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Gesprächsthemen

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Das Turnier war eine großartige Erfahrung für die Spielerinnen ©Sportsfile

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Es gab viele Themen, die während, aber auch nach der UEFA-U17-Europameisterschaft für Frauen in Belarus aufkamen. Ein Thema fand dabei uneingeschränkte Zustimmung  die europäischen Nationalverbände sind extrem engagiert und arbeiten nachhaltig bei der Entwicklung des Frauenfußballs, gerade im Nachwuchsbereich.

Wir sind dabei, als Pilotprojekt eine Nationalakademie für Mädchen aufzubauen, und beginnen mit der U16. Das Team ist jeden Monat für eine Woche zusammen. Wir wollen dies bis zur Endrunde im kommenden Jahr durchziehen
Karel Rada, Trainer der Tschechischen Republik

Drei gute Beispiele hierfür waren die drei Endrunden-Neulinge aus Belarus, Serbien und der Tschechischen Republik. Alle drei Debütanten haben eine Leistung abgerufen, die einen genaueren Blick wert ist.

Irina Bulyginas Belarus war als Gastgeber automatisch für die Endrunde qualifiziert und somit erst die zweite Auswahl des Landes, nach dem U19-Team 2009, die an einer Frauen-Endrunde teilnahm. Auch damals war Belarus als Gastgeber qualifiziert. Die Aufgabe lautete, ein Team nahezu aus dem Nichts zusammenzustellen. Zu diesem Zwecke baute der Nationalverband (BFF) eine Frauenfußball-Akademie auf und stellte Mitte der Saison 2012/13 ein Team zusammen. Es folgte die Teilnahme an der nationale U19-Liga, wo sie auf Gegenspielerinnen trafen, die im Schnitt mindestens zwei Jahre älter waren. Außerdem bestritt man drei von der UEFA ausgerichtete internationale U16-Entwicklungsturniere in den Jahren 2013, 2014 und 2015.

Insgesamt standen zwölf Testländerspiele auf dem Plan. Mit Beginn der Endrunde fing jedoch für das Team eine Zeit an, die laut Bulygina "psychologisch sehr schwierig für die Mädchen war – eine solche Erfahrung hatten sie zuvor noch nie gemacht". Wie groß der Druck war, merkte man vor allem im zweiten Gruppenspiel, beim 0:12 gegen England, der höchsten Niederlage aller Zeiten in einer UEFA-Endrunde. Deutlich besser und entspannter ging das Team das Duell mit Norwegen an, welches man zum Abschied nur mit zwei Gegentreffern beenden konnte.

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Die Spielerinnen von Belarus konnten wertvolle Erfahrungen sammeln

Die fehlende Erfahrung mussten sie also mit fußballerischen Lehrstunden bezahlen. "Diese ganze Aufmerksamkeit war für das Team etwas ganz Neues", sagte die Trainerin. "Die meisten Spielerinnen konnten vor den Spielen kaum schlafen. Ein solches Turnier zu organisieren, ist die eine Sache, mitzuspielen eine ganz andere. Dank dieses Turniers hat der Frauenfußball in Belarus massiv an Stellenwert gewonnen."

Die Zielsetzung sieht nun eine regelmäßige Teilnahme des Landes an den Eliterunden im U17- und U19-Bereich vor. Aktuell ist der Schritt von dort in die erste Mannschaft allerdings noch ein weiter. Doch gerade die Spielmacherin Maria Belobrovina hat sehr großes Potential bewiesen. Allerdings waren sie und ihre Teamkolleginnen nicht die einzigen, die mit ihrer Nervosität zu kämpfen hatten.

Karel Rada, Trainer der Tschechischen Republik, ließ seinem Team Visualisierungstechniken lehren, damit dieses besser mit den mentalen Anforderungen einer solchen Endrunde umzugehen wusste. Er sagte, seine Spielerinnen "hatten Probleme damit, gegen die besten Teams Europas anzutreten", was nachvollziehbar ist, war es doch die erste Endrundenteilnahme einer tschechischen Frauenauswahl überhaupt, egal in welcher Altersstufe. "Obwohl wir in der Eliterunde gegen Frankreich ein Remis holten, war die Endrunde eine ganz andere Geschichte. Wenn die Mädchen nervös und mental angreifbar sind, dann kann das fatale Folgen auf die Leistung haben."

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Karel Rada, Trainer der Tschechischen Republik

Die Endrundenqualifikation der Tschechinnen war die logische Konsequenz und Belohnung für die Bemühungen des Verbandes (FAČR) um den Nachwuchsfußball bei den Frauen. Rund 18 Monate vor Beginn der Endrunde wurde eine U15-Auswahl ins Leben gerufen. Die Tschechinnen spielten bei den UEFA-Entwicklungsturnieren mit und konnten sich dann für die Endrunde qualifizieren. Doch damit war nur eine Zwischenetappe erreicht. "Wir sind dabei, als Pilotprojekt eine Nationalakademie für Mädchen aufzubauen, und beginnen mit der U16. Das Team ist jeden Monat für eine Woche zusammen. Wir wollen dies bis zur Endrunde im kommenden Jahr durchziehen", erklärte Rada, der sowohl für den Verband als auch auf Vereinsebene aktiv ist.

