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Technische Analyse

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Die Polin Ewa Pajor (L) im Endspiel gegen Schweden ©Sportsfile

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Die wachsende Popularität des Frauenfußballs in den letzten Jahren ging mit taktischen, technischen und mentalen Fortschritten der Spielerinnen einher. Diese erfreuliche Entwicklung war auch bei der Endrunde der UEFA-U17-Frauen-Europameisterschaft 2013 in Nyon für jedermann eindeutig erkennbar.

HÖHERES NIVEAU
Die technische Beobachterin der UEFA, Béatrice von Siebenthal, war vom Geschehen auf dem Rasen sehr angetan: „Jedes Jahr sieht man, wie sich der Frauenfußball weiterentwickelt, insbesondere auf Juniorinnenstufe. Das Niveau der Spielerinnen hat sich verbessert, wodurch auch die allgemeine Leistungsdichte zugenommen hat. Es wird für sehr gute Spielerinnen immer schwieriger, sich Geltung zu verschaffen, was wiederum dafür spricht, dass das allgemeine Niveau gestiegen ist. Dies hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass die Spielerinnen mehr Spiele bestreiten, häufiger trainieren und von den Verbänden stärker unterstützt werden.“

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TAKTISCHE UND TECHNISCHE FORTSCHRITTE
Eines der auffallenden Merkmale des Turniers in Nyon war, dass die U17-Juniorinnen es immer besser verstehen, taktische Vorgaben umzusetzen und sich auf verschiedenartige Gegner einzustellen. „In den Halbfinalbegegnungen konnte man sehr gut erkennen, dass die Trainer all ihre Schützlinge individuell auf den Gegner vorbereitet hatten. Die Spielerinnen waren in der Lage, die Anweisungen in die Tat umzusetzen, was ihre Qualität zeigt“, so von Siebenthal.

„Die Mannschaften konnten ihr Spiel variieren, sich der Spielweise der Gegner anpassen, diese in Schwierigkeiten bringen und sich gleichzeitig auf die eigenen Stärken besinnen. Da hat eine große Entwicklung stattgefunden. Außerdem setzten die Spielerinnen die ihnen zugeteilten Sonderaufgaben sehr gut auf dem Spielfeld um“ – lobte von Siebenthal die Trainer und die unter ihrer Leitung gereiften Spielerinnen.

Auch in technischer Hinsicht machen die U17-Juniorinnen dank der Trainings- und Betreuungsarbeit ihrer Trainer rasante Fortschritte. Einige der Spielerinnen fielen in Nyon durch beeindruckende Stilsicherheit in Sachen Passspiel, Ballbehandlung und Spielverständnis auf. „Torwartleistungen, Schusstechnik, Kopfballspiel – überall waren Fortschritte zu erkennen, und es kann sogar noch besser werden“, so die technische Beobachterin der UEFA.

MENTALE STÄRKE
Neben Technik und Taktik gewinnt im modernen Juniorinnenfußball auch der mentale Aspekt an Bedeutung hinzu. Schweden war im Halbfinale die meiste Zeit mit Abwehrarbeit beschäftigt; Spanien dominierte die Ballbesitz-Statistik, griff pausenlos über die Flügel an und verzeichnete dreimal mehr Torabschlüsse. Trotzdem waren die Schwedinnen in der Lage, den spanischen Führungstreffer praktisch postwendend auszugleichen. Nachdem sie in Führung gegangen waren und in der Schlussphase den Ausgleich hinnehmen mussten, behielten sie die Nerven und setzten sich im Elfmeterschießen durch.

