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Italien und Portugal lieferten sich ein packendes Finale ©UEFA.com

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Kader und Spielerstatistiken

Das Turnier in Finnland war ein höchst unterhaltsames Spektakel. Bevor wir jedoch den taktischen Vorhang öffnen, müssen wir noch die Bühne bereiten. Die Besonderheit der Endrunde lag darin, dass in den beiden Spielorten Kunstrasen eingesetzt wurde. Dieser Umstand löste bei den Trainern ein gewisses Maß an Zurückhaltung aus. Frankreichs Bernard Dioméde beherzigte die Warnungen hinsichtlich Knie- und Rückenbeschwerden und ließ auf Naturrasen trainieren. Er begrenzte die Nutzung von Kunstrasen nur auf die Spieltage. Das Bewässern des Platzes wurde als enorm wichtig angesehen, doch die außergewöhnlich hohen Temperaturen führten teilweise dazu, dass das Wasser aus den Sprinkleranlagen verdampfte, ehe es am Boden ankam. Die allgemeine Meinung der Trainer wurde kurz und bündig von Italiens Trainer Paolo Nicolato zusammengefasst: "Ich denke, die Spieler werden schneller müde, aber der Spielstil wird dadurch nicht beeinträchtigt."

Im Kontrast zu diesem Novum gab es auch einige Beständigkeiten. Der Austragungstermin im Juli brachte die gewohnten Probleme mit sich. So erläuterte Englands Trainer Paul Simpson ein extremes Beispiel, dass mehr als 30 Kandidaten seines Kaders keine Freigabe ihrer Vereine erhielten. Das Ergebnis war, dass England das Play-off verlor und somit seinen Titel bei der FIFA-U20-WM 2019 nicht verteidigen kann. Da andere Endrunden-Teilnehmer weniger oder gar nicht davon beeinträchtigt waren, wurde das Turnier - zumindest in dieser Hinsicht - nicht unter gleichen Wettbewerbsvoraussetzungen durchgeführt.

Wie in vergangenen Ausgaben gehörte auch die Analyse der Geburtsdaten der Spieler zu den wichtigsten Themen. Von den 160 Spielern in Finnland wurden 43 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres geboren, nur 15 Prozent in den letzten drei Monaten. Die Trainer erklärten einheitlich, dass das Geburtsdatum der Spieler bei der Zusammenstellung des Kaders keine Rolle gespielt habe. Die Daten geben aber unmissverständlich zu verstehen, dass es weiterhin viel Arbeit gibt, um die Chancengleichheit in der Entwicklung zu gewährleisten.

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Die Trainer der Gruppe A

Mehr Verteidiger, mehr Tore
Soweit zu den grundlegenden Dingen. Auf dem Platz gab es ein Phänomen zu beobachten, das in gewisser Weise als paradox zu werten ist. Während Norwegen bei der UEFA-U17-EURO zwei Monate zuvor noch das einzige von 16 Teams war, welches mit einer Fünferkette in der Abwehr operiert hatte, griffen gleich fünf der acht Teilnehmer in Finnland zumindest in Teilen des Turniers auf dieses Mittel zurück. "Ich denke, wir müssen vorsichtig sein, dies als eindeutigen Trend zu bezeichnen", meinte Jarmo Matikainen, Technischer Beobachter der UEFA. "Die Trainer haben dies aus unterschiedlichen Gründen und in verschiedenen Wegen an ihr System angepasst." Simpsons 1-5-3-2-Formation war der Tatsache geschuldet, dass ihm im improvisierten Kader die Flügelstürmer fehlten. Vedat Inceefe setzte im letzten Gruppenspiel der Türkei auf einen ähnlichen Ansatz, um die Formation der Ukraine zu spiegeln. Norwegens "Paco" Johansen ließ grundsätzlich eine Fünferkette auflaufen, der Spielaufbau sah aber vor, dass sich ein defensiver Mittelfeldspieler als zentrale Komponente der drei Innenverteidiger positionierte.

