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Damaris Egurrola und Eva Maria Navarro jubeln über Spaniens Halbfinalsieg gegen Norwegen ©Sportsfile

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Gemessen an der insgesamt neunten UEFA-U17-Europameisterschaft für Frauen in Belarus kann man eine Erweiterung von acht auf zwölf Teams nur unterstützen. Die Trainer der teilnehmenden Mannschaften waren sich einig, dass die Teams körperlich, taktisch und technisch einen großen Schritt gemacht haben. Ebenfalls positiv hervorgehoben wurde die Organisation der Mannschaften auf dem Spielfeld.

Man erkennt eine deutliche Entwicklung: Die Teams sind jetzt flexibler und haben offensiv wie defensiv mehr taktische Varianten zur Verfügung
Deutschlands Trainerin Anouschka Bernhard
Wenn man sich Deutschland, Spanien und England ansieht, diese Spielerinnen haben im Alter von 16 oder 17 Jahren taktisch und technisch schon ein derart hohes Level erreicht, dass man hier den Fokus schon auf die Geschwindigkeit und die Physis legen kann
Béatrice von Siebenthal, Technische Beobachterin der UEFA

Anouschka Bernhard, Trainerin der deutschen Nationalmannschaft seit 2011, erkannte einen "riesigen Unterschied", denn die traditionell schwächeren Nationen haben sich deutlich verbessern und aufholen können, obwohl die großen Nationen natürlich auch immer weiter Schritte nach vorne machen – "Frankreich, Deutschland und Spanien überragen und dann sind da auch noch England, Norwegen, Italien..."

Für Bernhard war es die vierte Endrunde und sie rechnet das deutlich verbesserte Niveau des Turniers "vielen Jugendtrainern, die es lieben, Spieler zu entwickeln, und auch den Verbänden, die den Frauenfußball inzwischen finanziell besser unterstützen" zu.

"Man erkennt eine deutliche Entwicklung: Die Teams sind jetzt flexibler und haben offensiv wie defensiv mehr taktische Varianten zur Verfügung", führte sie weiter an. "Das ist der größte Unterschied. Auch technisch tut sich einiges, aber gerade in Sachen Taktik ist enorm viel passiert."

Für Englands Trainer John Griffiths spielte auch die physische Entwicklung eine große Rolle: "Die Spielerinnen werden immer fitter und stärker. Inzwischen bewegen wir uns hier auf einem erstklassigen Niveau. Es geht hier gegen ganz starke Gegner, die auch in der Quantität zunehmen. Derzeit eine junge Fußballerin zu sein, ist sicherlich etwas wirklich Schönes."

Das zunehmend ausgeglichenere Niveau zeigte sich auch nach dem zweiten Spieltag in den Tabellen, denn vor den abschließenden Spielen hatten noch alle Teams Chancen auf ein Weiterkommen. "Wenn man sich die Partien und Ergebnisse anschaut, muss man zumeist von knappen und spannenden Spielen sprechen", sagte Bernhard, die auch auf die Bedeutung des Turniers für die Entwicklung der Spielerinnen hinwies. "Acht Teams sind eine gute Größe, aber man kann durchaus darüber nachdenken, zukünftig mit zwölf Teams zu spielen. Durch solche Turniere entwickeln sich die Mädchen ungemein, lernen körperlich, aber auch mental viel dazu."

Die Trainer sind sich einig, dass derartige Erfahrungen und Herausforderungen die Spielerinnen entscheidend formen, und Bernhard war sich sicher, dass "auch mit zwölf Teams ein Turnier auf einem ausgeglichenen Level stattfindet", gerade im Hinblick auf die gezeigten Leistungen in der letzten Eliterunde. Auch Griffiths teilt diese Meinung und verweist diesbezüglich auf fehlende Teams wie "Schweden, Dänemark, Island, Finnland, Frankreich und die Schweiz".

Auch wenn ein Endrundenteilnehmer die Gruppenphase als Tabellenletzter ohne einen Sieg beendet, werden die Spielerinnen in ihren heimischen Ligen nichtsdestotrotz ein neues Level erreichen und von den Erfahrungen massiv profitieren.

