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Außenseiter fordern Europas Elite

Außenseiter fordern Europas Elite

Wenn der Zweck einer erweiterten Endrunde der UEFA-U17-Europameisterschaft für Frauen war, weitere Entwicklungsmöglichkeiten für zusätzliche UEFA-Nationalverbände und Spielerinnen zu schaffen, dann war das Turnier in Island sicherlich ein voller Erfolg.

Drei der Halbfinalisten von 2013/14 in England waren wieder am Start: Deutschland, Spanien und England waren zusammen mit Frankreich bereits beim ersten Turnier mit acht Mannschaften dabei. Zum Rest des Feldes zählten Gastgeber Island, Norwegen, die Republik Irland und die Schweiz. Diese Kombination aus den üblichen Verdächtigen und Teams, die sich nicht schon im Vorfeld geschlagen geben wollten, sorgte über zwei Wochen für spannende Partien in Akranes, Grindavik, Kopavogur und Reykjavik.

Island hatte es bereits 2011 in die U17-Endrunde mit vier Teams geschafft, und die Auslosung im Frühling gab nur wenig Anlass zur Hoffnung, es besser zu machen als vier Jahre zuvor, als man an der ersten Hürde gescheitert war. Úlfar Hinrikssons Team spielte in Gruppe A gegen den viermaligen Gewinner und Titelverteidiger Deutschland, den zweimaligen Sieger Spanien sowie England. Hinrikssons Mädels, die 2014/15 nur vier offizielle Testspiele zur Vorbereitung bestritten hatten, taten sich richtig schwer, symbolisierten jedoch einen Hauptgrund für eine Endrunde mit acht Mannschaften, nämlich kleinere Gastgeberländer oder erstmalige Qualifikanten Erfahrungen sammeln zu lassen, um ihre Entwicklung zu beschleunigen.

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Deutschlands Stefanie Sanders trifft gegen Island

Die Steigerung der Gastgeberinnen während der einwöchigen Gruppenphase, die am 22. Juni begann, unterstrich diesen Punkt. Island startete in Grindavik, 45 Minuten von der Hauptstadt entfernt, mit einer 0:5-Pleite gegen Deutschland in die Endrunde. Ungeachtet des Ergebnisses spielten die Isländerinnen mit großem Stolz, und die Truppe von Anouschka Bernhard benötigte eine starke Leistung, um gut aus den Startlöchern zu kommen. Die Unerfahrenheit der Gastgeberinnen kam zum Tragen, als sie beim Spielstand von 0:1 kurz vor und kurz nach der Pause zwei Gegentreffer kassierten, ehe sie kurz vor Schluss zwei weitere Nackenschläge hinnehmen mussten. Zwei dieser Treffer gingen auf das Konto von Stefanie Sanders.

Im zweiten Spiel ließ Island gegen England in Akranes – weniger als eine Stunde von Reykjavik entfernt – mehrere gute Möglichkeiten liegen, bevor sie nach 28 Minuten in Rückstand gerieten. Nach der Pause kassierten sie zwei weitere Gegentreffer, und deren defensive Naivität entlarvte den Umstand, dass es Hinriksson vorzog, in seiner Abwehrreihe eher auf offensiv geprägte Spielerinnen (auf Klubebene) zu setzen. Deshalb war es kein Wunder, dass Island immer nach vorne stürmte, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab. Andrea Mist Palsdottirs Distanztreffer zum 1:2 bereitete England nur kurzzeitig Sorgen. Im dritten und letzten Gruppenspiel musste sich Island den Spanierinnen mit 0:2 geschlagen geben.

Das Auftaktspiel in Gruppe A, ein 1:1-Remis zwischen England und Spanien, war eine Wiederholung des Halbfinals der vorherigen Saison, das die iberischen Mädels gewonnen hatten. Fünf Spanierinnen - Patricia Guijarro und Aitana Bonmati aus der Mannschaft des Turniers sowie Carmen Menayo, Cintia Montagut und Maite Oroz - sowie vier Engländerinnen, darunter Spielführerin Chloe Kelly, standen sich erneut gegenüber. Klare Vorteile hatten dabei die Spanierinnen in Sachen Ballbesitz.

