1954: Wiedergeburt Deutschlands
Donnerstag, 29. April 2004
Artikel-Zusammenfassung
Die Weltmeisterschaft in der Schweiz war die erste, die im Fernsehen übertragen wurde. Sie brachte ein überraschendes Ende und war zugleich der Wendepunkt des ungarischen Fußballs.
Artikel-Aufbau
1954: Ungarn am Wendepunkt
Die fünfte UEFA-Weltmeisterschaft war eine der aufregendsten, die jemals ausgetragen wurde. Zum ersten Mal wurden die Spiele im Fernsehen übertragen. In 26 Begegnungen wurden 140 Tore erzielt. Es gab viele außergewöhnliche Spiele zu sehen. Eines, das als Spiel des Jahrhunderts bezeichnet wurde, ein anderes, bei dem der spätere Titelträger mit 3:8 das Nachsehen hatte, und eines, bei dem insgesamt zwölf Tore geschossen wurden. Zusätzlich geschah eines der größten Comebacks der Geschichte. Kein Wunder, dass gerade diese WM einen so besonderen Stellenwert eingenommen hat; auch weil eine der weltbesten Mannschaften teilnahm und es einen überraschenden Gewinner gab.
Neuerungen
1950 wurden die Rückennummern eingeführt. Eine weitere Neuerung war, dass die 16 teilnehmenden Länder in vier Gruppen zu je vier Mannschaften eingeteilt wurden. Zwei Mannschaften jeder Gruppe waren gesetzt und bekamen es mit den beiden schwächeren Teams zu tun. Die zwei besten Teams aus jeder Gruppe qualifizierten sich für das Viertelfinale und spielten dort gegen einen Gleichplatzierten einer anderen Gruppe.
Debüt für die Türkei
Die erste Aufregung gab es, bevor das Turnier überhaupt begonnen hatte. Spanien konnte sich nicht gegen die Türkei qualifizieren - hier musste die Münze entscheiden -, die damit zum ersten Mal an einer WM teilnahm. Schottland und Südkorea waren ebenfalls zum ersten Mal dabei. Schweden, das 1950 noch das Halbfinale erreicht hatte, war in diesem Jahr nicht mit von der Partie.
Herausragende Ungarn
Der absolute Top-Favorit war Ungarn. Die Mannschaft unter Trainer Gusztav Sebes hatte seit vier Jahren kein Spiel mehr verloren. England erlebte gegen die Ungarn beim 3:6 im Wembley-Stadion die erste Heimniederlage gegen eine ausländische Mannschaft. Und auch in Budapest gab es einen vernichtende 1:7-Niederlage. Damit unterstrichen die Magyaren ihre Favoritenrolle.
Unvergleichlicher Puskás
Es schien undenkbar, dass Ungarn nicht den Titel holen würde. Inspiriert durch Ferenc Puskás, der auch "der galoppierende Major" genannt wurde, und Sándor Kocsis, "der Mann mit dem goldenen Kopf", erzielten die Ungarn in nur zwei Gruppenspielen 17 Tore. Sie gewannen mit 9:0 gegen Südkorea und mit 8:3 gegen Deutschland.
Listiges Deutschland
Die Deutschen, die von Sepp Herberger trainiert wurden, hatten damit kalkuliert, dass sie bessere Chancen hätten, wenn sie im Viertelfinale nicht auf Brasilien stoßen würden. So stellten sie absichtlich eine schwächere Mannschaft auf und gingen davon aus, im Entscheidungsspiel um den zweiten Platz gegen die Türkei zu gewinnen, die sie eben erst mit 4:1 besiegt hatten. Darüber hinaus wurde Puskás so entsetzlich gefoult, dass er den Großteil der Weltmeisterschaft nur noch zuschauen konnte.
