UEFA Nations League als Sprungbrett für kleine Verbände
Dienstag, 16. Dezember 2025
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Wer dachte, dass Erfolge großen Fußballnationen vorbehalten sind, musste sich zuletzt eines Besseren belehren lassen. Die internationale Hackordnung hat einige Änderungen erfahren, wie das Beispiel San Marino zeigt.
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Die UEFA Nations League bietet Nationalmannschaften unabhängig von ihrer Stärke immer wieder neue Chancen, sich zu beweisen – manche packen diese Gelegenheit beim Schopf, auch wenn die Papierform gegen sie spricht. Und manchmal tun sie dies auf höchst dramatische Art und Weise. Mehrere Teams dürfen mit Stolz auf ihre Leistungen in der Nations League 2024/25 zurückblicken.
Wales etwa hatte vor dem letzten Spieltag in Gruppe B4 nur noch theoretische Chancen auf den Gruppensieg. Die Drachen hatten neun Punkte auf dem Konto, zwei weniger als die Türkei, die zum Abschluss beim bereits feststehenden Absteiger Montenegro zu Gast war. Um noch eine Chance auf den Gruppensieg zu haben, brauchte Wales in Cardiff einen Sieg gegen Island sowie Schützenhilfe aus Montenegro.
Die walisischen Aussichten wurden nicht besser, als Andri Guðjohnsen die Gäste in der Startphase in Führung schoss. Doch dann folgte der Auftritt von Liam Cullen: Der 26-Jährige erzielte die ersten beiden Treffer für sein Land und zur Pause lag die Mannschaft von Craig Bellamy mit 2:1 vorne. Das gleiche Ergebnis zeigte die Anzeigetafel im Stadion kraj Bistrice in Nikšić zugunsten Montenegros an, was viel Spannung für die letzten 45 Minuten versprach.
Nach dem Seitenwechsel bereitete Cullen das 3:1 durch Tottenham-Legionär Brennan Johnson vor, bevor Harry Wilson mit einem satten Schuss aus 20 Metern alles klar machte. Den Rest besorgte Montenegro, das die Türkei mit 3:1 bezwang und so den Walisern den Weg an die Tabellenspitze ebnete.
Wilson sagte nach dem Schlusspfiff im stimmungsvollen Cardiff City Stadium: „Wir wussten nicht, dass wir aufgestiegen sind. Zur Pause haben wir gesehen, dass die Türkei in Rückstand lag, und als die Fans Mitte der zweiten Halbzeit begonnen haben, „Wir sind Erster!“ zu skandieren, konnten wir es ahnen. Wir freuen uns sehr, denn in der A-Liga sind die besten Mannschaften und gegen die wollen wir spielen.“
Craig Bellamy blieb damit auch in seinem sechsten Spiel als walisischer Nationalcoach ungeschlagen, und dieser Erfolg verlieh seinem Team Auftrieb für die darauffolgende WM-Qualifikation. Die Türkei schaffte den Aufstieg in die A-Liga dank einem diskussionslosen 6:1-Erfolg in den Playoffs gegen Ungarn letztlich doch noch, ebenso wie die B-Gruppenersten Wales, Tschechien, England und Norwegen sowie Playoff-Sieger Griechenland.
Griechisches Epos
Eine turbulente Nations League erlebte Griechenland, das am 10. Oktober 2024 im Wembley-Stadion dank eines Treffers von Vangelis Pavlidis in der 94. Minute seinen ersten Sieg gegen England überhaupt errang. Die Griechen widmeten ihren Triumph dem gebürtigen Engländer und griechischen Nationalspieler George Baldock, der kurz vor dem Spiel im Alter von 31 Jahren unter tragischen Umständen ums Leben gekommen war.
Einen Monat später nahmen die Three Lions mit einem klaren 3:0 in Athen erfolgreich Revanche und sicherten sich dank des direkten Vergleichs den Gruppensieg – ein bitteres Verdikt für Griechenland, das fünf seiner sechs Partien gewonnen und sowohl gegen Finnland als auch gegen die Republik Irland die vollen sechs Punkte eingefahren hatte.
„Die Nations League war eine Chance für diese Mannschaft, einen Schritt nach vorne zu machen...Die Zukunft gehört ihr.“
In den Playoffs traf der Europameister von 2004 auf den A-Ligisten Schottland, der den direkten Abstieg am letzten Spieltag in Polen nur dank eines Treffers seines Kapitäns Andy Robertson in der Nachspielzeit verhindert hatte. Die Schützlinge von Steve Clarke verschafften sich mit einem 1:0-Erfolg beim Hinspiel im Georgios-Karaiskakis-Stadion eine vielversprechende Ausgangslage, doch Griechenland wendete das Blatt im Hampden Park mit einem beeindruckenden 3:0 und sicherte sich so doch noch einen Platz in der A-Liga.
„Die Nations League war eine Chance für diese Mannschaft, einen Schritt nach vorne zu machen“, bilanzierte Cheftrainer Ivan Jovanović. „Die Erwartungen sind höher geworden, aber die Mannschaft wird diesen Erwartungen gerecht. Es ist eine verjüngte Truppe, der die Zukunft gehört.“
Kometenhafter Aufstieg Kosovos
Ein weiteres Team mit einer verheißungsvollen Zukunft ist Kosovo, das seit seiner Aufnahme als UEFA-Mitglied beharrlich die europäische Hackordnung durcheinanderwirbelt.