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England wehrte sich erfolgreich gegen Spanien

Englands Trainer John Griffiths setzte in Island nur auf Spielerinnen, die 1998 das Licht der Welt erblickt hatten, weshalb auch seine beste Torschützin Georgia Stanway sowie weitere Spielerinnen aus den beiden Qualifikationsrunden nicht vor Ort waren. Trotzdem präsentierte sich die Griffiths-Truppe gegen Spanien in einer guten Verfassung und ging sogar im zweiten Durchgang in Führung, ehe kurz darauf ein Spielzug über etwa 20 Stationen zum Ausgleich führte. Nach dem Spiel sprach Spaniens Trainer Pedro López über die körperlichen Belastungen für seine kleineren Spanierinnen, wenn es gegen einen Rivalen wie England geht.

Die Republik Irland war eine weitere sichtlich kleinere Mannschaft, aber Dave Connells pragmatische Truppe schlug sich äußerst wacker gegen die Französinnen, ehe der dreimalige Finalist eine Viertelstunde vor dem Ende doch noch den Siegtreffer erzielte. Außenstürmerin Emelyne Laurent machte den Unterschied, und die Schweiz demonstrierte im anderen Auftaktspiel der Gruppe B ebenfalls den Wert von vielseitigen Stürmerinnen: Géraldine Reuteler traf beim 2:2-Remis gegen Norwegen in Kopavogur. Aufgrund von Verletzungen musste die Schweizer Trainerin Monica Di Fonzo auf ihre beste Angreiferin und Spielführerin Camille Surdez sowie auf Offensivspielerin Vanessi Hoti verzichten.

Die Herangehensweise der Teams, die typisch für den ersten Spieltag eines Turniers war, variierte entsprechend ihres Status': Irland, klarer Außenseiter gegen Frankreich, wollte die Partie eng gestalten. England war so aufgestellt, um Spanien vor eine harte Aufgabe zu stellen – was ihnen auch gelang. Island versuchte, gegen Deutschland ein respektables Ergebnis einzufahren. Die meisten dieser Mädels nahmen erstmals an einem großen internationalen Turnier teil, dennoch konnte man schon Charakteristika ihrer jeweiligen A-Nationalmannschaften erkennen. Für diese Spielerinnen gab es aber noch zwei weitere Spieltage, um andere Seiten ihrer Persönlichkeiten zu demonstrieren.

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Lucía García war gegen Deutschland dreimal erfolgreich

Der größte Aufreger in Gruppe A ereignete sich am 25. Juni, als Spanien den Titelverteidiger im ersten Durchgang demontierte. Pedro López war noch nicht im Amt, als sich Spanien gegen Deutschland im Dezember 2013 in der Gruppenphase mit 4:0 durchsetzte; dass seine Mädels dieses Kunststück jetzt wiederholen konnten, war eine Art Wiedergutmachung für die dann folgende Endspielpleite 2013 im Elfmeterschießen gegen Bernhards Team, das in der Defensive vielleicht nicht so gut aufgestellt war wie gewöhnlich. Lucía García markierte im ersten Durchgang einen lupenreinen Hattrick, alle vier Treffer erzielte Spanien nach schnellem Umschaltspiel. Während Spanien nach dem zweiten Spieltag bereits so gut wie sicher im Halbfinale stand, feierte Frankreich gegen Norwegen seinen zweiten Sieg und zog somit frühzeitig in die Vorschlussrunde ein. Mit den schnellen Angreiferinnen Marie Antoinette Katoto und Laurent sorgte Sandrine Soubeyrands Truppe dafür, dass die Skandinavierinnen tief verteidigen mussten; trotzdem hatte Norwegens Trainerin Lena Tyriberget gute Spielerinnen zur Verfügung, sowohl athletisch als auch technisch gesehen, aber womöglich gingen sie etwas zu vorsichtig zu Werke. Im anderen Spiel der Gruppe B kassierte Irland erneut einen einzigen Gegentreffer im zweiten Durchgang und verlor gegen die Schweiz, aber wie bei Island befanden sich die Leistungen des irischen Teams auf dem aufsteigenden Ast – auch wenn beide Mannschaften bereits nach zwei Spieltagen ausgeschieden waren.