"Wir haben nicht die ganz große Auswahl an Spielrinnen. Wir müssen neue Talente finden und für den Fußball gewinnen. Jetzt können wir ihnen mit europäischen Endrunden aus eigener Erfahrung ein realistisches Ziel vorgeben und sie so motivieren." Der Fokus liegt hier vor allem auf Nachwuchs im Bereich U13 und U14, wo man noch zusammen mit den Jungs spielt. Idealerweise folgt dann der Sprung in die Altersstufe U15, in der sich diese Wege trennen. Rada und der FAČR sehen in der Zukunft eine gut ausgebaute Leistungsbahn für Spielerinnen im Alter von 13 bis 19 Jahren, mit der U16-Akadmie als wichtigem Eckpfeiler. Eine gute Orientierung bei der Planung bieten sicherlich die Abläufe der englischen Mannschaft, die für dieses Turnier nur Spielerinnen eines Jahrgangs ausgewählt hat (in diesem Fall 1999). So soll die Quantität an starken Spielerinnen noch erhöht werden.

Der dritte Neuling im Bunde war Serbien, das 2010 einen kompletten Neuanfang in Bezug auf den eigenen Aufbau im Frauenbereich der Nationalmannschaft wagte. Die Neuausrichtung des Verbandes (FSS) inkludierte die Entwicklung eines serbisch geprägten Spielstils, wie auch die U17-Frauennationaltrainerin Suzana Stanojević erklärte: "Wir hatten keine Mittel gegen die etablierten Teams aus Europa, wir mussten also unseren eigenen Spielstil kreieren, angepasst an unsere technischen und taktischen Fähigkeiten." Bei der Spielerauswahl wird der Fokus seitdem auf technische Aspekte und die Fähigkeit, das Spiel zu lesen, gelegt. Für eine effektive Talentsuche hat der FSS 27 ehemaligen Spielerinnen die UEFA-B-Trainerlizenz bezahlt. "Wir haben in den letzten fünf Jahren hart gearbeitet und die Klubs sind angehalten, unsere Philosophie ebenfalls anzunehmen und umzusetzen", sagte Stanojević, die Vollzeit beim FSS arbeitet und bereits selbst Nationalspielerin und Trainerin der A-Nationalmannschaft war. "In der Zukunft haben wir das Potential, uns auch für die U19-Endrunde zu qualifizieren."

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Serbien feiert einen Treffer gegen England

Der Weg zu zukünftigen U17-Endrunden geht für die jungen Talente in Serbien aktuell über eine Liga, die in drei regionale Ligen für Mädchen im Alter von 12 bis 15 Jahren unterteilt ist. Das Team von Stanojević aus der Spielzeit 2015/16 absolvierte zwei siebentägige Trainingscamps, eines im Sommer und eines im Winter. Davor gab es noch zwei Vorbereitungsstufen vor der Qualifikationsrunde und der Eliterunde. Sie fand lobende Worte für die Entwicklungsturniere, nachdem ihre Mannschaft letztes Jahr am U16-Event in Kroatien teilgenommen hatte. Diese Turniere haben derart an Wichtigkeit für die Entwicklung der teilnehmenden Teams gewonnen, dass inzwischen eine Ausweitung auf die U15-Altersstufe im Raum steht.

Italiens Frauenfußball-Geschichte ist schwer mit den Historien der drei Endrunden-Neulinge zu vergleichen. Doch in dieser Altersstufe haben die Italienerinnen mit nur einer vorangegangenen Endrundenteilnahme (Platz drei 2013/14) gar keinen allzu großen Erfahrungsvorsprung. Ganz anders steht es um die erste Mannschaft der Frauen, die bei sechs der ersten sieben Ausrichtungen der UEFA Women's EURO unter den ersten Vier landete.

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Rita Guarinos Italien war vor dem Duell mit Spanien in acht Spielen ungeschlagen

Mit Rita Guarino hatte der italienische Nachwuchs jedoch eine Trainerin an der Seite, die das Team zu acht Erfolgen in Serie führte. Erst am dritten Spieltag der Endrunde gegen Spanien ging dieser starke Lauf zu Ende. Im Laufe der Qualifikation formte sie ein ganz starkes Team, das offensichtlich von ihren Methoden profitierte. Innerhalb kürzester Zeit formte sie ein Team, das zum erweiterten Favoritenkreis gehörte.

Als Sie diese Auswahl im vergangenen September gegen Dänemark verfolgte, sprach sie noch von "offensichtlich fehlender Erfahrung, die nicht zu übersehen ist". Guarino begann im Herbst während der Qualifikationsrunde, die Mannschaft technisch und taktisch zu schulen, und führte ihre Arbeit im November, Dezember, Januar sowie Februar während Trainingscamps fort. In dieser Zeit wurden auch vier Freundschaftsspiele absolviert. Vor jeder Runde der Europameisterschaft stand ein einwöchiges Trainingslager auf dem Plan, in dem der Fokus durchaus überraschend auf "der mentalen Seite lag, der Herangehensweise an die Spiele".

