UEFA Women’s Champions League-Toranalyse: Wie, wann und wo die Teams in der Ligaphase getroffen haben
Dienstag, 10. Februar 2026
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Die Game-Insights-Einheit der UEFA hat die Treffer der Ligaphase dieser Saison unter die Lupe genommen.
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Die Ligaphase der UEFA Women’s Champions League 2025/26 lieferte 181 Tore in 54 Spielen – im Schnitt 3,36 Treffer pro Partie, also ein Tor alle 27 Minuten. Damit fielen drei Tore weniger als in der Vorsaison, obwohl sechs zusätzliche Spiele ausgetragen wurden. Das deutet weniger auf einen Qualitätsverlust im Angriffsspiel hin als vielmehr auf eine leichte Normalisierung der Chancenverwertung.
Der erste Spieltag setzte früh den offensiven Ton und brachte die bislang torreichste Runde des Wettbewerbs. Chelsea und Barcelona erwiesen sich als die treffsichersten Teams der Ligaphase – beide erzielten jeweils 20 Tore. Barcelona sorgte gleich zum Auftakt für Aufsehen mit einem 7:1 gegen Bayern München, während Chelsea seine Abschlussstärke mit zwei Sechs-Tore-Spielen eindrucksvoll unter Beweis stellte.
Wann fielen die Tore?
Die Analyse der Torzeiten zeigt eine klare Verschiebung hin zu früheren Treffern. 51% aller Tore fielen in der ersten Halbzeit – ein Plus von sieben Prozentpunkten im Vergleich zur Vorsaison und die erste Dominanz der ersten Hälfte in einem UEFA-Klubwettbewerb seit der Women’s Champions League 2020/21.
Gleichzeitig offenbaren sich deutliche teamabhängige Unterschiede:
- Manchester United erzielte 86 % seiner Tore vor der Pause – ein Hinweis auf intensives frühes Pressing und proaktiven Offensivfußball.
- OH Leuven traf hingegen ausschließlich nach dem Seitenwechsel (fünf Tore), was für taktische Anpassungsfähigkeit und starke Reaktionen im Spielverlauf spricht
Das früheste Tor des Wettbewerbs fiel bereits nach 82 Sekunden durch den FC Bayern im Spiel gegen Vålerenga. Den spätesten Treffer markierte Real Madrid mit einem Ausgleich in der Nachspielzeit (90.+8) gegen den Paris FC – ein Beleg dafür, wie entscheidend Konzentration bis zum Schlusspfiff bleibt.
Comeback-Qualitäten
Neun Siege nach Rückstand unterstreichen die Widerstandsfähigkeit vieler Teams. Besonders der FC Bayern zeigte sich anpassungsfähig und drehte gleich zweimal Spiele nach einem frühen Gegentor – darunter ein Erfolg nach Zwei-Tore-Rückstand gegen Arsenal.
Auch OL Lyonnes lieferte ein eindrucksvolles Beispiel für offensive Reaktionsstärke beim Comeback-Sieg gegen Arsenal: Nach einem frühen Gegentor in der siebten Minute holte sich das französische Team bereits in der 23. Minute die Führung – dank eines Doppelpacks von Melchie Dumornay. Der Technische Beobachter der UEFA, Lluís Cortés, sprach von einer "außergewöhnlichen Bereitschaft im Umschaltspiel", mit der Lyon die taktische Kontrolle zurückgewann.
Diese Muster verdeutlichen die zunehmende Bedeutung stabiler Offensivstrukturen – unabhängig vom Spielstand – sowie die Fähigkeit, nach Gegentoren mit Tempo und Klarheit zu reagieren.
Torentstehung: aus dem Spiel, nach Standards, vom Punkt
Die Zahl verwandelter Elfmeter stieg deutlich an: 22 von 26 Strafstößen fanden den Weg ins Netz, verglichen mit nur zehn in der Vorsaison. Die Erfolgsquote lag bei beeindruckenden 85%. Sämtliche Schüsse in die unteren Ecken wurden verwandelt, während ausschließlich zentral platzierte Versuche vergeben oder gehalten wurden.
