Josef Pröll: „Die Faszination für den Fußball hat mich mein Leben lang begleitet.”
Dienstag, 28. April 2026
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Nach einer erfolgreichen Karriere im Finanzbereich und in der Politik wurde Josef Pröll im Mai 2025 zum Präsidenten des Österreichischen Fußball-Bunds (ÖFB) gewählt.
Das erste Jahr des ehemaligen Vizekanzlers in seiner neuen Rolle neigt sich dem Ende und der ÖFB bereitet sich auf die Eröffnung seines neuen Campus vor – ein Zeichen des Optimismus für den österreichischen Fußball, der sich nach 28 Jahren wieder für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hat.
In einem exklusiven Interview reflektiert Josef Pröll über seine Zeit im Fußball, über die Menschen, die ihn beeinflusst haben, und über seine Hoffnungen für das österreichische Team in diesem Sommer und darüber hinaus.
Sie haben vor Ihrer Rolle im österreichischen Fußball eine sehr vielfältige berufliche Laufbahn durchlaufen. Was hat Sie dazu motiviert, diesen Schritt in die Fußball-Governance zu machen?
Ich war sehr überrascht, als ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen kann, Aufsichtsratsvorsitzender des ÖFB zu werden. Ich war Teil von drei Regierungen und habe jahrelang in der Wirtschaft gearbeitet, aber die Faszination für den Fußball hat mich mein ganzes Leben begleitet. Gleichzeitig habe ich gesehen, welches enorme Potenzial dieser Sport hat. Der ÖFB steht für über 2 000 Vereine und bewegt Woche für Woche Hunderttausende Menschen in unserem Land. Diese Dimension hat mich beeindruckt und überzeugt, diese Verantwortung zu übernehmen. Es geht darum, etwas zurückzugeben und den Fußball in Österreich gemeinsam weiterzuentwickeln.
Wenn Sie zurückblicken: Welche Erfahrungen aus Ihren bisherigen Stationen haben Ihren Führungsstil am stärksten geprägt und was hilft Ihnen heute besonders in Ihrer Rolle beim ÖFB?
Meine bisherigen Stationen haben mich vor allem eines gelehrt: In komplexen Organisationen braucht es Klarheit, Stabilität und Vertrauen. Gerade in herausfordernden Zeiten ist es entscheidend, Menschen und Strukturen zu verstehen, zuzuhören und dann konsequent zu handeln.
Für den ÖFB bedeutet das konkret: Ruhe hineinbringen, Orientierung geben und eine Kultur des Miteinanders vorleben und fördern. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unser größter Schatz. Ihnen den nötigen Rückhalt zu geben, ist eine zentrale Führungsaufgabe.
War Fußball schon immer ein Teil Ihres Lebens oder hat sich Ihr Interesse erst später entwickelt – und gibt es einen besonderen Fußballmoment, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?
Fußball war immer Teil meines Lebens. Wie bei vielen in Österreich beginnt das im Kleinen am Sportplatz, im Verein, im persönlichen Umfeld. Was mich bis heute prägt, sind die großen gemeinsamen Momente, wenn das ganze Land mitfiebert. Bei mir war das die WM 1978 und das für Österreich legendäre Spiel in Cordoba. Die Person, die für mich in meiner Jugend am prägendsten war, ist Herbert Prohaska.
Können Sie uns Ihre langfristige Vision für den österreichischen Fußball schildern und was Sie während Ihrer Amtszeit erreichen möchten?
Meine Vision ist ein nachhaltig erfolgreicher österreichischer Fußball, mit klarer Strategie, stabilen Strukturen und einer starken gemeinsamen Identität. Wir arbeiten an einem Strategieprozess bis 2030, der sportliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele vereint.
Dabei geht es auch um einen echten Schulterschluss im gesamten System: ÖFB, Bundesliga und Nationalteams sollen an einem Strang ziehen, im Sinne eines gemeinsamen „Team Rot-Weiß-Rot“.
Der neue ÖFB-Campus ist ein bedeutender Meilenstein. Welche Bedeutung hat dieses Projekt für den Verband und für den Fußball in Österreich insgesamt?
Der ÖFB-Campus ist ein Schlüsselprojekt und ein Symbol für den Aufbruch. Er ist die neue Heimat für Nationalteams, Verwaltung, die Ausbildung und Entwicklung von Trainer/-innen und Schiedsrichter/-innen.
Für uns bedeutet das einen enormen Schritt nach vorne, auch im internationalen Vergleich. Der Campus soll zu einem Zentrum des österreichischen Fußballs werden und für Einheit, Innovation und Professionalität stehen.
Wie wichtig ist die Förderung durch das UEFA-HatTrick-Programm sowie die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Verbänden und dem Dachverband?