Zur Unterstützung des weiblichen Nachwuchsbereichs trug auch der italienische Fußballverband (FIGC) bei. Der Verband führte eine Pflicht für alle Männerteams der Serie A und Serie B ein, eine eigene U12-Mädchenmannschaft aus 20 Spielerinnen zu formen. Zielsetzung war die Optimierung des Nachwuchsfußballs bei den Frauen durch bessere Trainingsbedingungen, besseres Coaching und weiterentwickelte Trainingsinhalte. Außerdem können männliche Profiklubs die Lizenzen von Amateurteams bei den Frauen kaufen und diese in ihren Verein integrieren. Auch wenn diese Teams dann weiter im Amateurbereich aktiv sind, können sie stark von den professionellen Strukturen profitieren. "Unser System ist noch nicht perfekt, aber wir wollten unsere Ressourcen möglichst optimal nutzen. Der Verband wollte den Frauenfußball möglichst schnell und effektiv nach vorne bringen."

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Laut John Griffiths war England gut vorbereitet

Die Gespräche zwischen den Trainern und dem technischen Team in Belarus drehten sich immer wieder um die Themen Erfahrung, die optimale Vorbereitung und Spielintelligenz. Im internationalen Bereich stehen die Spielerinnen in diesem Alter vor einer großen Herausforderung. Wenn ein Land die Qualifikationsrunde nicht übersteht, stehen der Mannschaft nur drei Pflichtspiele im Jahr zur Verfügung, um sich weiterzuentwickeln. Englands Trainer John Griffiths sagte, er habe sein Team in diesem Jahr so hart wie nie zuvor arbeiten lassen, damit sie für den Einzug in die Endrunde bereit sind. "Wir haben Testspiele gegen ganz starke Gegner absolviert: Deutschland, Frankreich, USA, Japan, Südkorea und gegen männliche Nachwuchsteams, das hat sehr geholfen. Wir haben auch gegen die U16 von Manchester City gespielt."

Karel Rada war froh, Testspiele gegen erfahrene Teams wie Deutschland und Norwegen absolvieren zu können. Unterdessen erklärte Norwegens Trainerin Lena Tyriberget, dass ihre Spielerinnen schon im U15- und U16-Bereich insgesamt 13 internationale Testspiele absolvierten, bevor sie überhaupt in die U17-Auswahl aufstiegen.

Was die Reife auf dem Feld angeht, kann in dieser Altersstufe kein anderes Team den Spanierinnen den Rang ablaufen. Im Gespräch mit den technischen Beobachterinnen Béatrice von Siebenthal und Hesterine de Reus erklärte Spaniens Trainerin María Antonia Is, dass die meisten ihrer Spielerinnen im Kader in der heimischen zweiten Liga und in regionalen Auswahlteams spielen, was sich zusammen mit der Nationalmannschaft auf bis zu 50 Spiele pro Jahr summiert. "Ganz wichtig ist es, dass sie gegen ältere Spielerinnen spielen. Ab dem 15. Lebensjahr kann man in Spanien in der ersten oder zweiten Liga spielen. Wer zu einer Endrunde wie dieser kommt, stand also schon ganz starken Gegnerinnen gegenüber. Außerdem spielen sie dann mit ihren Teams schon Halbzeiten mit 45 Minuten."

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Manche Spanierinnen absolvieren extrem viele Spiele in einem Jahr

Von Siebenthal und De Reus waren sich einig, dass für Spielerinnen in diesem Alter die optimale Belastung bei 35 Ligaspielen und zehn bis zwölf Länderspielen liegt, bevor man zu einer solchen Endrunde kommt.

Natürlich kann und soll jede Spielerin bei der U17-Endrunde viel lernen und sich weiterentwickeln, doch nicht nur die Entwicklung steht im Vordergrund. Es geht auch darum, erstmals in der Karriere eine große fußballerische Herausforderung anzunehmen und zu bestehen. Selbst in Reihen des mehrfachen Europameisters Deutschland weiß man um den herausfordernden Charakter des Turniers. Trainerin Anouschka Bernhard sagte: "In Deutschland wird es in der U15 und der U16 erstmals intensiv, doch in der U17 wird der Druck größer, mit einer Vielzahl von Teams auf gleichmäßig hohem Niveau. Das liegt daran, dass im U15-Bereich noch nicht viele Nationen eine gute Nachwuchsarbeit haben."

Ein weiterer wichtiger Aspekt in diesem Jahr war die Qualifikation für die FIFA-U17-WM der Frauen in Jordanien. "Die Teams wollen unbedingt den Sprung in das Halbfinale schaffen und ihre Chance auf die Weltmeisterschaft nutzen. Dieser Aspekt ist für die Spielerinnen sehr wichtig, mental entsteht dadurch aber eine weitere Belastung", sagte Tyriberget vor der Niederlage ihrer Mannschaft im Play-off-Spiel. "Aber mit diesem Druck umgehen zu lernen, ist eine wichtige Erfahrung. Sollten Sie später im Profibereich aktiv werden, muss man einem solchen Stress gewachsen sein."

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