Bei Halbfinalist Ukraine gab es derweil eine eher klassische Fünferkette als Teil eines 1-5-4-1. Matikainen dazu: "Es war perfekt für die Spielphilosophie, zunächst auf eine kompakte Defensive zu setzen, um in der Abwehr stets Überzahl zu haben. Somit war die Abwehr schwer zu überspielen und man konnte auf Konter setzen. Diese Strategien der Trainer zeigen, dass man sich der vorhandenen Spielertypen und Qualitäten anpasste."

Und obwohl es teilweise sehr dicht gestaffelte Abwehrlinien gab, fielen im Verlauf des Turniers 55 Treffer (aus Vergleichsgründen wurde das WM-Play-off nicht mitgezählt). Es war eine deutlich höhere Ausbeute als bei den Turnieren 2015 (36) und 2017 (39). "Wenn wir nach Erklärungen suchen", so der Technische Beobachter László Szalai, "können wir erkennen, das Mannschaften mit Fünferketten nach Ballgewinn schnell nach vorne spielen wollen. In diesem Moment ist man verwundbar und wir haben einige Tore gesehen, die nach hohen Rückeroberungen in der kritischen Phase des Umschaltens von Abwehr auf Angriff gefallen sind."

Wenn man eher das Positive als das Negative in den Vordergrund stellt, kommt man bei der Analyse der Tore zu dem Schluss, dass relativ wenige aus "Abwehrfehlern" resultierten. Geht man die Sache eher kritisch an, könnte das Fazit aber auch anders ausfallen. Der Ballverlust nahe des eigenen Strafraums, welcher Norwegen den Rückstand gegen Portugal einbrachte; je ein Treffer für beide Teams beim Spiel zwischen der Türkei und England, als Pässe in kritischen Zonen abgefangen wurden; Finnlands Unachtsamkeit an der Strafraumgrenze gefolgt vom 0:2 gegen Portugal und gleich drei haarsträubende Schnitzer von England tief in der eigenen Hälfte gegen Frankreich…

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Finalist Italien nutzte viele Abwehrfehler aus

Ein zusätzlicher Innenverteidiger ist auch nicht gleichbedeutend mit mehr Absicherung. So gab es von ihnen auch Fehler, die den Spielverlauf maßgeblich beeinflussten. So wie den Vorstoß von Frankreichs Innenverteidiger Malang Sarr in die gegnerische Hälfte im Halbfinale gegen Italien. Dabei spielte er einen Pass, der einfach zu durchschauen war, und Nicolò Zaniolo leitete den Gegenangriff ein. Dieser schickte Moise Kean auf die Reise und der Stürmer ließ sich nicht zweimal bitten. Oder der Fehler von Lucas Queirós, der seinen Gegenspieler (erneut Kean) einfach davonlaufen ließ, was zu einer Roten Karte führte, so dass Portugal im Spiel gegen Italien schon nach acht Minuten nur noch zu zehnt agierte.

Geben und nehmen
Bei der Analyse des Turniers lag die Herausforderung darin, auf der einen Seite die Fehler aufzuzeigen, diese aber auch mit der Fähigkeit aufzuwiegen, gegnerische Schnitzer auszunutzen. Die Diskussionen führten zu einer Vielzahl an Themen, die eng miteinander verbunden sind. Etwa das Pressing, die Positionierung von Abwehrreihen, die Nutzung von Kontern als Hauptwaffe oder die Bereitschaft einer Mannschaft - selbst bei gegnerischen Fünferketten - voll auf die Abwehr draufzugehen und mit großem Laufpensum abseits des Balles und Positionswechsel Chaos zu schaffen. "Die Mannschaften waren bereit, die vorderste Reihe zu überladen", so die Einschätzung von Matikainen. "Der Gegner sollte auch mit direkten Angriffen und Pässen in die Tiefe überrumpelt werden. Wir haben viele Angriffe gesehen, die durch die Überladung einer Seite entstanden sind, worauf es dann zum Seitenwechsel kam, wenn der Gegner gerade dabei war, sich der Situation anzupassen. Die Türkei hat dies gegen England sehr gut gemacht. Aber danach haben sie ihren Stil verändert und konnten in den nächsten zwei Partien kein Tor mehr erzielen."

