"Habe mehr richtig als falsch gemacht"
Freitag, 16. Januar 2015
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Für Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge war er ein "Glücksfall", für Diego Maradona ein echtes Ärgernis. Am Freitag feiert Udo Lattek, der erfolgreichste deutsche Klubtrainer, seinen 80. Geburtstag.
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Preisfrage: Was haben Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus, Bernd Schuster und Diego Maradona gemeinsam?
Zum einen waren sie großartige Fußballer, zum anderen wurden sie irgendwann im Verlauf ihrer Karriere von Udo Lattek trainiert. Der gebürtige Ostpreuße, der an diesem Freitag seinen 80. Geburtstag feiert, ist mit acht Meistertiteln nicht nur der erfolgreichste deutsche Vereinstrainer, sondern gewann als einziger Coach neben Giovanni Trapattoni auch alle drei großen Europapokalwettbewerbe.
"Ich bin aus dem Nichts gekommen. Ich habe dem Fußball alles zu verdanken", blickte Lattek vor einigen Jahren anlässlich seines 75. Geburtstages auf seine Laufbahn zurück: "Ich hatte außer dem, was ich kann, nichts mitgebracht."
Doch das reichte am Ende für insgesamt 14 nationale und internationale Titel. Höhepunkt war zweifellos der Triumph im Pokal der europäischen Meistervereine 1974 mit dem FC Bayern München. Lattek war immer eher unkonventioneller Motivator als ein Taktikfuchs, wie sich Bayerns Torhüter Sepp Maier erinnert. Nach einer Niederlage hatte die Mannschaft gegen das verhängte Ausgehverbot verstoßen und sich in einer Disco abgesetzt, wurde aber von Lattek aufgespürt. "Der Udo hat uns da sitzen sehen mit sieben, acht Mann und sagte: 'So, jetzt zähle ich bis 25 000 und wenn dann noch einer da ist, gibt's Ärger.'"
Zwei Mal scheiterte Lattek in der Königsklasse mit den Münchnern und dem VfL Borussia Mönchengladbach erst im Finale. Mit den Gladbachern gewann er zudem 1979 den UEFA-Pokal, mit dem FC Barcelona 1982 den Pokal der Pokalsieger.
Dennoch war sein Engagement bei den Katalanen bald darauf beendet, denn er hatte es gewagt, sich mit Klubikone Diego Maradona anzulegen, Lattek erinnert sich an die Schlüsselszene: "Wir wollten um 19 Uhr mit dem Bus abfahren. Wer war nicht da? Diego! Er wollte es auf die Spitze treiben. Hätte ich gewartet, hätte es mich an Autorität in der Mannschaft gekostet. Also habe ich gerufen: 'Abfahrt'! Da gab es stehende Ovationen der anderen Spieler."
Ein Sieg mit Folgen, so Lattek: "Zwei, drei Tage später ist Diego zum Präsidenten gelaufen und hat sich beschwert über mich. Tja – und dann war ich weg vom Fenster, die haben mich wegen Diego entlassen."
Seinen Ruf konnte dieser Rauswurf nicht erschüttern, auch die heutige Trainer-Generation um Bundestrainer Joachim Löw zieht vor Lattek den Hut: "Er war einer der modernsten Trainer Europas und hat den Fußball geprägt wie kaum ein anderer nach ihm", würdigte ihn der Weltmeister-Macher und schloss: "Vor seinen Erfolgen kann man sich nur verneigen."
Natürlich gab es immer wieder Rückschläge in seiner großen Karriere, die er im Jahr 2000 beendete, nachdem er Borussia Dortmund in einem Kurzeinsatz vor dem Abstieg gerettet hatte. Doch am Ende seiner fast 30 Jahre andauernden Laufbahn zog Lattek ein Fazit, dem kaum jemand widersprechen dürfte: "Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich mehr richtig als falsch gemacht habe"
Es folgte eine zweite, ebenfalls sehr erfolgreiche Laufbahn als Chefkritiker im Fernsehen, wo er in der Fußball-Talkshow Doppelpass durch seinen Humor und seine Scharfzüngigkeit Kultstatus erlangte.
Seinen letzten Auftritt in der Öffentlichkeit hatte er 2013 beim Triumph der Bayern in der UEFA Champions League in London gegen Borussia Dortmund. "Ich gehe auf meine letzte Fußballreise", sagte er damals, wohl wissend, dass er aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung zunehmend an den Rollstuhl gefesselt sein würde.
Seit mehr als einem Jahr lebt Lattek nun zurückgezogen mit seiner Frau Hildegard in einem Kölner Pflegeheim, die Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag wird er kaum noch wahrnehmen.