„Nur mental starke Spielerinnen schaffen es an die Spitze und können sich gegen Konkurrenz aus dem eigenen Lager sowie gegen gegnerische Mannschaften behaupten“, so Béatrice von Siebenthal. „Im Halbfinale war zu sehen, wie die Schwedinnen gegen Spanien Mühe hatten, ins Spiel zu finden, doch sie behielten einen kühlen Kopf und zeigten Charakterstärke und Selbstvertrauen. Es blieb noch eine Halbzeit zu spielen, sie ließen sich nicht aus der Ruhe bringen, auch nicht in der zweiten Halbzeit – sie waren sehr fokussiert und konzentriert. Meiner Meinung nach hat sich die mentale Verfassung der Spielerinnen im Vergleich zum letzten Jahr massiv verbessert.“

VORBEREITUNG AUF NYON
Alle vier Teams hatten nach der zweiten Qualifikationsrunde nur relativ wenig Zeit, sich auf die Endrunde vorzubereiten. Belgien zum Beispiel absolvierte gerade einmal drei Trainingseinheiten und ein Testspiel, und die Belgierinnen und Spanierinnen mussten sich individuell fit halten, da die Meisterschaft in ihren Ländern bereits abgeschlossen war.

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Der polnische Coach Zbigniew Witkowski war der Ansicht, dass die Vorbereitung seiner Mannschaft wesentlichen Anteil am Gewinn des Europameistertitels hatte: „Wir haben ausschließlich gegen starke Gegner gespielt. Wir spielten gegen Erwachsenenteams, unter anderem den polnischen Meister, bei dem polnische und andere A-Nationalspielerinnen spielen. Wir waren diesen Mannschaften ebenbürtig und haben gewonnen.

Unser letztes Vorbereitungsspiel vor der Abreise in die Schweiz war ein 4:1-Sieg gegen den ukrainischen Vizemeister Naftochimik Kalusch. Entscheidend sind die Erfahrungen, die man in solchen Spielen sammelt, und die Möglichkeit, verschiedene Spielerinnen zum Einsatz kommen zu lassen. Wir stellten die Mannschaft mehrmals um und ließen unterschiedliche Spielerinnen auf verschiedenen Positionen spielen. Dies führt dazu, dass Ersatzspielerinnen, die eingewechselt werden, die Mannschaft nicht schwächen, sondern das Niveau der Startelf aufrechterhalten.“

EDELJOKERINNEN
Worauf der polnische Trainer hinauswollte, zeigte das Endspiel gegen Schweden: Spielführerin Katarzyna Gozdek, eine Schlüsselspielerin Polens, fiel verletzungsbedingt aus. Einige Mannschaften hätten sich dadurch möglicherweise verunsichern lassen und ihre Taktik umstellen müssen, nicht jedoch Polen. Zbigniew Witkowski: „Bis [zum Finale] hatte sie praktisch alle Spiele bestritten. Sie ist Innenverteidigerin, das Herzstück unserer Abwehr, doch dank den vielen Vorbereitungsspielen konnten wir herausfinden, wie sich die Ersatzspielerinnen auf verschiedenen Positionen schlugen. Gabriela Grzywińska, die Gozdek ersetzte, zeigte eine herausragende Leistung.“

DER PAJOR-EFFEKT
Vor dem Hintergrund der Feststellung Béatrice von Siebenthals, dass die Leistungsdichte gestiegen sei und es immer schwieriger werde, sich von anderen Spielerinnen abzuheben, ist die Leistung des polnischen Stürmerstars Ewa Pajor umso bemerkenswerter. „Lili Messi“ wird sie genannt, weil ihre Spielweise jener des begnadeten argentinischen Angreifers gleicht, und sie hinterließ beim Turnier in Nyon ihre Visitenkarte. „Sie ist bereits eine sehr reife Spielerin mit ausgezeichnetem Positionsspiel, sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung“, so von Siebenthal.

