Das Endspiel

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Das Ullevaal-Stadion in Oslo sorgte für eine tolle Kulisse und bot einen perfekten Rahmen für das große Finale. Thor, der nordische Donnergott, hatte seinen Zorn ab Mittag im Griff und als sich die Teams von Spanien und den Niederlanden zur Nationalhymne aufstellten und die Sonnenstrahlen die Regentropfen am Boden zum Glitzern brachten, leuchteten die Trikots, der Rasen und das Stadion in einem ganz besonderen Licht. Doch als die slowakische Schiedsrichterin Zuzana Kováčová das Finale 2014 endlich frei gab, schien es fast so, als wären die Spielerinnen von den äußeren Umständen geblendet. Vielleicht war es auch die Umstellung von Kunstrasen auf den glitschigen, schnellen Naturbelag, der beide Teams die Orientierung verlieren ließ. Jedenfalls hatten beide enorme Probleme bei der Ballannahme und dem Passspiel.

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Jorge Vilda und André Koolhof

Die beiden sportlich gekleideten Trainer – der spanische Coach Jorge Vilda und sein niederländischer Kollege André Koolhof – schöpften ihre Möglichkeiten, Anweisungen aus der Coaching-Zone zu geben, voll aus. Beide hatten nahezu identische Formationen aufgeboten und versuchten, durch positionelle Anpassungen mehr Ruhe ins Spiel zu bringen. Die Teams liefen im 4-3-3 auf, wer jedoch genauer hinsah, konnte einen Unterschied im Dreier-Mittelfeld erkennen. Vilda hatte mit Maitane López nur eine Sechserin vor die Viererkette aufgestellt, während Koolhof eine Doppelsechs ins Rennen schichte: Inessa Kaagman und Kim Mourmans agierten im Zentrum defensiv, davor war Jill Roord beauftragt, als Bindeglied zwischen Mittelfeld und dem Dreier-Sturm zu fungieren.

Den Angriffsreihen war vor dem Spiel klar, dass auf sie eine große Herausforderung zukommen würde. Spaniens Torfrau Sara Serrat, gekleidet im sonnengelben Trikot, sowie die Niederländerin Jennifer Vreugdenhil im blauen Outfit hatten vor dem Duell im Ullevaal in drei von vier Partien ihren Kasten sauber gehalten. Im Turnierverlauf hatten beide mit starken Reaktionen geglänzt und waren stets aufmerksam, so dass sie einige Situationen auch im Stile eines Liberos klären konnten und damit der Abwehr zusätzliches Selbstvertrauen verliehen. Beide Innenverteidiger-Duos lieferten gewissenhafte Arbeit ab und wirkten fast unüberwindbar. Spaniens Garazi Murúa und Marta Turmo hielten mit gutem Teamwork Vivianne Miedema in Schach, die sich in den Spielen zuvor als brandgefährlich herausgestellt und in zweieinhalb Partien fünf Treffer zum Finaleinzug beigesteuert hatte.

Weil in den zentralen Räumen wachsam patrouilliert wurde, wichen die Teams auf die Flügel aus. Andrea Sánchez, die nach Verletzung ins Team zurückgekehrt war, jedoch mit einer Bandage am Oberschenkel auflief, sorgte mit ihren Sololäufen auf der linken spanischen Seite für Betrieb, auf rechts hatte derweil María Caldentey Probleme, gegen die stets aufmerksame Danielle Kuikstra Unruhe zu stiften. Beide wurden von den Außenverteidigerinnen unterstützt. Während man Miedema gut im Griff hatte, sorgte die lebhafte Jeslynn Kuijpers auf dem rechten Flügel für die meisten Kopfschmerzen in der spanischen Hintermannschaft. Vor allem ihre Vorstöße bis an die Grundlinie hatten es in sich.

Ein Problem blieb der Koolhof-Elf jedoch: Immer wieder konnte Spanien die Passwege gut zustellen und ließ so kein schnelles Spiel zu. Roord war viel unterwegs und suchte nach Räumen, wurde dafür aber nicht belohnt. Folglich blieb sie zur Halbzeit in der Kabine. Gar nicht schmeckte es den Niederländerinnen auch, dass Inessa Kaagman, die auf dem Weg ins Finale starke Leistungen in der Spielmacherrolle abgeliefert hatte, sich nur selten der Einzelbewachung entziehen konnte. Doch Mourmans, eigentlich eher als lauf- und kampfstarke Spielerin und nicht als Kreativgeist bekannt, schnappte sich den Taktstock und gab den Ton an. So war es ihr Geistesblitz in der 21. Minute, der der Partie einen entscheidenden Impuls verlieh. Ihr überlegter Pass zwischen Murúa und Garrote hindurch kam zu Miedema, die bei ihrem Sprint ein perfektes Timing erwischte, kurz den Blick nach oben richtete, um Torfrau Sara Serrat auszugucken und dann eiskalt vollendete. Wie eine Jägerin hatte sie zugeschlagen und damit den Spielverlauf nachhaltig beeinflusst.