Die Unterstützung durch die UEFA, insbesondere über das UEFA-HatTrick-Programm, ist ein wesentlicher Baustein für unsere Entwicklung als Verband. Sie ermöglicht Projekte und Investitionen, die für nachhaltigen Fortschritt notwendig sind. Darüber hinaus ist die enge Zusammenarbeit mit der UEFA für uns als Nationalverbände entscheidend, um voneinander zu lernen, Standards zu entwickeln und den europäischen Fußball insgesamt zu stärken. Ein Beispiel dafür war auch die UEFA-Grow-Konferenz, die im März in Wien stattgefunden hat.
Gibt es konkrete Initiativen des ÖFB, die aus Ihrer Sicht auch für andere europäische Verbände als Vorbild dienen könnten?
Wir haben in den letzten Jahren viele Reformen umgesetzt, insbesondere auch in der Nachwuchsförderung. Ein zentraler Ansatz, der uns aktuell besonders wichtig ist, ist der bereits erwähnte umfassende Strategieprozess für die kommenden Jahre. Dieser Prozess ist bewusst offen angelegt. Es ist ausdrücklich erlaubt, alles zu denken und bestehende Strukturen und Ströme zu hinterfragen. Genau darin liegt die Chance: nicht nur zu optimieren, sondern den österreichischen Fußball in seiner Gesamtheit neu aufzustellen.
Entscheidend ist dabei, dass wir alle Ebenen einbinden, vom Verband über die Bundesliga bis hin zu den Landesverbänden. Es geht um einen echten Schulterschluss im System, bei dem nicht Einzelinteressen im Vordergrund stehen, sondern ein gemeinsames Ziel: den Fußball in Österreich nachhaltig weiterzuentwickeln.
Österreich hat sich erstmals seit 28 Jahren wieder für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Welche Bedeutung hat das für Sie, den ÖFB und das ganze Land?
Eine WM-Qualifikation nach 28 Jahren ist für Österreich ein historischer Meilenstein. Sie steht für eine klare Vision, Dynamik, Mut und den gemeinsamen Einsatz vieler Menschen im österreichischen Fußball. Für das ganze Land hat das eine enorme Bedeutung, weil solche Erfolge Identität stiften und Menschen verbinden, insbesondere in herausfordernden Zeiten. Es ist unglaublich, wie viele Menschen mich auf der Straße ansprechen und positiv auf mich zugehen, um unserer Mannschaft viel Glück zu wünschen.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung des Nationalteams und was erwarten Sie sich von ihr bei der Weltmeisterschaft?
Die Entwicklung des Nationalteams ist sehr positiv und bereitet mir uns allen viel Freude. Unter Teamchef Ralf Rangnick hat die Mannschaft ein klares Profil und einen unvergleichlichen Teamspirit entwickelt. Unser Team spielt einen dynamischen, mitreißenden Fußball, der die Fans begeistert und hinter der Mannschaft vereint. Ich erwarte, dass wir diesen Weg mit Selbstvertrauen weitergehen, mit Mut, aber auch mit der nötigen Geschlossenheit.
Österreich wird im August den UEFA-Superpokal in Salzburg ausrichten. Was bedeutet dieses Spiel für den österreichischen Fußball?
Es ist eine große Ehre und Freude, dass der UEFA-Superpokal in Salzburg ausgetragen wird. Der FC Salzburg hat in den vergangenen Jahren zahlreiche UEFA-Wettbewerbsspiele auf höchstem Niveau organisiert und sich damit als hervorragender Standort für ein internationales Großereignis etabliert. Gemeinsam wollen wir diesen Anspruch unterstreichen und den internationalen Gästen ein unvergessliches Fußballfest bieten.
Dieses Finale in Salzburg auszurichten, ist eine große Auszeichnung für den österreichischen Fußball. Es stärkt unsere Position im europäischen Kontext und zeigt, dass wir organisatorisch auf höchstem Niveau agieren können.
Wie wichtig ist es für den ÖFB, sich auf europäischer Ebene als verlässlicher und kompetenter Gastgeber zu präsentieren?
Mit der Vergabe des UEFA-Superpokals beginnt für den österreichischen Fußball ein neues Kapitel. Es ist ein klares Signal, dass wir uns wieder stärker auf der internationalen Bühne positionieren wollen – auch als attraktives und verlässliches Gastgeberland für große Wettbewerbe. Bei meinem Austausch mit UEFA-Präsident Aleksander Čeferin habe ich dieses Interesse und unsere Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, deutlich gemacht. Der UEFA-Superpokal ist dafür ein idealer Auftakt und soll nicht das Ende, sondern der Beginn einer Entwicklung sein. Ein konkreter nächster Schritt ist unsere Bewerbung für die Endrunde der UEFA-U21-Europameisterschaft 2029.