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Technische Analyse

 

Technische Analyse

Die Endrunde der UEFA-U19-Europameisterschaft in Litauen war aus technischer und taktischer Sicht faszinierend – erneut waren verschiedene Spielphilosophien, technische Trends, herausragende Spieler und denkwürdige Tore zu sehen. Dank der offensiven Grundeinstellung der Mannschaften bot das Turnier beste Unterhaltung.

Alle Endrundenteilnehmer haben es verdient, speziell erwähnt zu werden. Alle Mannschaften drückten dem Turnier ihren Stempel auf
Ghenadie Scurtul, technischer Beobachter der UEFA

"Alle Endrundenteilnehmer haben es verdient, speziell erwähnt zu werden. Alle Mannschaften drückten dem Turnier ihren Stempel auf, was für die Entwicklung des Fußballs positiv ist", so Ghenadie Scurtul, technischer Beobachter der UEFA. "Jedes Team hatte eigene technische und taktische Eigenschaften und war auf seine Weise interessant zu verfolgen. Am erfreulichsten war, dass alle nach vorne spielten. Das ist nur zu begrüßen, denn das ist die Zukunft des Fußballs, das wollen die Zuschauer sehen."

Ähnlich äußerte sich Scurtuls Kollege Stefan Majewski: "Praktisch alle Mannschaften waren offensiv eingestellt. Der Trend hin zu einem spektakuläreren Fußball mit möglichst vielen Toren hält auch in dieser Kategorie an – und in diesem Alter entscheidet sich, welcher Weg eingeschlagen wird."

Offensive im Fokus - die Rückkehr des Flügelspiels
Die offensive Spielweise der Teilnehmer war darauf ausgerichtet, im Mittelfeld ein Übergewicht zu schaffen. Bei den meisten Mannschaften war die Rollenverteilung mit Ausnahme der Abwehrkette sehr flexibel; Mittelfeld- und Flügelspieler wechselten ständig die Position.

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Der portugiesische Flügelspieler Marcos Lopes

Eines der auffälligsten Merkmale der Endrunde in Litauen war die Rückkehr des Flügelspiels; acht der 47 Tore wurden durch eine Hereingabe von der Seite vorbereitet. Die meisten Teams hatten gute Flügelspieler, die das 1-gegen-1 nicht scheuten. Generell schien das Spiel über die Außenbahnen das bevorzugte Mittel zu sein – wie bei den A-Mannschaften wurde oft auf die Flügel ausgewichen, da es im Zentrum an Freiräumen mangelte.

Eine wichtige Rolle spielten dabei bei allen Teams auch die Außenverteidiger. Bei Spanien und Portugal waren bisweilen beide gleichzeitig vorne anzutreffen – in dem Fall sicherte hinten ein defensiver Mittelfeldspieler zusammen mit den Innenverteidigern ab. Bei den anderen Mannschaften blieb stets ein Außenverteidiger hinten, um immer über drei Abwehrspieler zu verfügen. Bei Spanien war zudem zu beobachten, dass die Flügelspieler nach innen zogen und so Räume für die aufrückenden Außenverteidiger schufen.

Spielsysteme und Stärken
Die 4-2-3-1-Formation war bei der Endrunde 2013 die beliebteste. Litauen, die Niederlande, Serbien, Spanien und die Türkei spielten zumindest phasenweise mit diesem System. Frankreich, Georgien und Portugal hatten eine 4-3-3-Grundformation, die auch bei Serbien zum Einsatz kam. Ein 4-4-2 war einzig bei Litauen im Spiel gegen Spanien zu beobachten.

Es war ein allgemeiner Trend hin zu hohem Pressing in der gegnerischen Hälfte sowie zu schnellem Umschalten auf eine kompakte Defensive auszumachen. Litauen und Serbien verteidigten tief; während der Gastgeber vorwiegend auf Konter spielte, setzten die meisten Teilnehmer eher auf einen gepflegten Spielaufbau aus der Abwehr als auf lange Bälle in die Spitze.

