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Gesprächsstoff: Technische Themen

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Deutschlands Torhüterin Stina Johannes hält einen Elfer im Halbfinale ©Sportsfile

Gesprächsstoff: Technische Themen

IN GUTEN HÄNDEN

Ihre einhändige Parade in der zweiten Minute des Endspiels war sinnbildlich für ihre Leistungen bei der UEFA-U17-Europameisterschaft der Frauen. Deutschlands Stina Johannes war aber nicht die einzige Torfrau in der Tschechischen Republik, die mit herausragenden Reaktionen glänzen konnte.

Es gab in den 15 Partien zwar lediglich zwei torlose Unentschieden, die Torwartleistungen aber waren so gut, dass man von einem deutlichen Fortschritt auf diesem Gebiet sprechen kann. Nicht nur die Qualität der Paraden ist nennenswert, die Torfrauen entwickeln auch ein besseres Positionsverständnis und sind in der Strafraumbeherrschung selbstbewusster geworden.

Ein spezielles und zielgerichtetes Training - alle Nationen hatten einen Torwarttrainer dabei und der DFB verpflichtete dafür die dreimalige UEFA Women's EURO-Siegerin und zweimalige FIFA-Frauen-Weltmeisterin Silke Rottenberg – hat zu dieser allgemeinen Steigerung geführt. "Wir haben mutige Torfrauen gesehen, die nicht gezögert haben, bei Flanken und Eckbällen die Linie zu verlassen", so Anna Signeul, Technische Beobachterin der UEFA. "Jahr für Jahr wird das Niveau der Torhüterinnen besser und dies war auch in hier nicht anders."

Englands Trainer John Griffiths und seine französische Kollegin Sandrine Soubeyrand betonten, wie wichtig im modernen Fußball ein guter Torwart ist, weil sich gerade dieser Bereich des Spiels so weiterentwickelt hat. Um eine der U17-Torfrauen in der Tschechischen Republik zu überwinden, war definitiv ein guter Abschluss von Nöten.

TORE, TORE, TORE

Trotz der guten Torwartleistungen haben wir 2017 die zweittorreichste Gruppenphase aller Zeiten erlebt. Seit der Umstellung des Formats von vier auf acht Teilnehmer in der Saison 2013/14 gab es im gesamten Turnier nur zwei Mal mehr Tore.

JAHR

TORE IN DER GRUPPENPHASE

TORE INSGESAMT

2017

40

44

2016

44

58

2015

35

45

2013/14

31

37

In Anbetracht des starken Torwartspiels, gepaart mit einer defensiven Organisation auf höchstem Niveau, mussten die Stürmerinnen über sich hinauswachsen, um nachdrücklich Eindruck zu hinterlassen. Es wurde aber klar, dass der Kunst des Abschlusses besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Insbesondere Spanien, Frankreich und Deutschland zeigten, wie gefährlich man mit nur einer oder zwei Ballberührungen im Strafraum sein kann. "Ich glaube, wir haben in diesem Turnier einige richtig starke Stürmerinnen und Flügelspielerinnen gesehen. Die Tore, die Abschlüsse, die Kopfbälle - das war alles exzellent", so Anna Signeul.

Die Effektivität lässt sich anhand der relevanten Statistiken belegen. Von den Schüssen aller Teams gingen 34 bis 56 Prozent auf das Tor. Die Tschechische Republik landete in der Statistik mit neun Schüssen auf das Tor (von 16) ganz vorne. In Anbetracht der starken Gruppe war es eine notwendige Effektivität, um in jedem Gruppenspiel ein Tor zu erzielen. 19 Prozent der Abschlüsse landeten im Netz. Deutschland (18 %) und Frankreich (17 %) waren ebenfalls sehr treffsicher - jeder fünfte, bzw. jeder sechste Schuss fand den Weg ins Tor. Dies zeugt von einer sehr hohen Abschlussgenauigkeit.