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Grafik 1: Italien mit Mittelfeldraute und offensiven Außenverteidigern

"Italien war das taktische Chamäleon", so Szalai. "Sie hatten die Flexibilität in ihrem Angriff und haben in der Offensive permanent die Positionen getauscht." Die Grafik 1, die sich auf das Gruppenspiel gegen Norwegen bezieht, zeigt eine der Angriffsoptionen, die in der 1-4-4-2-Formation mit Zaniolo als Spielmacher in der Mittelfeldraute zur Verfügung stand. Während Sandro Tonali (Nummer 18) die Innenverteidiger absicherte, konnten sich beide Außenverteidiger weit vorne mit einschalten. Insbesondere Raoul Bellanova (14) tat dies auf der rechten Seite. Zaniolo stieß meist zu den beiden Stürmern, die sich knapp an der Abseitslinie bewegten und immer wieder die Positionen wechselten. Dabei lauerten sie auf Pässe in die Schnittstelle oder auf Bälle über die Abwehr hinweg. Abhängig von der Reaktion der Innenverteidiger entschied sich Zaniolo manchmal dazu, sich fallen zu lassen, um so einen Gegenspieler herauszuziehen, oder den Ball im Zwischenraum in Empfang zu nehmen.

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Grafik 2: Portugal hatte sehr starke Flügelstürmer

Portugal, das Team mit den meisten Toren bei der Endrunde, war besonders zweikampfstark, ebenso wie Frankreich. Grafik 2 zeigt, wie sich diese Qualität mit den flüssigen Bewegungen abseits des Balles in der Offensive ergänzte. Anders als Italien setzte man dabei nicht auf einen Zielstürmer. José Gomes nutzte seine Mobilität und seine gute erste Ballberührung, um zu den überlegten Angriffen beizutragen, anstatt auf die Brechstange zu setzen. Die Grafik (aus dem Spiel gegen Finnland) zeigt einen typischen Angriff über die rechte Seite. Francisco Trincão (17) bewegte sich auf Thierry Correia (14) zu, während Miguel Luís (8) und Gomes Überzahl schafften, um den Gegner zu zwingen, die Formation zu verlassen. Oftmals kam es danach zu schönen Kombinationen zwischen Quina (10) und Jota (7), die auf der nun unbewachten linken Seite den Freiraum ausnutzten.

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Ukraine bot gute Leistungen

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Grafik 3: Ukraine setzte auf lange Pässe

"Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Mannschaften das Passspiel in der eigenen Hälfte nicht übertrieben", meinte Szalai. "Stattdessen haben wir ein größeres Bemühen hin zu direkten Angriffsoptionen gesehen." Das Paradebeispiel lieferte die Ukraine unter Olexandr Petrakov. Bis zur desaströsen halben Stunde im Halbfinale gegen Portugal agierte das Team in einem 1-5-4-1 mit "militärischer Präzision" (Zitat Paul Simpson). Die Grafik 3 vom Auftaktsieg gegen Frankreich zeigt, wie der herausragende Vladyslav Supriaha (11) - der bei Ballgewinn oft extrem isoliert stand - gute Läufe startete, um einen direkten Ball von den Innenverteidigern in Empfang zu nehmen. Die beiden Außenverteidiger hatten die nötige Kondition, um permanent die Linie auf und ab zu laufen, während die äußeren Mittelfeldspieler nach innen zogen, wo sie ihre Dribbelstärke zur Geltung bringen konnten. So konnte die Ukraine viele gefährliche Konter fahren.

