Die offizielle Website des europäischen Fußballs

Technische Themen

Technische Themen
England und Deutschland standen sich am dritten Spieltag aufeinander ©Sportsfile

Technische Themen

Mehr als nur ein sicherer Rückhalt

Der Trend dahin, dass Torhüter sich immer weiter in ds Spiel mit einschalten und nicht nur auf der eigenen Torlinie ihre Qualitäten zeigen, fand auch bei der Endrunde in Georgien wieder eindrucksvolle Bestätigung auf dem Feld.

Einfach Schüsse zu halten, reicht heutzutage nicht mehr, um ein richtig guter Torhüter zu sein. Das zeigten in Georgien die niederländische Nummer eins Justin Bijlow, Englands Torhüter Aaron Ramsdale und Portugals Aktivposten zwischen den Pfosten, Diogo Costa.

©Sportsfile

Die niederländische Nummer eins Justin Bijlow

Bijlow wurde immer wieder für seine Leistungen gelobt, besonders für seine aktive Beteiligung am Spiel seiner Mannschaft. "Er beteiligt sich am Aufbauspiel und hat ein sehr gutes Gefühl für das Spiel", erklärte der Technische Beobachter der UEFA, Ghenadie Scurtul. "Er kann tatsächlich den Rhythmus einer Partie regulieren und trifft fast immer genau die richtigen Entscheidungen."

Die Torhüter zeigten sich vielfältig bei der Spieleröffnung. Es blieben nicht einfach nur die langen Abschläge in die Spitze, die Spiele wurden vielmehr von hinten aufgezogen. Dies war auch der Fall, wenn der Gegner hoch stand und viel Druck auf die Abwehrreihe ausübte. Dies war zumeist genau dann der Fall, wenn der gegnerische Torwart in Ballbesitz war, aber nicht mehr, sobald der Ball im Mittelfeld ankam (mehr Informationen unten).

Deswegen waren Entscheidungsfindung und Disziplin der Torhüter von großer Wichtigkeit. Es zeigte sich, wie sehr die Torhüter in das taktische Gesamtkonstrukt ihrer Mannschaften involviert waren. Der Fokus auf das Torverhindern und die Kontrolle des eigenen Strafraums stand nicht mehr ausschließlich im Fokus. "Sie waren viel mehr in die Partien involviert", erklärte Scurtul.

Eine breit aufgestellte Offensive

Der am meisten genutzte – und erfolgreichste – Weg die eigenen Angriffe in Georgien aufzubauen, wer der über die Flügel. Mindestens die Hälfte der Teams agierte intensiv über die Flügel und hatte dabei auch immer wieder die Außenverteidiger in das Offensivspiel mit eingebunden.

In der Tat fielen 15 Treffer – das ist mehr als ein Drittel aller Turniertreffer – nach Hereingaben von außen, dank erstklassiger Bewegungsmuster und Kombinationsspiel entlang der Flügel, wodurch immer wieder guten Chancen kreiert wurden. Allerdings sah man seltener einen Flügelspieler, der seinen Kopf runternahm und den Flügel entlangrannte, viel mehr waren es mannschaftlich geschlossene Angriffsbilder, die man immer wieder über die Flügel zu sehen bekam.

©UEFA.com

Immer wieder sah man Flügelspieler, die in das Zentrum zogen und Außenverteidiger, die die sich auftuenden Lücken zu nutzen wussten. Die Tschechische Republik, Portugal und Deutschland agierten hier mit sehr ähnlichen Taktiken. Neben dieser Ausführung war auch immer wieder zu sehen, dass die Außenverteidiger über die Mitte kamen, die Flügelspieler sich ganz eng an der Seitenlinie aufhielten und dann plötzlich mit den Außenverteidigern die Positionen tauschten. Hierdurch wurde noch mehr Unruhe in der gegnerischen Defensive gestiftet.

"Das ist ein neuer Trend im Fußball; eine taktische Änderung", sagte der Technische Beobachter der UEFA, Savvas Constantinou. "Das Flügelspiel kam mehr von den Außenverteidigern und nicht nur noch von den Flügelspielern. Wenn die Tschechen den Ball hatten, zogen die beiden Flügelspieler in die Mitte und blieben dort auch, während die Außenverteidiger über die Außenbahn angriffen."