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Deutschlands Trainerin Anouschka Bernhard

Die von der UEFA geleiteten U16-Entwicklungsturniere inspirieren die Nationalverbände bereits, die eigenen Strukturen und Herangehensweisen zu optimieren. Der folgerichtige nächste Schritt wäre eine Erhöhung der Teilnehmerzahlen bei den Endrunden.

An der Spitze in dieser Altersstufe stehen aktuell Deutschland und Spanien. Dass diese beiden Länder zusammen mit England die Tickets für die FIFA-U17-WM der Frauen in Jordanien lösen konnten, kam nicht wirklich überraschend. Die technischen Beobachter der UEFA analysierten, dass aufgrund der hochklassigen taktischen und technischen Ausbildung schon in diesem Alter die Spielerinnen dieser Länder den Fokus auf eine Optimierung des Spieltempos und der Spielintensität legen können. Die technische Beobachterin Béatrice von Siebenthal erklärte: "Wenn man sich Deutschland, Spanien und England ansieht, diese Spielerinnen haben im Alter von 16 oder 17 Jahren taktisch und technisch schon ein derart hohes Level erreicht, dass man hier den Fokus schon auf die Geschwindigkeit und die Physis legen kann. Gerade Spanien und Deutschland, aber auch England sind hier bereits am oberen Ende der Leistungsschiene angekommen. Die anderen Nationen hinken noch ein wenig hinterher." Für die zweite UEFA-Beobachterin in Minsk, Hesterine de Reus, machte "dieser Faktor den Unterschied zwischen diesen Mannschaften und dem Rest. Sie spielen ein deutlich höheres Tempo."

Die Topteams überzeugten außerdem mit einer herausragenden Flexibilität, die vor allem ihrer Kreativität zuzuschreiben ist. In ihrem Halbfinale konnten die Deutschen gegen England durch eine Dreiecksformation im Mittelfeld mit zwei zurückgezogenen Spielerinnen ihren Gegner immer wieder durch Überzahlsituationen in Bedrängnis bringen. Bei England wurde eine der beiden zentralen Mittelfeldspielerinnen auf Höhe der Innenverteidigerinnen gezogen, um eine Dreierkette zu bilden. Bernhards Spielerinnen konnten die entstandenen Überzahlsituationen immer wieder in gefährliche Angriffe ummünzen. Bei den Deutschen stand zumeist Janina Minge an der Spitze dieses Dreiecks und forcierte das Angriffsspiel. "Die Deutschen sind im Mittelfeld sehr flexibel. Die Spielerinnen erkennen nötige Anpassungen auf dem Feld und nehmen diese auch automatisch vor", sagte De Reus. "Auch die Engländerinnen rotieren zunehmend. Deren Positionsspiel war auch überzeugend."

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Spanien hatte mit Berta Pujadas eine spielstarke Innenverteidigerin

Bei den Spaniern war es der Auftrag der Innenverteidigerinnen, immer wieder mit dem Ball am Fuß nach vorne zu stoßen und das Aufbauspiel entsprechend einzuleiten. Diese Aufgabe erledigten Berta Pujadas und Laia Aleixandri in überzeugender Manier. "Die Spanierinnen sind auf dem gesamten Spielfeld zu finden", erklärte De Reus, "und sind sehr flexibel in Sachen Positionstreue. Traditionell sind sie ganz stark im Kurzpassspiel. Sie kreieren ebenfalls oft Überzahlsituationen. In und in der Nähe des gegnerischen Strafraums ist kein anderes Team so kreativ wie Spanien."

Deutlich zu erkennen war auch, dass die weniger erfahrenen Endrundenteilnehmer weniger kreativ in ihrer Spielauslegung und ihrem Spielplan waren. In ihrem ersten Gruppenspiel gegen die Tschechische Republik versuchten die Italienerinnen, einen ganz neuen Spielplan umzusetzen, die Fähigkeiten dafür brachte das Team aber nicht auf das Feld. Sogar erfahrene Mannschaften wie Norwegen schienen, trotz guter Angriffsoptionen mit Andrea Norheim und Sophie Haug, Probleme damit zu haben, Anpassungen während der Partie vorzunehmen. Diese fehlende Flexibilität kann natürlich zu einem Engpass an taktischer Variation führen. Norwegens Trainerin Lena Tyriberget erklärte: "Es kann ein Problem darstellen, einem Spielplan zu treu zu sein. Die Mädchen müssen das Spiel auch selbst lesen können."

