Im steten Wandel

Die Endrunde der U21-Europameisterschaft 2019-21 findet in Italien und San Marino statt. Wir blicken auf die Geschichte eines Wettbewerbs zurück, der im Laufe der Jahrzehnte oft reformiert wurde, dank Anpassungen am Format jedoch nie etwas von seiner sportlichen Attraktivität und Beliebtheit eingebüßt hat.

Im steten Wandel
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Manuel Neuer, Mesut Özil, Sami Khedira, David De Gea, Juan Mata, Alvaro Morata… Allein der Blick auf einige der großen Namen, die in den letzten zehn Jahren U21-Europameister wurden, lässt erahnen, wie hoch das Niveau dieses Wettbewerbs ist.

Deutschland jubelt über den Titelgewinn 2017
Deutschland jubelt über den Titelgewinn 2017©Sportsfile

Auffallend auch, dass Deutschland, Italien, die Niederlande und Spanien 12 der 14 letzten Ausgaben seit 1992 für sich entscheiden konnten und diese Phalanx nur von Tschechien (2002) und Schweden (2015) durchbrochen wurde.

Entsprechend gut hat sich die U21-Europameisterschaft in der europäischen Fußballlandschaft etabliert und nimmt in der Agenda der größten Talente des Kontinents einen wichtigen Platz ein. Dem war allerdings nicht immer so, wie die bewegte Geschichte des Wettbewerbs mit fast so vielen Formaten wie Ausgaben verrät. Laut offizieller Siegerliste heißt der erste U21-Europameister 1978 Jugoslawien, doch geht die Entstehung des Wettbewerbs noch um einiges weiter zurück, bis ins Jahr 1966.

Der „Herausforderungs-Pokal“
Der Pokal der europäischen Meistervereine – Vorläufer der UEFA Champions League – existierte seit 1955, und die erste Ausgabe der Europameisterschaft hatte 1960 unter dem Namen „Europapokal der Nationen“ mit einer Endrunde in Frankreich stattgefunden.

Schweden (2015)
Schweden (2015)©Getty Images

Die UEFA hatte klare Vorstellungen über einen neuen Wettbewerb, der Spielern unter 23 Jahren eine Plattform bieten sollte. Zwar gab es bereits Nachwuchswettkämpfe für U18-Spieler, doch fehlte jeglicher Übergang zu den Erwachsenenwettbewerben. Im Rahmen einer Konsultativabstimmung beim UEFA-Kongress 1966 in London wurde die Einführung eines Wettbewerbs für Juniorennationalteams beschlossen. Im Januar 1967 wurde das Projekt auf den Weg gebracht und die Mitgliedsverbände zur Teilnahme am „Herausforderungs-Pokal für Repräsentativmannschaften unter 23 Jahren“ eingeladen. 17 Länder sagten ihre Teilnahme zu.

Das Format war gelinde gesagt außergewöhnlich, muss jedoch vor dem Hintergrund des Bestrebens gesehen werden, den bereits dicht gedrängten Spielkalender nicht weiter aufzublähen: Per Ziehung wurden zwei Mannschaften bestimmt, die in einem einzigen Spiel den Sieger der ersten Ausgabe des Wettbewerbs ermittelten. Die Losfee entschied sich für die Deutsche Demokratische Republik und Bulgarien, und am 7. Juni 1967 setzte sich Bulgarien mit 3:2 durch und durfte sich somit Sieger des Herausforderungs-Pokals nennen, ohne dass die übrigen 15 angemeldeten Teams überhaupt eine Partie bestritten.

Die Fortsetzung war nicht minder verwunderlich: Bulgarien wurde ein Herausforderer zugelost, der die Chance erhielt, dem Titelhalter den Pokal in einer einzigen Partie auf bulgarischem Boden streitig zu machen. Dank diesem Format, das man eher aus dem Box- oder Segelsport kennt, konnte Bulgarien seinen Titel in den Jahren 1967 und 1968 insgesamt dreimal erfolgreich verteidigen, dank Siegen gegen Finnland, die Tschechoslowakei und die Niederlande.

Spanien (2013)
Spanien (2013)©Sportsfile

Erst am 26. Oktober 1968 trug sich mit Jugoslawien ein neuer Verband in die Siegerliste ein. Der neue Titelträger konnte den Pokal seinerseits ebenfalls dreimal behaupten, gegen Spanien, Schweden und Griechenland. Die Partie Griechenland – Jugoslawien am 24. März 1970 war die letzte in der Geschichte des Herausforderungs-Pokals, nachdem die UEFA im Rahmen der Konferenz der Präsidenten der Mitgliedsverbände 1969 in der Schweiz beschlossen hatte, einen veritablen Wettbewerb einzuführen. Dieser war weiterhin für Spieler unter 23 Jahren bestimmt, wurde alle zwei Jahre ausgetragen und hieß „Nachwuchs-Europameisterschaft“.

