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Deutschland konnte sich schnell an das neue Elfmeter-Format gewöhnen ©Sportsfile

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ALLES ANDERS VOM PUNKT?

Dieses Turnier war der Startschuss für eine ganze Testreihe des International Football Association Board (IFAB) mit der Durchführung des Elfmeterschießens im sogenannten 'ABBA'-System. Die Premiere gewann Deutschland im Halbfinale gegen Norwegen – die Durchführung dieses Systems sieht anders als das 'ABAB'-System eine vermeintlich fairere Verteilung der Schützen vor, da nicht immer das gleiche Team nachlegen muss.

Die IFAB begründet den Test mit zunehmenden Hinweisen darauf, dass das aktuelle Elfmeter-System einen unfairen Vorteil für das Team darstellt, das jeweils vorlegt. Die diesbezüglich vertretene Theorie stützt sich darauf, dass der jeweils nachlegende Spieler größerem psychischem Druck unterliegt, da bei einem Treffer des vorangehenden Schützen ein Fehltreffer bereits das Aus für die eigene Mannschaft bedeuten kann – besonders ab dem vierten Schützenpaar in einem Elfmeterschießen.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob der Test tatsächlich ein Erfolg war.

"Ein Elfmeterschießen ist immer spannend, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir in dieser Form ein faireres System gefunden haben", sagte Monika Staab. "Norwegen hatte vier Chancen und hat das Spiel doch nicht gewonnen, ist das fair? Es wäre interessant zu wissen, wie sich die Spielerinnen dabei gefühlt haben. Von außen ist der psychologische Vorteil nicht klar zu erkennen."

In der Tat hatte Norwegen gleich vier Gelegenheiten, das Elfmeterschießen für sich zu entscheiden.

Deutschland vergab gleich den ersten Schuss, Norwegen folgte mit zwei Schüssen und traf einen davon. Damit war der Druck auf der zweiten und dritten Schützin Deutschlands nicht gerade gering, und tatsächlich traf keine dieser beiden Schützinnen, womit die Schüsse vier und fünf aus übergreifender Sicht also verfehlt wurden. Nachdem Olaug Tvedten den nächsten Elfmeter vergab, konnte Vilde Birkeli direkt im Anschluss den ersten Matchball für Norwegen nicht nutzen und vergab den vierten norwegischen Strafstoß.

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Hätte Melissa Kössler Deutschlands vierten Elfmeter verschossen, hätte Norwegen ebenfalls im Finale gestanden. Doch sie traf und so war derselbe Druck nun auf den Schultern von Sjoeke Nüsken, die ebenfalls treffen musste, um Deutschland im Spiel zu halten. Sie traf und nun stand es 2:2, doch Norwegen hatte seinen fünften Schuss noch in der Hinterhand. Silje Bjørneboe vergab auch diese Chance zum Sieg und nun war Deutschland zumindest psychologisch klar obenauf. My Sørsdahl Haugland vergab direkt danach ebenfalls für Norwegen und nun hatte Andrea Brunner die große Chance, selbst das Spiel zu Gunsten der Deutschen zu entscheiden. Genau das tat sie auch.

"Es könnte durchaus auch anders herum sein. Das also das Team, welches zuerst schießt, den größeren Druck hat. Bei einem Fehlschuss kann der Gegner nämlich gleich zweimal in Folge treffen", sagte Staab. "Dieser vermeintliche Vorteil kann also durchaus in Wirklichkeit ein Nachteil für das Team sein, das beginnt."

Etwas anders stellte sich dann aber das Elfmeterschießen, ebenfalls im Testmodus, im Endspiel dar.

"Man konnte klar sehen, dass es für die Deutschen ein großer Vorteil war, gleich den ersten getroffen zu haben", sagte Anna Signeul. "Spanien verschoss im Anschluss zweimal und Deutschland hatte die Chance mit drei Treffern in Führung zu gehen. Entsprechend groß war der Druck ab der zweiten spanischen Schützin. Es stand ein potentielles 3:0 für Deutschland im Raum und das sorgt nicht gerade für Entspannung."

Auch die deutsche Trainerin Anouschka Bernhard erkannte die große Wichtigkeit des verwandelten ersten Elfmeters. "Als Spanien seinen ersten Elfmeter vergab und anschließend auch den zweiten, waren wir mental und psychologisch natürlich auf der Siegerstraße", sagte sie.

