Die offizielle Website des europäischen Fußballs

Das Endspiel

Das Endspiel

Am Tag vor dem Endspiel prophezeite Portugals Trainer Hélio Sousa, dass seine Spieler als Gegenmittel für die physischen Anstrengungen im Halbfinale gegen Serbien ihre mentale Stärke auspacken müssten. "Wir müssen über uns hinauswachsen", sagte er. "Aber ich bin mir sicher, dass es ein großartiges Spiel und eine Werbung für den Jugendfußball wird." Die 90 Minuten an einem warmen Sommerabend im Szusza-Ferenc-Stadion in Budapest ließen diese Behauptung dann wahr werden.

Abweichungen hinsichtlich von Erholung und Regeneration wurden unterstrichen, als der deutsche Kader ganze 15 Minuten vor den portugiesischen Spielern zum Warmmachen auf das Feld kam. Und als der spanische Schiedsrichter Xavier Estrada Fernández die Partie anpfiff, legten die in Weiß gekleideten Deutschen gleich mal los wie die Feuerwehr. Kaum zwei Minuten waren vergangen, da tankte sich Stürmer Davie Selke in den portugiesischen Strafraum, ehe ein Schuss von Marc Stendera, der aus dem Mittelfeld nach vorne geeilt war, gerade noch geblockt wurde. Kurz darauf scheiterte er an André Moreira, der trotz der Verletzung, wegen der er im Halbfinale in der Verlängerung ausgewechselt werden musste, wieder zwischen portugiesischen Pfosten stand. Nach einer starken Vorarbeit von Rechtsverteidiger Kevin Akpoguma, der bis zur Grundlinie durchging und clever zurücklegte, schoss Selke hauchdünn am Tor vorbei. Erst in der 20. Minute musste Oliver Schnitzler erstmals eingreifen, als der deutsche Keeper bei einem Schuss von Rafa auf dem Posten war.

©Sportsfile

Marcus Sorg und Hélio Sousa vor dem Spiel

Kurioserweise hatten beide Trainer für dieses Finale Veränderungen an ihren Formationen vorgenommen, um für Überraschungen zu sorgen. Marcus Sorg hatte sein System von 4-2-3-1 auf 4-3-3 um- und Arbeitsbiene Joshua Kimmich als einzigen defensiven Mittelfeldspieler aufgestellt. Somit rückte sein gewohnter Partner Levin Öztunali nach vorne und unterstützte Stendera. Sousa machte das Gegenteil. Er ließ Raphael Guzzo neben Kapitän Tomás Podstawski auflaufen und spielte so mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, während Marcos Lopes in einer 4-2-3-1-Formation als zentrale Schaltstation neben den beiden Flügelflitzern Gelson Martins und Ivo Rodrigues agierte.

Das Tempo, die Beweglichkeit und Dribbelqualitäten der Flügelflitzer waren die entscheidenden Waffen in der portugiesischen Offensive. Aber die Versuche, mal durchzukommen – vor allem von Martins – wurden von der effizienten deutschen Defensive zunichte gemacht. Auf der anderen Seite ließen die beiden Innenverteidiger Domingos Duarte und João Nunes Selke, der bereits sechs Tore erzielt hatte, nicht zur Entfaltung kommen, während sich Portugals Goalgetter André Silva, der bis zum Finale fünfmal erfolgreich war, in hart geführten Zweikämpfen aufrieb und vom spanischen Schiedsrichter ermahnt wurde. Wie es Sorg gefordert hatte, war Deutschland die dominante Mannschaft, schaffte es aber nur selten, die kompakte portugiesische Abwehrreihe auseinander zu hebeln. Nach einer halben Stunde sorgte ein abgefälschter Schuss mal wieder für Gefahr, doch Moreira wehrte den Ball reaktionsschnell zur Ecke ab.

In der 39. Minute war es dann aber soweit: Stendera, die herausragende Figur in der deutschen Offensive, tankte sich bis zur Grundlinie durch und passte den Ball in die Mitte, wo der eigentliche Flügelflitzer Hany Mukhtar vor seinem Gegenspieler angerauscht kam und das Leder am kurzen Pfosten im Tor unterbrachte. Zur Pause hatte die deutsche Elf das Momentum auf ihrer Seite, und die Frage war, ob die Portugiesen, die jetzt mehr Risiko eingehen mussten, der Sorg-Truppe im zweiten Durchgang mehr Raum geben würden.

Eine sofortige Antwort blieb jedoch aus. In der Anfangsviertelstunde nach der Pause zogen Kimmich und Stendera wie gehabt die Fäden im zentralen Mittelfeld; die Außenverteidiger waren jederzeit bereit für Flankenläufe (vor allem Fabian Holthaus auf der linken Seite), und die offensive Dreierreihe tauschte immer wieder die Positionen. Der linke Flügelflitzer Julian Brandt beschäftigte die portugiesischen Verteidiger im Stile eines Arjen Robben häufig mit seinen Sololäufen.