Der falsche Fuß ist der richtige Fuß
Das Turnier in Finnland hat gezeigt, dass Flügelstürmer immer öfter auf der "falschen" Seite eingesetzt werden: Linksfüßer auf rechts, Rechtsfüßer auf links. Dies war einst Rarität, ist heute aber weit verbreitet. Die Ukrainer Heorhii Tsitaishvili und Serhii Buletsa waren dafür ein gutes Beispiel, aber auch Portugal war mit Trincão und Jota besonders effektiv. "Die Vorteile liegen auf der Hand", erklärte Szalai. "Ein Flügelstürmer, der auf der anderen Seite eingesetzt wird, kann in die Räume zwischen die Innenverteidiger gehen und so die Seite für den Außenverteidiger frei machen."

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England jubelt im Spiel gegen die Türkei

Pressing ist Premium
In Verbindung mit der Anzahl der Abwehrfehler wurde von den Technischen Beobachtern auch die Bedeutung von einstudierten Pressingstrategien in den Vordergrund gestellt. Hohe Verteidigungslinien und "offensives Verteidigen" standen in Finnland hoch im Kurs. Die Beobachter suchten die Schlussphase von Finnlands Spiel gegen Norwegen heraus, um ein Beispiel für die Gefahr eines tiefen Verteidigens zu zeigen. Beim Stand von 2:1 in der 90. Minute ließ sich der Gastgeber instinktiv zurückfallen, um den Vorsprung über die Zeit zu retten. In der Nachspielzeit wurde man für die Passivität zweimal bestraft. Norwegen markierte nach einem Durcheinander im Strafraum den Siegtreffer. Es war eines von zwei Toren, die von einem Abwehrspieler markiert wurden. Bei dem anderen Treffer handelte es sich um Englands Ausgleich gegen die Türkei, als Innenverteidiger Japhet Tanganga nach einem Freistoß erfolgreich war.

"Die Fähigkeit, den Ball in der gegnerischen Hälfte zu erobern, war eine der Schlüsselqualitäten", bilanzierte Matikainen. "Ich war besonders beeindruckt von den Mannschaften, die Situationen antizipieren konnten, in denen sich der beste Zeitpunkt zum Ballgewinn anbot, oder wann es besser war, positionelles Pressing und Zustellen der Passwege anzuwenden. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass die Fähigkeit, sich dem Pressing zu entziehen und die erste Verteidigungslinie auszuspielen, ein kritisches Element darstellte."

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Grafik 4: England mit hohem Pressing

Ein zufälliges Beispiel in Grafik 4 zeigt Englands Pressing im Spiel gegen die Ukraine. Ziel war es, den gegnerischen Spielaufbau auf eine bestimmte Seite zu limitieren. Die vorderen fünf Spieler bewegen sich energisch auf einen Flügel, um die Passwege zu blockieren. Einer aus dem Mittelfeldtrio rückt heraus, um den Innenverteidiger unter Druck zu setzen. Der Rechtsverteidiger geht ebenfalls ins Pressing, während der Rest der Abwehrkette sich zum Abfangen eines langen Ball bereit macht.

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Grafik 5: England entzieht sich dem Pressing

 

In jener Partie lieferte England Beispiele, wie man das Aufbauspiel gestalten kann, wenn der Gegner (in diesem Fall also die Ukraine) sich für ein hohes und kollektives Pressing entscheidet. Grafik 5 zeigt, wie zwei der drei Innenverteidiger tief und breit stehen, während der dritte Innenverteidiger sich etwas absetzt, um Räume und Passwege zu öffnen. Damit erhält der Torwart mehr Möglichkeiten. Die vorderen Spieler waren bereit, um einen langen Pass festzumachen und nach der Spieleröffnung des Torwarts reagierten die Akteure schnell, um den ballführenden Mitspieler Unterstützung anzubieten.  

