„Es herrschte eine echte Bereitschaft, Kompromisse zu finden“

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin erklärt, weshalb der Geist der Solidarität und der Kompromissbereitschaft seitens der verschiedenen Akteure des Fußballs eine wichtige Lehre für die Zukunft ist.

Aleksander Čeferin
Aleksander Čeferin UEFA

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin spielt bei der Bewältigung der Coronakrise durch den europäischen Fußball und seinen Dachverband eine tragende Rolle.

Im Gespräch mit UEFA Direct spricht er über die Führungsfunktion der UEFA in dieser beispiellosen Zeit und erklärt, weshalb der Geist der Solidarität und der Kompromissbereitschaft seitens der verschiedenen Akteure des Fußballs eine wichtige Lehre für die Zukunft ist.

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen in der COVID-19-Krise?

Die letzten Monate waren für alle natürlich eine Zeit großer Verunsicherung. Was mich und meine Familie betrifft, sind wir dadurch noch näher zusammengerückt. Als UEFA-Präsident haben Sie die längste Unterbrechung des Spielbetriebs seit dem Zweiten Weltkrieg aus nächster Nähe miterlebt.

Als UEFA-Präsident haben Sie die längste Unterbrechung des Spielbetriebs seit dem Zweiten Weltkrieg aus nächster Nähe miterlebt. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

Nun ja, man muss sich in Erinnerung rufen, dass der Fußball während des Zweiten Weltkriegs nicht vollständig ruhte, ganz im Gegenteil zur COVID-19-Krise... Aus beruflicher Sicht bedeutete die Situation großen Druck und viel Arbeit – aber ich bin froh und erleichtert, dass der Fußball in ganz Europa zurückkehrt.

Die UEFA hat ihren Spielkalender angepasst, damit die Wettbewerbe mit einem möglichst geringen Risiko für die Gesundheit aller Beteiligten wieder aufgenommen werden können. Was bedeutet ein solcher Schritt?

Die wichtigsten Interessenträger mussten Opfer bringen. Die UEFA hat einen Teil ihrer Saison geopfert, damit die nationalen Meisterschaften bis Ende Juli fertiggespielt werden können, während die UEFA-Klubwettbewerbe 2019/20 im August abgeschlossen werden. Die Ligen haben sich damit einverstanden erklärt, und in der Länderspielperiode im September wird seitens der Vereine dieselbe Solidarität gefragt sein.

Inwiefern ist der europäische Fußball im Umgang mit der COVID-19-Pandemie näher zusammengerückt?

Wir haben ein hohes Maß an Einheit und Solidarität zwischen der UEFA, den Nationalverbänden, den Vereinen und den Ligen erlebt, die in den getroffenen Entscheidungen zum Ausdruck kommt. Es herrschte eine echte Bereitschaft, Kompromisse zu finden.

Der UEFA-Präsident im Gespräch mit Interessenträgern bei der jüngsten Videokonferenz-Sitzung des UEFA-Exekutivkomitees.
Der UEFA-Präsident im Gespräch mit Interessenträgern bei der jüngsten Videokonferenz-Sitzung des UEFA-Exekutivkomitees.UEFA

Sie stehen im ständigen Kontakt mit den 55 UEFA-Mitgliedsverbänden in Europa. Wie hilft die UEFA ihnen beim Umgang mit der Krise?

Die Verbände haben alle die verschiedensten Herausforderungen zu bewältigen. Die Zusammenarbeit mit den Verbänden ist eine entscheidende Komponente unserer Tätigkeit – sie stehen seit jeher hinter uns, und wir unterstützen sie kontinuierlich. So haben wir im Rahmen des UEFA-HatTrick-Programms* Vorauszahlungen von EUR 236,5 Mio. geleistet, die sie dazu verwenden können, durch die Folgen der Krise verursachte Verluste aufzufangen. Und natürlich werden die Verbände auch in Zukunft auf unsere volle Unterstützung zählen können.

Haben Sie immer daran geglaubt, dass die UEFA-Wettbewerbe 2019/20 noch in diesem Jahr abgeschlossen werden könnten?

