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TRAINERENTWICKLUNG
Für Litauen war die Austragung der UEFA-U17-Europameisterschaft der Frauen ein Meilenstein und wurde für Trainer im Frauenbereich aus dem ganzen Baltikum zur Weiterbildung genutzt. Der technische Direktor des litauischen Fußballverbandes, Raimondas Statkevičius, leitete den sechstägigen Workshop für die Nachwuchstrainer der besten Vereinsmannschaften und Auswahlteams des Landes. Die Teilnehmer besuchten mehrere Partien der Gruppenphase und tauschten ihre Erkenntnisse in einer Reihe theoretischer Sitzungen aus. Ebenfalls vertreten bei diesen Veranstaltungen waren Vertreter aus dem Nachbarland Lettland und dem nahegelegenen Estland.

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Die Gastgeber im Einsatz bei einem Gruppenspiel

"Wir haben die UEFA-U17-Europameisterschaft der Frauen dazu genutzt, um Europas besten Nachwuchsfußball aus dessen inneren Kern heraus zu erleben, von den Besten zu lernen und die Entwicklungen im Frauenfußball aus erster Hand wahrzunehmen", sagte Raimondas Statkevičius, der die beiden 14-köpfigen Gruppen leitete – die erste bestand aus litauischen Nachwuchstrainern, die sich das Abschlusstraining der Litauerinnen sowie die Partien Spanien gegen Italien, Finnland gegen Deutschland und Litauen gegen die Niederlande anschauten, wobei jedem Observanten eine spezifische Aufgabe in Bezug auf die Spielanalyse aufgetragen wurde. Außerdem analysierte diese Gruppe mit Litauens U17-Trainerin Ieva Melanija Kibirkštis und ihrem Team das Spiel ihrer Mannschaft, um sich danach mit Andrius Skerla zu treffen, dem Verantwortlichen für die technische Entwicklung des Litauischen Fußballverbandes.

Die zweite Gruppe bestand aus insgesamt 14 litauischen Trainern weiblicher Vereinsmannschaften und Nationalmannschaften. Diese betrieben ähnliche Spielanalysen drei weiterer Partien und trafen sich mit Kaan Kahraman, der Kibirkštis mit Unterstützung der UEFA betreut hatte. Darüber hinaus gab es einen aufschlussreichen Workshop mit Mitgliedern der Technischen Studiengruppe der UEFA, Anna Signeul und Anja Palusevic.

"Die Teilnehmer haben bei diesem Workshop viel gelernt", sagte Statkevičius. "Man hat die Möglichkeit, mit allen anderen zu diskutieren, sich auszutauschen und mit modernen Analyse-Werkzeugen zu arbeiten sowie von internationaler Erfahrung zu profitieren."

Während des Turniers in Litauen hielt Anja Palusevic vor ausgewählten lettischen Trainern, die die Gelegenheit dazu nutzten, einen Workshop zu arrangieren, eine Präsentation. Eine gemischte Gruppe aus Trainern von Männer- und Frauenmannschaften beobachtete das Halbfinale und Finale und analysierte diese Partien bezüglich der Talentidentifikation, wofür es weitere Unterstützung durch die Technischen Beobachter der UEFA in Form einer Präsentation und einer Gruppendiskussion gab.

Auch Vertreter aus Estland verfolgten einige der ersten Gruppenspiele, im Rahmen der Unterstützung der UEFA für alle drei baltischen Länder, um einen möglichst optimalen Lernerfolg aus diesem hochwertigen Turnier vor der eigenen Haustür zu ziehen.

ITALIENISCHE FORTSCHRITTE
Der Frauenfußball in Italien befindet sich derzeit in einer Art Revolution und die ersten Früchte dieser Entwicklung können bereits geerntet werden. Teil der aktuellen Initiative des Italienischen Fußballverbandes (FIGC) mit dem Ziel, das Niveau und auch das Engagement für das Spiel anzuheben, war die Verpflichtung für alle Serie-A-Teams, eine weibliche U12-Auswahl mit mindestens 20 Spielerinnen einzugliedern. Diese Bemühungen wurden noch intensiviert mit der Verpflichtung, weiteren 20 Mädchen die Chance zu geben, in mindestens einem Nachwuchsteam aus der Saison 2017/18 zu spielen.

"Jetzt spielen mehr Mädchen Fußball und Italien hat mehr Trainer und professionellere Strukturen", sagte Italiens Trainer Massimo Migliorini. "Zu verdanken haben wir diese Entwicklung der Verpflichtung für die Profi-Klubs, weibliche U12 und später U14-Teams zu stellen. Im Zuge dieser Entwicklung sind einige Teams sogar noch einen Schritt weiter gegangen und haben weitere Altersstufen in Angriff genommen."

