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Die spanischen Spielerinnen vor dem Finale ©Sportsfile

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Frankreich hat das Endspiel trotz eines kuriosen Rekords erreicht. Das Team hat keinen einzigen Treffer erzielt, solange die gesamte Startelf auf dem Feld stand. Ob sich ein solches Kunststück im Fußball überhaupt noch einmal wiederholt, ist durchaus zu bezweifeln. Doch dabei handelt es sich nicht um einen reinen Zufall, denn Trainer Gilles Eyquem agierte nach dem Motto "Mein einziges Risiko liegt darin, dass ich meine Karten früh ausspiele". Nach diesem Motto wechselte er auch beim Titelgewinn seines Teams 2016 in der Slowakei, als er entscheidende Wechsel bereits im Laufe der ersten Hälfte oder zur Halbzeit in drei der fünf Spiele seiner Mannschaft vornahm. Dieses Muster zeigte sich auch bei seinem ersten Titelgewinn 2013, als er im Halbfinale gegen Deutschland mit den Einwechslungen von Claire Lavogez und Kadidiatou Diani das Spiel drehen konnte.

Italien hat in den ersten 20 Minuten wirklich stark aufgespielt. Dann nahm Frankreichs Trainer einen Wechsel vor und plötzlich drehte das Spiel komplett
Anja Palusevic, technische Beobachterin der UEFA
Trainer gehen die Sache inzwischen ein wenig strategischer an, Anpassungen erfolgen immer wieder an die Veränderungen beim Gegner
Hope Powell, technische Beobachterin der UEFA
In vielen Fällen ist die Spielereinschätzung der Herausforderungen des Fußballs auf höchstem Niveau weit entfernt von der Realität
Schottlands Trainer Gareth Evans

In Nordirland wurde ebenfalls verhältnismäßig früh und oft gewechselt. Gegen die Niederlande waren es zwei Wechsel zur Halbzeit, weitere zwei Wechsel zur Halbzeit im Halbfinale gegen Deutschland, zwei Wechsel in den ersten zehn Minuten der zweiten Hälfte gegen England und ein Wechsel nach 28 Minuten gegen Italien. "Ich war bei diesem Spiel", erklärte die Technische Beobachterin der UEFA, Anja Palusevic, "und Italien hat in den ersten 20 Minuten wirklich stark aufgespielt. Dann nahm Frankreichs Trainer einen Wechsel vor und plötzlich drehte das Spiel komplett."

Zumeist konnten Spiele mit Hilfe der schnellen Emelyne Laurent gedreht werden. Sie kam entweder auf den Flügeln oder im Sturmzentrum zum Einsatz. Gegen Italien erzielte sie einen Treffer und war an drei weiteren Toren beteiligt, als Frankreich nach Rückstand noch 6:1 gewinnen konnte. Im Halbfinale gegen Deutschland lag Frankreich mit 0:1 zurück, als zur Halbzeit Laurent und Julie Thibaud von Eyquem eingewechselt wurden. Die zwei Treffer der beiden bedeuteten, dass von Frankreichs neun Toren auf dem Weg zum Finale sechs Treffer von Einwechselspielerinnen erzielt wurden.

Doch Frankreich war in dieser Kategorie nicht allein. Italien (2), Deutschland (2), Nordirland und die Niederlande erzielten ebenfalls Treffer durch Einwechselspielerinnen. Am Ende des Turniers wurden 31% der Turniertreffer aus dem Spiel heraus von Einwechselspielern erzielt. Hope Powell fügte an, dass "kein Zweifel daran besteht, dass Einwechselspieler einen großen Einfluss im Turnier hatten. Die Trainer trafen also viele gute Entscheidungen." Nun will man den Trainern dazu einfach nur gratulieren und auf die Schulter klopfen. Doch aus Trainersicht sollte sich vielmehr die Frage stellen, ob die Eyquem-Strategie noch weiterführende Schlüsse zulässt. Es gibt natürlich einige Einflussfaktoren, wie die Qualität der Bankspielerinnen. Außerdem stellt sich die Frage, ob bei einem solchen Turnierspielplan (fünf Spiele in 13 Tagen) die besten Spielerinnen überhaupt von Beginn an auf dem Feld stehen müssen, oder ob diese mit Schwung in der zweiten Hälfte noch mehr Gefahr für den Gegner ausstrahlen.