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Der serbische Angreifer Aleksandar Mitrović

Europameister Serbien agierte aus einer tief stehenden, kompakten Abwehr heraus und schaltete schnell auf Angriff um, unter anderem unter Mithilfe seiner aktiven Außenverteidiger. Das gut aufeinander abgestimmte Mittelfeldtrio wurde durch die starke Sturmspitze Aleksandar Mitrović ergänzt. Das Zusammenspiel der Mannschaftsteile funktionierte plangemäß, die guten Ausdauerwerte und der große Zusammenhalt waren weitere Erfolgsfaktoren, wie auch Torwart Predrag Rajković, der im Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Portugal zwei Schüsse abwehrte. Mentale Stärke und Kampfgeist waren ebenfalls wichtige Selektionskriterien für Trainer Ljubinko Drulović – dank diesen Qualitäten konnte seine Mannschaft die schwierigen Momente überstehen, die bei einer Endrunde zwangsläufig vorkommen.

Erfolg dank solider Defensive
Im Endspiel standen sich die beiden Mannschaften mit den wenigsten Gegentoren gegenüber. Serbien und Frankreich ließen je vier Treffer in fünf Spielen zu, im Schnitt 0,8 pro Partie. Möglich war dies dank physisch starken Spielern und resoluter Abwehrarbeit im Zentrum. Stefan Majewski kommentierte die Abwehrstärke der Finalisten folgendermaßen: "Letztendlich standen sich im Finale mit Serbien und Frankreich die Teams gegenüber, die nicht unbedingt den spektakulärsten Fußball zeigten, aber bestimmt die richtige Taktik gewählt haben. Wenn wir an die jüngsten Turniere zurückdenken, kommen in der Regel nicht die Teams mit den meisten Toren, sondern die mit den wenigsten Gegentoren weiter. Das war bei dieser Endrunde nicht anders."

Interview: Stefan Majewski über die Endrunde

"Bei den meisten Mannschaften gab es vier Verteidiger, zwei defensive Mittelfeldspieler und drei Spielgestalter. […] Die Flügelspieler spielten eine sehr wichtige Rolle, das war bei diesem Turnier augenfällig. Wenn man berücksichtigt, wie viele Flanken gespielt wurden, ist der Trend klar", so Majewski weiter.

"Ob die Teams eher offensiv oder defensiv agierten, hing davon ab, ob sie mit einem oder zwei Sechsern spielten. Auffallend war auch, dass die Mannschaften, wenn sie in Führung gingen, versuchten, den Vorsprung für den Rest des Spiels zu verteidigen; ein Stürmer blieb vorne, die anderen Spieler zogen sich zurück."

Absicherung bei Standardsituationen
Wie üblich gaben Standardsituationen zu mehreren Diskussionen Anlass. So hielten die technischen Beobachter etwa fest, dass Eckbälle nicht immer in den Strafraum geschlagen wurden. Manchmal war die kurze Ecke die bevorzugte Variante; damit konnten die Mannschaften in Ballbesitz bleiben, statt dem Gegner durch einen hohen Ball eine Kontermöglichkeit zu bieten.

"Typisch war auch", so Stefan Majewski, "dass bei ruhenden Bällen des Gegners die zehn Feldspieler umgehend in die eigene Platzhälfte zurückgingen; sogar bei Eckbällen waren sie alle im Strafraum, um einen Gegentreffer zu verhindern. […] Auffällig war auch, dass die Teams bei eigenen Standards defensiv nicht so gut standen. Manchmal bewachten drei, vier, fünf Spieler einen einzigen Gegner. Ich denke, dass die offensive Durchschlagskraft bei ruhenden Bällen größer wäre, wenn die Trainer dies ändern würden – indem sie zum Beispiel einem Spieler die Verantwortung für den einen Gegenspieler geben und mit einem zweiten Spieler absichern, aber nicht mit drei oder vier."

Stabile Trefferquote
47 Treffer fielen in Litauen; einer mehr als 2011 in Rumänien, zwei mehr als 2010 in Frankreich, aber zwei weniger als 2012 in Estland. Damit lässt sich sagen, dass die Trefferquote bei U19-EM-Endrunden stabil verläuft. 2013 wurden 35 Tore (74 %) aus dem Spiel heraus erzielt, 12 aus ruhenden Bällen (26 %). Portugal zeichnete mit zehn Treffern in vier Spielen (2,5 pro Partie) für die meisten Tore verantwortlich.