Kocsis in ansteigender Form
Kocsis war jedoch in ansteigender Form und erzielte drei Tore gegen Südkorea, vier gegen die Deutschen und zwei weitere beim Viertelfinalsieg gegen Brasilien. Die Ungarn schienen noch immer unbezwingbar zu sein. Das Spiel gegen Brasilien war eine Begegnung, in der die besten zwei Mannschaften der Welt aufeinander trafen. Die Ungarn entschieden diese Partie, die wegen ihrer Gewalttätigkeiten als "Schlacht von Bern" in die Geschichte einging, mit 4:2 für sich. Es gab viele hässliche Fouls, drei Spieler wurden vom Platz gestellt und nach dem Spiel gab es zwischen den Akteuren eine üble Schlägerei.
Tolles Spiel
Im Halbfinale gegen den amtierenden Weltmeister Uruguay gab es kein weiteres Blutbad. Stattdessen konnte eines der tollsten Spiele, die jemals bestritten wurden, bewundert werden. In einer Begegnung, in der beide Mannschaften ihr Bestes gaben, geriet Uruguay, das im Viertelfinale mit 4:2 gegen England gewonnen hatte, kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit mit 0:2 in Rückstand. Doch inspiriert von Juan Alberto Schiaffino schafften sie es noch, die Verlängerung zu erreichen. In dieser überzeugten die Ungarn, und Kocsis schaffte es durch zwei Tore in den letzten zehn Minuten, seine Mannschaft ins Finale zu schießen. Uruguay erlebte seine erste Niederlage bei einer Weltmeisterschaft.
Wahnsinnspiel
Aber auch das Viertelfinalspiel der gastgebenden Schweiz gegen Österreich gehörte zu den Spielen, die schier unglaublich waren. Nachdem die Österreicher schon 0:3 zurücklagen, schlugen sie mit fünf Toren innerhalb von sieben Minuten zurück. Österreich führte 5:4 zur Halbzeit und beendete das torreiche Spiel mit 7:5.
Österreich lässt nach
Vielleicht ging den Österreichern die Puste aus, als sie vier Tage später im Halbfinale auf Deutschland trafen und ihnen unterlegen waren. Die Deutschen, die sich nach dem Entscheidungsspiel gegen die Türkei, das sie mit 7:2 gewonnen hatten, gegen Jugoslawien im Viertelfinale mit 2:0 durchsetzten, waren in der Außenseiter-Rolle. In der ersten Halbzeit ging Deutschland mit 1:0 in Führung. In der zweiten Halbzeit gewannen sie unter der Führung ihres Kapitäns Fritz Walter, der zwei Elfmeter versenkte, die Kontrolle über das Spiel und siegten schließlich mit 6:1. Der jüngere Bruder, Ottmar Walter, erzielte ebenfalls zwei Tore.
Frühe Tore
Das Finale fand am 4. Juli im Wankdorf-Stadion zu Bern statt und verursachte eine riesige Aufregung. Die Ungarn spielten unvergleichlichen Fußball, und nach nur acht Minuten führten sie mit 2:0. Puskás, der zwar im Finale wieder dabei, aber noch immer nicht fit war, traf zum 1:0. Als Zoltán Czibor kurz darauf das zweite Tor erzielte, schien die Partie schon gelaufen. Die Deutschen kämpften gegen die zu selbstsicheren Gegner und glichen nach 18 Minuten durch Tore von Max Morlock und Helmut Rahn aus.
Rahn müsste schießen...
Trotz der zwei Gegentore dominierten die Ungarn, und nur durch ein großartiges Spiel des deutschen Torwarts Toni Turek konnten sie das Spiel nicht für sich entscheiden. Sechs Minuten vor Ende der Partie gingen die Deutschen durch einen Treffer von "Boss" Rahn in Führung. Die Ungarn konnten noch immer nicht glauben, dass sie das Spiel vielleicht verlieren würden, und griffen weiter an. Ein Abseitstor von Puskás wurde nicht gegeben, und in der letzten Minute hielt der überragende Turek einen Schuss von Czibor.
Alles vorbei für Ungarn
Gegen alle Prognosen siegte Deutschland mit 3:2 über Ungarn. Für die Osteuropäer war diese Niederlage nur schwer zu verkraften. Leider konnte die Welt sie nie wieder in dieser Form erleben. Nach dem Aufstand in Ungarn und der Niederschlagung durch die Russen brach die Mannschaft auseinander.