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Diskussionspunkte

Diskussionspunkte
Juliette Kemppi (Finland) & Nellie Karlsson (Sweden) ©Sportsfile

Diskussionspunkte

Geschlechtsübergreifendes Training?
Wie wichtig sind Jungen für die Entwicklung des Mädchenfußballs? Diskussionen unter den Endrundenteilnehmern in Wales zeigten, dass Spiele gegen Jungen in technischer, physischer und mentaler Hinsicht durchaus ihren Nutzen haben. Für den walisischen Trainer Jarmo Matikainen und die finnische Trainerin Marianne Miettinen gehörten Spiele gegen Jungen-Mannschaften zur Vorbereitung. Der Trainer der Norwegerinnen Jarl Torske erklärte, dass in ihren Nachwuchszentren die talentiertesten Mädchen häufig mit Jungen trainieren und die Experten für die Nachwuchsförderung in allen 18 Regionen des Landes mit Jungen und Mädchen arbeiten.

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Szene aus dem Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich

Die Cheftrainerin der DFB-Elf Maren Meinert sieht Spiele gegen Jungenteams als hilfreiche Trainingsmethode, betont jedoch, dass sie die Gegner sehr sorgfältig auswählt. "Aus den Vorbereitungsspielen gegen U15-Jungenmannschaften ziehen wir größeren Nutzen als aus Freundschaftsspielen gegen Nationalteams kleinerer Länder. Wir suchen uns ganz gezielt U15-Mannschaften aus. Bei Spielen gegen ältere und uns körperlich überlegene Teams würde es automatisch nur noch ums Verteidigen und um Schadensbegrenzung gehen. Die Mädchen sollen aber auch ihre Kreativität einsetzen und ihr Angriffsspiel trainieren."

Meinert weist auch auf eine Lücke in der Struktur des Mädchenfußballs hin, durch die Talente manchmal von der Bildfläche verschwinden: "Dabei geht es speziell um Mädchen, die bis maximal 13 Jahren mit Jungen zusammengespielt und dann ganz mit dem Fußball aufgehört haben, da sie nicht in einer reinen Mädchenmannschaft spielen wollten. Das sind manchmal die besten Spielerinnen. Wir bitten die Vereine, uns auf sie aufmerksam zu machen, und versuchen dann, sie zum Weitermachen zu animieren."

In einer Zeit, in der viele Nationalverbände Nachwuchsprojekte aufgleisen bzw. weiterentwickeln, ist die Frage, ob Mädchen in solchen Programmen getrennt behandelt werden sollten oder eine gemischte Ausbildung ratsamer wäre. Wenn ja, welche Struktur würde dabei der Entwicklung des Frauenfußballs am meisten nützen?

Wie wertvoll ist Erfahrung?
"Die Mädchen waren ziemlich unerfahren", sagte Mo Marley während der Endrunde in Südwest-Wales. "Sie hatten keinerlei internationale Erfahrung – und dass England aufgrund des Koeffizienten nicht an der ersten Qualifikationsrunde teilnehmen musste, war dabei auch nicht hilfreich."

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Englands Jessica Sigsworth nimmt es mit der französischen Abwehr auf

Kurioserweise begann und endete Englands Turnier mit einem Duell gegen Frankreich. Nach dem Gruppenspiel sagte Marley: "Die Torhüterin, eine Innenverteidigerin und eine Stürmerin gaben ihr Länderspieldebüt. Wir hatten in jeder Reihe eine Debütantin – gegen eine starke Mannschaft wie Frankreich ist das nicht ohne. Sie versuchten, so gut es ging, Schritt zu halten." Ähnlich tönte es bei ihrem französischen Trainerkollegen Gilles Eyquem: "Gegen England waren die Jüngeren etwas überrascht von dem körperbetonten Spiel, also setzte ich gegen Dänemark auf die Erfahreneren, die zu Hause bereits in der höchsten Spielklasse eingesetzt wurden."

In der Tat hatten sieben Spielerinnen aus dem französischen Kader im letzten Herbst die FIFA-U17-Frauen-Weltmeisterschaft gewonnen, wohingegen, wie Marley erklärte, keine der englischen Akteurinnen je an einer WM und die meisten auch noch an keiner EM-Endrunde teilgenommen hatten. "Aber sie spielten fantastisch. Sie haben ihr Bestes gegeben und auf die vorgegebene Taktik vertraut. Sie spielten außergewöhnlich stabil und schienen immer reifer zu werden", so Marley.

Ausgehend vom Alter waren die Kader 2013 mit einem Durchschnitt von 18,6 Jahren im Vergleich zu 18,06 (2012) und 18,33 (2011) "erfahrener" als sonst – Schweden hatte mit einem Altersdurchschnitt von knapp unter 19 den ältesten Kader. In Wales hatten 78 der Spielerinnen (54 %) Jahrgang 1994, 49 (34 %) 1995 und 17 (12 %) 1996.