Dank Heim- und Auswärtssiegen gegen Zypern und Litauen wurden die Blau-Weißen in der Gruppe C2 Zweiter hinter Rumänien und stiegen dank einem 5:2-Gesamtsieg in den Playoffs gegen Island in die B-Liga auf. Kapitän Amir Rrahmani schrieb danach in den sozialen Medien: „Vor sieben Jahren haben wir unsere Reise in der Nations League in der D-Liga begonnen, und nach diesem historischen Sieg sind wir in der B-Liga. Ich bin stolz auf meine Teamkollegen. Es warten noch weitere Erfolge auf uns.“
Die beiden C-Ligisten Rumänien und Schweden schafften den Aufstieg problemlos und gewannen ihre Gruppen unter anderem dank ihren Torjägern Răzvan Marin (6 Treffer) bzw. Alexander Isak (4). Die beiden anderen Gruppensieger und somit Direktaufsteiger in die B-Liga waren Nordirland und Nordmazedonien. Dem Team von Michael O’Neill reichte am letzten Spieltag in Luxemburg ein Unentschieden, für das es in der Schlussviertelstunde allerdings noch zittern musste, nachdem eine Zwei-Tore-Führung aus der Hand gegeben wurde. Nordmazedonien begann seine Kampagne mit einem wenig erbaulichen 1:1 auswärts gegen die Färöer-Inseln, doch anschließend ging das Team von Blagoja Milevski fünfmal in Folge als Sieger vom Platz.
Alle drei Heimspiele der Färöer endeten unentschieden, doch ihre bemerkenswerteste Leistung zeigten die Insulaner in der Fremde. Die Inselgruppe mit einer Bevölkerung von 50 000 ist in den letzten zehn Jahren mehrfach über sich hinausgewachsen und stieg 2020 in die C-Liga der Nations League auf. Vor der Partie im November 2024 in Armenien warteten die Färöer allerdings seit September 2020 auf einen Sieg auf fremdem Terrain. Ein verwandelter Strafstoß von Viljormur Davidsen sicherte ihnen schließlich den lang ersehnten Auswärtssieg und drei wichtige Punkte im Kampf um den Verbleib in der C-Liga, den sie dank diesem Auswärtssieg auch sicherstellten.
Historische Premieren
In der D-Liga gewann Moldau seine Gruppe und sicherte sich so den Aufstieg in die C-Liga für die nächste Ausgabe. Die letzten beiden Plätze in der C-Liga werden in den Playoff-Duellen Lettland - Gibraltar und Luxemburg - Malta im März 2026 ermittelt. Der zweite direkte Aufsteiger aus der D-Liga darf als bemerkenswerteste Erfolgsgeschichte der UEFA Nations League 2024/25 bezeichnet werden.
Seit seinem Debüt in den A-Nationalmannschaftswettbewerben der Männer im November 1990 gegen die Schweiz war der Kleinstaat in keinem einzigen Pflichtspiel jemals als Sieger vom Platz gegangen.
Das änderte sich am 5. September 2024, als Nicko Sensoli in der 53. Minute des Heimspiels gegen Liechtenstein den viel umjubelten 1:0-Siegtreffer schoss. Es war der erste Pflichtspielerfolg der Sanmarinesen, die in ihrer bisherigen Geschichte erst einmal in einem Freundschaftsspiel gewonnen hatten – 2004 gegen denselben Gegner. Beim Nations-League-Rückspiel in Vaduz wiederholten sie das Kunststück und siegten mit 3:1.
Die Spieler haben alles gegeben und Charakter gezeigt. Am Ende ließen wir unseren Emotionen freien Lauf.
Nach dem Schlusspfiff an dem Montagabend im Rheinpark Stadion brachen alle Dämme – die Spieler auf der Bank und die mitgereisten Fans rannten alle aufs Spielfeld, um den geschichtsträchtigen Erfolg gemeinsam zu feiern. Der triumphale Abend im Fürstentum wird noch aus anderen Gründen in die Annalen des san-marinesischen Fußballs eingehen: Es war das erste Mal, dass die Serenissima in einem Pflichtspiel mehr als ein Tor erzielte, und zuvor hatte sie noch überhaupt nie mehr als zweimal in einer Partie eingenetzt. Dass es sich auch um eine Aufstiegs-Premiere handelte, versteht sich eigentlich von selbst, sollte der Vollständigkeit halber aber auch erwähnt werden.
Cheftrainer Roberto Cevoli, der das Ruder 2023 übernahm, kann in seinen ersten zehn Spielen nun zwei Siege vorweisen, nachdem San Marino, die Nr. 210 der FIFA-Rangliste, zuvor 199 seiner 211 Partien verloren hatte. „Die Jungs haben heute Geschichte geschrieben“, frohlockte Verbandspräsident Marco Tura. Die Spieler haben alles gegeben und Charakter gezeigt. Am Ende ließen wir unseren Emotionen freien Lauf.
Geschichten wie jene San Marinos sind ein weiterer Beweis dafür, dass die Einführung der Nations League der gesamten UEFA-Fußballfamilie zugute kommt. Der Wettbewerb verleiht dem internationalen Kalender zusätzliche Würze, ohne dass zusätzliche Spieldaten eingeführt werden mussten. Stattdessen wurden Freundschaftsspiele durch eine Ligastruktur mit Auf- und Abstieg ersetzt, die vielen Teams neue Chancen eröffnet – was nur positiv sein kann. Die Ausgabe 2026/27 kann kommen!
Dieser Text ist ein Auszug aus dem offiziellen Programm der Endphase der UEFA Nations League 2025.