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Gesprächsthemen: Interview mit Stephan Lerch

Gesprächsthemen: Interview mit Stephan Lerch
Wolfsburgs Trainer Stephan Lerch ©Getty Images

Gesprächsthemen: Interview mit Stephan Lerch

Was waren Ihre Prioritäten, als Sie das Traineramt von Ralf Kellermann übernommen haben?

Für mich persönlich ging es darum, das gute Fundament, das Ralf Kellermann aufgebaut hatte, fortzuführen. Wir hatten gute Fitnesswerte, konnten hohes Tempo gehen und waren in der Lage, die ganze Saison gute Leistungen abzurufen. In wichtigen Bereichen wollten wir uns weiterentwickeln, aber zu viel wollten wir auch nicht ändern. Als Trainer hat man Ideen, die man einbringen will. Vieles lief wirklich gut und wir haben aus der vergangenen Saison einiges übernommen, aber wir wussten auch, dass wir wahrscheinlich auf Teams treffen, die sehr kompakt stehen und uns das Leben schwieriger als in den Jahren zuvor machen würden. Dafür mussten wir Lösungen finden und so sind frühere Ideen ins Spiel gekommen. Wie kann ich mit Druck umgehen? Wie erarbeiten wir uns Torchancen? Ich denke, das haben wir auf individueller Basis und als Gruppe versucht. Die Taktik der Mannschaft kommt später, aber es ist ganz wichtig, dass man Lösungen findet, wenn man keinen Platz bekommt.

Sind die Ansprüche in der Bundesliga und der Champions League sehr unterschiedlich?

Ich glaube schon, dass es Unterschiede gibt. In der Frauen-Bundesliga trifft man oft auf Mannschaften, die in der Defensive sehr gut organisiert sind und oftmals mit Fünferkette agieren. Wir müssen Wege finden, um dagegen anzukommen. In der Champions League gibt es definitiv mehr Druck, insbesondere ohne Gruppenphase. Es gibt nur die K.-o.-Runde, also hat man als Spieler und als Mannschaft mehr Druck. Oftmals ist es so, dass man umso mutiger auftreten muss, desto weiter der Wettbewerb voranschreitet. Die Gegner wollen sich auch für die nächste Runde qualifizieren und die Spiele werden offener. Ich finde, dass das Niveau in der Bundesliga sehr hoch ist und an einem guten Tag entspricht es einem Viertelfinale in der Champions League. Auf europäischer Ebene sind die Spielerinnen so gut vorbereitet, dass sie ein anderes Tempo gehen können. In der Bundesliga muss man Woche für Woche gute Leistungen bringen. Aber wenn man sich eine Liga anschaut, in der es nur zwei oder drei Topteams gibt, dann benötigt man nicht ein beständig hohes Niveau. Der technische Aspekt verändert sich. Wenn man mit dem Ball mehr anfangen muss, können die Spielerinnen das nicht umsetzen.

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Hat die Verlängerung im Pokalfinale gegen Bayern München Auswirkungen auf die Leistung in Kiew gehabt?

Zunächst denke ich, dass Lyon an diesem Tag den Sieg verdient hatte. Lyon war die bessere Mannschaft. Aber wir hatten einige Tage davor ein intensives Spiel und auch davor war das Programm anstrengend. Die Spielbelastung war riesig. Wir sind mit drei verletzten Spielerinnen ins Finale gegangen - Carolina Hansen, Sara Björk Gunnarsdóttir und Ewa Pajor. Eine musste zur Pause runter, die andere Mitte der zweiten Halbzeit. Ewa Pajor hat sich den Meniskus gerissen. Wir haben nicht unsere beste Leistung gezeigt, weil es die Frische nicht erlaubt hat.

Gab es andere Dinge, die Sie vor dem Endspiel der Champions League vorbereiten mussten?

Für uns war es wichtig, Spaß zu haben. Es ist ein besonderer Anlass, wenn man in einem Finale spielen darf. Wir haben versucht, das Spiel zu genießen, wollten optimistisch und zuversichtlich sein. Taktisch kann man das gegnerische Team nicht wirklich beeindrucken. Man hat vor dem Spiel Diskussionen und versucht, ein paar Punkte zu vertiefen. Aber man versucht, auf dem Platz eine frische Mannschaft zu haben, die optimistisch ist und an sich glaubt.

Spielen Sie am liebsten im 4-2-3-1?

Das ist eine Frage, die man sich als Trainer stellt. Zunächst wollen wir in der Offensive flexibel sein und wir sind in der Lage, verschiedene Formationen abzurufen und den Gegner aus seiner Komfortzone herauszuholen. Das war die Philosophie. Wir hatten ein klares Konzept, wie wir ihre Offensive bearbeiten wollten. Wir haben viele kreative Spielerinnen und wenn man sie in ein zu statisches System stecken würde, hätte das negative Auswirkungen auf die Spielweise. Wir wollten flexibel sein. Ob Vierer- oder Dreierkette, es ging darum, neue Herausforderungen zu schaffen.

Hatte man im Endspiel vielleicht zu viel Respekt?

