnen wir in den knapp 24 000 Vereinen unter dem Dach des DFB mehr als acht Millionen Mitglieder. Der stärkste prozentuale Anstieg bei den Mitgliederzahlen zeigt sich bei Mädchen unter 16 Jahren.

Der DFB ist einer der größten nationalen Fußballverbände der Welt – was sind die größten Herausforderungen, wenn es um kontinuierliches Wachstum und Verbesserungen geht?

Wir haben uns in den letzten Jahren innerhalb des DFB und im gesamten deutschen Fußball enorm weiterentwickelt. Aber wir dürfen uns damit nicht zufriedengeben; wir wollen uns neue Ziele setzen. Wir wollen nicht nur den Status quo verwalten, sondern die Zukunft gestalten. Wir wollen mutig, konsequent und systematisch weitergehen. Vor diesem Hintergrund haben wir unlängst die DFB-Strategie 2030 verabschiedet. Sie verschafft Klarheit über unsere Prioritäten und zentralen Themen für den Zeitraum bis 2030, wobei das Augenmerk klar auf Good Governance und kontinuierliche Entwicklung liegt.

Wie können Nationalverbände mit der UEFA zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass wir den Fußball in Europa auf und neben dem Platz weiterentwickeln?

Zusammenarbeit und Wissenstransfer zwischen Nationalverbänden sind seit vielen Jahren von entscheidender Bedeutung. Nehmen wir die UEFA Women’s EURO 2029 als Beispiel: Wir möchten ein Turnier ausrichten, auf das die UEFA und der gesamte europäische Fußball stolz sein können. Dabei geht es nicht nur um Fragen des Managements und der Organisation, sondern vor allem um die positiven Auswirkungen des Turniers auf die Entwicklung des Frauenfußballs in Europa.

Die UEFA hat sich mit ihrer Strategie „Unstoppable“ bis 2030 klare Ziele gesetzt, die eng mit unserer Frauenfußballstrategie „Fast Forward 27“ (FF27) übereinstimmen, und wir möchten mit der UEFA Women’s EURO 2029 dazu beitragen, dass diese Ziele auch erreicht werden. Die FF27 bildet die strategische Grundlage für nachhaltiges Wachstum in allen Bereichen des Frauenfußballs und stellt somit eine zentrale Richtschnur für unsere Arbeit dar, auch mit Blick auf die Endrunde 2029. In erster Linie wollen wir den Wissensaustausch rund um dieses Turnier fördern, denn der Frauenfußball muss auf internationaler Ebene wachsen. Deshalb braucht es auch eine internationale Zusammenarbeit.

Können Sie als Mitglied der UEFA-Kommission für soziale und ökologische Nachhaltigkeit etwas dazu sagen, wie der Fußball genutzt werden kann, um wichtige Botschaften in der Gesellschaft zu verbreiten?

Fußball kann als Vorbild in der Gesellschaft dienen. Niemand kann ein Spiel alleine gewinnen – Erfolg kann nur erreicht werden, wenn man zusammen spielt und kämpft, wenn man Beziehungen knüpft, die halten. Genau dieses Gemeinschaftsgefühl vermitteln unsere Teams und Vereine in ganz Europa auf beeindruckende Weise. Es ist wichtig, dies immer wieder zu betonen: Der Fußball in all seinen Ausprägungen ist viel mehr als nur ein Sport. Daraus entsteht Verantwortung und wir sind davon überzeugt, dass wir die Werte unseres Sports nutzen können, um positiven Einfluss in der Gesellschaft zu nehmen. Die meisten Menschen, die Fußball spielen, wollen nämlich nicht nur Tore schießen und Spiele gewinnen. Sie wollen Teil einer Gemeinschaft sein. Sie wollen ihren Sport in einer gesunden Umgebung ausüben. Sie wollen etwas für ihre körperliche Fitness und ihr Wohlbefinden tun. Ich sehe es als unsere Pflicht an, dafür zu sorgen, dass dies tatsächlich geschieht. Und ich sehe es als große Chance.

Unsere Nachhaltigkeitsstrategie trägt den Titel GUTES SPIEL. Über die vier Handlungsfelder hinweg wird beschrieben, wie der DFB konkret Verantwortung übernimmt und seinen Beitrag zu einer nachhaltigen Gesellschaft leistet.

Gibt es in diesem Bereich ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Es handelt sich um ein sehr ernstes Thema – der Julius-Hirsch-Preis, den der DFB seit nunmehr 20 Jahren vergibt, liegt mir ganz besonders am Herzen. Für mich ist es der wichtigste Preis, den der DFB zu vergeben hat, im Gedenken an unseren deutsch-jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch, der in Auschwitz ermordet wurde. Mit dieser Auszeichnung wollen der DFB und die Familie Hirsch das Engagement des Fußballs für Demokratie und Menschenwürde sowie gegen Antisemitismus, Rassismus und alle Formen von Diskriminierung würdigen.

Der Julius-Hirsch-Preis hält die notwendige Erinnerung an das dunkelste Kapitel in der Geschichte Deutschlands und auch des Deutschen Fußball-Bundes wach. Dieser Preis ist heute notwendiger denn je. Wir dürfen Vereine und Initiativen, die sich gegen Diskriminierung, für ein besseres Zusammenleben und mehr Respekt einsetzen, mit ihrem bemerkenswerten Engagement nicht allein lassen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was gefällt Ihnen an Ihrem Leben als DFB-Präsident am meisten?

Wenn ich die Freude sehe, die Kinder und Jugendliche auf dem Platz ausstrahlen, weiß ich, dass es nichts Schöneres gibt, als im und für den Fußball zu arbeiten – insbesondere für diese Jungen und Mädchen. Damit sie diese Freude am Spielen weiterhin erleben können und sie in unsere Gesellschaft tragen. Das ist ein Privileg.