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Grafik 6: Die Ukraine mit der Spielverlagerung

Die Ukraine mischte schnelle Konter mit geduldigem Aufbauspiel. Aber in beiden Fällen lag das Endziel darin, direkte Pässe in das vordere Drittel zu spielen. Grafik 6 zeigt, wie Englands Abwehr überladen wurde, um für Gefahr zu sorgen. Während sich der Ball auf der rechten Seite befindet, ließ sich Nummer 21 fallen, um anschließend die Sturmspitze in Szene zu setzen oder einen Diagonalpass in den Laufweg von einem der beiden Spieler auf dem anderen Flügel zu spielen.

Der Faktor Hitze
"Die Hitze hinderte Teams daran, permanent kollektiv hoch zu pressen", urteilte Szalai, "deshalb haben wir einen guten Mix defensiver Strategien gesehen. Es gab hohe, mittlere und tiefe defensive Formationen. Immer war es aber so, dass auf Ballgewinne sehr schnelle Gegenangriffe folgten. Drei der fünf Tore im Spiel zwischen Frankreich und der Türkei waren das Ergebnis aus Kontern, die zu einer Eins-gegen-Eins-Situation führten." Zustimmung gab es von Matikainen: "Wir haben klassische Überzahlkonter gesehen. Italiens Vorstoß bis ins Finale hat gezeigt, dass sie immer bereit waren, bei schnellen Gegenangriffen mehrere Spieler nach vorne zu schicken." Gegen Norwegen und Finnland zeigte jeweils das dritte Tor genau, wie viel Wert das portugiesische Team auf Konter legte. Zwei der vier Treffer der Ukraine entstanden nach schnellen Gegenangriffen und eines davon (der Siegtreffer gegen Frankreich) fiel als Folge eines Freistoßes des Gegners.

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Grafik 7: Finnland im Aufbauspiel

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Grafik 8: Finnlands schnelles Angriffspiel

Finnlands Trainer Juha Malinen hatte sich eine Pressing-und-Konter-Strategie zurechtgelegt, die dann ihre volle Wirkung entfalten sollte, wenn der Gegner besonders verwundbar war. Oder wie er es ausdrückte: "Damit sie 'Aua' sagen müssen." Während sich die eigenen Spieler nach Ballgewinn für den Konter bereit machen, wurden zunächst ein paar kurze Pässe gespielt. Grafik 7 zeigt, wie die Strategie umgesetzt wurde. nach dem Ballgewinn in der eigenen Hälfte folgt das eingestreute Kurzpassspiel. Zieht der Gegner in Richtung des ballführenden Spielers, folgt ein Seitenwechsel. Grafik 8 illustriert Mechanismen des direkten und schnellen Angriffspiels. Während Nummer 9 auf Läufe in die Tiefe spekuliert, sucht Nummer 8 den Zwischenraum und ist bereit, in Dribblings zu gehen oder den Ball schnell weiterzuleiten. Auf der rechten Seite wurde der Gegner von der unermüdlichen Nummer 7 beschäftigt, während Nummer 10 und der Linksverteidiger ein gutes Zusammenspiel und ein Auge für offene Räume unter Beweis stellten.

Die Rückkehr des großen Stürmers
"Ein Merkmal des Turniers war die Anzahl an groß gewachsenen Stürmern", stellte Szalai fest. Viele Teams hatten diesen Spielertyp, Norwegens Erling Håland und Vladyslav Supriaha von der Ukraine sind nur zwei Beispiele. Allerdings interpretierten alle ihre Rolle unterschiedlich. Håland war der klassische Zielstürmer, Supriaha wich auch gerne auf die Flügel aus. England und Finnland hatten ebenfalls Stürmer, die sich nicht in die eine Schublade packen lassen. Die beiden Finalisten hatten vielleicht die interessantesten Variationen. Portugals Trainer Hélio Sousa (im Gegensatz zu seinen Kollegen wie Bernard Diomède, ein Verfechter der Idee, "verschiedene Spielsysteme" in die Ausbildung fließen zu lassen) sagte mit Überzeugung: "Ich werde die Spieler dem Charakter meines Teams anpassen, anstatt die Struktur zu verändern." Dies setzte er in die Tat um, als er im Halbfinale mit Pedro Correia einen Stürmer aufstellte, der viel mehr dem Typ "Zielstürmer" entspricht als der quicklebendige José Gomes. Im Finale gegen Italien kam Correia von der Bank und markierte den Siegtreffer.

