FC Miracles – Hoffnung für ein Vorstadtviertel von Rom
Mittwoch, 28. August 2024
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Mit Unterstützung der UEFA-Stiftung für Kinder hat eine innovative Variante des Fußballs namens „Calciosociale“ (sozialer Fußball) einem benachteiligten Viertel ermöglicht, wieder Hoffnung und Sinn zu finden.
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„Il Serpentone“. Die Riesenschlange. Weniger als eine halbe Stunde von Roms Stadtzentrum entfernt, liegt ein langgezogener grauer Hochhauskomplex in einem der bekanntesten Problemviertel Roms: Corviale. Dort leben über 5 000 Menschen in Armut und sind täglich mit Drogenhandel, Schulabbruch, Gewalt oder Elend konfrontiert. Ein ganzes Dorf ist in dem ein Kilometer langen Betonkomplex untergebracht.
Die Idee bei der Erbauung in den 1970er Jahren war es, mit Corviale einen Ort zu schaffen, an dem Menschen wohnen, einkaufen, zur Post gehen oder ihre Kinder zur Schule bringen können. Fünfzig Jahre später ist das Konzept noch immer nicht umgesetzt und anstelle von Geschäften befinden sich im vierten Stock illegale, überfüllte Wohnungen und es wird mit Drogen gehandelt. Aufgrund ausbleibender Instandhaltung und schwächelnder Infrastruktur (nicht funktionierende Aufzüge, Mangel an Warmwasser usw.) haben es viele Bewohner/-innen, von denen die meisten im Ruhestand sind, schwer.
Im Jahr 2009 hatte ein Visionär, Massimo Vallati, eine verrückte Idee: ein fröhliches Gemeindezentrum in Corviale zu bauen, genannt „Campo dei Miracoli“, oder „Fußballfeld der Wunder“. Mit Unterstützung der UEFA-Stiftung für Kinder erschaffte Massimo einen Ort, der Kindern ein sicheres und gesundes Umfeld bietet. Im Zentrum dabei steht der Fußball. Dabei geht es um eine besondere Art des Fußballs, den Calcio sociale, bei dem alle willkommen sind. Inklusiv und ohne Diskriminierung.
Auf einem leeren und brachliegenden Areal schufen Massimo und seine Mitstreiter/-innen eine Struktur, die sich vom grauen unwirtlichen Corviale abhebt: ein farbenfrohes, freundliches Sportzentrum, das mit allen notwendigen Einrichtungen ausgestattet ist, um Fußball spielen zu können.
Ein ganzheitlicher Ansatz für ein inklusives und nachhaltiges Projekt
Der Kontrast ist frappierend. Der Campus aus Holz und das Grün der drei Kunstrasenplätze stechen neben dem Betonkoloss hervor. Das im Februar 2014 im Rahmen der Trophy Tour des FIFA WM-Pokals eingeweihte Gebäude erhielt aufgrund seiner natürlichen Materialien und nachhaltigen Bauweise zahlreiche Auszeichnungen für natürliches Bauen.
„Calciosociale soll Veränderungen in unserer Gesellschaft bewirken. Der Campo dei Miracoli ist ein gemeinschaftliches Projekt. Das Sportzentrum ist ein sicherer Ort, an dem Kinder ihre Hausaufgaben machen oder lernen können. Es wird psychologische Unterstützung angeboten und eine Art von Fußball gespielt wird, die auf Regeln zur Förderung des Sozialbewusstseins beruht – auf gesellschaftlicher wie individueller Ebene.“
Dank der Unterstützung von lokalen Unternehmen und Vereinen verfügt der Campus über eine großzügige Fußballhalle, Umkleidekabinen, Duschen, eine Rezeption, einen Besprechungsraum und sogar eine professionell ausgestattete Küche. Neben dem Hauptspielfeld ließ Massimo einen Garten anlegen, in dem unbehandeltes Obst und -Gemüse gepflückt und für die Kinder zubereitet wird. Der Garten wird von Vermiglia Desideri, der „Nonna“ und guten Seele von Corviale, gehegt und gepflegt. Sie wird von anderen Müttern aus der Nachbarschaft unterstützt, die alle für das Gemeinschaftsprojekt zusammenarbeiten.
In dieser kleinen Oase der Ruhe sind alle willkommen und alle dürfen Fußball spielen: Kinder, Eltern, Menschen mit Behinderung oder psychischen Problemen. Das Projekt wurde entwickelt, um die Einwohnerinnen und Einwohner von Corviale im Alltag zu unterstützen.
Die Kinder in Corviale wachsen unter ganz anderen Bedingungen auf als andere Kinder in Rom. Viele haben ihre Eltern durch Drogenabhängigkeit oder Bandenkriminalität verloren und leben bei ihren betagten Großeltern. Campo dei Miracoli ist ihr zweites Zuhause geworden und bietet denjenigen eine Familie, die keine haben. Die Kinder kommen nach der Schule dorthin und erhalten zweimal pro Woche Unterstützung bei den Hausaufgaben von zwei Lehrkräften. Für Mädchen wird dienstags unter dem Titel „Das soziale Sofa“ ein Gesprächsabend mit einem Psychologen angeboten. Anschließend gibt es ein gemeinsames Abendessen, das Massimo und ein Koch mit Zutaten aus dem Garten zubereiten. Donnerstags werden die Kleinen im Alter von 5 bis 8 Jahren an den Fußball herangeführt, während ihre Mütter in der Fußballhalle Pilates machen. Der Campo dei Miracoli macht es möglich.