Ganz hinten und doch ganz vorne
Der Anpfiff für den ersten Spieltag fand lediglich 48 Stunden nach Beendigung der Europameisterschaft der A-Nationalmannschaften in den Niederlanden statt, womit die Turniere zeitlich fast nahtlos ineinander übergingen. Doch zwischen den Turnieren gab es durchaus bemerkenswerte Unterschiede. Zum Beispiel bei den Spielerinnen hinten im Tor. Während bei den A-Nationalmannschaften fehlerbehaftete Vorstellungen der Torfrauen ein viel diskutiertes Thema waren, landeten die Torfrauen in Nordirland ganz weit vorne, nämlich gleich drei von ihnen an der Zahl im All-Star-Team des Turniers. Englands Trainerin 'Mo' Marley hatte beispielsweise große Probleme bei der Auswahl ihrer Nummer eins, da "zwei herausragende Torhüterinnen" in ihrem Kader standen. Auch wenn die Ergebnisse der eigenen Mannschaft wenig überzeugend waren, präsentierten sich die Torhüterinnen von Schottland und Nordirland in überragender Manier.

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Vanessa Fischer: Zweimal ohne Gegentreffer in drei Spielen

"Das war sehr erfreulich", bemerkte Hope Powell, "und gut für den Ruf der Torhüterinnen. In letzter Zeit war der Ruf nicht immer so herausragend. Doch bei der EURO 2013 präsentierte sich Nadine Angerer als ein echtes Vorbild und machte die Position so noch attraktiver und aufregender. Es war sehr schön zu sehen, dass ehemalige Torhüterinnen von internationalem Format wie Silke Rottenberg und Sandrine Roux jetzt mit Deutschland und Frankreich in Nordirland gearbeitet haben, denn sie haben dem Spiel sehr viel zu geben."

"Der Schlüssel ist für mich die Qualität der Torwarttrainer", fügte Anja Palusevic hinzu. "In Deutschland steigt die Zahl der weiblichen Torwarttrainer. Die Ergebnisse des hochkarätigen Trainings bekommen wir nun langsam aber sicher zu sehen und dieser Trend wird weiter Fahrt aufnehmen." Die Beobachter stimmten in der Einschätzung überein, dass im Hinblick auf athletische Fähigkeiten, das Positionsspiel und die Ballbehandlung ein großer Schritt nach vorne gemacht wurde. Die niederländische Trainerin Jessica Torny unterstrich die Wichtigkeit der Arbeit der Torwarttrainer an den zwei Akademien in ihrem Heimatland. Roux, ebenfalls mehr als zufrieden mit der Entwicklung von Mylène Chavas, die schon bei der U20-WM-Endrunde 2016 zwischen den Pfosten stand, fügte einen Optimierungsvorschlag an. Für sie dürften die Entwicklungsprogramme für Torhüter durchaus früher beginnen, als aktuell, nämlich mit 15 Jahren, geregelt.

Tore machen die Musik
Klammert man zum besseren Vergleich einmal das Play-off-Spiel aus, gab es bei dieser Endrunde insgesamt 50 Tore mit einem Schnitt von 3,33 Treffern pro Partie. Damit lag man zwar unter dem Schnitt der Endrunde 2016, jedoch weiter über dem Schnitt von 2012 mit 1,73 Treffern pro Partie, auch wenn diese damals bei extrem heißen Verhältnissen in der Türkei hart erarbeitet waren.

Jährliche Trefferanzahl

 JahrGruppeK.-o.GesamtSchnitt
2003458533,53
20044412563,73
20054812603,75
2006318392,60
20073411453,00
2008347412,73
20093812503,33
2010525573,80
20113618543,60
2012206261,73
2013319402,67
2014297362,40
20152712392,60
20164114553,67
20173713503,33

*Aus Vergleichsgründen wurden zusätzliche Play-off-Partien nicht berücksichtigt

In Nordirland wurden die insgesamt 50 Treffer von 30 verschiedenen Spielerinnen erzielt. Mittelstürmerinnen erzielten 16 Tore, Außenstürmerinnen und Flügelspielerinnen insgesamt 11 Tore, Innenverteidigerinnen zwei Tore und 19 Treffer kamen von zentralen Mittelfeldspielerinnen. Die beiden übrigen Treffer waren Eigentore. Dieses Trefferbild unterscheidet sich merklich von dem bei den A-Nationalmannschaften, wo Angreiferinnen für 32 Treffer verantwortlich waren und zentrale Mittelfeldspielerinnen nur für 13 Treffer. Ergänzend sei zu erwähnen, dass die Treffer von Emelyne Laurent je nach ihrer entsprechenden Position im Spiel gutgeschrieben wurden, also entweder als Mittelstürmerin oder als Mittelfeldspielerin.

