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Diskussionspunkte

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Enrico Sbardella erreichte mit Italien das Halbfinale ©DPI

Diskussionspunkte

Ein enger Zeitplan
Natürlich wurde darüber diskutiert, welche Auswirkungen eine zweite Endrunde innerhalb von nur fünf Monaten hat. Die erste Endrunde wurde von Polen gewonnen und begann am 25. Juni 2013 - die Endrunde in England begann am 26. November 2013. Der Grund dafür war die Austragung der FIFA-U17-Weltmeisterschaft 2014 im März und April 2014 - dadurch war die UEFA gezwungen, die Endrunde bereits im November und Dezember 2013 auszutragen.

Diesen ganzen Prozess in einem derart kurzen Zeitfenster abzuwickeln, sehe ich als gute Sache an, schließlich stand mir das Team eine ganze Weile zur Verfügung und wir konnten uns intensiv der Trainingsarbeit widmen.
Enrico Sbardella, Italiens Trainer
"Es wäre gut, mehr Spielerinnen die Chance zu geben, auf dem Feld zum Einsatz zu kommen."
Deutschlands Trainerin Anouschka Bernhard
"Ich lasse meine Spielerinnen nur gegen männliche Teams spielen, die ich sehr gut kenne. Ich habe schon schlechte Erfahrungen gemacht."
Jorge Vilda, Spaniens Coach

Durch diese Voraussetzungen war die Zeit zwischen den Turnieren sehr knapp bemessen und die Qualifikation begann bereits vier Tage nach dem Finale der Endrunde 2013 in Nyon. Titelverteidiger Polen griff 35 Tage nach dem Turniersieg in die Qualifikation ein und schied kurz darauf bereits gegen Österreich aus. Die Eliterunde begann im September und endete 37 Tage vor dem ersten Anstoß in England.

Ob dieser enge Zeitplan von Vorteil oder von Nachteil war, darüber gingen die Meinungen auseinander. Italiens Trainer Enrico Sbardella hatte eine klare Meinung dazu. "Diesen ganzen Prozess in einem derart kurzen Zeitfenster abzuwickeln, sehe ich als gute Sache an, schließlich stand mir das Team eine ganze Weile zur Verfügung und wir konnten uns intensiv der Trainingsarbeit widmen. Wäre dem nicht so gewesen, wären die Mädchen wieder zu ihren Vereinen zurückgekehrt, wo sie nur zweimal pro Woche trainiert hätten", sagte er.

Es wurden aber auch die weitreichenden Folgen diskutiert. Zwar konnten sich drei Teams für die Weltmeisterschaft 2014 qualifizieren, doch die anderen Mannschaften erwartet eine sehr lange Zeit ohne internationalen Wettbewerbsfußball - schließlich gibt es 2014 keine Europameisterschaft in dieser Altersklasse. Für die Entwicklung des Fußballnachwuchses ist das sicher ein durchaus kritischer Aspekt.

Für einige große Verbände und ihre Nationalmannschaften endete das internationale U17-Fußballjahr 2014 bereits im Oktober 2013. Die ersten Qualifikationsspiele für die Endrunde 2015 in Island finden im August 2014 statt - doch ein Team wie Frankreich, das erst in der Eliterunde eingreift, bestreitet sein nächstes Pflichtspiele erst im April 2015, wenn die Eliterunde ansteht.

Einer der Trainer in England befürchtete, dass die fehlenden internationalen Spiele dazu führen, dass die Spielerinnen das Interesse verlieren. Hierbei wurde diskutiert, ob der internationale Kalender in einer Weise organisiert werden kann, um solche Situationen in Zukunft auszuschließen, damit sich die Spielerinnen in diesem wichtigen Alter kontinuierlich entwickeln können.

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Elena De Toro umarmt Rocío Galvez

Zahlenspiele
Während der ersten acht Teams umfassenden Endrunde verletzten sich gleich vier Torhüterinnen – es waren zufällig Torhüterinnen der vier Halbfinalisten. Dies regte zu Diskussionen an, da in jedem Team nur zwei Torhüterinnen zugelassen waren. Bei den Spanierinnen ergab sich dadurch eine ganz brenzlige Situation, als Ersatztorhüterin Marta Alemany am Tag des Spiels gegen Schottland in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste und am Blinddarm operiert wurde. Da so kurzfristig kein Ersatz eingeflogen werden konnte, musste Trainer Jorge Vilda darauf hoffen, dass sich seine Nummer eins, Elena de Toro, nicht verletzt - sonst hätte eine Feldspielerin im Tor eingesetzt werden müssen. Aufgrund dieser Verletzungen wurde intensiv darüber diskutiert, ob man in Zukunft mit drei Torhüterinnen antreten sollte.