Wir wussten, dass uns nicht irgendein Gegner gegenüber steht. Wir hatten es mit der besten Mannschaft in Europa zu tun. Dann muss man sagen: 'Okay, wer spielt auf welcher Position und zu welchen Phasen des Spiels?' Wir hätten vorne mehr rotieren können, aber wir hatten nicht die Menge an Ballbesitz, die wir üblicherweise haben. Rückblickend könnte man sagen, dass wir gerne längere Phasen des Ballbesitzes gehabt hätten. Wir waren vielleicht zu defensiv. Natürlich hatten wir einen Plan. Wir wollten flexibel sein und in der Abwehr nicht statisch auftreten. Aber es war ein Finale. Wir hatten es mit einem starken Team zu tun und vielleicht hat das Element Flexibilität gefehlt.

Wie war Ihre Spielphilosophie?

Der erste Gedanke ist immer, dass man den direkten Weg zum Tor sucht. Also durch die Mitte. Und man muss natürlich vernünftig verteidigen. Viele Teams haben eine starke defensive Philosophie. Für uns ist es wichtig, dass wir sagen: 'Okay, wenn man nicht durch die Mitte spielen kann, kein Problem. Aber wir suchen immer nach alternativen Wegen, vielleicht über die Flügel.' Wenn Mannschaften aus der Abwehr heraus aufbauen, dann müssen sie die Flügel nutzen. So haben wir in der Bundesliga viele Tore erzielt. Wir suchen immer nach Eins-gegen-Eins-Situationen oder wollen über die Flügel kommen.

Welche Teams haben Sie in der Champions League außer Lyon beeindruckt?

Wir haben in den letzten Jahren oft gegen Chelsea gespielt und man kann gut erkennen, wie sie sich weiterentwickelt haben und gerade in Sachen individueller Qualität zulegen konnten. Sie haben Fortschritte gemacht, auf technischem und taktischem Niveau. Sie sind dynamischer geworden und haben eine starke Offensive mit Spielerinnen, die eine Partie entscheiden können. Wenn Chelsea auf diesem Weg weiter macht, werden sie oft das Finale erreichen. Wir haben gegen Slavia gespielt und diese tschechische Mannschaft ist körperlich sehr stark. Sie haben auch eine gute Abwehr. Da sind Spielerinnen mit Länderspiel- und Champions-League-Erfahrung dabei. Sie haben uns auswärts das Leben schwer gemacht.

Wie sah Ihre Gegnervorbereitung in der Champions League aus?

Entweder haben wir uns die Spiele selber angesehen oder wir haben auf einen externen Scout zurückgegriffen, der einen Bericht erstellt. Hinsichtlich der Informationen, die wir an das Team weiterleiten, sage ich nicht mehr, als welche Spielerin auf welcher Position spielt. Dann wissen die Spielerinnen, mit wem sie es zu tun bekommen und haben einige Details für die Offensive und Defensive.

Würden Sie zustimmen, dass der Trend zur Dreierkette abschwächt?

In der Defensive kann ich keine Trends erkennen. Unter den Topteams sieht man immer die Probleme, dass man sich gegen tiefstehende Gegner Lösungen einfallen lassen muss. Also kann man entweder seine Außenverteidiger sehr hoch agieren lassen, oder man versucht es hinten mit einer Dreierkette. Ich sehe viele Vorteile für eine Dreierkette, aber es kommt auch auf das eigene Spielermaterial an.

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Warum haben wir Ihrer Meinung nach in den Champions-League-Endspielen so wenige Tore gesehen?

Einerseits spielen die besten Mannschaften gegeneinander. Sie verfügen über so viel Qualität und es läuft manchmal auf kleine Details oder Fehler hinaus. Deshalb gibt es so wenige Treffer.

Was können Mannschaften in den zweiten oder dritten Ligen Europas tun, um die Lücke zu den Topteams zu schließen?

Ich denke, dass die kleineren Klubs eine Menge tun und versuchen, ein gutes Angebot auf die Beine zu stellen. Es ist toll, dass in England viele Topteams eine Menge Geld investieren, um die Trainingsmöglichkeiten und die Infrastruktur zu verbessern. Man hat sinnvolle Investments und realistische Ziele. Es geht oft um die Anerkennung und die Akzeptanz im Frauenfußball. Dank meiner Erfahrung als Jugendtrainer kann ich sagen, dass man versuchen sollte, mit den Jugend- und Männerteams zusammenzuarbeiten, damit die Spielerinnen in körperlicher Hinsicht vor mehr Herausforderungen gestellt werden. Diese Erfahrungen können hilfreich sein. Es gibt viele kleine Dinge, die einen Unterschied ausmachen können.

Wie wichtig ist es, eine Mischung aus regionalen Talenten und internationalen Stars zu haben?

Das ist definitiv wichtig und ich glaube, dass die Bedeutung in den nächsten Jahren noch steigen wird. Es ist wichtig für uns, den Topspielerinnen attraktive Angebote zu machen und gleichzeitig die Jugendteams weiterzuentwickeln. Die Bedeutung der Jugendentwicklung wird noch steigen.

https://de.uefa.com/womenschampionsleague/season=2018/technical-report/talking-points/index.html#gesprachsthemen+interview+stephan+lerch