„Sie liest das Spiel sehr gut, kann den Ball gegen drei Gegnerinnen halten, bis sie Unterstützung von ihren Mitspielerinnen erhält, und sie verschwendet keine Energie in aussichtslosen Situationen. Sie ist eine Spielerin, die den Unterschied ausmacht. Sie beschäftigt gegnerische Abwehrreihen wie keine andere, und wenn man sie im Spiel beobachtet, zieht sie immer zwei bis drei Verteidigerinnen auf sich. Ich denke, sie hatte großen Anteil daran, dass [Polen] das Turnier gewinnen konnte.“

Von ihrer individuellen Klasse abgesehen war Pajor aber auch eine uneigennützige Teamspielerin, die sich nahtlos in die verschworene polnische Einheit einfügte. Am polnischen Siegtreffer im Endspiel war sie übrigens nicht beteiligt – dieser war eine Koproduktion von Spielerinnen, die vor allem Mannschaftsdienlichkeit und Teamgeist verkörpern. „Sie ist eine Art Juwel in unserer Mannschaft“, sagte Pajors Teamkollegin Ewelina Kamczyk. „Auf dem Spielfeld ist sie für uns sehr wertvoll. Sie beteiligt sich am Spielaufbau – das ist ihre Stärke. Sie unterstützt ihre Mitspielerinnen, schreit sie nicht an, sondern gibt ihnen Ratschläge. Sie gibt immer ihr Bestes, und das bis zum Schlusspfiff. Sie hilft einfach der ganzen Mannschaft.“

Pajor sagte ihrerseits: „Ich bin selbstbewusst und abgeklärt, kann aber auch auf die Unterstützung meiner Mitspielerinnen zählen. Sie haben mir gute Pässe zugespielt, die ich nutzen konnte.“

NameMannschaftTore
Nahikari GarcíaSpanien2
Maddi TorreSpanien1
Jennifer KarlssonSchweden1
Paulina DudekPolen1
Stina BlacksteniusSchweden1
Tine De CaignyBelgien1
Patricia GuijarroSpanien1
Ewelina KamczykPolen1
Katarzyna KonatPolen1
Mariona CaldenteySpanien1
Ewa PajorPolen1

SPANIEN DAS MASS ALLER DINGE
Die Spanierinnen verpassten zwar den dritten EM-Titel in der Kategorie U17-Frauen, drückten der diesjährigen Endrunde mit ihrer klassischen, in Spanien ab dem frühesten Fußballeralter vermittelten Spielweise aber dennoch ihren Stempel auf – ihr flüssiges Kurzpassspiel war eine Augenweide. Die Ibererinnen verzeichneten mit Abstand die meisten Schüsse aufs gegnerische Tor (16).

„Aus technischer Sicht kann niemand Spanien das Wasser reichen“, so die belgische Trainerin Joélle Piron. „[Sie sind] sehr laufstark, beherrschen das Direktspiel und zwingen dem Gegner ständig ihr Spiel auf.“ Béatrice von Siebenthal war ebenfalls voll des Lobes: „Es ist immer schön, ihnen zuzuschauen. Ihre Ballsicherheit ist fantastisch, sie finden in heiklen Situationen immer eine Lösung. Die ganze Mannschaft beteiligt sich am Spiel.“

Nahikari García, eine sehr präsente Figur im spanischen Spiel, lieferte folgende Erklärung: „Wie haben dieselbe Spielphilosophie wie die Männer und die [A-]Nationalmannschaft der Frauen. Nach ihnen richten wir uns, so wollen wir auf dem Spielfeld auftreten.“ Hinter der Eleganz des spanischen Spiels steckt auch ein klares Konzept, wie Abwehrspielerin Marta Turmo erklärt: „Wir haben gemacht, was der Trainer uns gesagt hat – den Ball gut zirkulieren lassen, weil wir den anderen Mannschaften körperlich unterlegen sind. Sie waren physisch sehr stark, auch in der Luft – da war es das Beste, den Ball laufen zu lassen.“

Die Spanierinnen hatten das Pech, im Halbfinale auf eine engagierte, unnachgiebige schwedische Auswahl zu treffen, die ihre Hausaufgaben gemacht hatte. „Man konnte sehen, wie gut die Schwedinnen vorbereitet waren“, so von Siebenthal. „[Sie waren] bemüht, die Räume eng zu machen und den tödlichen Pass zu verhindern. Sie machten dem Gegner das Leben schwer und waren mit schnellen Kurzpasskombinationen und mit Gegenstößen selber gefährlich. Es trafen definitiv zwei völlig unterschiedliche Spielweisen aufeinander, doch beide Mannschaften waren taktisch sehr gut.“

