Das Endspiel

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Der letzte Tag
Deutschland bejubelt den Sieg im Elfmeterschießen ©Sportsfile

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Der letzte Tag

Die Stimmen zahlreicher Teenager, die im Chor 'Costa Rica' anstimmten, mag so manchen der Stadionbesucher am 8. Dezember in Burton oder Chesterfield verwirrt haben. Aber die Tatsache, dass sich drei der vier Teams, die an diesem Tag auf dem Platz standen, für die FIFA-U17-Weltmeisterschaft der Frauen im zentralamerikanischen Land qualifizieren konnten, erklärte nicht nur die ungewöhnlichen Gesänge, sondern auch die Relevanz des sonst meist wenig beachteten Spiels um den dritten Platz, das dem Finale zwischen Deutschland und Spanien vorausging. Es war also weniger das letzte Spiel, sondern eher der letzte Tag, der dieses Turnier ebenso dramatisch wie spektakulär beendete.

Beide Spiele hatte es im Verlauf dieses Turniers schon einmal gegeben, Italien und England, die Kontrahenten um Platz drei, hatten sich schon zwölf Tage zuvor im Eröffnungsspiel gegenüber gestanden, das Team von Enrico Sbardella hatte nach hartem Kampf mit 1:0 gesiegt. Das Spiel in Burton, das zur Mittagszeit angepfiffen wurde, war ähnlich hart umkämpft, beide Teams beharkten sich im dicht gedrängten Mittelfeld, keine der beiden Mannschaften wagte es aus Angst vor Konterattacken, sich mit mehr als ein bis zwei Spielerinnen in den gegnerischen Strafraum zu begeben. Sbardella brachte aufgrund des Kräfteverschleißes vor dem Halbfinale drei neue Spielerinnen, zwei Flügelspielerinnen und – sehr effektiv –Sara Mella im zentralen Mittelfeld, wo ihr Federica Cavicchia hilfreich zur Seite stand.

Deutschland jubelt über die Titelverteidigung

Manuela Giugliano komplettierte das Mittelfeld-Dreieck, das sehr effizient auch Abwehraufgaben übernahm, gegnerische Angriffe vorausahnte und unterband und anschließend eigene Angriffe einleitete. Das von Lois Fidler trainierte England setzte im Mittelfeld ebenfalls auf Kurzpassspiel, die beiden Innenverteidigerinnen sollten immer wieder mit nach vorne stoßen und in der gegnerischen Hälfte für Gefahr sorgen. Doch die italienischen Außenverteidigerinnen ließen nichts anbrennen, vor allem die quirlige Marta Vergani sorgte auf der linken Seite immer wieder für mächtig Wirbel.

Das Resultat war ein Spiel auf Augenhöhe, bei dem die Gastgeberinnen mehr Ballbesitz aufzuweisen hatten, die Italienerinnen aber wesentlich öfter aufs Tor schossen (15:4) und auch mehr Ecken erkämpften (8:1). Da beide Seiten auch zunehmend Ermüdungserscheinungen zeigten, ging es schließlich ins Elfmeterschießen, wo Italiens Torfrau Francesca Durante zunächst mit ihrem Strafstoß scheiterte, dann aber die Elfmeter von Alice Hassall und Chloe Kelly parierte und ihrem Team so die Tickets für Costa Rica sicherte.

Jasmin Sehan traf in England fünf Mal

Etwas später am Nachmittag hatten in Chesterfield nur wenige Zuschauer damit gerechnet, dass auch das Finale ins Elfmeterschießen gehen würde. Verärgert über das klare 0:4 in der Gruppenphase gegen Spanien und auch ein wenig verunsichert durch das schwache Auftreten ihrer Mannschaft im Halbfinale gegen Italien, veränderte die deutsche Trainerin Anouschka Bernhard ihr Team vor der zweiten Begegnung mit der Mannschaft von Jorge Vilda gleich auf einigen zentralen Positionen. Laura Widak kam als vorderste Spitze neu ins Team, die beste Torschützin Jasmin Sehan ließ sich dafür ein wenig fallen und übernahm die Rolle als hängende Spitze; Ricarda Walkling, die diese Position bisher ausgefüllt hatte, rückte zurück ins Mittelfeld; und Kim Fellhauer, die bis dahin im Mittelfeld durchaus beeindruckt hatte, rutschte in die Vierer-Abwehrkette zurück.

Sobald die schwedische Schiedsrichterin Sara Persson das Spiel an einem grauen und kühlen Tag angepfiffen hatte, tat die DFB-Elf alles, um die bösen Geister des peinlichen 0:4 aus der Gruppenphase zu verscheuchen. Rechtsverteidigerin Michaela Brandenberg schlug den Ball sofort in den Lauf von Flügelspielerin Nina Ehegötz, deren kraftvoller Sprint auf das spanische Tor nur durch ein gewagtes Tackling von Spaniens Spielführerin Nuria Garrote in letzter Sekunde unterbunden werden konnte. Doch schon bald hatten die Spanierinnen den Deutschen den Wind aus den Segeln genommen, die defensive Mittelfeldspielerin Patricia Guijarro startete in den deutschen Strafraum und köpfte eine diagonale Flanke von links an der verblüfften Vivien Brandt vorbei ins Tor.

