Das Endspiel

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Hochwertig und ausgeglichen: Das Finale
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Hochwertig und ausgeglichen: Das Finale

"In einem Finale zählt nur der Sieg." Eine nicht unbeträchtliche Menge an Erleichterung war spürbar, als das lila Konfetti auf die Sieger im Cardiff City Stadium herabregnete.

Der Kommentar von Gérard Prêcheur hätte aber genauso gut im Vorfeld der Partie fallen können. Olympique Lyonnais und Paris Saint-Germain standen sich zum dritten Mal in drei Wochen gegenüber und als die deutsche Schiedsrichterin die Begegnung anpfiff, konnte man sofort spüren, wie viel gegenseitigen Respekt es auf dem Rasen gab. Patricia González, als Technische Beobachterin der UEFA in Cardiff vor Ort, sagte: "Wir haben ein Spiel gesehen, welches unter dem Einfluss früherer Auseinandersetzungen stand und welches in vielerlei Hinsicht dem Duell im französischen Pokalfinale stark ähnelte."

Prêcheur, der in Lyons Halbfinale gegen Manchester City auf eine Dreierkette in der Abwehr gesetzt hatte, griff für das Endspiel auf die Viererkette zurück, die er bereits im Viertelfinale gegen Wolfsburg auf den Platz geschickt hatte. Die omnipräsente Saki Kumagai agierte meist als zentrale Mittelfeldspielerin vor der Abwehr, während Camille Abily und Dzsenifer Marozsán das flexible Mittelfeld-Dreieck ergänzten. Auf den Flügeln agierten Alex Morgan (rechts) und Eugénie Le Sommer (links), während Stürmerin Ada Hegerberg im Zentrum für Unruhe sorgte.

Auf der Gegenseite vertraute Patrice Lair auf jene drei Innenverteidigerinnen, die für Paris schon in den Runden zuvor gute Arbeit verrichtet hatten. In Cardiff wurden die als offensiv eingeplanten Außenverteidiger aber immer wieder so sehr unter Druck gesetzt, dass PSG die meiste Zeit des Spiels in einer 1-5-3-2-Formation agieren musste.

"Es war eine Überraschung, dass PSG so tief hinten reingedrängt wurde und sich auf Konterspiel verlassen musste", kommentierte die Technische Beobachterin Hope Powell. "Die Abwehr stand sehr kompakt und sehr tief", fügte Jarmo Matikainen hinzu. "Es gab keine Räume, aus denen sie sich hätten herauskombinieren können." In der Folge gab es eine erste Halbzeit, in der sich Paris bei Versuchen, mit Kurzpässen zu Raumgewinn zu kommen, viele Ballverluste leistete und sich einem enormen Druck von Lyon ausgesetzt sah.

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Auf der anderen Seite war man in der Defensive auch sehr effizient und ließ kaum gute Abschlusssituationen zu. Katarzyna Kiedrzynek stand enorm unter Spannung, hatte aber wenige brenzlige Situationen zu meistern. Durch ihr Positionsspiel und ihre Aufmerksamkeit hatte sie auch mit den Distanzschüssen keine Mühe. OL war feldüberlegen, musste in der 23. Minute aber einen Rückschlag hinnehmen, weil die US-Nationalspielerin Alex Morgan verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste.

Für sie kam Élodie Thomis ins Spiel, aber Trainer Lair hatte wohl Bedenken bezüglich ihrer Geschwindigkeit und wies die Außenverteidigerinnen an, die Positionen zu tauschen. Ashley Lawrence übernahm die linke Seite. Dieser Schachzug war in gewisser Hinsicht ein Eingeständnis, dass es taktisch eher darum ging, auf den Gegner zu reagieren, anstatt selber das Heft in die Hand zu nehmen. "Für mich war das nachvollziehbar", sagte Anja Palusevic. "Wenn ich Trainer wäre, hätte ich es genauso gemacht."

Die defensive Spielweise hätte sich fast ausgezahlt, als Paris die gefährlichste Chance der ersten Halbzeit verzeichnete. Während die Angreiferinnen Cristiane und Marie-Laure Delie eher wenig ins Spiel eingebunden waren, musste Inspiration aus einer anderen Quelle her. Mit einem hohen Pass entzog man sich zunächst dem Pressing, dann gewann Delie das Kopfballduell und brachte die Kugel in den Lauf von Mittelfeldspielerin Shirley Cruz Traña, die einen entschlossenen Sprint mit einem satten Rechtsschuss abschloss, doch  Sarah Bouhaddi war auf dem Posten und parierte.

Es war der Höhepunkt einer ersten Halbzeit, in der die Überlegenheit von Lyon langsam nachließ. Kurz vor der Pause konnte Paris etwas höher verteidigen und band Cruz noch mehr ins Spiel ein, was ihr die Möglichkeit gab, ihre Spielmacherqualitäten an den Tag zu legen. Allerdings ging es ohne Tore in die Halbzeit.