Daran habe ich von Anfang an geglaubt. Man sollte immer optimistisch sein, und wenn Dinge passieren wie diese Krise, muss man einen Plan in der Hinterhand haben. Bis auf Weiteres werden keine Zuschauer zugelassen. Wir werden keine Risiken eingehen.

Finden Sie, dass die UEFA in den letzten Monaten die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit getroffen hat?

Als Dachverband dürfen wir nicht vergessen, dass wir uns um den gesamten Fußball und nicht nur um die UEFA-Wettbewerbe kümmern müssen. Wir haben daher versucht, eine Vorreiterrolle in Europa einzunehmen, und ich denke, dass uns das recht gut gelungen ist. Die Verschiebung der EURO 2020 auf nächstes Jahr war dabei von entscheidender Bedeutung, weil diese Entscheidung recht früh getroffen wurde. Es war allen klar, dass wir damit die anderen Interessenträger unterstützen wollten, und an dieser Stelle möchte ich einmal mehr den Geist der Einheit und Solidarität auf allen Seiten betonen.

Was kann die UEFA tun, um den Breitenfußball in Europa vor den wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise zu schützen?

Das Hauptaugenmerk lag natürlich auf den Spitzenwettbewerben. Ebenso klar ist aber, dass der Breitensport immer zu unseren wichtigsten Aufgaben gehören wird. Es wird zunächst darum gehen, dass niemand unnötige Risiken eingeht, gerade mit Blick auf die geltenden medizinischen Protokolle und Schutzmaßnahmen. Und wenn es um Kinder geht, müssen wir alle besonders vorsichtig sein.

UEFA Direct Nr. 191 mit dem Interview mit Aleksander Čeferin und einem umfassenden Überblick zur Wiederaufnahme der UEFA-Wettbewerbe ist demnächst verfügbar.
UEFA Direct Nr. 191 mit dem Interview mit Aleksander Čeferin und einem umfassenden Überblick zur Wiederaufnahme der UEFA-Wettbewerbe ist demnächst verfügbar.UEFA

Was haben Sie in dieser Zeit über die Stärken des Fußballs gelernt? Welche Lehren können für die Zukunft gezogen werden?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es schwierig zu sagen, was die UEFA lernen wird, was die Welt lernen wird. Uns allen ist sicherlich klar geworden, dass wir sehr zerbrechlich sind und dass ein Virus die Welt praktisch zum Stillstand bringen kann – also auch den Fußball. Doch wir alle werden diese Krise bewältigen und ich bin überzeugt, dass wir gestärkt und klüger daraus hervorgehen werden. Die Fußballgemeinde hat nicht nur Einheit und Solidarität, sondern auch Freundschaft und Respekt gezeigt. Wir stehen jeden Tag miteinander in Kontakt und müssen das auch in Zukunft tun. Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten, doch solange wir miteinander kommunizieren und alle bereit sind, Opfer zu bringen, befinden wir uns auf dem richtigen Weg.

Wie werden Sie sich als Fußballfan fühlen, wenn Sie das nächste Mal ein UEFA-Spiel in einem Stadion verfolgen dürfen?

Das wird sicherlich ein großartiges Gefühl […] Noch besser würde ich mich fühlen, wenn Fans mit von der Partie wären. Ich bin aber ein optimistischer Mensch und hoffe sehr, dass möglichst bald wieder Zuschauer zu den Spielen zugelassen werden.

* Seit seiner Einführung im Jahr 2004 unterstützt die UEFA mithilfe des HatTrick-Programms, das über die Einnahmen aus der Fußball-Europameisterschaft finanziert wird, ihre Mitgliedsverbände bei der Umsetzung von Entwicklungsinitiativen. Trotz der Verschiebung der EURO 2020 versicherte die UEFA, dass sie zum HatTrick-Finanzierungszyklus 2020-24 stehen werde. Somit können in diesem Zeitraum insgesamt 775,5 Mio. EUR in den europäischen Fußball investiert werden.