Wie man es auch immer sieht, die Spannung für die Fans war umso größer in diesem Format. Das obwohl sicher nicht jedem klar war, was bei jedem einzelnen Elfmeter auf dem Spiel stand. Klare Informationen darüber, wer bereits an der Reihe war, wer getroffen und verschossen hat und wer als nächstes an der Reihe ist, sind zwingend erforderlich, damit jeder Zuschauer die Wichtigkeit der einzelnen Elfmeter versteht. Nicht einmal Melissa Kössler war direkt klar, dass sie gerade den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte, bis ihre Teamkolleginnen plötzlich auf sie zugestürmt kamen.

Ob der Fußball in Zukunft auf das ABBA-System umsteigt kann jetzt wohl noch niemand ernsthaft voraussagen, doch es bleibt auf alle Fälle spannend.

ZUSCHAUER UND WERBUNG FÜR DAS SPIEL

Zwar gab es mit 10.219 Zuschauern einen neuen Rekord für ein UEFA-U17-EM-Spiel für Frauen und auch die hohen Zuschauerzahlen in der Gruppenphase waren beeindruckend und Resultat des guten Marketings der austragenden FA, ob aber das Interesse allgemein am Frauenfußball gestiegen ist, lässt sich daraus noch nicht ablesen. Zweifelsfrei hat das Turnier den Frauenfußball in der Tschechischen Republik aber ein ganzes Stück nach vorne gebracht.

Der Tschechische Fußballverband (FAČR) war sehr aktiv und so wurden beispielsweise Schulklassen nicht nur zu den Spielen eingeladen, es wurden auch Breitenfußball-Events direkt vor und nach den Partien veranstaltet. Ohne die Überschneidung mit der in Tschechien extrem populären Eishockey-WM, wären auch zu den Halbfinals und Finals sicherlich deutlich mehr Zuschauer in den Stadien gewesen.

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Insgesamt waren 20.000 meist junge Menschen Teil der Veranstaltungen und sofern zumindest ein kleiner Teil davon sich zukünftig mehr interessiert und engagiert, kann man hier von einem großen Erfolg sprechen.

"Hoffentlich erhöht dieses Turnier das Interesse oder die Teilnahmebereitschaft. All die Veranstaltungen um die Spiele wurden sehr gut angenommen", fand Anna Signeul. "Mädchen konnten sich hier ganz entspannt dem Fußball nähern. Hier wurde Werbung gemacht und die Idee hinter dem Spiel transportiert.

GRUND GENUG FÜR EINE TURNIERAUFSTOCKUNG

Deutschland konnte die UEFA-U17-Europameisterschaft für Frauen in Plzen zum insgesamt sechsten Mal gewinnen – ein Rekordwert. Allerdings war der Weg dorthin alles andere als entspannt, denn schon die Teilnahme an der Endrunde stand auf wackeligen Beinen. Nachdem man sich in der Eliterunde England geschlagen geben musste, begann das Hoffen auf die Qualifikation als bester Zweitplatzierter – darauf durfte Italien nicht mehr hoffen, da es nur zu Rang drei hinter England und Deutschland reichte.

Am Ende reichte es für Deutschland dank einer um zwei Tore besseren Torbilanz gegenüber Belgien. Mit in der Verlosung waren auch die Schweizerinnen, die sich qualifiziert hätten, wäre da nicht die 1:2-Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Slowenien gewesen – und das trotz 25 eigenen Torschüssen gegenüber vier Torschüssen der Sloweninnen

Während in den letzten Jahren immer wieder eine Diskussion über eine Erhöhung der Teilnehmerzahl an einem vermeintlichen Qualitätsproblem in der Breite scheiterte, sprach in diesem Jahr alleine ein Blick auf die Teams, die nicht bei der Endrunde mit von der Partie waren, klar für eine Erweiterung des Turniers. Neben den bereits erwähnten Belgierinnen, der Schweiz und Italien fehlten außerdem auch zwei starke Nordeuropäer mit Schweden und Finnland, aber auch weitere starke Teams wie Polen und Serbien. Die Spitze wird also breiter und wächst zugleich enger zusammen.

"Es gibt jede Menge gute Teams, für die eine Endrundenteilnahme ein wichtiger Schritt in der Weiterentwicklung wäre", sagte Monika Staab. Diese Ansicht teilt auch Anna Signeul, die hinzufügte, dass "eine Erhöhung der Teilnehmerzahlen im Nachwuchsbereich die Entwicklung im Frauenfußball in ganz Europa nachhaltig verbessern würde. So würden mehr Spielerinnen auf höchstem Niveau Erfahrungen sammeln können und so viel Inspiration und Motivation für die weitere Karriere mitnehmen."

