Bayern setzt auf Modernisierer Klinsmann
Mittwoch, 16. Januar 2008
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Bei der Suche nach einem Nachfolger für Ottmar Hitzfeld hat man eine mutige Lösung gefunden. Mit weitreichenden Folgen für den Verein.
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Für einige Momente schien am vergangenen Freitag im Raum Garmisch-Partenkirchen im Untergeschoss des Münchener ArabellaSheraton Grand Hotels die Zeit still zu stehen. Mit dem ihm typischen Lausbubengrinsen ließ Jürgen Klinsmann das schier nicht enden wollende Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen, bevor er von den Verantwortlichen des FC Bayern München als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld ab dem 1. Juli 2008 präsentiert wurde. Manager Uli Hoeneß und Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge genossen in vollen Zügen ihren Überraschungs-Coup, den sie bis zum Schluss vor den seit Wochen wild spekulierenden Medien geheim halten konnten.
Querdenker erwünscht
Man habe es geschafft, den „absoluten Wunschkandidaten“ zum FC Bayern München zu holen, ließ Rummenigge die Öffentlichkeit wissen. Die Entscheidung zugunsten Klinsmanns sei einstimmig gefallen und vom Aufsichtsrat gestützt worden. Hoeneß erklärte: "Ich freue mich sehr, dass wir einen Querdenker haben, der neue Wege geht und in der Vergangenheit gegangen ist. Wir haben einen Mann mit eigener Meinung gesucht, der mit jungen Leuten umgehen kann, der progressiv ist und auch vielleicht so Fußball spielen lässt. Wir glauben, wir haben einen Trainer gefunden, der alle diese Eigenschaften verkörpert und sind stolz, dass Jürgen sich für uns entschieden hat.“ Klinsmann bedankte sich artig für das Vertrauen und den lukrativen Zweijahresvertrag: "Ich freue mich riesig und fühle mich geehrt, Trainer bei Bayern werden zu dürfen. Es ist eine ganz besondere Konstellation, ähnlich wie bei der Nationalmannschaft. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, auf so einem hohen Niveau arbeiten zu dürfen.“
Kontroverse Diskussionen
Die Entscheidung der Münchener, die Geschicke des Vereins in Zukunft in die Hände des unerfahrenen Trainers Klinsmann zu legen, ist bemerkenswert. Denn als Klinsmann am 10. Mai 1997 mit dem inzwischen berühmten Tritt in eine Werbetonne das Ende seiner aktiven Zeit bei Bayern München einleitete, schien die Beziehung zum deutschen Rekordmeister dauerhaft beschädigt zu sein. Und während Klinsmanns Zeit als Nationaltrainer gehörte Hoeneß zu seinen schärfsten Kritikern. "Wir haben oft kontrovers diskutiert“, räumt dieser ein, "aber es waren immer fruchtbare Gespräche.“ So warf er dem Schwaben bei der Wohnsitzdebatte vor der WM 2006 "Beratungsresistenz“ vor, Klinsmann sei "ein sehr guter Schauspieler und guter Verkäufer seiner Person.“ Normalerweise nicht gerade der Nährboden für eine spätere Zusammenarbeit.
Internationales Image
Dass beide dennoch zueinander gefunden haben, hat vielerlei Gründe. Nach den unruhigen vergangenen Monaten musste Bayern München schnell einen namhaften Nachfolger präsentieren, um die Wogen zu glätten. Klinsmanns immer noch vorhandenes Image als "Everybody’s Darling“ und Mann von Welt, der sich spielerisch auf internationalem Parkett bewegen und in mehreren Sprachen parlieren kann, soll auch Bayern München zu einem moderneren und internationaleren Image verhelfen, mit dem in den kommenden Jahren die Lücke zu den großen europäischen Spitzenclubs geschlossen werden soll. Es dürfte dem Verein nicht geschmeckt haben, erst kürzlich als "vermeintlicher Weltclub“ tituliert worden zu sein. Der von Klinsmann ungeliebte Boulevard, dessen Wünschen er sich schon als Spieler in München widersetzte, dürfte es in Zukunft schwer haben. Vorbei die Zeiten des FC Hollywood. Diese Überlegungen wiegen offenbar mehr als die Bedenken, Klinsmann könnte aufgrund mangelnder Erfahrung als Vereinstrainer am Projekt Bayern scheitern und darüber hinaus wie beim DFB die Strukturen völlig umkrempeln. "Ich weiß, worauf ich mich hier einlasse. Bayern sehe ich nicht als Reformprojekt. Das ist eine andere Konstellation“, weist er diese zurück.
Experten aus aller Welt
Wie schon in der Nationalmannschaft will Klinsmann auch bei Bayern mit einem internationalen Expertenteam an seiner Seite Erfolg haben. "Ich werde in den nächsten Monaten ein Team aufbauen, besetzt mit internationalen Leuten aus den USA und anderen Ländern.“ Vor allem gilt es, einen ähnlich kongenialen Partner an seiner Seite zu finden, wie es Joachim Löw in der Nationalmannschaft war. Aus jedem einzelnen Spieler soll nach Klinsmanns Philosophie individuell das Optimum herausgeholt werden. Für diese reizvolle Herausforderung gibt Klinsmann für zwei Jahre seine kalifornische Idylle auf. Nicht ohne Grund. Denn zuletzt drohte er ein wenig in Vergessenheit zu geraten, die WM-Erfolge wurden verstärkt Bundestrainer Löw zugeschrieben. Mit einem Schlag hat sich Klinsmann nun gewohnt clever wieder ins Rampenlicht gehievt. Zumindest für die nächsten zwei Jahre.