Viele der Topklubs aus der Serie A sind im Frauenbereich nicht nur sehr aktiv, sondern auch wirklich erfolgreich. So laufen die Frauenteams der Fiorentina und von Juventus unter der gleichen organisatorischen Struktur wie die Männerteams, was für die Frauen eine noch größere Sichtbarkeit bedeutet.

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Italiens Trainer Massimo Migliorini

"Das Problem, das der Frauenfußball in Italien lange hatte, war die Mentalität der Menschen", fügte Migliorini weiter an. "Als früher die Töchter zu ihren Vätern sagten, sie wollen Fußball spielen, haben sie es ihnen untersagt und sie zu einer anderen Sportart überredet, wie Volleyball. Die wenigen, die es dennoch taten, spielten im Park oder in Jungs-Mannschaften. Doch nun haben alle Topteams weibliche Nachwuchsteams und wenn eine Tochter nun für Juventus, die Fiorentina oder Inter spielen will, dann sieht sie in das freudestrahlende Gesicht ihres Vaters. Die Mädchen haben nun die Aussicht darauf, für Teams wie Juve oder die Fiorentina auf professionellem Level zu spielen."

Italiens U19-Auswahl hat sich für die UEFA-U19-Europameisterschaft der Frauen 2018 qualifiziert und die erste Mannschaft der Frauen hat den Sprung zur Endrunde der FIFA-Weltmeisterschaft 2019 geschafft – zum ersten Mal seit 1999. 

QUALITÄTSSTEIGERUNG UND TURNIERERWEITERUNG?
Die allgegenwärtige Frage, ob eine Endrunde mit nur acht Mannschaften ausreicht, um das Niveau auf U17-Ebene weiter anzuheben, wurde auch in Litauen aufgebracht.

Dort fehlten unter anderem Schweden, Österreich, Frankreich, Norwegen und die Schweiz. Es könnte also durchaus die Zeit gekommen sein, mehr Teams auf dieser großen Bühne die Chance zu geben, wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Ganz besonders, wenn die Endrunde als Qualifikationsturnier für die FIFA-U17-WM dient, wie es 2018 der Fall war.

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Englands Trainer John Griffiths und sein Betreuerstab

"Ich würde der UEFA unbedingt dazu raten, mehr Teams in der Endrunde als Option ins Auge zu fassen. Die Voraussetzungen sind geschaffen", sagte Englands Trainer John Griffiths. "Norwegen, Frankreich, Dänemark, Schweden, Irland, Österreich – es gibt sechs oder sieben Teams, die hier sein sollten, aber nicht hier sind. Die Herausforderung ist die Tatsache, dass nur drei Teams zur WM fahren – eine härtere Qualifikation für die Weltmeisterschaft gibt es im Weltfußball nicht.

"Ein erster Schritt wäre eine Erweiterung auf zwölf Teams. Frankreich und Norwegen sind nicht hier, aber wir wollen hier doch gegen die besten Teams antreten."

Italien war nach dem Verpassen der Endrunden 2015 und 2017 diesmal wieder mit von der Partie. Der U19-Trainer Enrico Sbardella, der sich die ersten beiden Gruppenspiele seines Landes bei dieser Endrunde anschaute, unterstützt ebenfalls eine Turniererweiterung. "Spanien verdankt seinen Erfolg der jahrelangen Erfahrung, die man bei der Endrunde sammeln konnte", sagte er. "Jede Teilnahme sorgt für einen enormen Zuwachs an Erfahrung. Für jedes Land ist jede Teilnahme ein Gewinn, regelmäßige Teilnahmen können essentielle positive Folgen haben. Spanien zeigt das deutlich und eine Vielzahl von Nationen will in diese Fußstapfen treten." 

VERLETZUNGSPROBLEME
Auf der einen Seite steht der Ruf nach einer Erweiterung der Teilnehmer, auf der anderen Seite werden weniger Spiele im Ligabetrieb gefordert. Alle Topnationen bei der UEFA-U17-Europameisterschaft der Frauen zu haben ist die eine Seite, auf der anderen Seite muss auch sichergestellt werden, dass die besten Spielerinnen mit von der Partie sind.

Alle an der Endrunde in Litauen teilnehmenden Nationen mussten mit schlechten Nachrichten umgehen. Spanien hat zwar das Turnier gewonnen, das gelang dem Team aber ohne einer ihrer vielversprechendsten Spielerinnen, Clàudia Pina. Diese hatte 15 Treffer in der Qualifikation erzielt und damit 20 Treffer in dieser Altersstufe – damit stellte sie den Rekord der Niederländerin Vivianne Miedema ein.