Vom Standpunkt der Trainer wird Erfahrung aber nicht am Alter gemessen, sondern an Spielen bei internationalen Turnieren. "Aufgrund der verpassten Endrunden-Qualifikationen unserer U17 hatten wir da ein Manko. Darüber hinaus fehlte unseren jungen Spielerinnen, die in ihren Vereinen bereits zum Kader der A-Mannschaft gehören, auch die Spielpraxis. Wir müssten also bereits bei den 16-Jährigen ansetzen und sie allmählich heranführen", so Marley.

In dieser Hinsicht waren sich die Trainer in Wales alle einig: Die UEFA-Förderturniere und die Erweiterung der U17-EM-Endrunde auf acht Mannschaften waren beides Schritte in die richtige Richtung. Andererseits führt das Thema "Erfahrung" unausweichlich zurück auf die ewige Frage, ob es bei der U19-EM der Frauen um Erfolg oder Entwicklung geht. Hierbei ist zu klären, wie wertvoll Erfahrung auf dem Rasen ist. Ein weiterer Diskussionspunkt ist, ob Erfahrung entscheidend zu einer erfolgreichen U19-EM beiträgt – oder ob diese umgekehrt nicht einfach dazu dient, wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

Regel zum Schutz der Spielerinnen?
"Unsere beiden besten Spielerinnen sind nicht hier – und das macht uns stolz." Diese scheinbar widersprüchliche Aussage kam vom norwegischen Trainer Jarl Torske. Bei dem brillanten Duo handelte es sich um Stürmerin Ada Hegerberg (geboren am 10.7.95) und Flügelspielerin Caroline Hansen (18.2.95), die bei der UEFA Womenʼs EURO 2013 zusammen elf von zwölf Malen in Norwegens Startelf standen und Vize-Europameisterinnen wurden. Aufgrund der neuen Bestimmung der UEFA zum Schutz der Spielerinnen waren sie in Wales nicht mehr spielberechtigt – und weder Norwegen noch andere Länder kritisierten das.

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Karoline Smidt Nielsen war bei der UEFA Women's EURO 2013

Auch DFB-Trainerin Meinert nahm des Fehlen von Mittelfeldspielerin Melanie Leupolz (14.4.94) und Stürmerin Sara Däbritz (15.2.95) klaglos hin. Die Regel der UEFA, Nationalspielerinnen nur zu einer Endrunde pro Saison zuzulassen, stieß auf breite Zustimmung der Trainer in Wales. In einigen Punkten gibt es jedoch noch Verbesserungspotenzial. Däbritz beispielsweise kam in Schweden bei zwei Einsätzen als Ersatzspielerin nur auf 33 Spielminuten. Der Trainer der Däninnen Søren Randa-Boldt fuhr ohne Mittelfeldakteurin und Schlüsselspielerin Karoline Smidt Nielsen (12.5.94) nach Swansea, deren Einsatz bei der Womenʼs EURO auf die letzten fünf Minuten im Gruppenspiel gegen Finnland beschränkt blieb.

Gemäß der Ende Mai 2013 eingeführten Bestimmung der UEFA ist die Anzahl der Spielminuten irrelevant. Eine "Teilnahme" ist bereits erfolgt, wenn eine Spielerin für eine Endrunde zum Kader gehört. Dabei ist ihre Einsatzzeit irrelevant. Bei den Diskussionen muss natürlich auch berücksichtigt werden, dass die Spielerinnen für eine beträchtliche Zeit aus ihrem Alltag bzw. ihrer Ausbildung gerissen werden. Andererseits, so Meinert, bräuchten einige Spielerinnen die Turniererfahrung auch für ihre weitere Entwicklung. Jarmo Matikainen, Trainer der Waliserinnen, sagte dazu: "Nicht alle Nationalverbände haben gut organisierte Ligastrukturen, sodass die internationalen Turniere bei der Ausbildung und Weiterentwicklung eine zentrale Rolle spielen. Wir müssen aufpassen, dass wir die Spielerinnen nicht vor dem Falschen schützen."

Der Schutz der Spielerinnen ist unumstritten ein wichtiger Diskussionspunkt. Man muss sich allerdings fragen, ob das Reglement, nach dem Dänemarks Nachwuchsspielerin des Jahres vom Wettbewerb in Wales ausgeschlossen wurde, fair ist. Die Bestimmung zum Schutz der jungen Spielerinnen ist ein sehr löbliches Konzept. Aber gibt es darin noch Platz für Kleingedrucktes?

https://de.uefa.com/womensunder19/season=2013/technical-report/talking-points/index.html#diskussionspunkte