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Talking Points

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Spanien war mit seinem konstant bleibenden Spielstil in den letzten Jahren sehr erfolgreich ©AFP/Getty Images

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Immer dasselbe System?
"Unsere Jugendmannschaften spielen alle dasselbe System", sagte einer der Trainer in Ungarn. "Wir haben einen neuen Nationaltrainer für die erste Mannschaft, und mit den Nachwuchsmannschaften gab es noch keinen großen Austausch." 

Unsere Nachwuchsteams spielen alle mit einer Viererkette hinten und mit der Vorgabe, jedes Spiel zu dominieren. Alles weitere ist individuell geregelt.
Marcus Sorg

Andreas Heraf, der mit Österreich das Halbfinale erreichte, sagte: "Wir hängen nicht fix an einem Spielsystem. Wir verteidigen hinten mit einer Viererkette und wir wollen viel Druck auf den Gegner ausüben, aber abgesehen davon haben unsere Spieler durchaus ihre Freiheiten. Ich trainiere auch die U15-Auswahl und beide Teams spielen durchaus verschiedene Systeme."

Dieses Thema ist besonders relevant, seitdem der spanische Fußball mit seiner konstant zielgerichteten Philosophie des Spiels derart große Erfolge feiern konnte. "Etwas derartiges brauchen wir auch", sagte Ukraines Trainer Oleksandr Petrakov. "Ich hoffe, dass wir dies auch so umsetzen können, sobald es unser nationales Trainingszentrum gibt. Aktuell können ich und meine Nationalmannschaftstrainer-Kollegen unsere Spielsysteme noch frei wählen." Bulgariens Trainer Aleksandar Dimitrov äußerte sich ähnlich: "Ich kann frei wählen, mit welchem Spielsystem ich meine Jungs auflaufen lasse. Das hängt ganz von der eigenen Mannschaft und dem Gegner ab."

Deutschland-Trainer Marcus Sorg berichtete im Hinblick auf den WM-Titelgewinn der Nationalmannschaft von den Vorgaben und Richtlinien der Nachwuchsteams in Bezug auf die Spielsysteme. "Unsere Nachwuchsteams spielen alle mit einer Viererkette hinten und mit der Vorgabe, jedes Spiel zu dominieren. Alles weitere ist individuell geregelt. Wenn es beispielsweise in einer Auswahl zwei starke Stürmer gibt, dann wird der Angriff um diese zwei Spieler aufgebaut. Wichtiger als ein fixes System ist die Entwicklung der einzelnen Spieler im Hinblick auf die erste Mannschaft. Außerdem gilt es, alle gestellten Aufgaben und ausgegebenen Systeme bestmöglich umzusetzen, um erfolgreich zu sein." 

Portugal-Trainer Hélio Sousa berichtete über die vorherrschenden Systeme im eigenen Nachwuchsbereich. "Zwischen der U15 und U20 wird prinzipiell mit einem 4-3-3-Sytem gespielt. Doch natürlich kommt es in den Partien zu Anpassungen entsprechend individueller Gegebenheiten, beispielsweise bei Flügelspielern, die gerade in Mann-gegen-Mann-Duellen ihre Stärke haben."

Darüber muss nun also gesprochen werden: Sollten alle Nationalteams innerhalb eines Nationalverbandes mit demselben Spielsystem auflaufen? Worin liegen die Vorteile? Wo könnte dies zu Problemen führen?

Muss die Trikotordnung geändert werden?
Manchmal muss der Zufall mithelfen, damit eine Thematik an Relevanz gewinnt und in den Mittelpunkt rückt. Wie würden Sie als Trainer in der Situation reagieren, in die einer der Trainer in Ungarn geriet? "Während einer Partie", erklärte dieser, "wurde einem unserer Spieler von einem Gegenspieler das Trikot zerrissen. Deshalb mussten wir unseren Spieler vom Feld nehmen und ein Ersatztrikot für ihn besorgen. Allerdings war dieses Ersatztrikot in der Umkleidekabine und damit ein ganzes Stück entfernt von unserer Bank. Ein Mitglied unseres Trainerteams musste sich auf den Weg machen, die Umkleidekabine aufsperren, das richtige Trikot finden und dieses dann zum Spielfeld bringen. Das hat fast fünf Minuten gedauert. Während dieser Zeit haben wir mit zehn Mann gespielt, und das Team, das dieses Problem verursacht hatte, hatte dadurch sogar noch einen Vorteil. Noch dazu konnte unser Gegner in diesem Zeitraum einen Treffer erzielen. Sollten die Ersatztrikots auf der Trainerbank liegen, damit auch in einem solchen Fall das Spiel schnell fortgesetzt werden kann? Inwiefern kann man in diesem Zusammenhang von einer Nichterfüllung des Fair-Play-Gedanken sprechen?"

