Madrid erleidet Schiffbruch
Donnerstag, 15. April 2004
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Binnen vier Wochen sind bei Real Madrid CF die Träume von drei Titeln jäh geplatzt.
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Von Andy Hall
Nach einem sensationellen Saisonstart befindet sich Real Madrid CF in der heißen Phase der laufenden Spielzeit in einer Krise. Drei Titel wollte die Mannschaft gewinnen, jedoch schied man binnen kürzester Zeit aus zwei Wettbewerben aus, und auch im Kampf um den dritten Titel - die spanische Meisterschaft - musste man zuletzt einen Rückschlag verkraften.
Pokalpleite
Madrids Absturz begann am 17. März mit der 2:3-Niederlage im Copa del Rey-Finale gegen Real Zaragoza. Dabei wollte Real den Pokal, der ihnen in den letzten elf Jahren verwehrt blieb, unbedingt gewinnen. Diese Pleite schien gewaltig am Selbstvertrauen der Spieler gekratzt zu haben.
Aus in der Königsklasse
Im UEFA Champions League-Viertelfinale schied die physisch und psychisch ausgelaugt wirkende Mannschaft trotz einer 4:2-Führung aus dem Hinspiel gegen den AS Monaco FC aus. Ein Spieler soll nach dieser Niederlage lamentiert haben: "Das war die einfachste Möglichkeit zum Halbfinaleinzug seit Jahren - und wir haben sie vertan."
Tabellenführung verloren
Am Sonntagabend erfolgte bereits der nächste Rückschlag, denn in der Primera División gab es eine 0:3-Niederlage gegen CA Osasuna - die erste Heimpleite seit einem Jahr. Sechs Spieltage vor Saisonende verlor Madrid durch diese Niederlage die Tabellenführung an Valencia CF, und das Restprogramm der Königlichen hat es in sich, denn es geht noch gegen Club Atlético de Madrid, den FC Barcelona und RC Deportivo La Coruña.
Salz in die Wunden
Weiteres Salz in die Wunden streute die Tatsache, dass Madrid von ehemaligen oder ausgeliehenen Spielern bezwungen wurde - Savio Bortolini und Dani García bei Zaragoza, Fernando Morientes bei Monaco und Valdo in Reihen von Osasuna. Die Zuschauer im Santiago Bernabéu sind frustriert und ließen ihrem Unmut in den letzten Wochen freien Lauf.
Schwächen in der Defensive
Die Enttäuschung der Anhänger ist zu verstehen, denn nach den Erfolgen der letzten Saisons zeigen sich immer mehr Risse im Team. Der junge Torwart Iker Casillas zeigt zwar regelmäßig Glanztaten, aber auch dies kann nicht verschleiern, dass die Königlichen von ernsthaften Abwehrproblemen geplagt werden.
Vorne hui, hinten pfui
Madrid war stets ein Verfechter des offensiven und spektakulären Angriffsfußballs - und trotzte damit der Philosophie, dass große Mannschaften zunächst einmal auf eine starke Defensive setzen. In den letzten Jahren wurde die Abwehr kaum verstärkt, dafür holte man Offensivkräfte wie Luís Figo, Zinedine Zidane, Ronaldo und David Beckham.
Zu viele Gegentreffer
Die Defensive wurde unterdessen durch die Abgänge von Rafael Alkorta, Iván Campo und Aitor Karanka geschwächt. Routinier und Kapitän Fernando Hierro wurde nach der letzten Spielzeit als für zu alt befunden und abgeschoben. In der laufenden Saison hat die Mannschaft bereits 42 Gegentreffer in der Liga kassiert - fast doppelt so viele wie Valencia.
Kaum Rotation
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Tatsache, dass Trainer Carlos Queiroz in seiner Mannschaft kaum rotieren lässt. Wie sein Vorgänger Vicente del Bosque stellt der Portugiese fast immer seine "Goldene Elf" auf, wodurch Madrids jüngere Spieler zu wenig Bewährungschancen erhalten und kaum Spielpraxis sammeln.
Unerfahrenheit macht sich bemerkbar
Dies machte sich negativ bemerkbar, als Madrid in Monaco mit dem jungen Abwehrspieler Álvaro Mejía - sehr talentiert, aber gleichermaßen unerfahren - in der Innenverteidigung antrat. Zudem konnte Borja Fernández den gesperrten David Beckham in keiner Weise ersetzen.
Schmerzhafte Lektion
Und vielleicht wird Madrid noch einige bittere Niederlagen kassieren, bevor es für Queiroz und sein Team wieder aufwärts gehen wird. In dieser Saison hat der Verein eine schmerzhafte Lektion erteilt bekommen. In der Offensive ist Madrid weiterhin eine Klasse für sich, doch ohne eine entsprechende Defensive sind die Galácticos selbst gegen vermeintlich schwächere Gegner verwundbar.