Von 1972 bis 1976 fanden drei Ausgaben im selben Format statt, an denen zwischen 21 und 23 Teams teilnahmen. Es wurden acht Qualifikationsgruppen gebildet, die grundsätzlich den EM- bzw. WM-Qualifikationsgruppen der A-Nationalmannschaften entsprachen – damit sollten Terminprobleme vermieden werden, indem die Nachwuchsteams jeweils am selben Tag bzw. Wochenende spielten. Die acht Gruppensieger qualifizierten sich für das Viertelfinale, das ebenso wie die Halbfinalpartien und das Finale in Hin- und Rückspiel ausgetragen wurde. Die Sieger dieser U23-EM hießen Tschechoslowakei (1972), Ungarn (1974) und UdSSR (1976).

Niederlande (2006)
Niederlande (2006)©Getty Images

Tiefere Altersgrenze, aber nicht für alle
Der weitgehend von den osteuropäischen Teams dominierte Wettbewerb entwickelte sich zu einem Publikumsrenner, waren doch bei allen Endspielen im jeweiligen Austragungsland 15 000 Zuschauer oder mehr anwesend. Trotz dieser Popularität wurde bei der Konferenz der Präsidenten und Generalsekretäre am 28. Januar 1976 in Marbella eine leichte Anpassung beschlossen, in welcher die U21-EM in ihrer heutigen Form ihren eigentlichen Ursprung findet: Die Altersgrenze wurde auf 21 Jahre gesenkt, um die Einsatzchancen der Spieler von 18 bis 21 Jahren zu erhöhen, denen oft die 22- und 23-Jährigen im Weg standen.

So wurde von 1976 bis 1978 die Premiere dieses U21-Wettbewerbs ausgetragen, in einem ähnlichen Format wie die drei U23-Wettbewerbe von 1972 bis 1976. Erster Sieger war Jugoslawien, nach insgesamt zehn Partien und einem abschließenden Erfolg in Hin- und Rückspiel über die Deutsche Demokratische Republik. Laut damaligem Reglement waren übrigens in jeder Mannschaft zwei Spieler über 21 Jahren erlaubt, was dazu führte, dass der Jugoslawe Vahid Halilhodžić als 26-Jähriger einen U21-Pokal hochstemmen durfte…

Die osteuropäische Dominanz fand in der zweiten Ausgabe ihre Fortsetzung, in der die UdSSR triumphierte – erneut hatte die DDR im Endspiel das Nachsehen. Nach bewegten Anfängen geriet der Wettbewerb in ruhigere Fahrwasser und das Format blieb bis 1992 unverändert – allerdings wurde er zur Ausgabe 1986-88 in U21-Europameisterschaft umbenannt, um seine Bedeutung als Sprungbrett von den Jugend- zu den A-Nationalmannschaften zu unterstreichen.

Veränderungen gab es hingegen in sportlicher Hinsicht: Von 1982 bis 1992 gingen fünf von sechs Titeln an die großen westeuropäischen Teams. Zunächst setzte sich England zweimal durch, 1982 gegen die Bundesrepublik Deutschland und 1984 gegen Spanien, das zwei Jahre später im Finale Italien nach Elfmeterschießen besiegen und seinerseits den Titel feiern konnte. Frankreich setzte die westeuropäische Dominanz 1988 gegen Griechenland fort, bevor die Sowjetunion 1990 groß aufspielte und Jugoslawien im Endspiel keine Chance ließ.

Dann begann die italienische Erfolgsgeschichte in der U21-Europameisterschaft: In der Ausgabe 1992, die erstmals als Qualifikation für die olympischen Spiele diente, besiegten die Azzurri im Finale Schweden. 1994 führte die UEFA eine Endrunde ein: Die Qualifikationsphase und das Viertelfinale im K.-o.-Format blieben gleich, doch die Halbfinalpartien und das Finale wurden fortan in einem einzigen Spiel, in derselben Woche und in demselben Land ausgetragen, vorausgesetzt, dass sich einer der vier Halbfinalisten um die Ausrichtung dieser Endrunde bewarb.

(Italien 2004)
(Italien 2004)©UEFA.com

Endrunde: von 4 auf 8 auf 12 auf 16 Teilnehmer
Erster Endrundenausrichter der U21-EM war im April 1994 Frankreich, das Italien, Spanien und Portugal empfing. Das neue Format änderte nichts daran, dass Italien seinen Titel erfolgreich verteidigen konnte: Im Halbfinale schaltete die Squadra Azzurra den Gastgeber im Elfmeterschießen aus, im Endspiel gegen Portugal schoss Pierluigi Orlandini seine Farben dank einem Golden Goal zum Titel. 1996 feierten die Italiener den dritten Triumph in Folge – ein Kunststück, das bis heute keiner anderen Mannschaft gelungen ist.

Mit Blick auf die Ausgabe 1996-98 entschied sich die UEFA zu einem bedeutenden Schritt und beschloss, die seit der Schaffung des Wettbewerbs in Hin- und Rückspiel ausgetragenen Viertelfinalbegegnungen abzuschaffen und stattdessen die Endrunde auf acht Mannschaften zu erweitern. Eine weitere Neuerung betraf den Qualifikationswettbewerb: Die Gruppensieger waren nicht mehr automatisch für die Endrunde qualifiziert; zwei von ihnen mussten ein Playoff-Duell austragen.