MannschaftTorschüsseAufs TorDurchschnittTore
Frankreich 82 32 16.4 5
Niederlande 38 19 12.67 6
Portugal 58 29 14.5 10
Spanien 44 16 11 7
Türkei 41 13 13.67 6
Serbien 43 14 8.6 7
Litauen 17 9 5.67 4
Georgien 36 11 12 2

Tore aus ruhenden Bällen
Zwölf Tore entstanden aus einer Standardsituation, eines mehr als in der Ausgabe 2012. Vier dieser Treffer fielen nach einem Eckball; drei waren direkt verwandelte Freistöße, vier wurden durch Elfmeter bzw. im Nachschuss und einer nach einem Einwurf erzielt. Der Anteil der Tore aus ruhenden Bällen an der Gesamttrefferzahl fiel 2013 mit 26 % höher aus als 2011 in Rumänien (24 %) und 2012 in Estland (22 %).

Tore aus dem Spiel heraus
Die Quote der aus dem Spiel heraus erzielten Tore ging im Vergleich zu 2012 um zwei Prozentpunkte auf 35 % zurück. Insgesamt waren nur zwei dieser Treffer der Kategorie „Abwehrfehler“ zuzuordnen (einer davon war ein Eigentor) – ein Zeugnis der erwähnten defensiven Stabilität. Elf Tore entstanden aus Hereingaben; acht davon waren Flanken von der Seite, drei waren von der Torlinie zurückgelegte B��lle (darunter der Treffer, der das Finale entschied).

Entstehung der Tore
Sieben Tore fielen nach Einzelvorstößen, d.h. einem Dribbling und Schuss aus kurzer Entfernung oder einem Dribbling und Pass, was für die technischen Qualitäten zahlreicher Spieler spricht. Ein ebenso erfolgreiches Mittel, um aufmerksame Abwehrreihen zu überwinden, waren Steilpässe durch die Mitte oder über die Abwehr. Fünf Tore gingen auf das Konto von Kombinationen, mit denen die Verteidigung ausgehebelt wurde. Bemerkenswert ist schließlich, dass 2013 in Litauen nur zwei Distanzschüsse und nur ein diagonal in den Strafraum gespielter Ball zum Torerfolg führten.

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Bilal Basacikoglu bei der Endrunde in Litauen

Mit Köpfchen
Im letzten Jahr und auch schon in den Jahren zuvor waren Kopfballtore ein viel diskutiertes Thema. Während bei der EURO 2012 nicht weniger als 22 Treffer per Kopf erzielt wurden, waren solche Tore bei der U17- und der U19-Endrunde 2011 Fehlanzeige. Ganz anders sieht es seither zumindest auf U19-Ebene aus: 2012 in Estland wurden sieben, 2013 in Litauen elf Kopfballtore verzeichnet. Die meisten davon entstanden aus Flanken, was die These untermauert, dass vermehrt über die Seiten angegriffen wird. Einige Mannschaften entpuppten sich in dieser Hinsicht als besonders produktiv – einer der fleißigsten Flankengeber war der rechte Flügelspieler der Niederlande, Bilal Basacikoglu.

Insgesamt wurden bei der Endrunde 2013 297 Torabschlüsse gezählt, was einen Schnitt von 19,8 pro Spiel ergibt; ein Jahr zuvor waren es 323 Torabschlüsse (21,5) gewesen. 143 (48 %) der in Litauen abgegebenen Schüsse gingen aufs Tor, im Vergleich zu 150 (46 %) in der vorigen Ausgabe.  

Hohes Niveau in vielerlei Hinsicht
Die Spieler überzeugten in Litauen mit guter Ausdauer, taktischem Verständnis und Disziplin. Das technische Niveau war erstklassig, besonders beeindruckend war die Fähigkeit, sich mit spielerischen Mitteln aus engen Situationen zu befreien und – oft mit langen Diagonalpässen – das Spiel zu verlagern. Die Franzosen machten mit ihrer starken individuellen Technik und ihren Dribbelkünsten auf sich aufmerksam. Bei einigen Teams, vor allem Spanien und Portugal, waren klare Parallelen zur Spielweise der jeweiligen A-Nationalmannschaft erkennbar.