Aufgrund des bevorzugten Pressings bei Ballbesitz des gegnerischen Torhüters ergaben sich vermehrt Kontermöglichkeiten, da die Teams sonst sehr weit hinten standen und die Angriffe kommen ließen. Generell waren die Angriffe viel breiter angelegt und die harte Arbeit, sich durch die Mitte zu kämpfen, wurde zumeist nicht in Angriff genommen.

Anzahl der Torschüsse nach Nation

 Torschüsse gesamtAuf das TorNeben das TorGeblocktAluminiumEcken
Schweden      
gg. Tschechien11 46106
gg. Georgien11 44304
gg. Portugal 9 43203
Gesamt 3112136013
Tschechien      
gg. Schweden1446414
gg. Portugal862005
gg. Georgien1264205
gg. England1367118
Gesamt4722197222
Georgien      
gg. Portugal936005
gg. Schweden1355301
gg. Tschechien15310208
Gesamt3711215014
Portugal      
gg. Georgien413002
gg. Tschechien752003
gg. Schweden15410112
gg. Niederlande1266007
gg. England12363012
Gesamt5019274126
Bulgarien      
gg. England1053206
gg. Deutschland505003
gg. Niederlande321001
Gesamt18792010
England      
gg. Bulgarien1053205
gg. Niederlande1162306
gg. Deutschland961203
gg. Tschechien18710108
gg. Portugal943212
Gesamt57281910124
Deutschland      
gg. Niederlande1486106
gg. Bulgarien1868404
gg. England16565111
Gesamt48192010121
Niederlande      
gg. Deutschland1172208
gg. England813404
gg. Bulgarien732209
gg. Portugal843106
Gesamt3415109027

Flexible Taktiken

Offensichtlich herrschte ein sehr großes Verständnis für taktische Flexibilität unter den Akteuren bei der UEFA-U19-Europameisterschaft 2017.

Die Teams schienen auf alles vorbereitet, in vielen Partien in Georgien waren dynamische Wechsel der Taktik der Schlüssel zum Erfolg. Während keine Mannschaft mit einer Dreierkette in der Abwehr agierte – einzige kurzfristige Außnahme war das Halbfinale der Engländer gegen die Tschechen, als England auf die Umstellung beim Gegner reagieren musste – wurden die meisten anderen taktischen Varianten problemlos von den Spielern genau so umgesetzt, wie von den Trainern erwartet.

"Viele Mannschaften haben ihre Taktik mehr als zweimal pro Partie komplett geändert", sagte Ghenadie Scurtul und fügte noch an, dass der Grund hierfür durchaus auch eine nicht optimale Ausrichtung von Beginn an gewesen sein könnte. Es zeigte auf jeden Fall deutlich, dass die taktische Anpassung auf den Gegner intensiv auch während der Partie betrieben werden muss.

©UEFA.com


Deutschland wechselte zwischen drei Spielsystemen in der Gruppenphase und suchte dabei durchgängig die Siegformel. Doch nicht einmal die Deutschen trauten sich an die Dreierkette, die bei der A-Nationalmannschaft so erfolgreich umgesetzt wird.

Ein Grund dafür könnte man darin sehen, dass eine Dreierkette schwerer effektiv umzusetzen ist, gerade im Hinblick auf die kurzen gemeinsamen Trainingszeiten der Teams. "Der Trend auf höchstem Niveau geht zur Dreierkette, aber einige Teams tendieren trotzdem noch zu klassischeren Systemen, wie 1-4-4-2 oder 1-4-3-3. Die Spieler sind in diesem Bereich schließlich noch in der Entwicklung. Vielleicht sind sie noch nicht bereit", erklärte Scurtul. "Um mit drei Abwehrspielern zu agieren, muss das Niveau der Spieler sehr hoch sein."

Risiken einzugehen stand nicht ganz oben auf den Listen der Trainer. "Die Tschechen taten dies in den letzten sieben Minuten ihres Halbfinals, sie stellten auf 1-4-4-2 um", sagte Scurtul. Das Ergebnis spricht für sich.