OL-Lyonnes-Innenverteidigerin Wendy Renard verwandelte drei Elfmeter – ein weiteres Argument für die Relevanz verlässlicher Standardspezialistinnen.
Auch bei ruhenden Bällen erwiesen sich einige Teams als besonders effizient. Juventus erzielte 38% seiner Tore nach Standardsituationen – ein Beleg für präzise einstudierte Abläufe.
Dennoch blieben Treffer aus dem offenen Spiel heraus die wichtigste Torquelle: Roma (9 Tore) und Twente (4) trafen ausschließlich aus dem Spiel heraus, bei Bayern kamen sogar 93% der Tore aus dem offenen Spiel (13 von 14).
Angriffsbeginn: Wo Tore aus dem Spiel heraus entstanden
Die Analyse der Torentstehung zeigt klare Zusammenhänge zwischen Pressinghöhe und Offensiverfolg.
Barcelona erzielte 83% seiner Tore aus dem Spiel nach Ballgewinnen im letzten Drittel – ein Sinnbild für aggressives Gegenpressing.
Auch Arsenal (88%) und Wolfsburg (78%) nutzten hohe Ballgewinne effektiv für zweite Angriffswellen.
Der Technische Beobachter der UEFA, Jarmo Matikainen, erklärt: "Die Topteams verteidigen effektiv in der gegnerischen Hälfte. Schnelles Gegenpressing und klare Pressingstrukturen nehmen dem Gegner Zeit und Optionen. Besonders beeindruckend ist Barcelonas Fähigkeit, über Verteidigen ins Angreifen zu kommen und sofort Unordnung beim Gegner auszunutzen."
Wolfsburg hob Matikainen ebenfalls hervor: Deren "effektives Gegenpressing und hohe individuelle Wachsamkeit" seien entscheidend für Erfolge in hohen Zonen gewesen. Das Zusammenspiel aus guter Staffelung, Antizipation und sofortigem Nachsetzen ermögliche es, Abschlüsse mit hoher Qualität zu erzeugen.
Twente hingegen wählte einen anderen Ansatz: Drei der vier Tore entstanden nach Ballgewinnen im eigenen Drittel. Vertikale Konter aus der Tiefe bestätigten, dass auch kompakte Defensive und direkte Umschaltmomente ein wirksames Modell bleiben.
Abschlusszonen
Die Daten unterstreichen die Bedeutung von Abschlüssen im Strafraum: 106 Tore aus dem Spiel fielen innerhalb des Sechzehners, nur 20 von außerhalb. Acht Teams – darunter Chelsea – erzielten sämtliche Tore im Strafraum.
Tore aus der zweiten Reihe behalten dennoch ihren hohen taktischen Wert. Insgesamt fielen 20 Treffer von außerhalb des Strafraums – darunter ein herausragender Distanzschuss von Lily Yohannes für OL Lyonnes gegen St. Pölten.
"In dieser Ligaphase haben wir einige brillante Abschlüsse gesehen, die zeigen, wie Spielerinnen aus unterschiedlichen Distanzen und Winkeln unerwartet zum Erfolg kommen können", erklärt Jarmo Matikainen.
"Der Weitschuss von Lily Yohannes verdeutlicht ihre Fähigkeit, das gesamte Spielgeschehen zu erfassen – Mitspielerinnen wie Gegnerinnen. Nach einem Ballgewinn erhielt sie den Ball in einer Drehbewegung nahe der Mittellinie und erkannte sofort den freien Raum vor sich.
Zudem hatte sie bereits wahrgenommen, dass keine Tiefenläufe angeboten wurden, kein unmittelbarer Pressingdruck bestand und die Torhüterin nicht auf der Linie stand. Der erste Kontakt diente der Ballkontrolle und Drehung, der zweite dem Überblick, der dritte der Vorbereitung des Schusses, der vierte dem Abschluss. Ihre technische Qualität verband offensiven Instinkt mit exzellenter Ausführung."