Bei den teilnehmenden Teams war aber auf der anderen Seite auch eine gegenteilige Ansicht vertreten, so vertrat Norwegens Trainer den Standpunkt, dass weniger Teams bei der Endrunde und damit eine erschwerte Qualifikation durchaus Vorteile hat. "Mit acht Teams haben wir die perfekte Größe, denn einige starke Teams sind dann nicht mit von der Partie und diese Teams sind umso heißer, beim nächsten Mal wieder mit von der Partie zu sein", sagte er. "In der Eliterunde trifft man jetzt im Schnitt auf deutliche stärkere Teams als noch vor fünf Jahren. Wir sind schon recht nahe an einer Aufstockung, aber dieser Tag ist aus meiner Sicht noch nicht erreicht."

Fragen über Fragen stehen damit im Raum. Wann kommt die Aufstockung, sofern sie überhaupt kommt? Gibt es eine Aufstockung entsprechend dem Format beim männlichen Nachwuchs und damit eine Verdoppelung der Teilnehmer oder wird stufenweise aufgestockt?

"Wir sollten über 16 Teams nachdenken", sagte Even Pellerud, der beim norwegischen Fußballverband (NFF) Verantwortlicher für den Frauenfußball ist. "Russland, die Schweiz, Italien und vielleicht Portugal – diese Teams entwickeln sich sehr schnell. Ich denke nicht, dass wir bei einer Endrunde in 2019 mit 16 Teams unverhältnismäßige Ergebnisse hätten.

TSCHECHISCHER FORTSCHRITT

Die Tschechische Republik war dieses Mal als Gastgeber automatisch mit von der Partie, ein Jahr zuvor konnte man sich aber auch auf dem Feld qualifizieren und auch eine Teilnahme bei der Endrunde im kommenden Jahr in Litauen wäre alles andere als eine Überraschung. Der Grund dafür ist eine gebündelte und zielgerichtete Entwicklung des Frauenfußballs schon im Breitensport-Bereich. Ein aktuell wichtiger Schritt war die Ernennung eines sehr engagierten technischen Direktors, der den gesamten Prozess überwacht und koordiniert.

Die Qualität der tschechischen Spielerinnen und die Güte der Ausbildung, die diesen zu Teil wird, war bei der Endrunde klar zu erkennen, auch wenn das Team gegen Spanien und Deutschland jeweils mit 1:5 verlor. Es gab dabei keinen Grund, sich zu schämen oder den Kopf in den Sand zu stecken. "Sie haben einige Treffer kassiert, aber sie haben gut mitgehalten und sie haben in allen Partien gegen wirklich hochkarätiger Gegner selbst getroffen", erklärte Anna Signeul.

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Ein Blick in die Statistik verrät, dass die Tschechinnen vor allem spät in den Partien Treffer kassierten, gegen Deutschland ging man sogar in Führung. Grund für die späten Gegentreffer könnte mangelnde Konzentration oder fehlende Fitness sein. An beiden Aspekten wird zukünftig dank einer neu implementierten Ausrichtung der Fußallakademie intensiv gearbeitet. Die ersten Schritte wurden bereits unternommen, indem die Trainerpositionen bei der U17, U19 und beim Frauenteam jetzt als Vollzeitstellen vergeben wurden. Außerdem soll eine zweite Akademie aufgebaut werden.

"Wir haben noch viel harte Arbeit vor uns", fügte Karel Rada an, der ab dem Sommer für die Frauen-Nationalmannschaft zuständig ist. Betrachtet man die ambitionierten Pläne, darf man davon ausgehen, dass er zukünftig mit sehr vielen Talenten arbeiten kann.

AKADEMIEN UND PROFESSIONELLE RAHMENBEDINGUNGEN

Die Tschechen investieren in den Frauen-Fußball und die Ergebnisse geben ihnen Recht. Doch auch in anderen Ländern und Verbänden wird hart gearbeitet. Der Trend geht in vielen Ländern dahin, sich auf Akademien zu fokussieren und auch viele Vereine eröffnen eigene Akademien. Die nationalen Verbände investieren mehr Mittel in die Entwicklung der regionalen und nationalen Akademien, sie arbeiten enger mit den Vereinen zusammen und verfolgen so gemeinsam das Ziel, den jungen Talenten die optimale Förderung bereitstellen zu können.

