Die offizielle Website des europäischen Fußballs

Gesprächsthemen

Gesprächsthemen
Die Schweizerin Alisha Lehmann im Duell mit Spaniens Ona Batlle ©Sportsfile

Gesprächsthemen

Professioneller Ansatz entspricht steigenden Qualitätsstandards
Als die U17-Endrunde für Frauen nach einer 19-monatigen Auszeit zurückkehrte, war sich das Technische Team der UEFA beim Turnier in Island der professionelleren Herangehensweise im Frauenfußball dieser Altersklasse und der dadurch hervorgerufenen steigenden Qualitätsstandards bewusst. Es gab nicht unbedingt eine Steigerung in der Entwicklung des Sports seit der ersten Frauen-U17-Endrunde mit acht Mannschaften im Winter 2013/14 in England; vielmehr demonstrierte diese Ausgabe des Turniers weitere Indizien für den permanenten Fortschritt.

Wie von den acht teilnehmenden Trainern vorhergesehen, war es ein enger Wettbewerb in Sachen Qualität, in den meisten Partien gab es knappe Ergebnisse, zudem waren weniger offenkundige Superstars zu sehen. Wenn es also schwieriger war, als Individualist zu glänzen, beweist dies sicherlich einen Anstieg bei der kollektiven Qualität. Da neun ihrer Spielerinnen in die Mannschaft des Turniers berufen wurden, war der spätere Gewinner Spanien ein Beispiel für eine Mannschaft, in der sich viele Talente tummelten und nicht nur ein oder zwei herausragende Spielerinnen. Einer der Gründe für diesen Fortschritt war leibhaftig greifbar an der Seitenauslinie und im Mannschaftshotel. Die Anzahl der Profis und Spezialisten, die die Cheftrainer unterstützen, verbessert die Arbeitsbedingungen der U17-Spielerinnen. Professionelle Spitzenleistungen ziehen sich gewöhnlich durch alle Fachbereiche, daher erklären sich auch die Heldentaten einer englischen Mannschaft am ersten Spieltag, die sorgfältig ihren spanischen Gegner beobachtet hatte und dann ein 1:1-Remis holte. Scouting erstreckt sich somit auf das Aufhalten von Talenten sowie auf das Erspähen von Talenten.

Den Schwerpunkt darauf zu legen, den Gegner aufzuhalten, war ein Merkmal bei der knappen Niederlage der Republik Irland aufgrund eines späten französischen Tores. Die irischen Mädels waren darauf fokussiert, ergebnisorientierten Fußball zu spielen, weshalb die Enttäuschung beim Schlusspfiff deutlich sichtbar und die gute Leistung nur ein schwacher Trost waren. Ergebnisorientierter Fußball ist eine natürliche Folge einer professionelleren Herangehensweise und zudem Teil des Prozesses, eine erfahrene Spielerin zu werden. Die Meinung, dass die Frauen-U17 "ernstzunehmend wird", wird zusätzlich untermauert durch die kritischere Auswahlprozedur für Cheftrainer, die vom Technischen Team der UEFA in Reykjavik angemerkt wurde und die einen notwendigen Schritt darstellt, wenn man bedenkt, dass Nationalmannschaften dieser Altersklasse den Maßstab für Vereinscoaching setzen.

©Sportsfile

Anouschka Bernhard kam häufig mit ihren Spielerinnen zusammen

Entwicklungschancen
Der Fußballkalender war ein weiterer entscheidender Faktor, die Qualitätsstandards zu erhöhen. Konkret verbessert sich die Gesamtstruktur der Jugendwettbewerbe für Mädchen, die durch die UEFA-Entwicklungsturniere für U16-Teams sowie für U17-Teams optimiert wurde. Als Konsequenz dieser Initiativen beinhaltete der Wettbewerbszyklus für die Spielerinnen der Saison 2014/15 ein U16-Entwicklungsturnier im April 2014, die U17-Qualifikationsrunde letzten September, dann im April die Eliterunde oder – für die ausgeschiedenen Teams – ein U17-Entwicklungsturnier und schließlich die Endrunde im Sommer in Island. Daher ist sichergestellt, dass die Teams mindestens drei Wettbewerbserfahrungen sammeln, was sowohl der Entwicklung der Spielerinnen als auch der Trainer zugute kommt. Diese Entwicklungsturniere, die von der UEFA organisiert werden, erleichtern und beschleunigen sofort die Arbeit der Verbände und ihrer Klubs, in manchen Fällen wird dabei eine hilfreiche Dosis an Eindringlichkeit injiziert. Aufgrund dessen scheint die U17-Endrunde für Frauen mit acht Mannschaften ein absolut logischer Schritt zu sein.