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Patricia Guijarro: Spaniens 5-Tore-Frau

Die Dominanz der Torschützinnen aus dem Mittelfeld wurde von Patricia Guijarro untermauert, die nach ihren beiden Treffern beim Finalsieg der Spanierinnen den Goldenen Schuh überreicht bekam. Das Mittelfeld des Turniersiegers war geprägt von einer herausragenden Dreiecksformation. In dieser war Damaris Egurrola eher starr im Zentrum eingesetzt, Maite Oroz kümmerte sich um die Flügel, indem sie sich auf beiden Seiten immer wieder anbot und so das Spiel in die Spitze entscheidend mit ihren Läufen und Pässen belebte. Guijarro war immer wieder zwischen beiden Strafräumen unterwegs. Oroz war von der Spielanlage her einer klassischen Nummer 10 noch am nähesten, während andere Teams ihre Angriffe zumeist über das defensive Mittelfeld direkt vor der Abwehrkette aufbauten. Deutschland spielte prinzipiell mit Janina Minge und Luca Graf in der Spielmacherrolle, während Laura Freigang sich zumeist hinter Angreiferin Klara Bühl als eine Art hängende Spitze präsentierte. Bei den Niederlanden waren Nurija van Schoonhoven und Nadine Noordam gleichermaßen für Balleroberungen und Ballkontrolle im Mittelfeld zuständig, während Victoria Pelova clever zwischen den gegnerischen Reihen für Unruhe sorgte. Im französischen Mittelfeld war Sana Daoudi die zentrale Anspielstation. Ihre Art, das Spiel zu gestalten, bestand vor allem vielmehr darin, offensichtliche sowie einfache Pässe zu spielen und Räume zuzumachen, als wirklich kreativ als Passgeberin zu agieren.

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Passspezialistin: Emelyne Laurent

So sind die Treffer gefallen
Flügelspiel sorgte für 31% der Treffer aus dem Spiel heraus, Querpässe und Hereingaben von der Grundlinie waren Grundlage für 12 Treffer. Der Unterschied zu den 32,6% bei der EURO der A-Nationalmannschaften war kaum relevant. Pässe nach vorne waren die zweithäufigste Grundlage für Treffer, darunter auch einige Kontertore. Dazu zählten die Zuspiele auf Emelyne Laurent gegen Deutschland und Spanien im Halbfinale sowie Finale. Ein weiteres Beispiel war der Ball auf Spaniens Angreiferin Lucía García im zweiten Halbfinale, die daraus ebenfalls einen Treffer generierte. Die Bälle in die Spitze waren bei den A-Nationalmannschaften nicht annähernd so erfolgreich, wo tief gestaffelte Abwehrreihen deren Erfolgsrate auf sieben Stück hielt.

Insgesamt elf Treffer wurden per Kopf erzielt, sieben davon nach Standardsituationen. Daraus ergibt sich wieder einmal die Wichtigkeit intensiven Trainings von Standardsituationen.

KategorieAktionErklärungTore

Standards


EckbälleDirekt durch / nach einem Eckball8
Freistöße (direkt)Direkt durch einen Freistoß1
Freistöße (indirekt)Direkt nach einem Freistoß3
StrafstößeElfmeter (oder direkter Nachschuss eines Elfmeters)1
EinwürfeDirekt nach einem Einwurf0
Aus dem Spiel

KombinationenAus dem Kombinationsspiel5
FlankenFlanken vom Flügel7
RückpässeHereingabe von der Grundlinie5
DiagonalpässeDiagonalpass in den Strafraum1
Abschluss aus dem LaufDribbling und Nahdistanzschuss / Dribbling und Pass2
FernschüsseDirektschuss / Schuss und Rebound4
VorwärtspässePass in die Spitze oder Pass über die Abwehr11
AbwehrfehlerFehlpass in der Abwehr / Torwartfehler2
EigentoreTreffer durch den Gegner2
  Gesamt52