Für De Reus waren gerade die Anforderungen an die Spielerinnen der Neulinge zu hoch, was die Vielfalt an einzunehmenden Positionen innerhalb weniger Spiele angeht. Für sie und von Siebenthal spricht die Tendenz zum Einsatz von Spielerinnen in verschiedenen Positionen häufig dafür, dass hochkarätige Spielerinnen in der Tiefe nicht verfügbar sind. In solchen Fällen setzen die Trainer ihre Spielerinnen genau dort ein, wo sie diese gerade brauchen, und können sich auf diese verlassen. In den Nationen, die sich derzeit noch entwickeln, agieren die besten Spielerinnen zumeist bei ihrem Heimatverein in einer zentralen Position. Die beiden Beobachterinnen fanden deutliche Worte und empfahlen "aus entwicklungstechnischer Perspektive die Spielerinnen auf ihren Positionen einzusetzen und damit mehr auf die Entwicklung als auf das Ergebnis zu schauen".

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Taylor Hinds war eine der herausragenden Außenverteidigerinnen

Ganz allgemein und teamübergreifend ist zu bemerken, wie aktiv sich die Außenverteidigerinnen in das Offensivspiel mit eingebracht haben. Diesbezüglich besonders hervorzuheben sind die Leistungen der spanischen Rechtsverteidigerin Lucía Rodríguez und der deutschen Linksverteidigerin Caroline Siems, beide stießen immer wieder gefährlich und unermüdlich in die gegnerische Spielhälfte vor. Beide Spielerinnen bekamen entsprechend Freiheiten eingeräumt und den Rücken vom defensiven Mittelfeld freigehalten. Auch sehr aktiv war Englands Außenverteidigerin Taylor Hinds. Bei Norwegen war zu erkennen, dass immer nur eine Außenverteidigerin entsprechende Freiheiten erhielt.

Genau wie bei Spanien und Deutschland war auch bei England zumeist ein ganz eigener Spielstil zu erkennen. "Pressing spielen und richtig hart ackern, das ist unser Spiel", sagte Trainer Griffiths. "Wie können wir unseren Spielerinnen gutes Pressing beibringen und wie machen wir sie fit genug, um dazu im Stande zu sein? Wir müssen Englisch spielen. Wir wollen unseren ganz speziellen Fußball spielen." Um den benötigten Fitnessstand zu erreichen, ließen Griffiths und sein Team die Mannschaft "55 harte Trainingstage" in dieser Saison absolvieren. Verpackt waren diese in eine Reihe von zweitägigen Trainingscamps, die vier Trainingseinheiten und ein Spiel umfassten. "England spielte mit viel Entschlossenheit und sehr aggressiv. Mit ihrem Pressing konnten sie im Mittelfeld viele Bälle gewonnen", erläuterte De Reus.

Was die Engländerinnen von den meisten Teams unterschied, die nach der Gruppenphase die Koffer packen mussten, war die Tatsache, dass man auch nach Ballgewinn mit dem runden Leder effektiv arbeiten konnte. Das Team von Trainer Griffiths erarbeitete sich mit seinem energiegeladenen Spiel in der Gruppenphase unzählige Torchancen. Im Vergleich zu Deutschland und Spanien fehlte dem Team aber die Durchschlagskraft im Abschluss. De Reus merkte an: "Spiele entscheiden sich ganz einfach im Strafraum. Hier kann die Offensive, aber auch die Defensive das Spiel in die eigene Richtung kippen."

Passend zu diesem Thema darf man festhalten, dass die Endrunde in Belarus jede Menge Torrekorde aufgestellt hat. Mit 44 Toren in der Gruppenphase wurde der bisherige U17-Rekord der Frauen, aufgestellt im Vorjahr in Island, um einen Treffer überboten. Durch die 14 weiteren Treffer in den Halbfinals und im Play-off um Platz drei stand am Ende ein Gesamtwert von 58 Toren in 16 Spielen  auch das war ein neuer Rekord. Den Goldenen Schuh bei der Endrunde teilten sich Spaniens Lorena Navarro und Englands Alessia Russo mit jeweils fünf Treffern. Tortechnisch herausragend waren die zwölf Treffer der Engländerinnen im Gruppenspiel gegen Belarus, die allesamt unbeantwortet blieben. Es war der höchste Sieg, der jemals bei irgendeiner UEFA-Endrunde eingefahren wurde.