Analyse Abschlüsse und Tore

Berücksichtigt man, dass nur sieben Tore von außerhalb des Strafraums erzielt wurden, wird klar, wie wichtig der entscheidende Pass in den Sechzehner ist. Spanien tat sich hier besonders hervor. "Die einzige Mannschaft, die jederzeit in der Lage war, ein Tor zu erzielen", urteilte Monika Staab, Technische Beobachterin der UEFA, über Spanien. "Sie haben nur eine Chance gebraucht, um einen Fehler zu bestrafen. Es ist, als würden sie auf dem Platz fliegen. Sie spielen selbstbewusst und mit schnellen Kombinationen."

Dies gehört sicherlich zu den besonderen Stärken dieser spanischen Mannschaft, aber Trainerin María Antonia Is betont, dass man diese Entwicklung nicht als Alleinstellungsmerkmal hat. "Es wird immer mehr auf Offensive und direkten Fußball gesetzt", sagt sie. "Mehr Tore als früher werden erzielt, denn das Spiel wird schneller, mit dynamischeren Spielern im Mittelfeld, die sich in den Angriff einschalten. Wichtig sind jetzt insbesondere schnelle Umschaltbewegungen, denn wenn man Spieler besitzt, die dies umsetzen können, hat man eine bedeutsame Waffe. Das Umschalten wird im Frauenfußball sehr wichtig. Es ist eine der besten Möglichkeiten, um ein Tor zu erzielen."

 

UEFAs Technische Beobachter pflichten dem bei und merkten an, dass schnelles Umschalten fest in die Spielweisen integriert sei. Ein schneller Pass in die Spitze wird immer mehr als Mittel bei Kontern angewendet. Um in diesem Bereich erfolgreich zu sein, benötigt man gute Team-Organisation und ein reifes Verständnis von Taktik. Dies ist ein anderer Bereich, der 2017 positiv auffiel.

TAKTISCHE FLEXIBILITÄT

Jedes Land hat eigene fußballerische Merkmale und Traditionen. Ein gewisser Grad an Flexibilität war bei den Teams in der Tschechischen Republik aber nicht von der Hand zu weisen. Spielweisen waren nicht in Stein gemeißelt oder auf die Philosophie der A-Nationalmannschaft angepasst, sondern es gab für die Trainer Freiheiten, anhand des Spielermaterials eigene Stile zu entwickeln. Zweifellos war dies bei Frankreichs Trainerin Sandrine Soubeyrand der Fall. Sie erklärte die Philosophie des Französischen Fußballverbands, anhand der verfügbaren Spielerinnen einen Stil zu entwickeln, ohne sich dabei von dem allgemeinen System zu entfremden.

Dies ließ sich auch bei anderen Teams in der Tschechischen Republik beobachten. Deutschlands Trainerin Anouschka Bernhard bestätigte, dass sie ihre Mannschaft entsprechend der Stärken des Personals aussuchen konnte und sich nicht nach der Spielweise der A-Nationalelf richten musste. Da bei den Frauen gerade ein Trainerwechsel stattgefunden hat - Steffi Jones hat von Silvia Neid übernommen - wird im deutschen Frauenfußball gerade an einer neuen Philosophie gearbeitet. Es war ebenfalls interessant zu sehen, wie die Mannschaften bereit waren, ihren eigenen Spielstil durchdrücken zu wollen, anstatt sich dem Gegner anzupassen. Dies traf auf dem Weg ins Halbfinale vor allem auf Norwegen zu, das sich auch im Duell mit Deutschland treu blieb. "Das ist eine sehr reife Spielweise, wenn man sich taktisch an den Stärken und Schwächen des Gegners orientiert, aber selbst so auftritt, dass man nie seine eigenen Stärken und Schwächen vergisst", erklärte Anna Signeul.

