Das Endspiel

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Camille Abily (2. v.r.) gibt beim Jubel nach Lyons zweiten Treffer den Ton an ©Getty Images

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Beflügelnder Wechsel

90 Minuten Frustration gefolgt von einer halben Stunde Drama pur. Diese Achterbahn der Emotionen bekamen die Zuschauer während der zweistündigen Spielzeit im Valeriy-Lobanovskyi-Stadion zu sehen. Erst als nach einem sonnigen Nachmittag zunächst die Dämmerung einsetzte und es schließlich dunkel wurde, gingen plötzlich die Lichter an - wortwörtlich und im übertragenen Sinne.

Die 14 237 Zuschauer hatten vor dem Finale zwischen dem VfL Wolfsburg und Olympique Lyonnais hohe Erwartungen. Es war die Neuauflage des Endspiels von 2016, als es mit Verlängerung und Elfmeterschießen zusätzliches Spektakel gegeben hatte. Obwohl beide Teams seitdem den Trainer gewechselt hatten, gab es ein weiteres Déjà-vu, denn auf dem Spielberichtsbogen in Kiew fanden sich 23 Namen wieder, die bereits in den Kadern der beiden Teams beim Finale in Reggio Emilia gestanden hatten.

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Wolfsburg Pernille Harder kam kaum zur Geltung

Als "Heimteam" hatte Wolfsburg die Trikotwahl und entschied sich für das traditionelle grün-weiße Outfit. Außerdem überraschte es nicht, dass die Wölfinnen wieder im 1-4-2-3-1 aufliefen, was ihnen auf dem Weg ins Finale so gute Dienste geleistet hatte. Lyon lief in marineblauen Trikots auf und spiegelte die Formation des Gegners bei eigenem Ballbesitz, in der Defensive wechselte man aber auf ein 1-4-4-2. Dabei stand Lyon so hoch, dass Torfrau Sarah Bouhaddi immer wieder die Möglichkeit bekam, außerhalb des Strafraums ihr Können unter Beweis zu stellen. Die Zuschauer hätten aber gerne mehr gefährliche Szenen serviert bekommen, als es dann tatsächlich der Fall war. Nachdem die tschechische Schiedsrichterin die Partie angepfiffen hatte, wurde sofort deutlich, wie viel Respekt beide Teams voreinander hatten. Natürlich war dem Spiel auch eine ausführliche Analyse vorausgegangen. Lyon, wissend um das gefährliche Offensivpotenzial von Wolfsburg, entschied sich für ein Risikomanagement mit guter Balance, um dem Gegner möglichst wenige Kontersituationen anzubieten. Auch Wolfsburg legte einiges an Zurückhaltung an den Tag. Die beiden zentralen Mittelfeldspielerinnen, Alexandra Popp und Sara Bjork Gunnarsdóttir, interpretierten ihre Rollen eher defensiv, während in der Abwehr die athletische Nilla Fischer als Fels in der Brandung agierte. Es gab keine Positionswechsel und ein torloses Remis deutete sich allein deshalb an, weil die beiden erfolgreichsten Torschützinnen wenig in Szene gesetzt wurden. Wolfsburgs Pernille Harder, die hinter der Spitze Ewa Pajor auflief, wurde von Lyons fleißiger Mittelfeldspielerin Saki Kumagai bestens in Schach gehalten. Anja Palusevic, Mitglied im UEFA-Team der Technischen Beobachter, sagte: "Harder wurde von ihrer direkten Gegenspielerin sehr gut beschattet. Vor allem in der ersten Halbzeit hatte sie Probleme, ihre Qualitäten einzubringen."

Der Matchplan von Wolfsburg sah vor, sich vor allem auf die Außenbahnen zu konzentrieren. Da Lyon hoch ins Pressing ging, war ein konstruktiver Aufbau von hinten nur schwer möglich, also wurden Angriffe meist über einen langen Abwurf/Abschlag der Torfrau oder einem diagonalen Ball aus der Innenverteidigung initiiert. Caroline Graham Hansen und Lara Dickenmann konnten sich auf den Flügeln aber nicht wirklich behaupten, während Ewa Pajor, die in der Mitte nur wenig Freiräume vorfand, auch keine kreativen Ideen einbrachte, wenn sie auf die Flügel auswich. Ungehindert von hohem Pressing konnte Lyon von hinten geduldig aufbauen und wirkte bei eigenem Ballbesitz beeindruckend selbstsicher. Immer wieder versuchte man, durch schnelle Seitenwechsel Räume zu öffnen. Im letzten Drittel wurde das Spiel aber ungenau und die beste Möglichkeit gab es nach einem Konter, als Wolfsburg für eine Standardsituation viele Spielerinnen nach vorne gezogen hatte. Ab und zu probierte es Lyon mit Distanzschüssen oder kam selbst zu Standardsituationen. Dzsenifer Marozsan konnte dem Spiel nicht ihren kreativen Stempel aufdrücken, da sie von Wolfsburg im Mittelfeld aggressiv angegangen wurde. Nach einer halben Stunde ließ das kollektive Pressing von Lyon etwas nach und Wolfsburg bekam nun mehr Möglichkeiten, ein Kombinationsspiel aufzuziehen.