Nur nicht aufgeben
Elf der 16 Partien, die in Nordirland gespielt wurden, wurden von dem Team gewonnen, das den ersten Treffer erzielen konnte. Nur drei Spiele wurden am Ende von der Mannschaft gewonnen, das mit 0:1 in Rückstand geriet – an all diesen Partien war Frankreich beteiligt. Gilles Eyquems Team drehte die Partie gegen Italien zu einem 6:1-Erfolg, im Halbfinale gegen Deutschland stand es nach Rückstand am Ende 2:1 und im Endspiel gegen Spanien wurde die Partie auch gedreht, diesmal aber vom Gegner, der sich nach zweimaligem Rückstand und einem sehr intensiven Spiel mit 3:2 durchsetzen konnte.

Halbfinal-Highlights: Deutschland - Frankreich 1:2

Durch die beiden späten Treffer der Spanierinnen in der letzten Viertelstunde des Endspiels wurde dieser Zeitraum auch zum torreichsten der gesamten Endrunde. Doch der Unterschied zu den meisten anderen Zeiträumen war nur marginal und die Verteilung der Tore insgesamt recht gleichmäßig. Allerdings war ein klarer Unterschied zwischen der ersten (21 Tore) und der zweiten Spielhälfte (31 Tore) auszumachen. Grund dafür war nicht zuletzt die Torverteilung bei Frankreich, das dreimal vor und achtmal nach der Pause traf. In der K.-o.-Phase fielen insgesamt drei Treffer vor und ganze zehn Treffer nach der Pause.

MinutenTore%
1-15617
16-30917
31-45510
Nachspielzeit 1.HZ12
46-60917
61-75917
76-901019
Nachspielzeit 2.HZ36

*Inklusive Play-off-Spiel

Chancen herausspielen
Kann Spanien vor dem Tor auch effektiv sein? Das war eine der Fragen, die man nach der Gruppenphase über das Team von Pedro López stellen musste –genau wie bei der ersten Mannschaft bei der EURO 2017 –, denn das Team tat sich extrem schwer, gut herausgespielte Chancen auch in Tore umzumünzen. Probleme bereiteten dem spanischen Angriff die gut gestaffelten Defensivblöcke der Gastgeberinnen und auch der Schottinnen. Insgesamt wurden 20 Abschlüsse geblockt – was der Höchstwert für dieses Turnier war. England, ebenfalls ein Team mit viel Ballbesitz, allerdings mit einem etwas vertikaler ausgelegten Angriffsstil, hatte ebenso große Probleme, den Ball hinter die gegnerische Torlinie zu bekommen. Wie die untenstehende Tabelle zeigt, benötigte das Team von 'Mo' Marley im Schnitt 14,25 Torschüsse für einen Treffer. Frankreich hingegen, vor allem dank der Geheimwaffe Emelyne Laurent als Ergänzung in der Offensive zu Mathilde Bourdieu, war in dieser Statistik das effektivste Team des Turniers (1:4,27) – knapp gefolgt von den Niederlanden (1:4,44). In seinen letzten beiden Spielen gegen Italien und Spanien erzielte das Team von Jessica Torny bei nur 15 Torschüssen ganze fünf Treffer. Obwohl Deutschland die meisten Torschüsse im ganzen Turnier abgegeben hat, waren es im Duell mit Spanien nur sieben Stück, am Ende stand aber trotzdem ein 2:0-Erfolg.

TeamSchüsseSchnittAuf das TorSchnittNeben das TorGeblocktAluminiumTore
Deutschland8320,75379,253115112
Spanien7615,20316,20252029
England*5714,25194,7512704
Italien4113,67134,33151315
Niederlande4010,00184,5015719
Frankreich479,40214,20224211
Schottland*276,75123,0010511
Nordirland134,3362,004311

Information: Torschüsse, die Pfosten oder Querbalken berührten, sind in Schüssen auf das Tor aufgeführt, sofern der Ball von einer Torhüterin oder einer Spielerin abgefälscht wurde, und in Schüssen neben das Tor, sofern der Ball direkt gegen das Aluminium ging.
* Play-off-Spiel inkludiert

Der ruhende Ball
Spaniens spielentscheidende Standardsituationen (ein Eckball und zwei Freistöße) im Endspiel unterstrichen noch einmal deutlich, dass sich Trainingseinheiten mit dem ruhenden Ball absolut auszahlen können. Wenn man das WM-Play-off-Spiel zwischen England und Schottland miteinbezieht, fielen sieben der 15 Treffer in der K.-o.-Phase des Turniers direkt nach oder durch eine Standardsituation.