Abschlusspositionen und die Stärke invertierter Rollen
Der zunehmende taktische Einsatz invertierter Angreiferinnen spiegelt sich deutlich in den Abschlussdaten wider: 35% aller Tore aus dem Spiel wurden aus invertierten Positionen erzielt – entweder mit dem linken Fuß von der rechten Seite (28) oder mit dem rechten Fuß von links (16).
Beth Mead steht exemplarisch für dieses Muster: Alle drei ihrer Treffer mit dem linken Fuß erzielte sie von der rechten Außenbahn. Diese Struktur vergrößert die Abschlusswinkel und erleichtert zugleich den Zugang zu zentralen Abschlusszonen.
"Abschlüsse aus invertierten Positionen und aus der Distanz zeigen, wie gut Spielerinnen gegnerische Unordnung erkennen, Räume schaffen und nutzen sowie defensive Verhaltensweisen lesen", sagt Matikainen.
Im Video wird deutlich, wie Akteurinnen wie Beth Mead Freiräume in der gegnerischen Abwehr ausnutzen, indem sie ständig ihre Distanz zur nächsten Gegenspielerin und möglichen sekundären Druck einschätzen.
"Das eröffnet mehr Optionen bei der Ballannahme und bei der Richtungswahl. Ein positiver erster Kontakt nach vorne bringt die Verteidigerin aus dem Gleichgewicht und schafft die Voraussetzung für einen nach innen ziehenden Abschluss auf den langen Pfosten", erläutert Matikainen.
"Die invertierte Position einer Linksfüßin auf der rechten Seite – oder umgekehrt – vergrößert nicht nur den Schusswinkel, sondern bietet auch zusätzliche Möglichkeiten für Rückpässe oder Flanken."
Angriffstempo und Ballbesitz
Die Analyse des Angriffstempos offenbart zwei erfolgreiche, aber konträre Modelle.
Arsenal agierte im letzten Drittel extrem effizient in schnellen Umschaltmomenten: Sieben der acht Tore aus dem Spiel entstanden nach Sequenzen mit maximal zwei Pässen – ein Beleg für die Fähigkeit, defensive Unordnung unmittelbar nach Ballgewinnen auszunutzen.
Chelsea hingegen profitierte stärker von längeren Ballbesitzphasen und erzielte drei Treffer nach Angriffen mit zehn oder mehr Pässen. Insgesamt gingen jedoch weniger Tore aus längeren Ballzirkulationen hervor: Nur 6% aller Treffer entstanden nach Sequenzen mit mindestens zehn Pässen – ein deutlicher Rückgang gegenüber 16% in der Vorsaison.
Insgesamt zeigt die Ligaphase mehrere aufkommende taktische Trends im Spitzenfußball der Frauen. Die Bedeutung früher Offensivintensität spiegelt sich in der höheren Zahl von Toren vor der Pause wider. Abschlüsse im Strafraum bleiben dominant, doch Distanzschüsse sind weiterhin ein wertvolles ergänzendes Mittel. Besonders auffällig ist der wachsende Einfluss invertierter Angriffsprofile, die die Effizienz im Abschluss erhöhen.
Wie Matikainen festhält, "verdeutlichen die hier präsentierten Statistiken und Szenen die taktische Vielseitigkeit und den Reichtum der Offensivansätze der Topteams". Diese variieren ihr Angriffstempo zwischen direktem Vertikalspiel und komplexen Passfolgen, die sämtliche Linien und Räume einbeziehen.
Zusammenfassend unterstreichen die Erkenntnisse einen klaren Trend in der UEFA Women’s Champions League: Spitzenoffensiven entstehen zunehmend durch intelligente Organisation, technische Präzision und die Fähigkeit, Momente gegnerischer Unordnung auf unterschiedliche Weise auszunutzen.
Jarmo Matikainen blickt auf eine über 20-jährige Karriere im Trainer- und Technikbereich zurück – unter anderem in Finnland, Wales, Kanada und Estland – und arbeitete sowohl mit Männerklubs als auch Frauen-Nationalteams. Zudem war er Technischer Direktor des finnischen Fußballverbands.