Mit Ausnahme einer Phase nach rund 15 Minuten, als es kurzzeitig auf beiden Seiten Strafraumszenen gab, war der Unterhaltungswert eher begrenzt, doch die Zuschauer wussten sich mit der Welle bei Laune zu halten. Das Passspiel war meist überhastet und unpräzise, so dass es viele Unterbrechungen und Einwürfe im Spiel gab. Die Technischen Beobachter teilten das frustrierende Gefühl, dass so hochklassige Spielerinnen nicht in der Lage waren, sich auf der bestmöglichen Bühne voll zu entfalten. Als die Schiedsrichterin die erste Halbzeit abpfiff, ging es ohne wirklich große Höhepunkte in die Kabinen.

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Lyons Amandine Henry

Von dort gab es schlechte Nachrichten für die Fans von Wolfsburg: Caroline Graham Hansen konnte nicht mehr weitermachen, was zur Einwechslung von Tessa Wullaert führte. Nur zwölf Minuten später musste auch die angeschlagene Gunnarsdóttir vom Feld, worauf Joelle Wedemeyer als Partnerin von Popp im zentralen Mittelfeld eingewechselt wurde. Lyon kam jetzt zu mehr Chancen und prüfte Almuth Schult, die in einigen Eins-gegen-Eins-Situationen die Ruhe bewahrte, nachdem ihre Vorderleute den Ball in kritischen Bereichen verloren hatten.  Eugénie Le Sommer und Amandine Henry konnten davon nicht profitieren.

Das Flutlicht warf jetzt deutlich dunklere Schatten und es ging in die Verlängerung. Plötzlich gab es ein völlig anderes Spiel. Innerhalb von Minuten hatte Schult mit einem langen Pass auf die linke Seite Harder auf die Reise geschickt und zum ersten Mal hatte sich Kumagai einen Stellungsfehler erlaubt. Die dänische Angreiferin nutzte den Platz, zog das Tempo erst an und verlangsamte es wieder, um die Gegenspielerinnen ins Leere laufen zu lassen. Ihr Linksschuss war so gut, dass Bouhaddi trotz voller Körperstreckung nur mit ansehen konnte, wie der Ball im Eck einschlug. Wolfsburg jubelte intensiv über den Führungstreffer, doch die Freude war nur von kurzer Dauer. Innerhalb von Minuten sollten zwei entscheidende Momente folgen, die das Finale auf den Kopf stellten.

Zunächst brachte Reynald Pedros mit der Europameisterin Shanice van de Sanden für die nicht mehr ganz so frische Kumagai neues Tempo ins Spiel. Innerhalb von Sekunden ging Popp mit beiden Beinen voraus in einen Zweikampf in der gegnerischen Hälfte, unweit der Bank von Lyon, obwohl sie bereits mit Gelb vorbelastet war. Folgerichtig wurde sie für die Aktion vom Platz gestellt. Stephan Lerch, der bereits drei Wechsel vorgenommen hatte und nun um seine Stabilität im Mittelfeld fürchtete, stellte schnell auf ein defensives 1-4-4-1 um. Jedoch hatte sein Gegenüber Pedros noch ein Ass im Ärmel.

Direkt danach passte Ada Hegerberg in den Lauf von Henry, die von rechts nach innen zog und mit einem wuchtigen Schuss in den Winkel für den Ausgleich sorgte. Das Spiel war kaum wieder angepfiffen, da hatte van de Sanden auf der rechten Seite viel Platz. Dank ihrer Geschwindigkeit schüttelte sie die Verteidigerinnen ab und brachte den Ball nach innen zu Le Sommer, die keine Mühe hatte, die Kugel in den Maschen unterzubringen. Wolfsburg hatte 93 Minuten gebraucht, um in Führung zu gehen, doch nur wenige Sekunden später lief das deutsche Team plötzlich einem Rückstand hinterher.

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Die gefährliche Ada Hegerberg nimmt Maß

Innerhalb von vier Minuten wurde der Schaden noch größer. Henry und Le Sommer eroberten dank guter Zusammenarbeit in der eigenen Hälfte den Ball und starteten direkt den Konter. Le Sommer brachte den Ball lang auf van de Sanden, deren Flanke von Hegerberg verwertet wurde. Für die Norwegerin war es bereits das 15. Tor im Wettbewerb - ein neuer Rekord. Vier Minuten vor dem Ende kam der Ball nach einem Einwurf von Lucy Bronze über Hegerberg erneut zu van de Sanden. Wieder enteilte sie ihren Gegenspielerinnen und legte zurück auf Camille Abily, die das nächste Tor für Lyon markierte. Abily war erst zwei Minuten vorher eingewechselt worden und sorgte mit ihrer ersten Ballberührung für die endgültige Entscheidung. Es waren dramatische acht Minuten, in denen Lyon die eigenen Qualitäten voll zur Geltung gebracht und vier Treffer markiert hatte.

Beim Schlusspfiff rannte die gesamte Bank von Lyon auf den Platz, während sich die Spielerinnen kaum noch bewegen konnten. Körperlich und mental ausgelaugt fielen sie zu Boden, während Pedros an der Seitenlinie auf die Knie ging und Richtung Himmel jubelte. Lerch, ebenso erschüttert wie seine Spielerinnen, gab zu, eine "innere Leere" zu spüren und meinte: "Wir haben über 120 Minuten alles gegeben und einen guten Kampf geliefert. Es ist bitter, wenn man realisiert, dass das nicht gereicht hat." Bis tief in die Nacht feierte Lyon in Kiew den dritten Titelgewinn hintereinander. Zwei Tage später sollte Real Madrid nur wenige Kilometer entfernt das gleiche Kunststück schaffen.

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