Erfahrung ist gefragt

Als Gastgeber eines Nachwuchsturniers kann eine Nation, dies sonst womöglich den Sprung zu einer Endrunde nicht schaffen würde, essentielle Erfahrungen sammeln und dabei auf höchstem Niveau gegen Top-Nationen antreten.

Ganz trifft dies allerdings nicht auf Georgien zu, das sich bereits vor vier Jahren qualifizieren konnte, doch Bulgariens dritte Teilnahme nach 2008 und 2014 war entscheiden in deren Austragung der UEFA-U17-Europameisterschaft 2015 begründet.

©Sportsfile

Bulgarien sammelte Erfahrung bei der U17-EM 2015

Acht Spieler, die schon im Kader der Auswahl von 2015 standen, waren auch diesmal im Kader von Angel Stoykov. Dieser war fest davon überzeugt, dass die Erfolge seines Teams auf dem Weg zu Endrunde in der Erfahrung aus der Endrunde 2015 herrührten. Schließlich konnte man in der Qualifikationsrunde Portugal hinter sich lassen und in der Eliterunde Frankreich, Bosnien & Herzegowina und Israel hinter sich lassen.

"Dieses Team sammelt wichtige internationale Erfahrung seit Jahren, dieses Team wurde für die U17-Endrunde vor zwei Jahren aufgebaut und davon profitieren wir jetzt", sagte er. "Sie haben wirklich viel Erfahrung. Ich würde mich über mehr Entwicklungsturniere für ältere Nachwuchsspieler plädieren. Die Spieler brauchen mehr Turnierspiele, hier reichen Testspiele alleine nicht."

In Sachen Erfahrung mussten Portugals Spieler lediglich einen Blick an die eigene Seitenlinie werfen, denn dort stand Trainer Hélio Sousa. Er ist seit 2010 als Trainer im Verband tätig und gewann letztes Jahr die U17-Endrunde mit den Portugiesen.

Seine Erfahrung war genau so wichtig wie die taktischen Anweisungen, die seine Spieler von ihm bekamen.

"Sie haben ein großes Problem, wenn sie denken, wegen ein paar gewonnen Spielen haben sie schon Großes erreicht", sagte er. "Wir sind stolz, amtierender Europameister zu sein und darauf, dass Spieler wie Danilo Pereira, William Carvalho, Gelson Martins und André Silva bei der U19-Endrunde 2014 in Ungarn und bei der U20-WM in Neuseeland mit von der Partie waren. Das macht mich noch glücklicher als der Titel bei der U17-Endrunde."

©Sportsfile

Portugal profitierte von der Erfahrung von Trainer Hélio Sousa

"Ich weiß, dass es eine wichtige Zeit in ihrem Leben ist. Zwischen der U15 und der U20 können wir den Persönlichkeiten der Spieler sehr viel Input geben. Diese Zeit ist sehr wichtig für sie und Ziel ist es natürlich, dass die Spieler möglichst viel davon behalten und wissen, wie wichtig dies für ihre Zukunft als Spieler ist.

"Oft reden wir über taktische, physische und mentale Aspekte, aber die Persönlichkeit spielt oft die entscheidende Rolle. Ich kenne Spieler, die viel besser waren als ich, sie hätten potenziell viel mehr als ich erreichen können, doch sie verschwanden in der Versenkung. Einige von ihnen haben bei einer Weltmeisterschaft gespielt, aber abgesehen von einem Status gibt ihnen das nicht viel mehr. Das gibt vielleicht neue Angebote, aber man muss für mehr bereit sein. Nur weil man einmal gewinnt, bedeutet dies nicht, dass man auch ein zweites Mal gewinnt."

Letzteres musste auch seine Mannschaft im Finale von Gori auf schmerzhafte Art und Weise lernen. Aber wer weiß schon, ob diese Truppe nach diesem Rückschlag nicht noch stärker zurückkommt.

Standards: Die Abwehr triumphiert über den Angriff

Alle Trainer des teilnehmenden Teams in Georgien gaben an, dass Standardsituationen auf dem Trainingszettel standen, doch offensichtlich lag der Fokus dabei mehr auf der Verteidigung der selbigen, als auf deren offensiver Ausführung.