So bestritten im Mai 1998 Gastgeber Rumänien und die sieben übrigen Qualifizierten Viertel- und Halbfinalpartien, das Endspiel sowie Platzierungsspiele. Europameister wurde Spanien dank einem Finalerfolg gegen Griechenland. Die darauffolgende Qualifikation war so gestaltet, dass alle Gruppensieger und die sieben besten Gruppenzweiten Playoffs austrugen, um die acht Endrundenteilnehmer zu ermitteln. Italien, das die Endrunde 1998 verpasst hatte, holte sich „seinen“ Titel im Jahr 2000 dank zwei Treffern von Andrea Pirlo im Endspiel gegen Tschechien zurück. Das Turnier in der Slowakei war das erste in der Geschichte der U21-EM mit einer Gruppenphase (zwei Vierergruppen), einem Spiel um den dritten Platz und einem Finale – Halbfinalbegegnungen wurden erst für die nächste Ausgabe eingeführt. 2002 ging der Titel an Tschechien, das sich im Halbfinale erfolgreich gegen Italien revanchierte und sich im Endspiel nach Elfmeterschießen gegen Frankreich durchsetzte.

Tschechische Republik (2002)
Tschechische Republik (2002)©Getty Images

Das 2002 eingeführte Format mit acht Mannschaften in zwei Vierergruppen sowie Halbfinalbegegnungen und Endspiel hatte bis 2015 Bestand. Die einzige bedeutende, 2005 beschlossene Veränderung war die Verlegung der Endrunde von den geraden in die ungeraden Jahre, um Überschneidungen mit den EM- und WM-Endrunden der A-Kategorie zu vermeiden. Die von 2006 auf 2007 vollzogene Änderung hatte auch zur Folge, dass von den A-Teams unabhängige Qualifikationsgruppen gebildet und der Endrundenausrichter nicht mehr erst nach Abschluss der Qualifikation, sondern weit im Voraus bestimmt wurde.

Italien (2004), die Niederlande (2006, 2007), Deutschland (2009), Spanien (2011, 2013) und Schweden (2015) waren die nächsten Sieger, bevor die Endrunde ein weiteres Mal erweitert wurde: 2017 in Polen spielten zwölf Teams in drei Vierergruppen um den Titel. Neben den drei Gruppensiegern qualifizierte sich der beste Zweitplatzierte für das Halbfinale – 2017 war dies Deutschland, das danach ins Endspiel einzog und dort Spanien besiegte.

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Die größere Anzahl Endrundenteilnehmer wirkte sich auch auf den Qualifikationsmodus aus: Die Gruppensieger waren wieder sicher qualifiziert, während die vier besten Zweiten Playoffs austrugen. Dieses Format wurde für die Ausgabe 2017-19 beibehalten, deren Endrunde vom 16. bis 30. Juni dieses Jahres in Italien und San Marino ausgetragen wird. Danach folgt jedoch bereits die nächste Änderung, nachdem das UEFA-Exekutivkomitee am 6. Februar beschlossen hat, das Turnier ab 2021 auf 16 Teams zu erweitern. Damit werden mehr Mannschaften die Chance erhalten, sich für die in Ungarn und Slowenien stattfindende Endrunde dieses Spitzenwettbewerbs zu qualifizieren. Das war der Gedanke hinter dieser neuerlichen Reform eines Wettbewerbs, der sich seit über 50 Jahren immer wieder neu erfindet mit dem Ziel, den Bedürfnissen der Nationalverbände und ihrer jungen Talenten so gut wie möglich gerecht zu werden.

Ausgabe 2019
Stadien
Stadio Renato Dall’Ara, Bologna
Stadio Città del Tricolore, Reggio Emilia
Stadio Dino Manuzzi, Cesena
Stadio Nereo Rocco, Triest
Stadio Friuli, Udine
San Marino Stadium, Serravalle

Gruppen
Gruppe A
Italien, Spanien, Polen, Belgien
Gruppe B
Deutschland, Dänemark, Serbien, Österreich
Gruppe C
England, Frankreich, Rumänien, Kroatien

Spieldaten
Gruppe A: 16., 19., 22. Juni
Gruppe B: 17., 20., 23. Juni
Gruppe C: 18., 21., 24. Juni
Halbfinale: 27. Juni
Endspiel: 30. Juni

Modus
Die drei Gruppensieger und der beste Zweitplatzierte qualifizieren sich für das Halbfinale.

Olympische Spiele
Die U21-EM-Endrunde 2019 dient als Qualifikationswettbewerb für das olympische Fußballturnier 2020 in Tokio. Die vier Halbfinalisten dürfen nach Japan reisen, außer wenn England zum Kreis der letzten Vier gehört. Da das IOK nur Großbritannien anerkennt, müsste in diesem Fall ein Playoff-Duell um das vierte Olympiaticket ausgetragen werden.

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus UEFA Direct Nr. 184

 

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