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Das Endspiel

Das Endspiel
Portugal jubelt nach einem denkwürdigen Finale ©Sportsfile

Das Endspiel

Das Vorspiel zu einer wundersamen Geschichte wurde geschrieben, bevor es an einem heißen Nachmittag in Seinäjoki zum Anstoß kam. Launische Wolken lieferten etwas Farbe und Schatten, doch wenn man von dem von Kiefern umgebenen Stadion in den Himmel schaute, sah man dort vor allem blauen Himmel. Nachdem Hélio Sousa die Aufstellung bekanntgegeben hatte, musste er auf Miguel Luís verzichten, der schon das ganze Turnier über mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte. Für ihn kam Nuno Nunes ins Spiel, der zuvor lediglich acht Minuten Einsatzzeit hatte. Die Nummer 13 übernahm eine Position im defensiven Mittelfeld, während der bisher so auffällige Florentino weiter nach vorne und in eine offensivere Rolle schlüpfte.

Paolo Nicolato sorgte für eine Überraschung und änderte seine Offensive auf gleich fünf Positionen. Er kehrte zu einer 1-4-4-2-Formation mit Raute im Mittelfeld zurück, die er bereits am Anfang des Turniers hatte spielen lassen. Gianluca Scamacca war nach abgesessener Sperre wieder dabei und lief im Sturm neben Andrea Pinamonti auf, während Filippo Melegoni anstelle von Nicolò Zaniolo, der nun auf der linken Seite agierte, den Spielmacher gab.

Als die Spieler das Feld betraten, waren auf den blauen Trikots von Italien keine Namen, während auf den roten Trikots von Portugal die Spielernamen in goldener Schrift zu lesen waren. Sollte es eine Auseinandersetzung kollektiver Tugenden gegen individuelle Ausnahmekünstler werden? Taktische Disziplin gegen freigeistige Kreativität?

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Beide Abwehrreihen verrichteten in der ersten Halbzeit gute Arbeit

In den ersten Minuten war es eine ausgeglichene Angelegenheit. Italien war geduldiger im Aufbau als in den Spielen zuvor und war im Pressing aggressiv genug, um einige vielversprechende Umschaltsituationen zu erzwingen. Diese wurden von einer gut organisierten Defensive Portugals aber immer wieder schnell entschärft. Die ersten Angriffe der Italiener zielten darauf ab, die Flügel zu überladen. Die beiden Angreifer waren viel unterwegs und machten die vorderste Linie breit, anstatt als Tandem im Zentrum zu arbeiten. Die Portugiesen, bei denen der gefährliche João Filipe 'Jota' quasi überall zu finden war, scheuten sich nicht, viele Spieler mit in den Angriff einzubinden. Oftmals wurde nach Ballverlust ein hohes Pressing angewendet, damit Italien einen langen Ball spielen musste. Es dauerte nicht lange, bis Scamacca nach einem weiteren unpräzisen Befreiungsschlag seine Teamkollegen das erste Mal mit kritischen Blicken versah.

Die beiden Trainer grübelten und gestikulierten an der Seitenlinie, ehe sie im Rahmen einer Trinkpause die Chance bekamen, einige taktische Veränderungen vorzunehmen. Nicolato sollte sich nun mehr um Pinamonti kümmern, während Sousa den Rechtsverteidiger Thierry Correia in Schach halten sollte. Beide Teams kamen danach zu Kopfballchancen. Pinamonti fehlte zum Tor nicht viel, als Portugals Hintermannschaft einen Moment lang unachtsam war, auf der anderen Seite scheiterte Correia nach einer Ecke. Als der vierte Offizielle an der Seitenlinie die Nachspielzeit anzeigte, kam es zum ersten Tor der Partie. Portugals Kapitän José Gomes, der in der Offensive mit viel Übersicht und Ballgefühl glänzte, brachte eine Flanke von der linken Seite und über den Kopf von Francisco Trincão landete das Leder bei Jota. Der zog ab und Alessandro Plizzari konnte den Gegentreffer nicht verhindern.