Ghenadie Scurtul über das hohe Niveau

Ghenadie Scurtul zum hohen Niveau: "Alle Mannschaften agierten sehr diszipliniert und setzten die Vorgaben ihrer Trainer um. Bei näherer Betrachtung kann man zum Schluss kommen, dass die Jungs wie die Erwachsenen Fußball spielen. Die Trends, die sich im Elitefußball in Europa und weltweit abzeichnen, waren auch bei diesem Turnier zu beobachten. Man kann sicherlich sagen, dass die Mannschaften erstklassig vorbereitet waren, vor allem in taktischer Hinsicht, und auch die Trainer sind gut geschult, um die aktuellen Trends zu übernehmen. Sie bringen die Spieler dazu, das Beste aus sich herauszuholen und ihre Anweisungen im Interesse der Mannschaft zu befolgen."

"Man hat gesehen, dass die Spieler Fußball spielen und ihr Können unter Beweis stellen wollten, und das ist sehr wichtig", fügte Stefan Majewski hinzu. "Sie sind unsere so genannten Jungstars, kleine Rohdiamanten, die noch richtig geschliffen werden müssen. Man sieht, dass die Trainer dieser Aufgabe gewachsen sind und die meisten Spieler sehr gut vorbereitet waren. Der Fußball entwickelt sich in eine positive Richtung."

Führungsspieler
Alle Teams hatten mindestens einen Spieler in ihren Reihen, der den Unterschied ausmachen konnte. Auch in den einzelnen Mannschaftsteilen gab es mindestens einen Führungsspieler, der eine wichtige Rolle spielte. Der Serbe Aleksandar Mitrović, der Franzose Adrien Rabiot, der Türke Recep Niyaz und der Niederländer Yassine Ayoub waren bei der Endrunde 2013 allesamt Leistungsträger und Vorbilder für ihre Mitspieler.

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Der Franzose Adrien Rabiot war einer der herausragenden Akteure seines Teams

Stefan Majewski: "Wenn man sich die Teams ansieht, war die Absicht zu erkennen, in jedem Mannschaftsteil einen Leistungsträger zu haben. Die Mannschaften, bei denen dies der Fall war, waren stark, doch wenn man das Turnier Revue passieren lässt, hatten eigentlich die meisten Teams einen solchen Akteur in ihren Reihen, der das Spiel gestalten und den Gegner mit unkonventionellen Aktionen überraschen konnte, und der vor allem beim Spielaufbau immer anspielbar war. Diese Qualitäten entscheiden darüber, welchen Wert ein Spieler hat und welcher Spielertyp er ist. Bei Spanien gab es zum Beispiel mehrere Spieler, die diese Aufgabe übernehmen konnten, doch bei den anderen Mannschaften gab es auch immer mindestens einen Spieler, der nicht nur gut verteidigen konnte, sondern auch das Auge für den Mitspieler hatte, präzise Pässe spielte, individuell stark war und ein Spiel entscheiden konnte. Jede Mannschaft hat ihren eigenen Führungsspieler, der die Bälle verteilen und für das Überraschungsmoment sorgen kann; diese Qualitäten sind entscheidend dafür, wie stark eine Mannschaft ist."

"Eines der erfreulichen Merkmals des Turniers war, dass alle Teams gute Einzelspieler hatten", so Ghenadie Scurtul. "Einige Mannschaften hatten mehr, andere weniger. Dies kann letztendlich ein Ergebnis beeinflussen, denn je mehr talentierte Spieler man hat, desto größer ist die Chance, das Turnier zu gewinnen. Es gab Teams mit sehr guten Fußballern, Führungsspielern, dank denen sie wahrscheinlich [in Litauen] waren. Andererseits gab es in allen Mannschaften auch eine Mischung aus kollektivem Spiel und individueller Leistung, und darin liegt der Schlüssel zum Erfolg."

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