Ein Verständnis für taktische Flexibilität ist laut Soubeyrand besonders wichtig: "Die beste Spielerin ist diejenige, die sich taktischen Änderungen anpassen kann. Wenn Du keine Anpassungsfähigkeit hast, dann kannst Du nicht spielen." Ihre Mannschaft demonstrierte, wie gut sie sich verschiedenen Systemen anpassen kann und nahm während der Spiele immer wieder kleine Änderungen vor. Es war aber nicht das einzige Team, welches sich als Wandlungsfähig präsentierte. "Es gab insgesamt einige sehr, sehr reife Vorstellungen", analysierte Signeul, die ein qualitativ hochwertiges Turnier mit unterhaltsamen und anspruchsvollen Partien gesehen hatte.

Das Niveau der taktischen Anpassungsfähigkeit zeugte auch von der Weiterentwicklung im Bereich des Gegnerscoutings und der Fähigkeit von Spielerinnen, eine Partie zu lesen und gegnerische Schwächen sofort ausbeuten zu können. Die Mannschaften machten deutlich, wie gut sie darin waren, diese Momente zu erkennen, situationsbedingt schnell zu handeln und richtige Entscheidungen zu treffen. "Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie gut die Spieler darin sind", so Signeul, die hinzufügte, wie oft es der Fall war, dass die defensive Organisation so stark war, dass es in allen Umschaltmomenten zu taktischen Kämpfen kam. Solch ein Niveau des taktischen Verständnisses ist bei Spielerinnen im Alter von 14 bis 17 nicht selbstverständlich. Es zeigte einmal mehr, wie gut die Mannschaften auf das Turnier in der Tschechischen Republik vorbereitet waren.

TÖDLICHE STANDARDS

Standardsituationen erwiesen sich als produktives Mittel, um Tore zu erzielen. Die oben angesprochene Organisation zeigte sich auch in der Art und Weise, wie Mannschaften auf ruhende Bälle vorbereitet waren.

 

Es gab sehr wenige Momente, in denen ein Freistoß in der gegnerischen Hälfte oder auch nur in der Nähe der Mittellinie schnell ausgeführt wurde. Stattdessen zogen es die Mannschaften vor, sich geordnet in Stellung zu bringen. Man hatte sich offenbar viele Gedanken über die eigenen Stärken bei unterschiedlichen Standardsituationen gemacht und wollte diese ausspielen, anstatt den Spielfluss mit einer schnellen Ausführung hoch zu halten. Unterbrechungen kamen regelmäßig vor, so gab es im Schnitt etwa alle vier Minuten ein Foul (Durchschnitt: 20 pro Spiel). Dadurch ging eine Menge Spielzeit verloren. Also mussten die daraus resultierenden Standardsituationen sinnvoll und überlegt genutzt werden.

Die Entwicklung einer Freistoßtheorie ist die eine Sache - alle Trainer bestätigten, diesem Aspekt durchaus einiges an Zeit im Training gewidmet zu haben - aber die niederländische Trainerin Marleen Wissink wies auf folgenden Punkt hin: Man kann sich noch so viel auf Standardsituationen vorbereiten, manchmal läuft es aber ganz anders, als man denkt. Es müssen viele Elemente zusammenspielen, damit man eine erfolgreiche Standardsituation hinbekommt.

Die Hereingabe muss gut sein und beide Technischen Beobachterinnenkamen zu dem Schluss, dass dies weitestgehend der Fall war. Die Ausführung der Standardsituationen, von Olaug Tvedtens 40-Meter-Direktschuss bei der 1:3-Niederlage gegen die Niederlande bis zu ihrer gefühlvollen Flanke beim 2:0-Sieg über England war exzellent, aber auch die Abschlüsse konnten sich richtig sehen lassen. Spanien, die Niederlande, Norwegen, England, Frankreich und Spanien sorgten dafür, dass ihre größten Verteidigerinnen für gefährliche Standardsituationen mit nach vorne gingen und es ist sicher kein Zufall, dass alle nach solchen Situationen mindestens einen Treffer erzielten. Deutschland war ebenfalls gefährlich, wenn die Innenverteidigerinnen für Freistöße und Eckbälle mit nach vorne gingen. Sieben der acht Tore, die von Abwehrspielerinnen erzielt wurden, resultierten aus ruhenden Bällen. Das achte Tor war ein Distanzschuss.