Darüber sollte man sprechen.

©MLSZ

Ungarn-Trainer Géza Mészöly konnte im ersten Spiel aus dem Vollen schöpfen

Ein erfolgreiches Zahlenspiel?
Ein ganz wichtiger Aspekt in dieser Altersstufe ist die Kadergröße der Nationalmannschaften. Diesbezüglich äußerten sich in Ungarn die Trainer durchaus unterschiedlich. Einige waren mit dem Kontingent von 18 Spielern mehr als zufrieden, andere hätten gerne mehr Spieler mitgenommen - darunter auch Israels Trainer Eli Ohana: "Wir standen zum ersten Mal überhaupt in der Endrunde", sagte er, "und das gesamte Team samt Trainerstab war deswegen sehr erfreut und glücklich. Wieso sollte man nicht mehr als diesen 18 Spielern ermöglichen, an diesem großen Ereignis teilzuhaben?"

Ungarn-Trainer Géza Mészöly fügte hinzu: "Für uns waren 18 Spieler ganz einfach zu wenig. Wir hatten zwischendurch Verletzungssorgen bei mehr als einem Spieler, deswegen hätte ich gerne 18 Feldspieler und zwei Torhüter zur Verfügung gehabt." Sollten an einem Turnier, bei dem in 13 Tagen bis zu fünf Spiele anstehen, nicht mehr Spieler teilnehmen können und damit auch internationale Erfahrung sammeln?

Doch auch in einer anderen Hinsicht wurden interessante Zahlenspiele aufgebracht. Mészöly stand seinem österreichischen Kollegen Andreas Heraf in einer durchaus wichtigen Angelegenheit zur Seite. Beide Teams spielten im Eröffnungsspiel gegeneinander - allerdings fehlten den Österreichern auf Grund einiger Gelber Karten im letzten Spiel der Eliterunde gegen Russland gleich drei Spieler gesperrt in der Partie gegen Ungarn. Die Gastgeber hingegen waren direkt qualifiziert und konnten in der Eröffnungspartie natürlich aus dem Vollen schöpfen, was einsetzbare Spieler angeht. Diesbezüglich fragte Mészöly auch, "ist das wirklich fair?"

©Getty Images

Serbiens Luka Jović (links) war der jüngste Spieler des Turniers

Das Kalenderjahr
Während Portugals Team fast ausschließlich aus Spielern des Jahrgangs 1995 bestand, setzten die Serben auf gleich sieben Spieler, die 1996 das Licht der Welt erblickten, und auf zwei 1997 geborene Spieler - damit waren sie das jüngste Team im Turnier. Insgesamt wurde nicht mal ein Drittel der 144 für die Endrunde in Ungarn ausgewählten Spieler im obersten zugelassenen Alterssegment - den ersten drei Monaten des Jahres 1995 - geboren.

Gerade bei U17-Turnieren kann das Geburtsdatum einen großen Unterschied machen, denn Spieler, die im Januar geboren wurden, haben oftmals einen klar sichtbaren körperlichen Vorteil gegenüber Spielern, die gegen Ende eines Jahres auf die Welt kamen. So stellt sich die Frage, ob diese Thematik bei einer U19-Endrunde auch noch eine derartige Wichtigkeit besitzt.

Bei der Endrunde in Ungarn hatten 56 Spieler (39% aller Spieler) zwischen Januar und März Geburtstag. Nur 22 Spieler (15%) wurden im letzten Quartal des jeweiligen Jahres geboren. Bedeutet dies, dass Spieler, die zwischen Januar und März geboren werden, eine deutlich höhere Chance haben, erfolgreich Fußball zu spielen? Natürlich kann man nicht behaupten, dass Spieler, die früher im Jahr geboren wurden, mehr Talent haben. Doch die Frage lautet vielmehr - ab welcher Altersstufe haben später im Jahr geborene Spieler keinen Nachteil mehr aus ihrem Geburtsdatum?

Auch das Datum der Endrunden-Austragung war ein heiß diskutiertes Thema. Schließlich stand für viele junge Spieler genau in diesem Zeitraum die wichtige Vorbereitung auf die neue Saison in der heimischen Liga an, oder auch wichtige Qualifikationsspiele in der UEFA Champions League beziehungsweise UEFA Europa League. Auf Grund dieser Sachlage mussten tatsächlich fast die Hälfte aller Teams in Ungarn auf wichtige Spieler verzichten - weil die heimischen Vereine diese nicht freigeben wollten. Sollte man die Ansetzung der Endrunden noch einmal neu überdenken? Welche Daten wären besser geeignet und wie kann man diese auch bezüglich der FIFA-Turnierdaten sinnvoll ausrichten?

https://de.uefa.com/under19/season=2014/technical-report/talking-points/index.html#talking+points