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Gesprächsthemen 2016/17

Gesprächsthemen 2016/17
Wendie Renard (Olympique Lyonnais) ©Sportsfile

Gesprächsthemen 2016/17

Größerer Unterhaltungswert?

Aber ich war ein wenig in Sorge, dass in einem Spiel mit einer großen Zuschauerzahl nicht genug für Leute geboten wurde, die vielleicht zum ersten Mal Frauenfußball verfolgten
Anja Palusevic

Während das Endspiel in Cardiff genügend Pluspunkte zur Schau stellte, um den technischen Aufschwung im Frauenfußball hervorzuheben, wurden jedoch auch Fragen laut, ob das Finale den Ansprüchen gerecht wurde. Die technischen Beobachter der UEFA waren bestrebt, das Spiel, das vor der beachtlichen Kulisse von 22 423 Zuschauern ausgetragen wurde, nicht negativ zu kommentieren.

Gleichzeitig brachten sie aber auch Vorbehalte zum Ausdruck. "Ich vermute", kommentierte Hope Powell, "dass die taktische Herangehensweise nicht zu einem Riesenspektakel beigetragen hat, auch wenn der zweite Durchgang besser war."

"Als Trainerin muss ich sagen, dass ich wahrscheinlich die gleiche Herangehensweise gewählt hätte", fügte Anja Palusevic hinzu. "Aber ich war ein wenig in Sorge, dass in einem Spiel mit einer großen Zuschauerzahl nicht genug für Leute geboten wurde, die vielleicht zum ersten Mal Frauenfußball verfolgten."

Das Endspiel 2017 war zugegebenermaßen mit besonderen Zutaten gewürzt. Die beiden heimischen Rivalen, die erst wenige Tage vor dem Trip nach Wales das nationale Pokalfinale bestritten hatten, kannten sich in- und auswendig. Paris hatte zudem einen richtigen Insider am Ruder: Trainer Patrice Lair übernahm 2016 PSG, nachdem er zwischen 2010 und 2014 zehn Trophäen mit Olympique Lyonnais gewonnen hatte, und war demzufolge im Besitz von fundierten Kenntnissen über den Gegner und dessen Spielerinnen.

Wie Powell erklärte, "war es, abgesehen vom Spiel selbst, ein Finale, das jede Menge nervöse Energie erzeugt hat". Die Beobachter erinnerten aber auch noch mal an das Finale im Jahr zuvor in Reggio Emilia, wo Lyon dominierte und Wolfsburg auf kompakte Defensivarbeit setzte, um die spielerischen Vorteile des Gegners zu kontern.

Als die beiden Teams im Cardiff City Stadium auf den Rasen kamen, hatten die beiden Kader zusammen zuvor 973 Einsätze in der UEFA Women's Champions League angehäuft, womit viel Qualität und Erfahrung garantiert war. "Die Frage, die es zu diskutieren gilt", fügte Powell hinzu, "ist, ob die vorhandene Qualität eine deutlich offensivere Herangehensweise gerechtfertigt hätte."

Sollte dem 'Unterhaltungswert' angesichts des verbreiteten Wunsches, Frauenfußball zu fördern, Fangemeinden zu vergrößern und Zuschauerzahlen zu steigern, ein höherer Stellenwert zukommen? Falls es so ist, welche Rolle könnten (oder sollten) Trainer spielen, wenn es darum geht, der Öffentlichkeit ein attraktives 'Produkt' anzubieten?

Karriere oder Geld?

©Sportsfile

Élodie Thomis zählte zu den Stars, die zu Beginn des Endspiels nur auf der Bank saßen

"Es ist keine einfache Aufgabe, 26 Nationalspielerinnen zu trainieren", sinnierte Gérard Prêcheur über seine drei Jahre auf der Bank von Lyon. Die Tatsache, dass die Kaderlisten in Cardiff Spielerinnen mit elf verschiedenen Nationalitäten aufwiesen, demonstrierte, dass sich die UEFA Women's Champions League immer mehr den kosmopolitischen Rahmenbedingungen, die bei den Männern vorherrschen, annähert.

Wenn es um die finanziellen Parameter geht, gibt es aber augenscheinlich noch große Unterschiede. Die Teilnahme von Barcelona und Manchester City im Halbfinale illustrierte beispielsweise den Nutzen, in professionelle Strukturen zu investieren. Und transatlantische Neuverpflichtungen – darunter einige Leihgeschäfte, um die saisonlose Zeit in den USA auszunutzen – bestätigen, dass die Klubs den UEFA-Wettbewerb als Hauptpreis sowie als großen Anreiz, den Kader zu verstärken, ansehen.