Dass nur diese beiden Nationen vor dem dritten Spieltag keine Chance mehr auf den Einzug ins Halbfinale hatten, unterstrich die Meinungen der Trainer vor dem Turnier, dass es enge Duelle geben würde; zudem war es eine weitere Legitimation für die Ausweitung auf acht Mannschaften, da jede Partie am 28. Juni noch von großer Bedeutung war.

Die zwei Begegnungen der Gruppe B wurden am Nachmittag ausgetragen, und als Frankreich in Fylkir gegen die Schweiz früh in Führung ging, konnte Norwegen – das beim Anpfiff drei Punkte Rückstand auf Di Fonzos Team hatte – wieder Hoffnung schöpfen. Irland, deren Torhüterin Amanda McQuillan bis zu diesem Zeitpunkt überzeugt hatte, kassierte dann zwei vermeidbare Gegentreffer, so dass die nett anzuschauenden Norwegerinnen aufgrund der besseren Tordifferenz plötzlich auf Platz zwei hochschnellten. Doch im zweiten Durchgang schlugen die Schweizerinnen zurück. Zunächst gelang Reuteler der wichtige Ausgleich, der das Weiterkommen bedeutete, ehe Jolanda Stampfli die Schweiz in der Nachspielzeit sogar noch zum Gruppensieg schoss. Die Französinnen, die mehrere Spielerinnen geschont hatten, mussten sich jetzt mit Platz zwei begnügen. Norwegen wurde unterdessen dafür bestraft, dass man das Weiterkommen nicht mehr in den eigenen Händen hatte, doch die Tatsache, dass gleich vier verschiedene Innenverteidigerinnen zum Einsatz kamen, und die defensive Verwundbarkeit waren zuviel für ein Team, das vier Tore erzielte, aber trotzdem ausschied. Große Freude herrschte dagegen bei den offensiv ausgerichteten Schweizerinnen, die ihre beiden Hauptrivalen hinter sich lassen konnten.

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Irlands Roma McLaughlin im Spiel gegen die Schweiz

Das stark verbesserte irische Team hatte in seinem letzten Spiel definitiv kein Glück, da sie den Pfosten trafen und auch noch einen Elfmeter verschossen. Dennoch hatten sie während des schwungvollen Abschieds von dieser Endrunde das Maximum aus ihrem Kader herausgeholt. Ein gut organisierter und schlauer Auftritt Islands bei der 0:2-Pleite gegen die Spanierinnen, die ihr Team auf sechs Positionen verändert hatten, brachte auch die Endrunde der Gastgeberinnen zu einem positiven Abschluss. Es war eine Lehre für Hinrikssons Grünschnäbel, doch die paar Spielerinnen, die eines Tages den Sprung in die A-Nationalmannschaft Islands schaffen könnten, profitieren ungemein von dieser Erfahrung. Und die Austragung dieser Endrunde unterstreicht eindrücklich das KSÍ-Bekenntnis zum – und die Beteiligung am – Frauenfußball-Sektor.

Damit ging es also nur noch um den zweiten Platz in Gruppe A hinter Spanien. England hatte vor dem Endspiel um die Halbfinal-Teilnahme einen Zähler Vorsprung auf Deutschland. Doch schon in der zweiten Minute wurde Tanja Pawollek von Sanders bedient und schoss zur frühen deutschen Führung ein. Im Anschluss machte das U17-Schwergewicht mit England das, was die Spanierinnen ihnen angetan hatten. Die Nr. 9 Sanders erinnerte mit sage und schreibe vier Treffern an ihr Vorbild Birgit Prinz und rief englische Tränen hervor. Entscheidend war, dass Bernhards Team, das sich zum fünften Mal die europäische Krone aufsetzen wollte, äußerst aggressiv zu Werke ging und im englischen Strafraum maximalen Schaden anrichtete.

