Verbockt: Wenn Titelaspiranten kurz vor dem Ziel versagen

Manch ein Team hat es auf die harte Tour lernen müssen: Unter Dach und Fach ist ein Titel erst, wenn der letzte Rivale rechnerisch abgehängt ist.

2016: Ajax-Kapitän Davy Klaassen kann es nicht fassen
2016: Ajax-Kapitän Davy Klaassen kann es nicht fassen ©AFP

Fußball kann nicht nur ganz unten in der Tabelle für Schockstarre sorgen, auch ganz oben gibt es niederschlagende Momente.

UEFA.com hat ein paar dramatische Stolperer kurz vor der Ziellinie in ganz Europa zusammengetragen.

Ajax (Niederlande, 2015/16)

Am letzten Spieltag war Ajax punktgleich mit PSV, hatte aber das bessere Torverhältnis. Gegen den Tabellenvorletzten De Graafschap ging die Mannschaft von Frank de Boer früh durch Amin Younes in Führung, vergaß dann aber, den Sack zuzumachen. Am Ende hieß es 1:1 und weil PSV mit 3:1 bei Zwolle gewann, ging der Titel nach Eindhoven. "Das ist ein schlechter, fürchterlicher Traum", so De Boer. "Wir haben vergessen, den Titel mit nach Hause zu nehmen."

CSKA Sofia (Bulgarien, 2014/15)

Zu Weihnachten lag CSKA noch an der Tabellenspitze, blieb dann aber ganze zehn Ligaspiele ohne eigenes Tor und rutschte auf den fünften Platz ab. Es wurde noch schlimmer: In der folgenden Saison musste der Klub aufgrund von finanziellen Problemen den Gang in die dritte Liga antreten.

Louis van Gaal als AZ-Trainer im Jahr 2007
Louis van Gaal als AZ-Trainer im Jahr 2007©Getty Images

AZ Alkmaar (Niederlande, 2006/07)

AZ hatte vor dem letzten Spieltag einen Rückstand von sieben Punkten auf PSV und Ajax aufgeholt. Mit einem Sieg gegen den Tabellensechzehnten Excelsior wäre die Mannschaft von Louis van Gaal niederländischer Meister geworden, doch man verlor mit 2:3. "In der Kabine war es sehr lange sehr still", berichtete AZs Simon Cziommer später.

Raúl González diskutiert mit Carlos Queiroz
Raúl González diskutiert mit Carlos Queiroz©Getty Images

Real Madrid (Spanien, 2003/04)

Als Nachfolger von Vicente del Bosque hatte Carlos Queiroz mit den Königlichen acht Punkte Vorsprung nach 26 Spielen. Die Meisterschaft schien nur noch Formsache. Doch eine Niederlage im Pokal-Endspiel löste eine nicht für möglich gehaltene Abwärtsspirale aus. Real verlor sieben der letzten zehn Spiele und wurde schließlich mit sieben Punkten Rückstand auf Meister Valencia nur Vierter. "Wir können uns so ein Jahr nicht mehr erlauben", meinte ein geschockter Präsident Florentino Pérez nach der Saison.

Throttúr (Island, 2003)

Die kurzen Spielzeiten in Island haben schon so manche dramatische Wende erlebt. Im Jahr 2003 erwischte es Aufsteiger Throttúr auf brutalste Art und Weise. Der Klub aus Reykjavik hatte sechs der ersten neun Spiele gewonnen und war zwischenzeitlich Tabellenführer, holte aus den letzten neun Spielen aber nur noch vier Punkte und stieg am Ende ab.

Internazionale Milano (Italien, 2001/02)

Das Team von Héctor Cúper hatte fünf Spieltage vor Schluss sechs Punkte Vorsprung auf Juventus, geriet dann aber mächtig ins Wanken. Am letzten Spieltag hätte man sich mit einem Sieg noch über die Ziellinie retten können, aber die Nerazzurri unterlag mit 2:4 und Superstar Ronaldo brach in Tränen aus. "In so kurzer Zeit kann ein Traum platzen. Wir wurden von der Realität eingeholt. Keiner von uns hat geglaubt, dass wir uns das nehmen lassen würden."