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Miedema entschied die Partie

Für Vilda bestand die Herausforderung nun darin, seinen Spielerinnen mithilfe von Körpersprache und Anweisungen klar zu machen, einfach weiterhin an das geduldige Passspiel zu glauben. Er war damit auch zumindest teilweise erfolgreich, auch wenn der Panikknopf immer attraktiver zu werden schien. UEFAs Technische Beobachterin Hope Powell notierte: "Das Tor war eine Einladung für die Niederlande, weiter die eigenen Stärken auszuspielen. Genau dies haben sie mit taktischem Scharfsinn getan. Aber die spanischen Mädchen waren nun geneigt, den direkten Weg zu suchen und lange Bälle zu spielen. Wenn dies der Fall war, suchten sie dabei vor allem die Teamkolleginnen mit einem diagonalen Ball und probierten es nicht, den Ball in den Raum hinter die Abwehr zu bekommen. So waren sie relativ einfach zu verteidigen."

Es entwickelte sich ein Spiel mit Höhen und Tiefen, mit schwachen und brillanten Momenten. Die niederländische Torfrau spielte zweimal mit dem Feuer, als sie im Duell mit Spaniens Flügelstürmerin Sánchez etwas zu lange zögerte und ihr fast die Möglichkeit zu einem einfachen Tor gab. Bis zur Halbzeitpause hatte Spanien zwar das Geschehen weitestgehend im Griff, außer bei Standardsituationen sprangen aber keine klaren Torchancen heraus.

Nach dem Seitenwechsel konzentrierten sich die Niederländerinnen darauf, hinten kompakt zu stehen. Außerdem rückte Laura Strik von der linken Seite immer wieder nach innen, während Kuijpers mit ihren ständigen Vorstößen auf der rechten Seite die gefährlichste Waffe darstellte. Mithilfe von Kontern hätte man auch fast auf 2:0 erhöht, doch Miedema vergab mehrere gute Möglichkeiten. Erst platzierte sie einen Schuss zu zentral, anschließend profitierte sie von einem der seltenen spanischen Ballverluste, nur um mit einem Linksschuss zu verziehen und kurz darauf blieb auch ein kraftvoller Soloantritt ohne Ertrag.

Ansonsten wurde das Geschehen im zweiten Durchgang von Spanien dominiert, auch wenn es zwischendurch Phasen gab, in denen man mit den ständigen Positionswechseln der niederländischen Angreiferinnen Schwierigkeiten hatte. Auch die körperliche Überlegenheit der Niederländerinnen machte ihnen ab und an zu schaffen. Vilda nahm lediglich eine Einwechselung vor und brachte Alba Redondo für die fleißige Mittelfeldspielerin Leire Baños. Koolhof nutzte seine zwei letzten Wechsel, um auf den Flügelpositionen frischen Wind zu bringen. So wurde Strik durch Simone Kets ersetzt, außerdem kam Cornelia Peels für Linksverteidigerin Kuikstra.

Spanien zog wieder das effiziente Kurzpassspiel auf, anstatt es mit langen Bällen zu probieren und war mehrfach dem Ausgleich nahe. Nach einer Ecke von rechts gab es ein Durcheinander im Strafraum und die zierliche Nahikari García, die für ihr Alter schon enorm reif ist, hatte Chancen, denen man später nachtrauern sollte. So bekam sie den Ball von Redondo quergelegt, allerdings prallte das Leder an Vreugdenhil ab und wurde dann von der Linie gekratzt. Vilda mahnte von außen immer wieder zu mehr Geduld und Beharrlichkeit und dirigierte seine Spielerinnen in die richtigen Positionen, musste aber nach dem Spiel feststellen: "Es war einer dieser Tage, an dem der Ball einfach nicht reingehen wollte." Die spanische Beharrlichkeit wurde nicht belohnt und so war es bezeichnend, als Redondo nach einem Freistoß in der Nachspielzeit deutlich am Tor vorbei köpfte.

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García fand einfach keine Lücke

Vilda holte sich seine niedergeschlagenen Spielerinnen nach der Partie zusammen und bildete mit ihnen einen Kreis. In seiner Ansprache versuchte er das Team aufzumuntern und erklärte, dass man durchaus stolz auf die Leistungen sein dürfe. Die Fassung wiederzugewinnen benötigte jedoch Zeit. Als sich die Spielerinnen ihre Silbermedaillen abholten, wurden mehr als nur ein paar Tränen vergossen. Vor allem Nuria Garrote konnte es kaum fassen, hatte sie doch innerhalb von acht Monaten zwei EM-Endspiele und ein WM-Finale gespielt und alle drei verloren.

Dann durften die begeisterten Niederländerinnen ihre Goldmedaillen abholen und Inessa Kaagman kam in den Genuss, als erste Kapitänin die neu entworfene Trophäe in die Höhe zu stemmen. Koolhof konnte auf ein erfolgreiches erstes Jahr als Cheftrainer im Frauenfußball zurückblicken, hatte jedoch auch ein Lob für den Gegner und bezeichnete Spanien sogar als das bessere Team. Hope Powell zog zum Finale folgendes Fazit: "Es gab zwei Teams, die auf einem außergewöhnlich hohen Niveau der Reife gespielt und Elemente der Naivität gezeigt haben, wie man es auf dieser Altersstufe erwarten muss." Die Niederlande freuten sich über den ersten Titel im Frauenfußball - dank des guten Torriechers einer geborenen Stürmerin, dank eines Geniestreichs von Miedema.

Star der Niederlande: Vivianne Miedema

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