Highlights: Schweiz - Deutschland

In den vorangegangenen sieben Ausgaben dieses Turniers hatte Deutschland viermal triumphiert, zweimal Platz drei erreicht und nur einmal die Endrunde verpasst. Im Vergleich dazu war das beste Ergebnis der Schweiz ein vierter Platz 2012. Deren Trainerin war jedoch entspannt und ihre Spielerinnen, wenn auch nicht fehlerlos in allen Bereichen, waren in der Lage, im Lauf eines Spiels ihre Qualität zu erhöhen und in engen Räumen den tödlichen Pass zu spielen. Das stellten sie in ihrem Halbfinale am 1. Juli in Valsvöllur erneut unter Beweis. Der Titelverteidiger verzeichnete 19 Abschlüsse, die Schweiz nur acht, aber jeweils nur fünf Abschlüsse fanden den Weg direkt auf das gegnerische Gehäuse. Nach und nach kam aber die Schweizer Abwehrreihe, bestehend aus Luisa Felder, Thais Hurni, Sarah Kaufmann und Naomi Mégroz, immer besser mit Sanders, die bei der Endrunde bis zum Halbfinale sechs Mal getroffen hatte, zurecht. Nachdem die Schweizerinnen anfangs Probleme gehabt hatten, arbeiteten sie sich immer besser ins Spiel – ein Kennzeichen ihres Potenzials. Und mit der Einwechslung von Amira Arfaoui in der 56. Minute entwickelte sich eine ganz neue Partie. Schlussendlich war es dann Arfaoui, die in der Schlussminute nach einem schönen Schweizer Konter den Siegtreffer erzielen konnte. Sollte Deutschland die Messlatte hoch gelegt haben, hat Di Fonzos Mannschaft sie irgendwie abgeräumt.

Der Endspielgegner der Schweiz sollte das einzig weitere ungeschlagene Team des Wettbewerbs werden. In der ersten der beiden Halbfinalpartien war Spanien nur eine Minute plus Nachspielzeit vom Ausscheiden entfernt, nachdem Frankreichs Sarah Galera einen der seltenen Fehler von Torhüterin Amaia Peña bestraft hatte. Die körperlich stärkeren Französinnen, bei denen Katoto und Inès Boutaleb im Angriff herausragten, stellten Spanien immer wieder vor große Probleme. Aber in der 79. Minute war es die rechte Flügelflitzerin Natalia Montilla, der mit einem herrlichen Heber aus 20 Metern der Ausgleich gelang. Im Elfmeterschießen verwandelte dann Spaniens Lucía García den entscheidenden Schuss zum 4:3-Erfolg.

Highlights: Spanien - Frankreich

Für den dreimaligen U17-Finalisten Frankreich setzte sich die Wartezeit auf den ersten Titel fort, während der zweimalige Gewinner Spanien vor seinem fünften Endspiel stand. Nachdem die vier besten Mannschaften das Halbfinale erreicht hatten, kam es jetzt zum Showdown zwischen den beiden einzigen noch unbesiegten Teams: die eine Mannschaft eine traditionelle Macht in dieser Altersklasse, die die Bedeutung von kontinuierlicher Weiterentwicklung unterstreicht, die andere eine aufstrebende Kraft, die schnell lernt. Exakt die Art von Endspiel, die diesem Wettbewerb gut tut.

Béatrice von Siebenthal, technische Beobachterin der UEFA, fasste es schön zusammen: "Viele Jahre lang war Deutschland der absolute Maßstab, aber jetzt wird es immer härter für sie. Es zeigt, dass die anderen Verbände aufholen."

https://de.uefa.com/womensunder17/season=2015/technical-report/road-to-the-final/index.html#weg+endspiel