Final-Highlights: Frankreich - Spanien 2:3

Insgesamt liegt der Anteil von Turniertreffern durch oder direkt nach einer Standardsituation bei 25%. Der Wert bei der Endrunde der A-Nationalmannschaften lag etwas höher bei 32%. Die Verteilung dieser Treffer war jedoch grundverschieden. Während in den Niederlanden viele Treffer durch Elfmeter erzielt wurden, gab es in Nordirland überhaupt nur einen Strafstoß.

Die beiden erfolgreichen Freistöße der Spanierinnen im Finale kamen somit am Ende eines Turniers, in dem zuvor nur ein Freistoßtreffer erzielt wurde. Herausragend war aber die Effektivität bei Eckbällen. In den Niederlanden sah es noch ganz anders aus, denn dort führte nur eine von 76 Ecken zum Erfolg. In Nordirland brauchten die Teams lediglich 16,25 Eckbälle für einen daraus resultierenden Treffer.

Tore nach Standards

Bemerkenswert war ohne Zweifel, dass in der gesamten Gruppenphase nur drei Treffer nach Eckbällen erzielt wurden und in der vier Spiele umfassenden K.-o.-Phase ganze fünf Treffer. Die Verteidigung von Eckbällen stellte sich als sehr vielfältig heraus. England und die Niederlande spielten eine Mischung aus Raumverteidigung und Manndeckung. Die Schottinnen waren immer nah dran an der Gegenspielerin, Spanien hielt sich zumeist im Raum auf und Frankreich ebenso. Deutschland verteidigte auch im Raum und hatte oftmals alle elf Feldspielerinnen im eigenen Strafraum. Im Halbfinale gegen Frankreich gab es eine Ecke von der linken Abwehrseite, bei der die Deutschen eine Spielerin am kurzen Pfosten und eine daneben hatten sowie vier weitere gut drei Meter vor der Torlinie im Raum. Zwei Spielerinnen befanden sich in der Nähe des Elfmeterpunktes gegen drei französische Spielerinnen, von denen eine (Julie Thibaud) den Ausgleich köpfte.

Der nächste Schritt
Bei der EURO der A-Nationalmannschaften gab es unter den Trainern ein bestimmendes Thema. Diese Problematik wurde von Schottlands Trainer Gareth Evans als "Vakuum zwischen der U19 und der ersten Mannschaft" beschrieben. Die Gastgeberinnen zeigten sich von der geringen Anzahl an Spielerinnen, die schnell den Sprung von der U19 in den Seniorenbereich schaffen, am wenigsten beeindruckt. "Wir haben es immer als große Entwicklungsmöglichkeit angesehen", sagte Trainer Alfie Wylie. "Wichtig ist es, wettbewerbsfähig zu werden, und das muss man lernen." Für die Trainer der großen Teams ging es vor allem darum, in den Bereichen Leistungsfähigkeit, Disziplin und Konzentrationsfähigkeit die jungen Spielerinnen Schritt für Schritt auf das Niveau der A-Nationalmannschaft zu führen. "Das Ergebnis", merkte Anja Palusevic an, "war ein Turnier, in dem das Niveau der großen Teams sehr ausgeglichen war, die Spielweisen aber durchaus unterschiedlich waren. Die unterschiedlichen Fußballkulturen konnte man problemlos erkennen."

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Für Nordirland war es die erste Endrundenteilnahme

"Es gab wichtige Bestrebungen, die Lücke zu schließen, indem Spielerinnen mit zur Weltmeisterschaft genommen wurden", erklärte Hope Powell. "Wir sehen Spiele, die in Sachen Spielgeschwindigkeit und Intensität auf sehr hohem Niveau bestritten wurden. Man erkannte gute Spielpläne, die auf die Fitness und auch die Reife der Spielerinnen angepasst waren. So konnten diese das Optimum aus ihrem Potential machen."