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Als der zweite Durchgang begann, blieb vorerst alles beim Alten. OL hielt den Druck hoch und arbeitete sich eine gute Gelegenheit heraus, als ein Freistoß aus der Tiefe den Kopf der ungedeckten Hegerberg fand. Kiedrzynek konnte den Ball nicht festhalten, aber Hegerberg setzte den Nachschuss daneben. Die Stürmerin war zu diesem Zeitpunkt bereits angeschlagen und wurde nach einer Stunde durch die Mittelfeldspielerin Pauline Bremer ersetzt. Le Sommer übernahm die Rolle ganz vorne und Lyon spielte fortan in einem 1-4-4-1-1.

Derweil hatte Lair mit Aminata Diallo eine Mittelfeldspielerin ausgewechselt und dafür Verónica Boquete gebracht, die ein wenig offensiver agierte.  Formiga, die sich ihr Alter von 39 Jahren überhaupt nicht anmerken ließ, arbeitete fleißig als Staubsauger vor der Abwehr. Kurioserweise lief es gleich wieder so, dass Paris zwar die schlechtere Mannschaft war, jedoch die besseren Chancen verzeichnete.

Wieder war Cruz maßgeblich daran beteiligt. Sie steckte einen Pass in die Schnittstelle auf Delie, die nur noch Bouhaddi vor sich hatte, beim Abschluss aber das Außennetz traf. In der 80. Minute war der Akku von Cruz leer und Paris verlor die kreativste Spielerin. Für sie kam Laura Georges ins Spiel, die sich in der Abwehr einreihte. Dafür ging Grace Geyoro ins Mittelfeld.

Die Verlängerung kam immer näher und das Finale war mehr von Mustern als von einzelnen Aktionen gekennzeichnet. Lyon hatte den Ball, Paris hatte den Matchplan. Beide Teams blieben ihrem Passspiel treu und zeigen ihr technisch anspruchsvolles Niveau, um sich aus schwierigen Situationen zu befreien und sich durch dichte Räume hindurch zu kombinieren. Qualitativ war es ein herausragendes Finale. Aber irgendwie neutralisierten sich die Teams gegenseitig. Paris war sich darüber im Klaren, dass man nur mit einem Sieg auch an der Frauen-Königsklasse 2017/18 teilnehmen würde, aber die Mannschaft fand nicht diesen einen genialen Moment, um sich den Traum vom Europapokaltitel zu erfüllen. So musste zum zweiten Mal in Folge ein Elfmeterschießen über den Ausgang des Endspiels der UEFA Women's Champions League entscheiden.

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Zur großen Freude der PSG-Fans hinter dem Tor konnte Cristiane den ersten Elfmeter locker verwandeln und es wurde in der Kurve noch lauter, als  Kiedrzynek den vierten Elfmeter von Le Sommer an die Latte lenkte. Doch Bouhaddi stand dem in nichts nach. Schon ein Jahr zuvor hatte sie im Elfmeterschießen gegen den VfL Wolfsburg eine entscheidende Rolle angenommen und die Torfrau von OL parierte nun gegen Geyoro. Die anderen Elfmeter waren alle meist sicher verwandelt worden und beim Stand von 6:6 erreichte die Spannung ihren Höhepunkt.

Zwar waren zu diesem Zeitpunkt noch drei Feldspielerinnen in der Warteschleife, darunter auch zwei frisch eingewechselte Spielerinnen, doch Kiedrzynek schnappte sich den Ball und marschierte selbstbewusst auf den Elfmeterpunkt zu. Ihr Schuss flog aber rechts am Pfosten vorbei und damit stand OL die Tür offen. Nun war Bouhaddi an der Reihe und die Torhüterin verwandelte zum 7:6 - Lyon hatte den Titel erfolgreich verteidigt.

Prêcheur, mit weit ausgestreckten Armen, rannte beim Jubellauf von der Bank ganz vorneweg in Richtung Bouhaddi, während die niedergeschlagene Kiedrzynek an der Grundlinie zusammensackte. Während das Siegerpodest auf dem Platz zusammengebaut wurde, machte sie sich auf in Richtung der Paris-Fans, schob dabei einige Teamkolleginnen aus dem Weg und bat den Anhang um Vergebung. Während es lila Konfetti auf die Sieger regnete und Bouhaddi sowie die Kapitänin Wendie Renard zusammen die Trophäe in die Luft reckten, haderte PSG-Trainer Lair: "Ich wünschte, es wäre am Ende eines sehr taktischen Spiels anders gelaufen." Es war ein bitteres Ende eines hochwertigen und ausgeglichenen Endspiels.

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