©Sportsfile

Die Tschechen versuchten sich an verschiedenen Standardvariationen

Die Tschechische Republik versuchte sich an einigen Variationen, aber insgesamt war ein klarer Trend beim Treten von Standards zu erkennen: In der eigenen Hälfte wurden Freistöße zumeist kurz ausgeführt, während in der gegnerischen Spielhälfte die Bälle zumeist in den Strafraum getreten wurden. Dort war dann die defensive Organisation entsprechend wichtig.

"Die meisten Teams verteidigten Standards mit allen zehn Feldspielern", erklärte Ghenadie Scurtul. "Die Umsetzung war mitunter durchaus variabel. Mal wurde Mann gegen Mann gespielt und mal wurde im Raum verteidigt. Doch früher hätte man einen Spieler außerhalb des Strafraums für einen schnellen Gegenzug abgestellt und dieser hätte einen Gegenspieler zugeordnet bekommen. Doch womöglich als Reaktion auf zu viele Treffer nach Standards, wurde auch dieser Spieler nun in den Strafraum abkommandiert um defensiv zu arbeiten."

Bezüglich der zumeist kurzen Bälle bei Standards aus der eigenen Hälfte, erklärte Scurtul, dass "die meisten Mannschaften den kurzen Pass bevorzugen, sofern keine Aussichten auf einen Abschluss bestehen und deswegen in Ballbesitz bleiben wollen. Den Unterschied zwischen guten und weniger guten Teams macht die Fähigkeit, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Durch die kurze Ausführung sollte der Gegner in Sicherheit gewogen werden, um dann plötzlich mit einem langen Ball in einen guten Angriff zu kommen. So war die Organisation in der Abwehr, wie bei einem Freistoß, schon wieder etwas aufgelöst."

Nur acht Treffer in Georgen fielen nach Standardsituationen, dazu kamen fünf Elfmetertreffer.

Das Ziel in der Spitze

Das Zentrum der Spielfelder in Georgien waren für den Adidas Krasava ein selten besuchtes Gebiet, denn im Mittelfeld fehlte es in der Tat an Spielgeschehen.

Die Teams versuchten in Ballbesitz zu bleiben und wen das Aufbauspiel über die Flügel nicht möglich war, dann sah man oftmals lange Bälle über das Mittelfeld hinweg, direkt in die Angriffszone.

©Sportsfile

Das Mittelfeld wurde nicht oft zum Spielaufbau genutzt

Die meisten Teams versuchten sich erst gar nicht an Kombinationen im Zentrum des Spielfeldes. Dafür gab es eben diese Kombinationen oftmals in den eigenen defensiven Reihen. Es wurde versucht, den hoch stehenden Gegner zu überraschen und dann den langen Ball in die Spitze zu spielen, "weil bei Kombinationen im Mittelfeld die Gefahr besteht, schnell den Ball zu verlieren. Deswegen lässt man diesen Bereich lieber aus", erklärte Ghenadie Scurtul weiter.

"Bei den Herren mag es möglich sein, nach einem Ballverlust im Mittelfeld auf seine eigene Abwehr zu vertrauen, doch im Nachwuchsbereich ist man mehr darauf aus, den Ball in den eigenen Reihen zu behalten und so die Partie aktiv zu dominieren", fügte der Technische Beobachter der UEFA weiter an. "Es war eine positive Überraschung der Tschechen gegen England – ich hätte sie etwas zurückhaltender erwartet, doch sie haben recht offen gespielt und damit sich auch England überrascht."

"Das ist gut für die Entwicklung der Spieler – das Spiel mit dem Ball sollte weiter gefördert werden. Wir haben hier Europas beste Teams und sie alle versuchen, den Ball zu spielen."

Damit dieses System aber auch funktionieren konnte, war ein Spieler gefragt, der in der Spitze die weiten Zuspiele auch in Empfang nehmen konnte und dann auf Verstärkung wartete oder selbst abschließen konnte. Kein Wunder, das eben diese Spielertypen in Georgien zu überzeugen wussten.

©UEFA.com

https://de.uefa.com/under19/season=2017/technical-report/technical-topics/index.html#technische+themen