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Das Endspiel

 

Das Endspiel

Im richtigen Augenblick
Das Finale war eine Neuauflage: Als das 19 Mann starke Orchester die Nationalhymnen spielte und sich die französischen und serbischen Spieler vor dem Anstoß die Hände reichten, lag das 1:1 zwischen den beiden Mannschaften beim Gruppenspiel in Kaunas erst eine Woche zurück. Vertrautheit führt im Fußball eher selten zu Verachtung. Aber oft zu Vorsicht.

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Das Finale in Marijampole war eine spannende Angelegenheit

Die Trainer wiesen im Vorfeld auf die Bedeutung einer guten Erholung hin, nachdem im Halbfinale beide Teams der physischen und mentalen Belastung einer Verlängerung ausgesetzt waren. Als der belarussische Schiedsrichter Aleksei Kulbakow die Partie um Punkt 21.45 Uhr Ortszeit in der purpurfarbenen Abenddämmerung von Marijampole anpfiff, waren noch keine Zeichen von Müdigkeit auszumachen. Die Anspannung, der gegenseitige Respekt und der Wille, den Gegner nicht ins Spiel kommen zu lassen, waren hingegen deutlich spürbar. Von Beginn an hatten die technischen Beobachter der UEFA das Gefühl, dass ein Fehler oder eine Konzentrationslücke die Partie entscheiden könnte.

Trotz intensiver Beobachtungen im Vorfeld war die serbische Mannschaft den französischen Teamverantwortlichen um Trainer Francis Smerecki nicht so vertraut, wie man hätte vermuten können. Serbien hatte vor dem Aufeinandertreffen im letzten Gruppenspiel nämlich bereits als Halbfinalist festgestanden, weshalb Coach Ljubinko Drulović sechs Stammspielern eine Ruhepause gönnte – unter anderem Sturmspitze Aleksandar Mitrović, der die Equipe Tricolore im Finale vor die größten Probleme stellen sollte. Dank seinem Spiel ohne Ball, seiner Ballkontrolle und seiner Wendigkeit kam er in der 11. Minute ein erstes Mal zum Abschluss, verzog jedoch. Zu dem Zeitpunkt hatte das Spiel bereits klare Konturen erhalten: Für beide Teams begann die Verteidigungsarbeit mit aggressivem Pressing auf den ballführenden Spieler und dem Stören des gegnerischen Spielaufbaus im Mittelfeld. Nach Ballverlusten wurde blitzschnell auf Verteidigung umgeschaltet, Angriffe perlten an den dicht gestaffelten Abwehrreihen ab und dem Ballführer blieb oft keine andere Wahl, als nach hinten zu spielen.

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Die Mannschaften neutralisierten sich taktisch. Drulović setzte auf sein bewährtes 4-2-3-1 mit dem Mittelfeldtrio bestehend aus den zwei Sechsern Sergei Milinković-Savić und Nemanja Maksimović sowie dem wirbligen Marko Pavlovski, der die durch die intelligenten Laufwege von Sturmspitze Mitrović entstehenden Freiräume auszunützen versuchte. Auf den Außenbahnen rannten Uroš Djurdjević und Andrija Luković die Linien auf und ab und hielten die französischen Außenverteidiger im Zaum, insbesondere Jordan Ikoko, eines der gefährlichsten Elemente im französischen Angriffsspiel.

Francis Smereckis 4-3-3 war quasi das Gegenstück zur serbischen Mittelfeldraute: Larry Azouni agierte als alleiniger Abräumer hinter den zwei offensiv eingestellten Adriens – Hunou und Rabiot. Allerdings waren Positions- und Rollenwechsel allgegenwärtig; die Flügelspieler Corentin Jean und Anthony Martial waren auf beiden Seiten anzutreffen, und der kämpferische Yassine Benzia beschäftigte die starke serbische Innenverteidigung. Die erste halbe Stunde dieser intensiv geführten Partie war geprägt von kompromissloser Risikominimierung – als Frankreich zum Beispiel zu einem Freistoß in der serbischen Platzhälfte kam, blieben fünf Spieler hinter dem Ball. Generell waren Freistöße ein prägendes Merkmal dieses Endspiels: 36 Mal musste der Unparteiische pfeifen, was dem Spielfluss nicht gerade zuträglich war.