Es gab unterschiedliche Ansätze. Gilles Eyquem zum Beispiel erklärte, "es ist gut für die Spielerinnen, mit diversen Spielsystemen vertraut zu sein". Im Verlaufe des Turniers agierte Frankreich in einem 1-4-3-3, 1-4-4-2 und auch in einem 1-4-2-3-1-System. Spanien hingegen agierte durchgehend in einem 1-4-3-3-System. Die meisten Teams vertrauten bei der Endrunde auf ein 1-4-3-3-System, wobei die genaue Ausrichtung der Angreiferinnen dabei variierte. Keines der Teams in Nordirland spielte mit einer Dreierkette – abgesehen vom Gastgeber, der zwischenzeitlich auf ein 1-3-5-2-System umstellte, als man gegen Schottland einem Rückstand hinterherlief.

"Eine der positiv herausstechenden Eigenschaften", fügte Anja Palusevic an, "war die taktische Vielfalt innerhalb der Spiele." "Das Spiel hat sich definitiv weiterentwickelt", sagte Hope Powell. "Trainer gehen die Sache inzwischen ein wenig strategischer an, Anpassungen erfolgen immer wieder an die Veränderungen beim Gegner. Dabei steht Erfahrung ganz oben auf der Liste wichtiger Voraussetzungen. Denn Punkte wie Aufladung der Speicher, optimale Erholungsarbeit bei einem engen Spielplan, das Scouting der Gegner und zugehörige Informationsverarbeitung haben höchste Wichtigkeit. Diese Aspekte dienen dazu, sich effektiver auf verschiedene Spielsituationen einzustellen und diese zu bewältigen. In solchen Turnieren lernen auch die Trainer enorm viel und sie bieten die perfekte Möglichkeit, Spielerinnen auf die A-Nationalmannschaft vorzubereiten."

Dies zeigt einen weiteren zentralen Aspekt bezüglich der Lückenschließung von der U19 hin zur A-Nationalmannschaft bei den Damen. In Nordirland standen viele sehr erfahrene Übungsleiter an der Seitenlinie ('Mo' Marley, Maren Meinert, Gilles Eyquem…) doch der Aufstieg von Spaniens Jorge Vilda aus der U19 zum Trainer der A-Nationalmannschaft stellt eine echte Rarität dar. Gibt es Gründe dafür?

Mentale Stärke
Auch wenn der ganz große Fokus natürlich auf dem Gewinnen von Spielen lag, hoben die Trainer auch die Bedeutung eines ganz anderen Aspekts hervor. Für sie war die richtige und effektive mentale Einstimmung der Spielerinnen auf die Partien ein ganz wichtiger Schritt in der Entwicklung ihrer Schützlinge. "Der erste Schritt", sagte Gareth Evans, "ist die Schaffung eines professionellen Umfeldes und das Heranführen der Spielerinnen an eben dieses. In vielen Fällen ist die Spielereinschätzung der Herausforderungen des Fußballs auf höchstem Niveau weit entfernt von der Realität." Diese Auffassung teilten die Kollegen. "Das Spiel hat sich in den letzten zehn Jahren verändert", war zu hören. "Die Anforderungen an die Athletik ist extrem gestiegen, ich bin mir aber nicht sicher, ob die Fähigkeit, ein Spiel zu lesen und zu verstehen, mit dieser Entwicklung mithalten konnte. Die Tendenz geht dahin, dass Spielerinnen erwarten, dass man sich um alles kümmert. Es fehlt ein wenig die Initiative, denn es wird erwartet, dass einem alles vorgekaut wird. Es ist also nötig, dass man den Spielerinnen beibringt, wie sie das Spiel richtig verstehen."

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Niederlandes Spielerinnen übernahmen Verantwortung

Diesen Weg haben einige Trainer bereits beschritten. Jessica Torny zum Beispiel legte großen Wert darauf, mit dem niederländischen Nachwuchs "Fußball zu besprechen" und diesen in Bezug auf Spielanalysen und Mannschaftspläne in die Verantwortung zu nehmen. "Wir bauen Standardsituationen in jedes Training ein und wir erwarten auch in diesem Bereich von den Spielerinnen Eigeninitiative. Was die mentale Seite angeht, sehe ich das Verhalten der Trainer als ganz essentiell an. Wenn das Trainerteam sich entspannt zeigt, dann können auch die Spielerinnen die richtige Einstellung entwickeln."

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