©Sportsfile

Portugal erhöhte den Druck

Sousa musste reagieren und er tat es dann auch, als er erst Francisco Ramos und dann Romário Baldé aufs Feld schickte, um die deutsche Abwehr zusammen mit Martins und Lopes in Bedrängnis zu bringen. Nach etwa einer Stunde entwickelte sich das Spiel zu einem atemberaubenden Spektakel mit so schnellen Ballverlusten und -gewinnen, dass die Zuschauer durchaus auf die Idee hätten kommen können, dass sie ein Tennisspiel verfolgen. Sobald ein deutscher Spieler unter Druck gesetzt wurde und den Ball hergab oder einen Fehlpass spielte, eilten mindestens vier Portugiesen wie Derwische Richtung Schnitzlers Gehäuse.

Plötzlich standen die beiden Innenverteidiger Niklas Stark und Marc-Oliver Kempf im Mittelpunkt, da eine portugiesische Angriffswelle nach der anderen auf das deutsche Tor zurollte. Schussversuche wurden jedoch abgeblockt, und Schnitzler musste nie eingreifen, bis zur 68. Minute, als Martins auf der linken Flanke durchbrach und flach in die Mitte passte. Die Hereingabe sorgte für chaosartige Szenen in der deutschen Abwehr und drei gefährliche Torschüsse. Obwohl die deutsche Truppe nur selten in ernsthafte Gefahr geriet, hatte sie die Kontrolle und die Dominanz, die Eckpfeiler in Sorgs Fußballphilosophie, über das Spiel verloren, wenn nicht gar ihre taktische Disziplin und ihre beeindruckenden organisatorischen Fähigkeiten.

Die beiden Trainer hielt schon lange nichts mehr auf ihren Sitzen, wild gestikulierend gaben sie in ihrer Coachingzone Anweisungen. Während die Portugiesen mit ihrer neuen 4-2-4-Formation auf den Ausgleich drängten, boten sich der deutschen Elf natürlich immer wieder Kontermöglichkeiten – auch wenn die Mittelfeldspieler tiefer standen, um die portugiesischen Angriffe im Keim zu ersticken. Innerhalb von einer Minute gipfelten schnelle Gegenangriffe in Alleingängen von Öztunali und Selke sowie Abschlüsse, die im ersten Fall knapp am Tor vorbeigingen und im zweiten Fall eine Ecke einbrachten.

Kurz vor Schluss wurden Stendera und Martins – zwei der Protagonisten des Endspiels – ausgewechselt, nachdem sie sich total verausgabt hatten. Wenige Sekunden nach seiner Einwechslung für Stendera zwang Felix Lohkemper Keeper Moreira zu einer Glanzparade, und als Brandt nach Pass von Selke alleine auf das gegnerische Gehäuse zulief, war erneut der Torhüter auf seinem Posten. Zudem schlug Duarte den Ball nach einem Schuss von Selke gerade noch von der Torlinie. Als Portugal in der Nachspielzeit einen Freistoß zugesprochen bekam, eilte auch Moreira nach vorne – und genauso schnell zurück, um Brandt aufzuhalten, nachdem die deutsche Abwehr geklärt hatte.

©Sportsfile

Die Zukunft sieht für den deutschen Fußball rosig aus

Als der Schiedsrichter dann ein denkwürdiges Finale abpfiff, konnte Portugal auf seine Courage und sein Durchhaltevermögen stolz sein. Aber die deutsche Elf, die in der ersten Stunde ihr beeindruckendes und kraftvolles Spiel durchgezogen hatte, zeigte ebenso ihr Feuer, als Portugal alles nach vorne warf und auf den Ausgleich drängte. Als die deutschen Spieler auf dem Budapester Rasen tanzten und Selke von seinen Teamkollegen gefeiert wurde, als er sich darauf vorbereitete, seine Trophäe als Torschützenkönig zu erhalten, da fügten sich Sousas Spieler in eine Niederlage gegen ein Team, das, wie Sousa vorhergesagt hatte, in einem Endspiel, das eine großartige Werbung für den Jugendfußball war, mit großer Reife gespielt hatte.

Unter denjenigen, die den deutschen Spielern zujubelten, als sie die Treppen zur Tribüne hochkletterten, um die Medaillen abzuholen, war auch Horst Hrubesch, der deutsche Trainer beim letzten Titelgewinn der U19 im Jahre 2008. Aber als Niklas Stark die Trophäe inmitten eines Goldkonfettiregens in die Höhe stemmte, 18 Tage nachdem die A-Nationalmannschaft die FIFA-Weltmeisterschaft in Brasilien gewonnen hatte, da fragten sich die neutralen Beobachter in Budapest, ob diese beeindruckende Leistung im U19-Bereich den Start einer neuen Ära einläutete.

Deutschlands Kapitän Niklas Stark

https://de.uefa.com/under19/season=2014/technical-report/the-final/index.html#das+endspiel