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Italiens Gianluca Scamacca hinterließ einen guten Eindruck

Paolo Nicolato hatte zwei "große Stürmer" in seinem Kader, allerdings ließ er sie nur selten zusammen auflaufen. Moise Kean, der in zentraler Rolle agierte und seine Schnelligkeit einsetzte, um durch die Mitte für Durcheinander in der gegnerischen Defensive zu sorgen, zog es vor, sich über die Außen zu bewegen, wenn sein Team eher geduldig aufbaute. Dadurch öffneten sich mehr Räume im Mittelfeld. Gianluca Scamacca, ein großer, kopfballstarker und ballsicherer Akteur, war ebenfalls sehr effektiv darin, als Bindeglied aus der Tiefe zu agieren.

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Grafik 9: Italien im Umschaltspiel in die Offensive

Grafik 9 zeigt, wie Kean von Nicolato im Gruppenspiel gegen Portugal als Schlüsselelement in Italiens Umschaltspiel eingesetzt wurde. Die Nummer 20 war immer als Anspielstation bereit, konnte die Bälle festmachen oder selbst ein Solo starten. Aber er war auch ein wichtiger Bestandteil des italienischen Teams, wenn es darum ging, schnelle Konter zu fahren. Er wich oft auf die Seiten aus und zog damit einen Verteidiger mit sich, wodurch sich Räume für die unterstützenden Spieler aus dem Mittelfeld boten.

Zurück zum Spielsystem: Portugal hielt an dem 1-4-3-3 fest und stand damit um Kontrast zu Teilnehmern wie Italien, England oder der Türkei, die ihr System zu einem Grad änderten, der es den Technischen Beobachtern schwer machte, sich auf eine Standardformation der Mannschaften für die Grafik in diesem Bericht zu einigen.

Aufbauspiel
"Ich muss meine Spieler darauf hinweisen, dass das Aufbauspiel mit dem Torwart als Ausgangsposition manchmal riskant ist", so Hélio Sousa. "Ich denke, wir gehen manchmal zu weit, wenn wir bei tiefem Aufbauspiel ins Schwärmen geraten und ich versuche, meine Spieler davon zu überzeugen, dass nichts dagegen spricht, auch mal einen langen Ball in einen für uns nützlichen Bereich zu schlagen."

Die Diskussion wurde angeheizt durch die Anzahl der Tore, die nach Fehlpässen und Fehlern tief in der eigenen Hälfte entstanden. Das Thema lässt sich erweitern, wenn man das Konzept "Ballbesitzfußball" als Ganzes mit dazu nimmt. In Finnland wurden sechs von 13 Siegen durch die Mannschaft mit weniger Ballbesitz als der Gegner gewonnen. Die Ukraine erreichte das Halbfinale, obwohl man im Schnitt nur knapp mehr als 40 Prozent Ballbesitz hatte. Der Höchstwert lag gerade einmal bei 45 Prozent und davon verzeichnete man einen Großteil, als man in der zweiten Halbzeit bereits mit 0:5 zurücklag.

Die Statistik aller Spiele zeigt, bis zu welchem Ausmaß Ballbesitz zu Vorstößen in das letzte Drittel führte. Noch mehr Bedeutung hat in diesem Zusammenhang natürlich die Anzahl der Torschüsse.