Wenn man noch die regelmäßigen Kader-Zusammenkünfte berücksichtigt, dann können die Trainer jetzt rund 60 Tage im Jahr mit ihren Spielerinnen arbeiten. Deutschlands Trainerin Anouschka Bernhard kam sogar auf über 60 Tage. In anderen Ländern ergibt sich die Kontaktzeit aufgrund der Arbeit in nationalen Akademien oder in nationalen und regionalen Kompetenzzentren, das kann variieren zwischen einer täglichen, wöchentlichen, vierzehntägigen oder zumindest monatlichen Basis. Auf jeden Fall ist der Trend hin zu mehr Kontaktzeit vorteilhaft für alle. Selbst wenn sich der Zeitplan vor einer Endrunde für die Trainer aufgrund von Schulprüfungen schwierig gestalten könnte – "einige Trainer sagten, dass es einen großen Unterschied machen würde, wenn das Turnier einige Wochen später ausgetragen werden würde", erklärte Jarmo Matikainen, eine Hälfte des Technischen Teams der UEFA –, ist das Gesamtbild positiv.

Tabelle: Kaderzusammenstellung nach Geburtsjahr

Geboren amENGESPFRAGERIRLISLNORSUI
199818 10 18 15 16 11 16 16
1999 4 1 3 1 4 2 3
2000 4 1 3

Eine Frage, die die Neugier von Matikainen und seiner Kollegin Béatrice von Siebenthal geweckt hat, war, ob ein ergebnisorientiertes Denken komplett Vorrang haben würde vor der Gelegenheit, jede einzelne Spielerin zum Einsatz kommen zu lassen. Von Siebenthal zufolge haben die steigenden Qualitätsstandards in dieser Altersklasse dazu beigetragen, dass die Trainer beide Ansätze abdecken konnten, da "ihnen mehr hochqualifizierte Spielerinnen zur Verfügung standen". In der Gruppenphase, die aus drei Spieltagen bestand, kamen nur acht von insgesamt 144 Spielerinnen überhaupt nicht zum Einsatz. Spaniens Trainer Pedro López, dessen Mannschaft erst nach der dritten Partie in Gruppe A ganz sicher als Halbfinal-Teilnehmer feststand, baute auf seinen kompletten Kader, da nur sechs seiner 18 Spielerinnen in allen drei Gruppenspielen aufliefen. Dies war jedoch eine ungewöhnliche Zahl, wenn man bedenkt, dass in der Gruppenphase durchschnittlich neun Spielerinnen pro Kader in allen drei Partien gespielt haben. Angesichts von nur zwei Ruhetagen zwischen den Spieltagen war die Politik des spanischen Fachmanns durchaus sinnvoll, meinte von Siebenthal: "Der Müdigkeitsfaktor ist wichtig – auf Profi- oder Frauen-Ebene hat man nicht nur zwei Tage zur Erholung."

©Sportsfile

Die Schweizer Trainerin Monica Di Fonzo und Frankreichs Sandrine Soubeyrand

Konservative Abwehrrichtlinie
Der Anreiz für Trainer bei der Zusammenstellung der Teams liegt darin, dass man sich wahrscheinlich umso mehr weiterentwickelt, je häufiger man den Spielerinnen die Chance dazu gibt. Frankreichs Trainerin Sandrine Soubeyrand bemühte sich bei der Wahl ihrer Formation um eine ähnliche Herangehensweise und argumentierte, dass es die Denkweise ihrer Mädels einengen würde, wenn sie das gleiche System wie in der A-Nationalmannschaft anwenden würde. Soubeyrands Präferenz war eine 4-2-3-1-Formation, die in ein 4-3-3 umgewandelt werden konnte. Der Trend in der Gruppenphase war auf jeden Fall ein 4-3-3 (umstellbar auf ein 4-5-1), obwohl zwei der Halbfinalisten, Deutschland und die Schweiz, ein 4-4-2 (umstellbar auf ein 4-4-1-1) anwandten. In vielen etablierten Nationen setzen die Trainer auf eine Formation, die ihre Talente ihrer Meinung nach besser macht.