Die schwedische Trainerin Yvonne Ekroth fügte hinzu: „Wir wussten, dass Spanien sehr stark ist; sie sind [technisch stark], sie sind schnell. Wir wussten, dass sie über die Flügel kommen würden, und das galt es zu verhindern. In der zweiten Hälfte fiel mir auf, dass sie mehr lange Bälle hinter unsere Abwehr spielten, doch wir versuchten, kompakt zu bleiben und zusammenzuarbeiten, und dann haben wir ja noch unsere schnellen Stürmerinnen und das physische [Element].“

Den vierten Platz belegte Belgien, das beide Partien verlor. Die Belgierinnen waren sicherlich enttäuscht darüber, ihre herausragenden Leistungen aus der Qualifikation nicht auch in der Endrunde abrufen zu k��nnen – zumal sie es waren, die Deutschland, eines der dominierenden Teams seit der Einführung dieses Wettbewerbs, ausgeschaltet hatten.

Joélle Piron zog dennoch ein positives Fazit des belgischen EM-Abenteuers und erklärte, wie der Trainerstab nach der Halbfinalniederlage reagieren musste: „Der Kontakt mit den anderen Mannschaften, mit anderen Spielphilosophien, war für den Lernprozess der Spielerinnen auf und neben dem Platz sehr wichtig. Wir gingen mit einigen Erwartungen in die Partie gegen Polen, und danach mussten wir uns für das nächste Spiel wieder aufraffen. Wir mussten die Spielerinnen neu motivieren, weitertrainieren und die theoretischen Einheiten fortsetzen. Das bedeutete viel Arbeit.“

Mittelfeldspielerin Valentine Hannecart belegte mit ihrer positiven Reaktion auf das enttäuschende Abschneiden die eingangs erwähnte mentale Reife: „Es waren 40 Mannschaften am Stadt, wir waren unter den besten Vier. Jede Spielerin träumt vom Titel, doch wir haben eine Medaille gewonnen, und damit ist ein Traum wahr geworden. Als sie uns die Medaillen umhängten, kamen die Emotionen hoch und es gab Tränen. Da haben wir realisiert, dass wir zu den vier besten Teams gehören“, so die Belgierin nach dem verlorenen Spiel um den dritten Platz.

HERAUSRAGENDE LEISTUNG
Béatrice von Siebenthal zollte dem neuen U17-Frauen-Europameister Anerkennung: „Es ist ihnen gelungen, ihre Stärken auszuspielen. Die gesamte Mannschaft agierte sehr diszipliniert und setzte die Anweisungen des Trainers genau um. Sie verrichteten auch viel Laufarbeit und waren gut im Umschalten, im Spielaufbau, in der Angriffsauslösung und im Herausspielen von Torchancen. Es war ganz einfach eine herausragende Leistung, vor allem wenn man bedenkt, dass die Spielerinnen erst 16 oder 17 sind. Das verspricht einiges für die Zukunft.“

WENN TRÄUME WAHR WERDEN
Abschließend wurde die technische Beobachterin der UEFA vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen im Frauenfußball und bei den U17-Juniorinnen gefragt, ob sie sich vor 15 Jahren einen solchen taktischen und technischen Leistungssprung hätte vorstellen können. „Nein, überhaupt nicht“, so von Siebenthal. „Für unsere Generation war das reines Wunschdenken – als Mädchen hätte man von solchen Entwicklungen höchstens träumen können. Doch nun ist der Traum Realität geworden.

„Ich muss schon sagen, dass es ziemlich schnell gegangen ist. Heute haben viele Frauen und Mädchen Lust auf Fußball. Die Energie, das Herzblut und die Liebe zum Spiel schaffen viel Motivation und neue Impulse. [Der Frauenfußball] ist in neue Sphären vorgestoßen, heute gibt es Europameisterschaften in vielen Kategorien, es gibt die [UEFA] Womenʼs Champions League und so weiter. Das ist schlicht fantastisch."

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