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Patricia Guijarro brachte Spanien in Führung

Dieses Tor gab den Spanierinnen Auftrieb, ihre exzellente Technik in allen Mannschaftsteilen sowie die Schnelligkeit und Beweglichkeit der Stürmerinnen, gepaart mit taktischer Reife taten ein Übriges. Immer wieder gelang es den Spanierinnen, die deutschen Manöver zu antizipieren und den zweiten Ball zu erobern. Die Mädchen entstammen alle den Jahrgängen 1997 und 1998, doch ihr Fußball trug alle Kennzeichen des Fußballs, der die spanische Herren-Nationalmannschaft in den letzten Jahren ausgezeichnet hatte. Zwar spielte Vildas Team in einer konventionellen 4-3-3-Formation, doch die Interpretation unterschied sie von vielen anderen Teams. 

Nuria Garrote und Beatriz Beltrán beschränkten sich nicht nur darauf, die Vorstöße von Ehegötz und Leonie Stenzel auf den Flügeln zu unterbinden, sondern sorgten ihrerseits über die Außenpositionen in Kombination mit ihren trickreichen Flügelspielerinnen für Gefahr: Mireya García Boa auf der rechten Seite, Andrea Sánchez auf der linken. Unterstützt von Guijarro, kombinierten sich Pilar Garrote und Aitana Bonmatí mit ihrem Direktpassspiel oder mit mutigen Sololäufen durch das zentrale Mittelfeld und sorgten so für die Verbindung von Abwehr und Angriff. Ganz vorne stürzte die schmächtige Nahikari García – die Antithese einer 'vordersten Spitze' – die deutsche Abwehr mit ihren quirligen Einzelaktionen von einer Verlegenheit in die nächste.

Selbst neutrale Zuschauer konnten diesen Fußball genießen und mussten ihm applaudieren. Auf die etwas engagierteren Zuschauer in der Technischen Zone warteten andere Herausforderungen. Vilda, der in seiner Coaching Zone hin und her tigerte, ermahnte seine Spielerinnen mehr an die spanische Spielphilosophie, als ihnen detaillierte Anweisungen zu geben. Bernhard dagegen musste mit ansehen, wie ihre Schützlinge ums sportliche Überleben kämpften und unterstützte dies durch gelegentliche Ausflüge an den Spielfeldrand, wo sie das Positionsspiel ihres Teams zu korrigieren versuchte.

Durch die Pause änderte sich nicht viel am Spielgeschehen. Spanien attackierte bei jeder Gelegenheit und zwang die Deutschen in eine 4-5-1-Formation zurück. Auf jede deutsche Schusschance kamen drei spanische. Doch dank einer extrem disziplinierten Abwehrleistung, starken Torhüterparaden und mit ein bisschen Glück verhinderte die deutsche Elf weitere Gegentore. Die deutsche Hilflosigkeit demonstrierte sich am besten in einem 50-Meter-Sprint von Sehan, mit dem sie erst eine spanische Mittelfeldspielerin, dann eine Verteidigerin und schließlich sogar die Torfrau des Gegners unter Druck setzen wollte. Sekunden später versuchte es Stürmerin Widak mit einer ähnlichen Aktion, wenn auch nur über 30 Meter. Wollten die Spielerinnen hier ein Zeichen setzen oder dominierte die Ratlosigkeit?

Zu allem Übel musste dann auch noch Walkling eine Minute vor der Pause vom Platz humpeln. Bernhard brachte außerdem 24 Minuten vor dem Ende noch auf dem linken Flügel Isabella Hartig für Stenzel. Und das sollte sich als der entscheidende Schachzug erweisen. Trotz des Dauerdrucks, dem sich die DFB-Elf ausgesetzt sah, lagen die Spanierinnen nur mit einem Tor vorne. Und wie die Fußballgeschichte schon des Öfteren gezeigt hat, ist dies vor allem gegen deutsche Teams kein sehr beruhigendes Polster – schon gar nicht gegen eine Mannschaft, der Bernhard eingeimpft hatte, niemals aufzugeben.

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Deutschland zeigte im Elfmeterschießen eiserne Nerven

Während die Sekunden verstrichen, zeigten auch die Spanierinnen erste taktische Nachlässigkeiten und entschieden sich immer öfter für einen langen Ball, statt ihrem bisher so dominanten Kurspassspiel treu zu bleiben. Vier Minuten vor dem Schlusspfiff mussten sie dafür teuer bezahlen. Ehegötz brachte einen scheinbar schon verlorenen Ball noch von der Torauslinie zurück in den Strafraum, Sehan traf das Leder nicht richtig und Hartig schob das Spielgerät mit der Innenseite aus wenigen Metern ins Tor. Als Persson kurz darauf abpfiff und zum Elfmeterschießen bat, waren die Spanierinnen noch immer sichtlich geschockt und bangten nun plötzlich darum, ein Spiel, das sie so klar dominiert hatten, doch noch zu verlieren.

Brandt parierte den zweiten und den dritten Schuss und als dann noch Garrote ihren Elfmeter über die Querlatte jagte, war es Hartig, die mit ihrem verwandelten Elfmeter die Sensation perfekt machte. So unerwartet dieser Sieg für die DFB-Elf auch war, so groß war der Jubel der deutschen Spielerinnen anschließend. Die Spanierinnen dagegen mussten eine grausame Lektion hinnehmen, die dieser hoch talentierten Truppe für ihre sportliche Zukunft allerdings noch von unschätzbarem Wert sein könnte.

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