In Island bestanden die Teams generell aus Abwehrreihen mit vier Spielerinnen – wobei sich die Außenverteidigerinnen eher auf ihre Defensivaufgaben konzentrieren sollten – und aus sechs Spielerinnen, die die Offensive unterstützten. Die Außenverteidigerinnen, die gerne auch gegnerisches Gebiet betraten, wie die Schweizerin Naomi Mégroz und die Deutsche Anna Gerhardt, ragten daher heraus. Frankreichs starke Rechtsverteidigerin Tess Laplacette war eher eine Vertreterin der vorherrschenden konservativen Richtlinie. Der Grund für diese Vorsicht war die Qualität des Angriffsspiels, vor allem beim Umschalten.

Tabelle: Torabschlüsse von Team zu Team

MannschaftTorschüsseDurchschnittAufs TorDurchschnitt
Deutschland 60 15 26 6.5
Frankreich 57 14.25 24 6
Spanien 65 13 33 6.6
Schweiz 51 10.2 27 5.4
Norwegen 22 7.33 8 2.67
England 21 7 9 3
Republik Irland 21 7 7 2.33
Island 15 5 7 2.33

Der Beleg hierfür war, dass Mannschaften, die aufgrund ihrer Struktur und Organisation nicht aktiv das Spiel gemacht haben, gegen Teams, die den tödlichen Pass beherrschten, große Risiken eingingen. So zahlte England den Preis im entscheidenden Spiel der Gruppe A gegen Deutschland. Wie zwei andere Mannschaften, die eher abwarteten und reagierten – Norwegen und Irland –, wurden die Engländerinnen mit insgesamt sieben Gegentreffern bestraft. Sogar Deutschland, als die Schweiz im Halbfinale in der Schlussminute den Siegtreffer erzielte, unterstrich die Gefahren der Denkweise, dass eine gute Organisation ausreichen sollte – denn in dem Moment, in dem man ungeordnet ist und mitgerissen wird, wird man auf diesem Niveau bestraft. Spielerinnen, die das Umschaltspiel beherrschen, sind geübt, den Ball schnell nach vorne zu spielen, und individuelle Stars wie Lucía García, Géraldine Reuteler oder Stefanie Sanders stehen parat, um die Vorlagen zu verwerten.

Das war die harte Lektion, die einige Teams in diesem Entwicklungsstadium lernen mussten. Für von Siebenthal sind die Angreiferinnen beim raschen Fortschritt des Frauen-Jugendfußballs gegenwärtig im Vorteil, während aber auch in dieser Altersklasse die direkten Zweikämpfe in der Defensive immer besser geführt werden (wie von den Spanierinnen veranschaulicht). "Da sich die Organisation in den letzten Jahren stark verbessert hat, mussten die Teams an ihren Angriffsoptionen arbeiten; die Teams wussten, dass sie ihre Offensive optimieren und ihre Konter besser fahren mussten. Jetzt muss der defensive Aspekt wieder gleichziehen."

Es wird die Qualität des Pressings eines Teams sein, das dazu beiträgt, die Qualität der Abwehrarbeit abzustecken. Der isländische Gastgeber agierte weitaus überzeugender, als er im zweiten Durchgang des zweiten Spiels auf eine Viererabwehr setzte. Sehr schnell wurde Islands Pressing immer besser – genauso wie das Angriffsspiel. Natürlich spielten die Isländerinnen nie zuvor gegen Spielerinnen wie die deutschen Offensivstars Sanders und Giulia Gwinn, was dann aber am ersten Spieltag bei der 0:5-Pleite der Fall war. Diese schmerzliche Erfahrung bekräftigte Matikainens Aussage, dass "man Gegentreffer kassiert hat, wenn man nicht dauerhaft gut organisiert war".

©Sportsfile

Die Spanierinnen Aitana Bonmati und Lucía García


https://de.uefa.com/womensunder17/season=2015/technical-report/talking-points/index.html#gesprachsthemen