Die 16-Jährige hätte diesen Rekord in Litauen mit großer Wahrscheinlichkeit sogar gebrochen.

"Drei oder vier unserer Spielerinnen, die uns auf jeden Fall weitergeholfen hätten, sind aktuell verletzt", sagte Spaniens Trainerin Toña Is. "Ich denke, Claudias Verletzung liegt darin begründet, dass sie zu viele Spiele absolviert hat und nicht genug Zeit zur Erholung hatte. Sie sind zu jung, um schon derart viele Spiele zu machen."

Um die Problematik einmal in Zahlen auszudrücken, ein 16-jähriges Mädchen könnte beispielsweise in Polen auf bis zu 70 Partien in einer einzigen Saison kommen.

"Fünf Spielerinnen fehlen uns verletzungsbedingt", erklärte Polens Trainerin Nina Patalon. "Vier davon sind Jahrgang 2001 und eine ist Jahrgang 2002. Alle fünf haben schwerwiegende Knieverletzungen. Es wird zu viel gespielt und zu wenig trainiert. Ich bin sehr enttäuscht und traurig. Sehr viel Zeit vergeht alleine für die Genesung und Wiederherstellung und nicht für effektives Training. Manchmal fühlt es sich an wie in einem Sommercamp."

Auch in England laufen gerade die erfolgreichen jungen Spielerinnen Gefahr, ihre zahlreichen guten Leistungen in Zukunft mit Verletzungen zu bezahlen.

"Aus dem Jahrgang 1998 haben es drei Spielerinnen in die höchste Spielklasse geschafft, aus dem Jahrgang 1999 vier Spielerinnen, aus dem Jahrgang 2000 waren es zwei und aus dem aktuellen Jahrgang (2001) waren es zwölf Spielerinnen, die den Sprung in die Women's Super League geschafft haben", erklärte Englands Trainer John Griffiths. "Sie spielen WSL am Samstag, ein Entwicklungsspiel am Sonntag und am Dienstag schon wieder in der WSL."

Die besten Spielerinnen müssen auf Vereinsebene derart regelmäßig auf das Feld, in der Hoffnung ihre Bestform zu erhalten, dass die Gefahr zu häufiger Einsätze durchaus bereits erkannt wurde. Es gilt dabei allerdings herauszuarbeiten, wie viel zu viel ist für junge Spielerinnen, die sich gerade körperlich noch entwickeln. Schließlich haben Verletzungen im Alter von 15 oder 16 Jahren mitunter fatale Auswirkungen auf eine erhoffte spätere Karriere.

ENTWICKLUNGSFORUM FÜR NACHWUCHSTRAINER
Eine Thematik, die mit den acht Trainern der Endrundenteilnehmer in Litauen diskutiert wurde, war die Frage, ob man in einem gegenseitigen Erfahrungsaustausch einen Mehrwert sehen würde. Das Ergebnis war eine einstimmige Befürwortung eines Workshops für Trainer von Nachwuchsmannschaften.

"Eine Thematik, die mit den acht Trainern der Endrundenteilnehmer in Litauen diskutiert wurde, war die Frage, ob man in einem gegenseitigen Erfahrungsaustausch einen Mehrwert sehen würde. Das Ergebnis war eine einstimmige Befürwortung eines Workshops für Trainer von Nachwuchsmannschaften."

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Toña Is dirigiert an der Seitenlinie

Spaniens Trainerin Toña Is hat an dem Trainerforum im Anschluss an die letzte EURO der Frauen in den Niederlanden teilgenommen und würde diese Erfahrung sehr gerne wiederholen.

"Eine solche Trainerzusammenkunft kann dazu dienen, die vorhandenen Probleme aufzudecken und diese zu besprechen", sagte sie. "Bei dem Treffen der Trainer in den Niederlanden habe ich sehr viel dazugelernt. Kommunikation hilft ungemein dabei, sich zu verbessern. Es war wichtig für mich, die Meinungen und Ansichten so vieler toller Trainer mitzubekommen. [Als Assistenztrainer bei der Frauen-Europameisterschaft dabei zu sein] war für mich von unschätzbarem Wert, ich haben so viele Dinge gelernt, die ich nun in dieser Altersstufe umsetzen kann."

Die Lösung könnte ein Treffen der Trainer sein, bei dem diese genauso viel lernen und dank dem sie sich weiterentwickeln, wie es die Spielerinnen in Litauen getan haben.

https://de.uefa.com/womensunder17/season=2018/technical-report/talking-points/index.html#gesprachsthemen