Woodgates Befreiungsschlag
Freitag, 21. Oktober 2005
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Nach einem unglücklichen Start bei Real Madrid CF gelang Jonathan Woodgate mit seinem Tor gegen Rosenborg BK ein Befreiungsschlag.
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Der unglückliche Start von Jonathan Woodgate bei Real Madrid CF hätte wohl selbst den größten Optimisten ins Grübeln gebracht. Doch mit einer positiven Einstellung und großem Kampfgeist hat der Verteidiger alle Rückschläge überwunden und sich im Santiago Bernabéu mittlerweile Kultstatus erarbeitet - nicht zuletzt nach seinem Treffer am Mittwoch beim Sieg über Rosenborg BK. "Ich bin überwältigt", staunte Woodgate. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, denn der englische Nationalspieler ist anscheinend endlich in Madrid angekommen.
Schwere Aufgabe
Woodgate bezeichnet sich gern als bekennendes "Nordlicht". Deshalb konnte er wohl auch nicht ahnen, auf was er sich im Juni 2004 einließ, als er Newcastle United FC verließ und für 22 Millionen Euro Ablöse nach Madrid wechselte. Schon der ehemalige Real-Abwehrspieler Iván Campo sagte einmal: "Innenverteidiger zu sein ist eine Sache, Innenverteidiger bei Real Madrid zu sein eine ganz andere." Der 25-jährige Woodgate bekam also einen der schwersten Posten, den die Primera División zu bieten hat. Jede Bewegung würde von den anspruchsvollsten Fans in Spanien genauestens beobachtet werden.
Enttäuschender Start
Bei Woodgate mussten die Zuschauer aber mit ihrem Urteil lange warten, denn der Engländer fiel seine gesamte erste Saison in Spaniens Hauptstadt aus, weil er einen Muskelriss im Oberschenkel auskurieren musste. Wenigstens fand er genügend Zeit, um spanisch zu lernen, damit er sich mit seinen neuen Mitspielern unterhalten konnte. Das war auch nötig, denn nach seinem Debüt gegen Athletic Club Bilbao am 22. September sollte er einiges zu erklären haben.
Eigentor und Platzverweis
In der 24. Minute fälschte der Abwehrspieler einen Schuss von Joseba Etxeberria ins eigene Tor ab. Und es kam noch schlimmer: nach 66 Minuten sah er die Gelb-Rote Karte. Die 70.000 Fans der Madrilenen fühlten aber mit dem Engländer und klatschten Beifall, als er in die Kabine schlich. Unglücklicher hätte sein Debüt nicht verlaufen können, doch die Real-Fans würdigten die ansprechende Leistung des englischen Nationalspielers. Vor allem seine Kopfballstärke, die die Real-Abwehr bitter nötig hatte, gefiel den Anhängern.
Erneutes Eigentor
Bei seiner nächsten Partie - einem Freundschaftsspiel gegen Real Zaragoza - unterlief Woodgate erneut ein Eigentor. Wieder zeigten die Real-Fans Geduld und fielen ihm nicht in den Rücken. Spieler und Anhänger nahmen den Horror-Start des Engländers mittlerweile mit Humor, denn sie wussten, dass er dennoch ein sehr guter Fußballer ist.
"Liebenswerter Kerl"
Die Fans beschrieben Woodgate als "un tío simpático" (einen liebenswerten Kerl). Nach zwölf Monaten Leidenszeit kämpfte er sich in die Herzen der Fans. Der Kultstatus, den er mittlerweile genießt, wurde durch seinen wichtigen Ausgleichstreffer gegen Rosenborg natürlich noch größer. Bezeichnenderweise rannte er nach seinem Kopfballtor zur Außenlinie und bedankte sich bei Mannschaftsarzt Alfonso del Corral.
"Zur rechten Zeit am richtigen Ort"
"Es ist schön, mal wieder ins richtige Tor getroffen zu haben", sagte Woodgate gegenüber uefa.com. "Es war schon ein wenig hart. Ich hatte wirklich nicht den besten Start, aber hoffentlich wendet sich das Blatt jetzt. Ich wollte nicht unbedingt treffen, ich stand nur zur rechten Zeit am richtigen Ort. An meinem Kopfballspiel habe ich lange gearbeitet, doch eigentlich eher im defensiven Bereich. Aber wenn Becks [David Beckham] die Bälle so rein schlägt, wie er das nun mal tut, dann kann man gar nicht verfehlen, oder?"
Großartige Unterstützung
Trainer Vanderlei Luxemburgo, Roberto Carlos und sein Partner in der Innenverteidigung, Iván Helguera, haben alle an Woodgate geglaubt. Sofort bedankte er sich für dieses Vertrauen. "Es ist schön zu hören, dass sie Vertrauen in mich haben. Und so ein schlechter Spieler bin ich ja auch nicht", betonte Woodgate. "Ich habe eine ganze Weile nicht gespielt und hoffe deshalb natürlich, dass ich jetzt wieder häufiger auflaufen kann. Iván ist ein toller Fußballer und hat mir sehr geholfen. Lustig ist er auch. Das hat mir sehr gut getan. Doch die anderen Spieler haben sich genauso um mich gekümmert. Ich kann also keinen hervorheben. Alle haben mich großartig unterstützt."
Tore durch Abwehrspieler
Reals Verteidigung wird normalerweise von der fantastischen Offensive in den Schatten gestellt. Doch passend zu Woodgates Tor traf gegen Rosenborg auch sein Partner Helguera. "Das gefällt mir einfach", freute sich Woodgate. "Das zeigt, dass auch wir Innenverteidiger was drauf haben."
Nordischer Humor
Sein Humor half ihm seit seiner Ankunft in der spanischen Hauptstadt so manches Hindernis zu überwinden. Selbstverständlich genießt er jetzt den Moment. Als Woodgate gefragt wurde, ob es denn im nächsten Monat in der Kälte von Trondheim eine kalte Dusche geben könnte, lachte er nur: "Kälte? Ich komme aus dem Nordosten. In Trondheim wird mir bestimmt nicht kalt. Ich werde wie immer in einem kurzärmeligen Trikot spielen! Die Brasilianer werden es wohl nicht so mögen und sich in Handschuhe, Mützen und was weiß ich noch alles einmummeln. Doch ich bin es gewohnt. Ich mag die Kälte." Das mag sein, doch die Fans im Bernabéu haben sich längst für ihn erwärmt.