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Serbiens Uroš Djurdjević im Zweikampf mit Jordan Ikoko

Nach dem halbstündigen Abtasten kam plötzlich Leben in die Partie – möglicherweise machten sich doch schon erste Anzeichen von Müdigkeit bemerkbar. Auf französischer Seite schoss Martial aus linker Position knapp über das Tor, Ikoko zögerte nach einem Steilzuspiel zu lange und traf nur das Außennetz, und Hunou zwang den serbischen Keeper Predrag Rajković mit einem flachen Linksschuss zu einer Rettungstat. Für Serbien schoss Djurdjević den Ball aus günstiger Abschlussposition direkt in die Arme von Quentin Beunardeau, und auch einen direkten Freistoß von Pavlovski konnte der französische Schlussmann problemlos entschärfen. Trotz einiger Torszenen stand es zur Pause weiterhin 0:0.

Die spielentscheidende Szene ereignete sich in der 57. Minute: Zwei französische Verteidiger unterliefen eine diagonale Hereingabe in den Strafraum von Pavlovski und der Ball landete bei Mitrović, der von diesem Missgeschick allerdings so überrascht war, dass er den Ball nicht wunschgemäß kontrollieren konnte. Statt aus spitzem Winkel abzuziehen, schlug er einen Haken und legte zurück auf den mitgelaufenen Luković, der den Ball nur noch per Innenrist über die Linie schieben musste. Serbien hatte den Bann gebrochen.

Im Freudentaumel w��ren die Serben beinahe postwendend in einen Konter der Franzosen, die sich noch lange nicht geschlagen gaben, gelaufen: Benzia legte quer auf Hunou, der allerdings an Rajković scheiterte.

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Serbiens Trainer Ljubinko Drulović gibt Anweisungen

Diese beiden Szenen riefen die Trainer auf den Plan: Smerecki wechselte beide Flügelspieler aus und ersetzte später auch noch Hunou durch den offensiveren Jean-Philippe Gbamin, um die serbische Defensive mit dessen Schnelligkeit durcheinanderzuwirbeln. Drulović forderte seine Schützlinge dazu auf, die Chance beim Schopf zu packen und weiter resolut zu verteidigen. Mit der Einwechslung von Dejan Meleg für Torschütze Luković verstärkte er zudem das Mittelfeld.

Die letzte halbe Stunde ist schnell erzählt: Es war ein Spiel auf ein Tor. Die Franzosen rannten pausenlos an, blieben jedoch im engmaschigen serbischen Abwehrnetz hängen. Sie kamen immerhin zu mehreren Eckbällen, doch auch die wurden von der rotblauen Hintermannschaft aus der Gefahrenzone befördert. Abschlussversuche wurden abgeblockt und gelangten gar nicht erst zum serbischen Keeper. Da die Räume zugestellt waren und auch Einzelvorstöße keinen Erfolg brachten, versuchte es Frankreich mit Schüssen aus der zweiten Reihe, vor allem durch die eingewechselten Lenny Nangis und Kevin Rodrigues.

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Jubel bei den Serben nach ihrem Triumph

Während den zunehmend frustrierten Franzosen die Zeit davonlief, setzten die in ihrer Abwehrschlacht vereinten Serben neue Kräfte frei und zogen sich weit zurück – immer häufiger glich ihre Formation einem 8-2. Die Franzosen, die sich möglicherweise nicht ganz von den physischen und mentalen Strapazen des Halbfinales gegen Spanien erholt hatten, konnten keine solchen Kraftreserven mehr anzapfen. In den Schlussminuten verschaffte Drulović seiner Mannschaft mit zwei Auswechslungen wertvolle Verschnaufpausen, Torwart Rajković nahm eine gelbe Karte für Zeitschinden in Kauf. Dann ertönte der Schlusspfiff – "Les Bleuets" waren geschlagen, während die serbischen Spieler in Freudenstürme ausbrachen.

Vor dem Endspiel hatte Ljubinko Drulović eine SMS von José Mourinho erhalten, der den heutigen serbischen U19-Nationalcoach aus dessen aktiver Zeit beim FC Porto kennt, wo er damals Assistenztrainer war. Sie beinhaltete eine spanische Fußballweisheit: "Endspiele bestreitet man nicht, man gewinnt sie." Die Botschaft war angekommen – dank Teamgeist, Siegeswillen und Kaltblütigkeit im richtigen Augenblick ging zum ersten Mal ein Pokal eines UEFA-Wettbewerbs nach Serbien.

https://de.uefa.com/under19/season=2013/technical-report/the-final/index.html#das+endspiel