Aber die Medaille hat immer zwei Seiten. Die relativ begrenzte Anzahl von vollständig professionellen Vereinen im europäischen Frauenfußball macht es für die Elite wohl leichter, als Staubsauger zu agieren und die größten Talente aufzusaugen. Gleichzeitig ist dies jedoch auch eine Zwickmühle für die Spielerinnen.

Einerseits würde eine Umfrage sicherlich ergeben, dass sie es zweifellos bevorzugen würden, auf höchst möglichem Niveau regelmäßig in der Startelf zu stehen. Andererseits sind die Möglichkeiten, gut zu verdienen, eher rar gesät.

Was würde eine Spielerin, die bei nahezu jedem Klub im A-Team spielen könnte, bevorzugen? Bei einem großen Verein mit einem großen Gehaltsscheck am Ende des Monats auf der Bank zu sitzen? Oder für weniger Geld regelmäßig zu spielen? Wenn man wählen müsste, was wäre wichtiger? Ein schönes Gehalt oder regelmäßige Spielpraxis? Und, als Klub- oder Nationalmannschaftstrainer, welchen Rat würde man seinen Spielerinnen geben?

Was könnte man ändern?

©Getty Images

Milena Bertolini

Einmal mehr trainierten Männer die acht Topklubs in der UEFA Women's Champions League. Dieser Trend ist so verallgemeinert, dass er schon lange keine Fragen mehr aufwirft. In den letzten drei Spielzeiten war die einzige Trainerin unter allen Viertelfinalisten Brescias Milena Bertolini in der Saison 2015/16. Die Seltenheit von weiblichen Trainern hat sich zu solch einem archetypischen Gesprächsthema entwickelt, dass es wenig Sinn macht, dauerhaft darüber zu debattieren. Ist dieser Trend im europäischen Vereinswettbewerb jedoch andererseits völlig normal, während der Anteil von weiblichen Trainern bei den Nationalmannschaften ständig ansteigt?

In der heutigen Zeit gibt es keinen Mangel an weiblichen Trainern mit der UEFA-B-Lizenz, die die erforderliche Stufe für die technische Zone bei Partien in der UEFA Women's Champions League ist. Und die laufenden UEFA-Projekte, die darauf abzielen, frühere Spielerinnen zu ermutigen, ins Trainerfach zu wechseln, werden in einer nicht allzu fernen Zukunft, aller Wahrscheinlichkeit nach, das Reservoir an fähigen weiblichen Fußballlehrern vergrößern.

Zu den Diskussionspunkten könnte zählen, zunächst zu hinterfragen, warum es so wenige weibliche Trainer auf den Mannschaftsbögen gibt und was, zweitens, aus administrativer Sicht getan werden könnte, um für eine ausgewogene Verteilung zu sorgen. Mit Blick auf das erste Gesprächsthema sagte Powell in Cardiff: "Ich denke, die Personaleinstellung könnte ein Problem sein – und ich vermute, dass sich die bei den Klubs dafür verantwortlichen Personen Frauenfußball manchmal nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Ich mag falsch liegen, aber ich frage mich schon, ob weibliche Trainer die richtigen Angebote erhalten."

Die zweite Frage wurde von den technischen Beobachtern unter Berücksichtigung der FIFA-Politik bei Endrunden der Juniorenturniere des Weltverbandes erörtert. Die Regularien bei diesen Turnieren schreiben vor, dass mindestens ein Mitglied des Trainerstabs weiblich sein muss, mit dem Zusatz, dass "idealerweise eine Hälfte des Trainerstabs weiblich sein sollte". Sollten in den Regularien der UEFA Women's Champions League ähnliche Maßgaben aufgenommen werden?

Unter den technischen Beobachtern rief dieses Thema gemischte Gefühle hervor. Einerseits wurde die Haltung der FIFA als mutiger Schachzug sowie Schritt in die richtige Richtung angesehen, aber auf der anderen Seite gab es Zweifel, ob es der richtige Weg ist, dieses Problem anzugehen, indem man weibliche Trainer zwangsweise durchsetzt. Was ist Ihre Meinung?

https://de.uefa.com/womenschampionsleague/season=2017/technical-report/talking-points/index.html#gesprachsthemen+201617