Auf den Spuren der Kremers-Zwillinge
Freitag, 10. Juni 2011
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Meister und Vizemeister der Saison 2010/11, die Zwillinge Sven und Lars mischen die Liga auf und erinnern an das erste Zwillingspaar der Bundesliga – Helmut und Erwin Kremers.
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Die Siebzigerjahre, Deutschland wird Welt- und Europameister, der FC Bayern München duelliert sich mit Mönchengladbachs sagenhafter Fohlen-Elf. Zeitgleich erschüttert der erste Wettskandal die Bundesliga. Es sind turbulente Zeiten im Fußball und mittendrin – die Kremers-Zwillinge.
Das erste Zwillings-Gespann, das in der Bundesliga spielt. Mit den Offenbacher Kickers (1970) und dem FC Schalke 04 (1972) werden sie Pokalsieger, zusammen kommen sie auf 534 Bundesligaeinsätze und erzielen 111 Tore. Auch in der Nationalmannschaft hinterlassen sie Spuren. Erwin wird 1972 in Belgien Europameister, Helmut gewinnt mit Deutschland 1974 die Weltmeisterschaft im eigenen Land.
Kleiner Zeitsprung – 40 Jahre nach der Geburt der Kremers-Zwillinge, Brannenburg, das Ehepaar Bender freut sich über eine Zwillings-Niederkunft. Lars und Sven erblicken 1989 das Licht der Welt und sind von nun an unzertrennlich. Nicht nur im Sandkasten, sondern auch auf dem Fußballplatz. "Wir haben eine extreme Bindung. Wir haben uns immer gegenseitig hochgezogen. Das war immer Harmonie pur", erklärt Lars die Beziehung seit den Kindertagen. Über Brannenburg und die SpVgg Unterhaching landen die Zwillinge schließlich in München und stehen ab der Saison 2002/2003 in Diensten des TSV 1860 München.
Die ersten Erfolge stellen sich bereits im Sommer 2006 ein. Das Duett holt für die Löwen den ersten U17-Meistertitel, und nur wenige Wochen später präsentieren sie sich bei der UEFA-U17-Europameisterschaft. Deutschland erreicht zwar nur den vierten Rang, doch die Benders sind in aller Munde. "Durch ihr strategisches Denken sind sie wichtige Spieler. Sven kann ein Spiel lesen, zudem arbeitet er unheimlich für die Mannschaft. Lars hat eine etwas offensivere Spielweise", so Löwen-U17-Trainer Wolfgang Schellenberg.
Die logische Konsequenz: Berufung in den Profikader. Unter Trainer Marco Kurz reifen sie schnell zu wichtigen Zweitligaprofis im defensiven Mittelfeld und finden sich alsbald auch im Kader der U19-Nationalmannschaft von Horst Hrubesch wieder. Bei der UEFA-U19-Europameisterschaft sind sie Garanten für den Titelgewinn. Im Endspiel gegen Italien markiert Sven das 1:0 und die DFB-Junioren beenden eine 16 Jahre dauernde titellose Zeit.
Nächster Stopp: Bundesliga. Der Löwenkäfig in München wird bald zu eng, das Talent einfach zu groß für die zweite Liga. Zum ersten Mal trennen sich die Wege, zu ähnlich ist ihr Spiel, als das ein Verein beide verpflichten kann. Sven wählt 2009 Borussia Dortmund, Lars wechselt kurze Zeit später zu Bayer 04 Leverkusen. Es ist eine harte Zeit, denn bis hierhin wohnen und spielen sie immer zusammen, sind ein unzertrennliches Paar. "Am Anfang war die Trennung nicht einfach", betont Sven, "uns hat es aber in der persönlichen Entwicklung weitergebracht", beteuert Lars.
Das erste Jahr soll zur Eingewöhnung dienen. Lars hat in Leverkusen Leistungsträger wie Simon Rolfes und Arturo Vidal vor sich, wird meist eingewechselt. Sven hat mehr Glück. Sebastian Kehl, Dortmunds Kapitän, ist oft verletzt, und Jürgen Klopp wirft Sven ins kalte Wasser. Er lernt schnell an der Seite von Nuri Sahin und erreicht am Ende der Saison Platz 5 mit dem BVB. Leverkusen wird mit Lars Vierter. Die Leistungen sind gut, aber es ist definitiv noch Luft nach oben.
Wie viel Luft, das zeigt die zweite Saison. Sven hat sich etabliert beim BVB und ersetzt Kehl zur Gänze. Des Bruders Aktien hingegen sinken weiter, denn Leverkusen verpflichtet Michael Ballack. Doch beim "Capitano" macht sich das Alter bemerkbar und auch Rolfes fällt oft aus. Lars nutzt die Chance, rückt immer öfter in die Stammformation. "Ein riesiges Talent mit einem super Charakter. Er gibt noch Gas, selbst wenn der Tank schon leer ist. Aus solchem Holz sind Nationalspieler geschnitzt", lobt Trainer Jupp Heynckes seinen Schützling.
In Dortmund werden ähnliche Töne von Klopp angeschlagen: "Svens größte Stärken sind sein außergewöhnlicher Charakter und die Bereitschaft, sich komplett zu verausgaben. So etwas habe ich noch nie erlebt. Den kann keiner stoppen." Und nicht nur ihn, sondern auch der BVB ist in der Saison 2010/11 nicht zu stoppen. Immer auf den Fersen des späteren Meisters, Leverkusen mit Lars. Die Werkself wird am Ende mal wieder "nur" Vizemeister, aber Neid ist dem Duett fremd. Sie gönnen sich ihren Erfolg und planen die Wiedervereinigung der Benderschen-Doppelsechs.
"Es wäre toll, noch einmal im gleichen Team zu spielen. Das war früher blindes Verständnis bei uns", erklärt das Duo einhellig. Ob nun bei Dortmund, Leverkusen oder woanders, die Karriere der Zwillinge dürfte noch sehr lange dauern. Mit 22 Jahren haben Lars (47 Spiele/4 Tore) und Sven (50 Spiele/1 Tor) noch einige Spielzeiten vor sich und könnten damit das erste Zwillingspaar werden, dass zusammen einen Deutschen Meistertitel erringt, denn das ist nicht mal den berühmt berüchtigten Kremers-Zwillingen gelungen.