„Wir helfen Kindern, Italienisch, Mathematik oder Naturwissenschaften zu lernen, bringen ihnen aber auch bei, sich an die Regeln zu halten, zuzuhören und hilfsbereit zu sein. Viele dieser Kinder haben zu Hause kein traditionelles, sicheres Familienmodell, deshalb versuchen wir, ihnen eine weitere erwachsene Figur zu bieten und ihnen als Vorbild zu dienen.“
Beim Calciosociale gewinnt derjenige, der anderen hilft
“Vince solo chi custodisce”. Die von Massimo kreierten Regeln sind einfach: Alle sind willkommen und man kann nur gewinnen, wenn man auf und neben dem Spielfeld auf seine Mitspieler achtet. Diese Art von Fußball ist nicht nur ein Experiment, sondern ein echtes Forschungsthema, das von mehreren renommierten italienischen Universitäten verfolgt wird, welche die positive Wirkung dieses Formats auf benachteiligte Bevölkerungsgruppen untersuchen.
Die Teams sind gemischt und bestehen aus Kindern sowie Eltern, die alle unterschiedliche körperliche Fähigkeiten haben. Alle erhalten einen individuellen Koeffizienten basierend auf ihrem sportlichen Können und es werden Teams aus Spieler/-innen mit unterschiedlichen Koeffizienten gebildet, um Fairness und Gleichberechtigung zu gewährleisten. Jedes Team trägt einen Namen, der für wichtige Lebenswerte steht, wie Menschlichkeit, Empathie oder Respekt. Warum das so ist? Weil sich der Sieg nicht nur nach den Toren auf dem Platz richtet, sondern auch nach den Leistungen neben dem Spielfeld: z.B. dem Schreiben eines Songs über das Team, dem Müllsammeln in den anliegenden Straßen oder der Gemüseernte.
Es gibt keinen Schiedsrichter und Entscheidungen werden gemeinschaftlich von den Trainer/-innen der Teams getroffen. Pro Person sind maximal drei Tore je Spiel erlaubt. Nachdem diese erzielt wurden, muss der Ball den Mitspieler/-innen zugespielt werden.
„Fußball kann für sozialen Zusammenhalt sorgen und darum geht es beim Calciosociale. Nur der Fußball hat eine solche Kraft und Reichweite“, erklärt Massimo.
Ein Vater fügt hinzu: „Das Gute am Calciosociale ist, dass jeder sieht, dass man vielleicht kein Profi ist, aber seinen Beitrag zum Fußball leisten und dem Team zum Sieg verhelfen kann.“
„Ich komme immer nach der Schule her, um Fußball zu spielen, meine Hausaufgaben zu machen oder Freunde zu treffen. Ich spiele gerne Fußball und fühle mich hier sicher.“
Die Regeln des Calciosociale
1. Wertschätze deine Besonderheiten
2. Entdecke dein verborgenes Potenzial
3. Wir wachsen zusammen und gewinnen zusammen
4. Wir treffen Entscheidungen gemeinsam
5. Wir helfen Teammitgliedern
6. Alle können gewinnen
7. Wir spielen alle in der ersten Mannschaft
8. Wir hören zu und teilen
9. Das Spiel endet nicht nach 90 Minuten
10. Gewinner auf dem Platz. Gewinner im Leben.
Wie geht es weiter?
Massimos Vision besteht darin, den sozialen Fußball auch in den Fußballakademien in Italien und darüber hinaus ergänzend zum traditionellen Training einzuführen. Kürzlich wurde die Methode in einer Akademie in Slowenien getestet, weitere Akademien werden folgen.
Ziel der Verbreitung des Projekts ist es, den Akteuren auch außerhalb des Fußballs bei ihrer Entwicklung zu helfen, damit sie zu mitdenkenden Menschen mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn werden und Vielfalt anerkennen.
In diesem Sommer reiste Massimo mit den Kindern von Corviale in die Toskana: Das Team von Campo dei Miracoli organisierte im nationalen Trainingszentrum Italiens in Coverciano ein Sommercamp. Eine seltene Gelegenheit für die Kinder, Corviale zu verlassen und eine andere Region ihres Landes zu sehen, Spielerinnen und Spieler der Nationalmannschaft zu treffen und unter deren Anleitung zu trainieren.
Ein von der UEFA-Stiftung für Kinder unterstütztes Projekt
Die UEFA-Stiftung für Kinder unterstützt das Calciosociale-Projekt mit EUR 100 000. Diese Mittel werden verwendet, um Kindern das Fußballtraining über das ganze Jahr zu bezahlen, Ausrüstung zu kaufen sowie Trainer/-innen und Betreuer/-innen einzustellen.