Motivation und Ansprache
Finnlands Trainer, der erst im März ins Amt gekommen war, betonte die Bedeutung von Motivationsarbeit und in ein starkes Selbstvertrauen. Damit war er bei weitem nicht der einzige Trainer, der auf viel Kommunikation setzte. Frankreichs Coach Bernard Diomède, der bis 4 Uhr in der Früh aufblieb, um nach dem Sieg gegen England mit seinen Spielern zu sprechen, unterstrich die Bedeutung von persönlichen Beziehungen und dem Betreuen einer Gruppe, die aufgrund der Interessen von Klubs und Beratern leicht vom kollektiven Grundgedanken abgelenkt werden können. Olexandr Petrakov von der Ukraine formulierte es so: "Ich sehe mich nicht nur als Trainer, sondern auch als einen Mentor bei ihrem Lebenstraining-Prozess. Also geht es bei meinem Job viel um Psychologie, ich muss sie ermutigen und inspirieren." Englands Paul Simpson, einer der Befürworter von Rotation des Kaders, will "jedem Spieler Entwicklungsmöglichkeiten bieten." Für ihn ist es eine der wichtigsten Aufgaben, "aus Spielern bessere Persönlichkeiten" zu machen. Norwegens "Paco" Johansen freute sich über die Mithilfe eines Mentaltrainers, einem Master-Absolventen in Sportpsychologie, der unentgeltlich nach Finnland angereist war. Der türkische Trainer Vedat Inceefe hatte sich gewissenhaft auf die Endrunde vorbereitet und war mit der Mannschaft weit vor dem ersten Spiel nach Finnland gereist. Für ihn war es wichtig, sich mit Herausforderungen wie Heimweh und der Dynamik eines längeren Zusammenseins in einer Gruppe zu befassen.

Der Terminplan, die hohe Intensität der Spiele, die Hitze und der Kunstrasen forderten ihren Tribut. Während die Spieler an ihre Grenzen gingen, mussten die Trainer eng mit dem Betreuerstab zusammenarbeiten, um die Regenerationsphasen so effektiv wie möglich zu gestalten. Auch Rotation war ein wichtiges Werkzeug. Ein weiterer Faktor stellte Erfahrung bei großen Turnieren dar. War es Zufall, dass im portugiesischen Kader elf Spieler standen, die zwei Jahre zuvor den U17-Titel gewonnen hatten? Bei Italien waren es zehn, bei der Ukraine neun und bei Frankreich sieben.

Viele Tore
Das Turnier kam gänzlich ohne torlose Unentschieden aus. Es fielen 55 Treffer, was einem Schnitt von 3,67 pro Partie entspricht (58 und 3,63, wenn man das Play-off mit einbezieht). Dies kann sich durchaus sehen lassen. Die Analyse der Tore ergab, dass 15 der 46 Treffer, die aus dem Spiel heraus fielen, nach Flanken oder Hereingaben von außen erzielt wurden. Tore durch Schüsse aus der Distanz waren Mangelware, ebenso wie Sololäufe. Die meisten davon kamen nach schnellen Kontern. Nur vier Tore wurden per Kopf markiert - auch wenn die ersten beiden Treffer Portugals im Halbfinale gegen die Ukraine nach einer Hereingabe und einer Ecke erzielt wurden, nachdem es zunächst zu Kopfbällen gekommen war.

Tore nach Standardsituationen waren außergewöhnlich selten (16,36 Prozent). Im Gegensatz dazu waren bei der FIFA-WM, welche nur Stunden vor dem Beginn der Endrunde in Finnland beendet wurde, ganze 43 Prozent der Treffer nach Standards gefallen. Auch in Abwesenheit des Video-Schiedsrichters stellt dies eine schwache Ausbeute nach Standardsituationen dar. Nur zwei der 140 Eckbälle resultierten in ein Tor. Die Tatsache, dass Finnland gegen Norwegen den Ausgleich erzielte, nachdem man im Anschluss an eine Ecke einen Elfmeter erhielt, macht die Statistik nur geringfügig besser. "Vielleicht war dies keine große Überraschung", reflektierte Matikainen, "muss man doch bedenken, dass nur wenig Zeit in das Trainieren von Standardsituationen gesteckt werden konnte. Die Türkei und Finnland widmeten den Standards im Training viel Aufmerksamkeit, während Frankreich und England dies weitestgehend vernachlässigten. "Wir haben nur wenig Zeit mit Standards verbracht", gab Paul Simpson zu. "Wir haben ein paar Dinge einstudiert, aber generell erlauben wir den Spielern viel Kreativität und Freiheiten bei ruhenden Bällen. In der Defensive haben die Spieler alle klare Anweisungen, wie sie ihre Rolle in der Mannschaft auszuführen haben."