Ein zentraler Aspekt, der sich bei der Diskussion mit den Übungsleitern in der Tschechischen Republik herauskristallisierte, war die zunehmende Professionalisierung in der Arbeit mit den Nachwuchsteams. Es sind erstklassige Systeme installiert worden, um die größten Talente herauszufiltern. In Irland zum Beispiel gibt es eine App, die eine Datenbank mit Informationen über Spielerinnen und deren Leistungen und auch mentale Zustände durchgehend erfasst und verarbeitet.

Alle teilnehmenden Nationen an der Endrunde hatten ihren eigenen Videoanalysten dabei, England und Deutschland gar gleich zwei. Fitnesstrainer und Physiotherapeuten sind inzwischen ohnehin fester Bestandteil in jedem Team. "Die Teams wissen, wie wichtig ein professionelles und gutes Umfeld ist", erklärte Monika Staab.

FRAUEN IN FÜHRUNGSROLLEN

Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Cheftrainern war bei der Endrunde 2017 ausgeglichen und dies bekräftigte die Entwicklung hin zu einem quantitativen Zuwachs an weiblich ausgefüllten Führungsrollen. Sowohl bei Deutschland, als auch bei den Niederlanden waren alle wichtigen Positionen im Trainerstab und im Betreuerteam mit Frauen besetzt. Diese Situation dürfte eine klare Botschaft an alle jungen Frauen sein, dass sich ein langfristiges Engagement über die aktive Karriere hinaus wirklich lohnen kann und vor allem umsetzbar ist.

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"Das ist toll für die Mädchen, die erkennen, dass sie später die Möglichkeit haben, im Trainerstab tätig zu werden", beschrieb Frankreichs Trainerin Sandrine Soubeyrand die Situation. In der Tat gab es viel Positives aus der Anzahl der weiblichen Cheftrainer bei der Endrunde 2017 zu ziehen. "Wir müssen weiter als inspirierende Vorbilder für junge Spielerinnen auftreten damit diese sich an uns orientieren können", fügte Anna Signeul an.

Die UEFA hat mehrere Programme ins Leben gerufen, mit denen die Entwicklung von Frauen in Führungspositionen unterstützt und entwickelt wird und auch für weibliche Trainer gibt es viel Unterstützung. Womöglich könnte man hier ansetzen und den Trainerinnen noch Mentoren zur Seite stellen, um die Entwicklung ganzheitlich noch intensiver zu fördern.

VERLETZUNGSSORGEN

Verletzungen bei jungen Spielerinnen war ein Thema, das von vielen Trainern aufgebracht wurde. Bei Frankreich du der Tschechischen Republik gingen zwei Stammspielerinnen mit ganz frisch auskurierten Verletzungen in das Turnier, Während Frankreich zwei wichtige Spielerinnen in seinem Auftaktspiel verletzungsbedingt nicht einsetzen konnte. Deutschland bestritt das Turnier ohne seine verletzte Kapitänin und deren Vertretung verletzte sich im Habfinale, sodass die Kapitänsbinde abermals weitergereicht werden musste.

Die Bedenken sind groß, da sehr junge Spielerinnen viele ernsthafte Verletzungen erleiden. Es gilt zu untersuchen, worauf diese Verletzungen zurückzuführen sind. Eine mögliche Erklärung ist das Training auf Kunstrasen. Vielleicht wird aber auch zu früh zu viel trainiert. Womöglich trainieren aber auch einige Spielerinnen zu zeitig mit der ersten Mannschaft. Oder wird das Trainingsvolumen zu schnell angehoben, anstatt dies stufenweise zu tun? Es gibt eine Vielzahl möglicher und potentiell nachvollziehbarer Gründe.

Die Ansprüche an eine erstklassige Fußballerin sind sehr hoch und sofern eine Spielerin zu spät mit dem Training beginnt, muss diese Zeit in einem Ausmaß aufgeholt werden, das zwangsläufig in Verletzungen resultieren muss. Man muss auch das Trainieren trainieren, muss früh anfangen und den Umfang kontinuierlich und entsprechend der Leistungsfähigkeit steigern. Betrachtet man jedoch die hohen Anforderungen und Ansprüche, so ist dies nicht immer in ganz geregeltem Ausmaß möglich und die Folge daraus können sehr schwere Verletzungen schon in jungen Jahren sein.

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