Doch auch über die Kadergröße im Allgemeinen wurde diskutiert. Bei der Endrunde in England mussten die Teams drei Spiele in nur sieben Tage beziehungsweise fünf Spiele in 13 Tagen absolvieren. Das ist ein sehr anspruchsvoller Zeitplan für Mannschaften, die nur aus 15 Spielerinnen bestehen - angeregt wurde deshalb wiederholt, die Teams auf 20 Spielerinnen aufzustocken.

Dieser Gedanke wurde noch weitergedreht und so stellte sich die Frage, ob mit mehr Spielerinnen auch mehr Auswechslungen ermöglicht werden sollten. Darüber waren sich die Trainer der Teams aber durchaus uneinig. Österreichs Dominik Thalhammer hatte kein Verständnis für Gedankenspiele bezüglich mehr als drei Auswechslungen, da seiner Meinung nach nur die großen Nationen bevorteilt werden würden. Spaniens Trainer Vilda zeigte sich offen für vier bis fünf Auswechslungen, sofern diese aber nicht zu mehr als zwei oder drei Unterbrechungen im Spiel führen würden.

Die meisten Trainer in England befürworteten mehr Auswechslungen bei der Endrunde, die durch die UEFA-Statuten für Nachwuchsturniere in dieser Altersstufe erlaubt sind. Deutschlands Trainerin Anouschka Bernhard sagte: "Es wäre gut, mehr Spielerinnen die Chance zu geben, auf dem Feld zum Einsatz zu kommen." Insgesamt wurden in England 66 von 76 möglichen Auswechslungen von den Trainern getätigt.

Ein weiterer Aspekt, der intensiv diskutiert wurde, ist die Spiellänge bei der Endrunde. Während bei UEFA-Turnieren 40 Minuten pro Halbzeit gespielt wurden, werden bei FIFA-Turnieren 45 Minuten pro Halbzeit gespielt. Die Trainer bei der Endrunde in England sprachen sich klar und deutlich für die UEFA-Version aus.

Geschlechterdiskussionen
Die Trainer der Nachwuchs-Nationalmannschaften tauschten sich außerdem über die Rolle von Jungs in dieser Altersstufe aus. Dabei ging es zum einen um die Möglichkeit, mit gemischten Mannschaften zu spielen, und zum anderen um die Wichtigkeit von Spielen gegen männliche Mannschaften. In Europa wird derzeit das Spielen in gemischten Mannschaften sehr unterschiedlich gehandhabt, wie die Trainer verlauten ließen. In manchen Ländern spielen Jungs und Mädchen nur bis zum Alter von 13, 14 oder 15 Jahren gemeinsam, in anderen Ländern wie in Deutschland teilweise sogar bis zum 17. Lebensjahr. Natürlich haben diese Regelungen durchaus einen großen Einfluss auf die Entwicklungen der Spielerinnen.

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Österreichische Spielerinnen nach dem dritten Spieltag

Allerdings scheint es in den gemischten Teams einige Probleme zu geben, denn einer der Trainer der Endrunde in England wusste zu berichten, dass oftmals Mädchen kaum eine Chance bekommen, weil die Verantwortlichen der Teams ohnehin wissen, dass die Spielerinnen mit 14 Jahren den Platz in der Mannschaft räumen müssen. Thalhammer erzählte unterdessen von der Situation in Österreich und dass dort die besten Frauenteams kaum in die Nachwuchsarbeit investieren, sondern einfach die besten Mädchen aus den gemischten Mannschaften übernehmen. "Im Moment gibt es eine Gruppe von vielleicht zehn Spielerinnen, die davon profitieren würden, länger mit Jungs zu spielen", sagte der österreichische Nationaltrainer.

Wenn man aber schon nicht mit Jungs spielen kann, dann zumindest gegen sie. Unter anderem Schottlands Trainerin Pauline Hamill ließ ihre Mannschaft in der Vorbereitung gegen Jungs spielen, die zwei Jahre jünger sind. Ebenso wird es normalerweise auch in Deutschland gehandhabt. "Wir konnten vor dieser Endrunde keine Spiele mehr absolvieren gegen Jungenmannschaften, aber wir wissen um die Wichtigkeit", sagte Bernhard. Spaniens Vilda zeigte sich etwas zurückhaltender: "Ich lasse meine Spielerinnen nur gegen männliche Teams spielen, die ich sehr gut kenne. Ich habe schon schlechte Erfahrungen gemacht."

Es gibt viele Ansatzpunkte, die viel Raum für konstruktive Diskussionen lassen. Wie lange sollten Jungs und Mädchen gemeinsam in Mannschaften spielen? Wie sinnvoll sind Vorbereitungsspiele für Mädchenmannschaften gegen männliche Teams und wie alt sollten die Jungs sein? Wie groß ist der Einfluss auf die Entwicklung der Mädchen in dieser Altersstufe, wenn sie sich mit Jungs messen können?

https://de.uefa.com/womensunder17/season=2014/technical-report/talking-points/index.html#diskussionspunkte