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Zeiten der Tore (fehlende 2% = Stellen nach dem Komma)

Auch zum Angriffsverhalten gibt es einige Zahlen: Im Vergleich zum Vorjahr wurde ein Anstieg von 19 Prozent bei den Torschüssen verzeichnet. Insgesamt 383 Torschüsse führten zu 55 Toren - also führte etwa jeder siebte Schuss zum Tor. Hinsichtlich der Präzision beim Abschluss bleibt festzuhalten, dass 46 Prozent der Schüsse auch auf das Tor gingen (60 Schüsse wurden abgeblockt). Italien war das einzige Team, welches mehr Schüsse über das Tor oder am Tor vorbei verzeichnete. Die detaillierte Analyse bestätigt, dass Portugal besonders effizient war. Jeder fünfte Torschuss führte zu einem Treffer.

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Trainieren nach Zahlen
Ein Großteil der Fußball-Beobachter ist der Meinung, dass Fußball nicht "auf Statistiken reduziert" werden kann. In einer Ära, in der mehr Daten als je zuvor zur Verfügung stehen, besteht eine der Herausforderungen für den Trainer darin, die statistischen Zusammenfassungen richtig zu interpretieren. Welche davon sind für die Verbesserung einer Mannschaft überhaupt hilfreich?

Das Turnier in Finnland wurde statistisch von InStat beobachtet. Die Daten von InStat wurden mit den Statistiken, die von der UEFA selbst angefertigt wurden, zusammengetragen und flossen in diesen Bericht ein. Dabei sind einzelne Spielstatistiken den Durchschnittswerten vorzuziehen, da letztere manchmal irreführend sein können. Beispielsweise hatte Norwegen in der Gruppenphase einen Schnitt von elf Torschüssen pro Spiel, im Play-off gegen England waren es aber 25. Man darf hoffen, dass die Statistiken zum Nachdenken in Bereichen wie der Bedeutung von Ballbesitz und dem Umschalten nach Balleroberungen anregen. Wie lassen sich positive Aktionen wie Vordringen in den Strafraum und letztendlich das Erzielen von Toren steigern? Die Statistiken deuten an, dass allgemein die Flügel der beste Weg zum Torerfolg sind. Frankreich war dabei die Ausnahme der Regel und verzeichnete besonders viele gute Angriffe durch die Mitte. Titelträger Portugal nutzte die Flügel regelmäßig und vor allem die herausragenden Leistungen von Jota führten dazu, dass man es immer wieder über links probierte. Nur in dem Gruppenspiel zwischen Portugal und Italien kam es anders (erneut ein Beleg dafür, dass Durchschnittswerte mit Vorsicht zu genießen sind), denn dabei griff die Elf von Hélio Sousa vor allem durch die Mitte an. Eine mögliche Erklärung: Nach dem Platzverweis von Lucas Queirós in der neunten Minute wurde Jota aus dem Spiel genommen, so dass  David Carmo die Lücke in der Innenverteidigung schließen konnte.

Einige der wichtigsten Statistiken des Turniers lassen eine Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten zu.

Torschussversuche

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Hinweis: Schüsse, die an Latte/Pfosten gingen, werden in der Spalte "Schüsse auf das Tor" gewertet, wenn sie vom Torwart oder einem Verteidiger berührt wurden. Schüsse an das Aluminium ohne Berührung werden als "nicht auf das Tor" gewertet.







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