Nicolato reagierte mit der Herausnahme von Pinamonti in der Halbzeit und brachte dafür den schnellen und explosiven Moise Kean als Sturmpartner von Scamacca. Vielleicht ließen sie sich durch die Gruppe von "Cheerleadern" hinter dem portugiesischen Tor motivieren, die zur Pause das rot-grüne Portugal-Outfit gegen blaue Italien-Fanutensilien getauscht hatten. Auf jeden Fall war Italien von nun an spielbestimmend. Auch die Einwechslung von Christian Capone für Melegoni wirkte sich positiv aus. Das Angriffsspiel war variabler, besser durchdacht und gefährlicher, insbesondere über die rechte Seite, wo Raoul Bellanova unermüdlich rackerte und für gute Flanken sorgte. Portugal, das sonst der eigenen Philosophie immer treu blieb und in Angriff und Defensive im 1-4-3-3 agierte, musste gegen den Ball in ein 1-4-1-4-1 umschalten und die Flügelstürmer etwas zurückziehen, um Italiens Vorstöße auf den Seiten besser in Schach halten zu können.

Während der Trinkpause gab Nicolato seinem Stürmer Kean einen aufmunternden Klaps auf den Rücken, Sousa instruierte Innenverteidiger Romain Correia und Mittelfeldspieler Florentino. Sekunden nach Wiederanpfiff nahm Jota einen langen Pass mit der Brust an und Trincão war zur Stelle - 0:2.

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João Filipe (rechts) traf doppelt für Portugal

Der Treffer markierte gleichzeitig das Ende aller taktischen Überlegungen - die Zuschauer erlebten fortan eine emotionale Achterbahnfahrt. Während sich Portugal noch über das Polster einer Zwei-Tore-Führung freute, schlug Italien zurück. Ein Einwurf in vermeintlich harmloser Position auf der rechten Seite führte dazu, dass Kean mit Geschwindigkeit in den Strafraum eindrang, von Capone mit der Hacke bedient wurde und zum Anschluss traf. Portugal reagierte geschockt auf den Gegentreffer und ließ sich danach von Italien mit nur sechs Pässen ausspielen. Zaniolo lieferte das letzte Zuspiel auf Kean und schon stand es 2:2. Als der spanische Schiedsrichter die reguläre Spielzeit abpfiff, kehrten die italienischen Spieler mit viel Selbstvertrauen und einem guten Gefühl an die Seitenlinie zurück.

In der Verlängerung wollte Italien die schnelle Entscheidung erzwingen und verlor dabei die defensive Ordnung. Beide Trainer nahmen ihre Option auf einen vierten Wechsel wahr. Sousas Entscheidung, mit Pedro Correia einen Zielstürmer auf den Platz zu bringen, sollte sich als goldrichtig erweisen. Er lieferte die Vorarbeit zu dem wuchtigen Schuss von Jota aus der zweiten Reihe, den Plizzari nur ins eigene Netz ablenken konnte. Dieses Mal gab es großen Jubel auf der portugiesischen Bank, die anschließend vom Schiedsrichter ermahnt werden musste. Mit der 3:2-Führung von Portugal ging es in die zweite Halbzeit der Verlängerung.

Während die Sonne in Seinäjoki langsam unterging, hatte das Spiel eine erneute Wende parat. Kurz nach Wiederanpfiff baute Italien über die linke Seite auf, passte in die Mitte und von dort zurück nach links. Jetzt folgte der Wechsel auf rechts, von wo Bellanova eine perfekte Flanke auf Scamacca in den Strafraum segeln ließ - 3:3. Nun war die italienische Bank erneut an der Reihe, der Euphorie freien Lauf zu lassen.

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Portugal schlug in der 109. Minute zu

Abermals hatte das Schicksal andere Pläne. Während Italien noch im Jubelmodus war, fand Jota die Lücke für einen Pass auf den eingewechselten Stürmer Pedro Correia, der sich erst im Zweikampf behauptete, um nach einer Drehung in die lange Ecke abzuschließen. Wieder kam es zu emotionalen Szenen an der Seitenlinie, nur dieses Mal sollte das für die jubelnde Mannschaft keinen schlechten Nachgeschmack entwickeln. Italien hatte noch zwei gute Chancen, konnte Portugals Defensive aber nicht mehr knacken. Sekunden vor dem Ende bekam Jota bei seiner Auswechslung stehende Ovationen.

Bevor Portugal erstmals die U19-Trophäe in die Hände bekam, zollte man dem Gegner großen Respekt. Auf eine zunächst taktische Angelegenheit war ein denkwürdiges Spektakel gefolgt - Jubel auf der einen und Tränen auf der anderen Seite waren aber immer unvermeidlich. Die Akteure werden für den weiteren Verlauf der Karriere die Lektion gelernt haben, wie wichtig emotionale Intelligenz sein kann.

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