 Shelbournes Dermot Keely
Shelbournes Dermot Keely©Sportsfile

Shelbourne (Republik Irland, 2000/01)

"Jetzt können wir die Meisterschaft vergessen": Bohemians Trainer Roddy Collins schickte erste Glückwünsche an Shelbourne, als sein Team acht Spiele vor Ende der Saison satte acht Punkte zurücklag. Doch dann wurde der Spielbetrieb auf Anordnung der irischen Regierung aufgrund der unter Rindern grassierenden Maul- und Klauenseuche auf Eis gelegt. Als die Liga wieder losging, war "Shel" völlig aus dem Tritt, gewann nur noch drei Spiele und wurde von "Boh" überholt. "Die Tabelle lügt nie", meinte ein konsternierter Shelbourne-Trainer Dermot Keely.

Legia Warszawa (Polen, 1996/97)

Mit einem Sieg über Tabellenführer Widzew Łódź hätte sich Legia zum polnischen Meister gekrönt. In der 85. Minute lag man in Warschau komfortabel mit 2:0 in Führung, als sich der Schiedsrichter verletzte und die Partie unterbrochen werden musste. Nach Wiederanpfiff folgte der Kollaps und irgendwie gewann Widzew mit 3:2. "Ich habe noch ein Video von dem Spiel zuhause, aber bisher war ich nicht in der Lage, es mir anzuschauen", so Legia-Stürmer Marcin Mięciel.

Newcastles Trainer Kevin Keegan im Jahr 1996
Newcastles Trainer Kevin Keegan im Jahr 1996©Getty Images

Newcastle United (England, 1995/96)

Ein Psychotrick von Sir Alex Ferguson führte 1996 zu einem denkwürdigen Einbruch von Newcastle. Der United-Trainer hatte behauptet, dass sich alle Premier-League-Klubs gegen sein Team mehr anstrengen würden als in Partien gegen Newcastle. Die Magpies, die auf eine erste Meisterschaft seit 1927 hofften und im Januar schon zwölf Punkte Vorsprung auf die Red Devils hatten, bekamen es plötzlich mit scheinbar zusätzlich motivierten Gegner zu tun. Am Ende wurde Man. United mit vier Punkten Vorsprung auf Newcastle Meister.

Hearts-Fans nach dem Albtraum im Jahr 1986
Hearts-Fans nach dem Albtraum im Jahr 1986©Getty Images

Heart of Midlothian (Schottland, 1985/86)

27 Spiele hintereinander war der Klub aus Edinburgh ohne Niederlage geblieben, als es zum letzten Spieltag kam. Ein Remis gegen Dundee hätte ausgereicht, um erstmals nach 1960 wieder den Titel an Land zu ziehen. Zudem sprach auch die um vier Treffer bessere Tordifferenz im Vergleich zu Verfolger Celtic klar für die Hearts. Doch dann siegte Celtic mit 5:0 bei Saint Mirren, während Dundee dank dem eingewechselten Hoops-Fan Albert Kidd mit 2:0 gegen die Hearts gewann. Wenig später verlor das Team aus Edinburgh auch noch das Pokalfinale...

AEK Athens (Griechenland, 1959/60)

"Was soll da noch schiefgehen" - so oder so ähnlich müssen die Spieler von AEK gedacht haben, als es in die Vorbereitung auf den letzten Spieltag der allerersten griechischen Meisterschaft ging. Das Team hatte zwei Punkte Vorsprung auf Panathinaikos (damals gab es nur zwei Punkte für einen Sieg) und am Vorabend der Partie gegen Panionios wurde im Hotel reichlich gefeiert - sogar eine ausschweifende Wasserschlacht soll es gegeben haben. Am nächsten Tag setzte es eine 2:3-Niederlage und Panathinaikos konnte überraschend mit 4:1 bei Olympiacos gewinnen. Ein Entscheidungsspiel musste her und obwohl AEK dabei zunächst in Führung ging, holte Panathinaikos dank eines 2:1-Erfolgs am Ende den Titel.