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Die Engländerin Alessio Russo war eine der Torschützenköniginnen

Kopfballtreffer machten einen Anteil von 25 Prozent der erzielten Tore aus. Nichtsdestotrotz muss angemerkt werden, dass, egal ob der Treffer per Kopf oder anderweitig markiert wurde, das Spiel über die Flügel kaum Auswirkungen auf die erzielten Treffer hatte. In den beiden Halbfinals kamen überhaupt nur vier Flanken von den Flügeln in Richtung Tor. Schaut man darauf, von wo die Zuspiele kamen, war die Vielfalt sehr groß. Die spricht dafür, dass die Teams mehr Optionen für das Ausspielen der gegnerischen Abwehrreihen wahrnahmen. Geschuldet war dies oft den starken Mittelfeldreihen der verteidigenden Mannschaften. Ein weiterer Indikator für ein variables Angriffsspiel sind natürlich auch die Positionen, von denen die Treffer erzielt wurden.

Die meisten Treffer wurden in oder um den Fünfmeterraum erzielt und die Vorlagen dazu kamen zumeist aus dem Strafraum oder aus unmittelbarer Strafraumnähe. Viele dieser Treffer fielen per Kopfball oder wurden als Abpraller verwertet. Klar zu erkennen war auch der Trend, dass der Ball häufig zu einer Stürmerin zurückgelegt wurde, nachdem sie sich hinter den Elfmeterpunkt zurückfallen hatte lassen. 

Die Fitness hatte auch großen Einfluss auf die Vielfalt im Angriff. Durch ihre gute körperliche Verfassung konnten auch unerfahrenere Teams effektiv bis an den Strafraum des Gegners spielen. Durch die stetige Entwicklung des Frauenfußballs hatten die Trainer generell eine größere Bandbreite an guten Fußballerinnen zur Verfügung.

Dieses verstärkte Trefferaufkommen aus unmittelbarer Tornähe ließ für die technischen Beobachter eine Schlussfolgerung bezüglich zweier Problemfelder im Defensivbereich zu: Wenig überzeugende Leistungen der Torhüterinnen und schlechte Antizipation unter den Abwehrspielerinnen. De Reus unterstrich, dass die Qualität der Torhüterinnen "nicht wirklich ausgewogen ist im Vergleich zum Standard der Feldspielerinnen". Auch wenn die Ballsicherheit und der Umgang mit dem Ball am Fuß bei den Torhüterinnen auf einem guten Niveau waren, hatten die jungen Schlussfrauen doch Probleme bei Standardsituationen und immer dann, wenn viele Spieler im Strafraum waren. Deswegen empfiehl von Siebenthal auch die Integration des Torwarttrainings ins Teamtraining. Außerdem sollten komplizierte Spielszenarien immer wieder trainiert werden. Für die Herausforderungen auf dem Niveau einer Endrunde schienen die Schlussfrauen nicht ausreichend vorbereitet. "Nicht einmal die Eliterunde bietet hier eine ausreichende und umfassende Vorbereitung."

Doch die folgende Botschaft geht nicht nur an die Torhüterinnen, sondern an alle Spielerinnen und alle Teams: Nach wie vor muss das Motto "Weiterentwicklung der Entwicklung" heißen. Dieses Fazit zog das technische Team der UEFA. Seit der Ausweitung des Turniers haben 15 verschiedene Verbände ihre Nationalmannschaften in den letzten drei Endrunden ins Rennen geschickt. Wichtig wird es sein, sich auf den starken Entwicklungen und Fortschritten nicht auszuruhen, sondern in dieser Altersstufe weiterhin harte und gute Arbeit zu leisten.

https://de.uefa.com/womensunder17/season=2016/technical-report/technical-topics/index.html#technische+themen