"Es gibt mehr Qualität bei den Standardsituationen - mehr Präzision und bessere Ausführung", resümierte Monika Staab. "Selbst die Eckbälle wurden besser getreten und es gibt bei den Spielerinnen mehr Variation und mehr Bewegung. Die Qualität der Abschlüsse war sehr hoch." Letzteres weist darauf hin, dass die Mannschaften großen Wert darauf legen, viel Ausbildungsarbeit in die Schusstechnik zu stecken, auch wenn man vielleicht nicht gerade speziell für Standardsituationen trainiert. Der Abschluss profitiert davon.

ALLES DREHT SICH UM TEAMGEIST

Für die 44 Tore, die in der Tschechischen Republik erzielt wurden, zeichneten 36 unterschiedliche Schützinnen verantwortlich. Die Mannschaften waren also nicht besonders von einer einzigen Goalgetterin abhängig. Das Kollektiv stellte die Individualistin in den Schatten. Die Verteilung der Tore war ein klares Indiz für die hohe Güte der Teamarbeit und keine einzige Spielerin tat sich als eindeutiger Star des Turniers hervor.

Tabelle: Top-Torjägerinnen bei der U17-Endrunde der Frauen (Spielerinnen mit mehr als einem Tor)

Spielerin

Mannschaft

Position

Tore

Melissa Kössler

Deutschland

Sturm

3

Gianna Rackow

Deutschland

Sturm

2

Nicole Anyomi

Deutschland

Sturm

2

Melvine Malard

Frankreich

Sturm

2

Olaug Tvedten

Norwegen

Mittelfeld

2

Candela Andújar

Spanien

Flügel

2

Claudia Pina

Spanien

Sturm

2

Melissa Kössler holte sich mit ihren drei Toren den Goldenen Schuh. Alle drei Treffer erzielte sie in den ersten beiden Gruppenspielen, danach übernahmen ihre Teamkolleginnen das Toreschießen. Gianna Rackow und Nicole Anyomi markierten je zwei Tore und vielleicht machte Deutschland mehr als jede andere Mannschaft deutlich, wie wichtig der Teamgeist ist. Kurz vor dem Turnier musste die DFB-Auswahl den Ausfall von Anna-Lena Stolze verkraften, die als Kapitänin und erfolgreichste Torjägerin in der Qualifikation eine ganz wichtige Rolle spielt. Sie verließ das Team mit einer klaren Botschaft: Alle Spielerinnen teilen die Verantwortung. "Sie haben einen exzellenten Teamgeist geformt, ohne sich dabei unter Druck zu setzen, ästhetisch schönen Fußball spielen zu müssen. Sie haben einfach hart gearbeitet", erklärte Monika Staab. "Sie waren sehr effektiv - die effektivste Mannschaft, die hier am Turnier teilgenommen hat."

Lena Oberdorf, im Alter von 15 Jahren die jüngste Akteurin im deutschen Kader, war ein Musterbeispiel dafür: Mit ihrem hohen Arbeitspensum und ihrer Sorgfalt sorgte sie als defensive Mittelfeldspielerin dafür, dass der Gegner es sehr schwer hatte, sich Chancen herauszuspielen. Ohne sie wäre Deutschland im Finale gegen Spanien vielleicht überrannt worden.

Im Gegenzug lag Spaniens Stärke mehr in der Offensive, aber auch hier war es so, dass die Tore auf viele Schultern verteilt waren. Die Spanierinnen arbeiteten im Vorwärtsgang immer als Team und schickten beim Umschalten in die Offensive immer vier Spieler in abgesprochene Richtungen. Claudia Pina erzielte nur zwei Tore, allerdings war sie das belebende Element im Spiel und gehörte definitiv zu den herausragenden Akteurinnen des Turniers. Besonders ihr Kombinationsverständnis mit Candela Andújar und Eva María Navarro stach hervor.

https://de.uefa.com/womensunder17/season=2017/technical-report/technical-topics/index.html#gesprachsstoff+technische+themen