Das Endspiel

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Die Niederlande feiern den Triumph bei der UEFA-U17-Europameisterschaft 2018 ©Getty Images

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"Plan beibehalten und ausführen”

Die Lexikon-Definierung von Taktik als "sorgfältig geplante Strategie zum Erreichen eines bestimmten Ziels" wäre absolut passend, insofern es nur eine Mannschaft auf dem Platz geben würde. An einem sonnigen Nachmittag in Rotherham hatten sowohl Kees van Wonderen als auch Carmine Nunziata genug Gründe, um mit der von ihnen gewählten Strategie zufrieden zu sein. Das Erreichen des bestimmten Ziels war jedoch mehr Glückssache als Planung.

Das gesamte Turnier über hatte sich das Wetter von seiner guten Seite gezeigt und auch zu dem Zeitpunkt, als die Teams für die Hymnen ins New York Stadium einliefen, gab es Sonne satt. Die Niederländer trugen ihr bekanntes orangefarbene Outfit, die Italiener kamen traditionell in blau-weiß. Torwart Alessandro Russo sorgte für das ein oder andere Schmunzeln, hatte er sich doch für orangefarbene Handschuhe entschieden. Interessant wurde es auch beim Blick auf die Aufstellungen: Der niederländische Coach war seiner Philosophie treu geblieben, die Mannschaft ein wenig zu rotieren. So durfte Ryan Gravenbach im Mittelfeld ran und Elayis Tavsan begann auf dem rechten Flügel. Nunziata hatte sich in der vordersten Position seiner Mittelfeldraute für Jean Freddi Greco anstelle von Nicolò Fagioli entschieden. Wie immer war das Spiel der Italiener sehr linkslastig und Alessio Riccardi nutzte seine Schnelligkeit und seine gute Ballbehandlung, um Italien in der Offensive Möglichkeiten zu verschaffen. Unterstützt wurde er von Greco und Samuele Ricci, die sich immer wieder in seine Nähe begaben, um Überzahlsituationen zu schaffen. Auch der offensiv ausgerichtete Außenverteidiger Giorgio Brogni war gut ins Spiel eingebunden. Dafür war Italiens rechte Seite oft wie verwaist, nur Emmanuel Gyabuaa schaltete sich hin und wieder hier ein, um Alberto Barazetta zu unterstützen, denn der Rechtsverteidiger hatte jede Menge Arbeit mit den niederländischen Flügelstürmern.

In der Anfangsphase schien es so, als würde sich die niederländische Strategie auszahlen. Der zentrale Mittelfeldspieler Wouter Burger bediente Mohammed Ihatteren mit einigen präzisen Bällen und auch die beiden Timbers (Rechtsverteidiger Jurriën und der offensive Mittelfeldspieler Quinten wurden auf dem offiziellen Spielbericht aber als "Maduro" aufgeführt) konnten auf sich aufmerksam machen. Von diesem Flügel kamen erste Warnschüsse, Gravenberch traf zunächst die Latte und zwang anschließend Russo nach einem Ballverlust von Riccardi zu einer Parade. Nachdem Ricci auf der linken Seite aufgerückt war, um seinen Kapitän zu unterstützen, bot sich für Jurriën Timber die Chance zu einem schnellen Konter. Danach konnte Russo einen Freistoß von Ihatteren parieren, den Nachschuss setzte Gravenberch über das Tor. In den ersten 20 Minuten war die italienische Spielhälfte orange gefärbt - was oftmals zur Folge hatte, dass sich alle blauen Trikots weit zurückfallen lassen mussten, um wenigstens für einen numerischen Gleichstand zu sorgen.

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Samuele Ricci, Italiens erster Torschütze im Finale

Nunziatas Mannschaft fand jedoch immer besser in die Partie, kämpfte effektiver um die zweiten Bälle und schuf Situationen von numerischer Überlegenheit in einem engmaschigen Mittelfeld. Zeichen der Steigerung waren, als Ricci nach einer Hereingabe von der rechten Seite völlig überraschend alleine vor Joey Koorevaar stand - der niederländische Torhüter rettete mit einer beherzten Parade - und er einen abgefälschten Heber im Zurücklaufen gerade noch über die Latte lenken konnte. Das Spiel wurde jedoch auch immer wieder unterbrochen, es gab 39 Fouls (viele wurden begangen, um einen schnellen Konter des Gegners zu unterbinden). Als der türkische Schiedsrichter zur Halbzeitpause pfiff, stand es immer noch 0:0.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit wurde der Druck erhöht. Um kurze Abspiele der Torhüter zu verhindern, hatten sich beide Mannschaften mit drei Stürmern hoch positioniert. Als Ergebnis wurden weite Bälle geschlagen und das Augenmerk auf die zweiten Bälle gelegt. Auf der einen Seite hatten die Niederländer die Lufthoheit; auf der anderen behaupteten sich die italienischen Innenverteidiger und waren generell schneller bei den zweiten Bällen. Nunziatas Mannschaft fand immer mehr Räume im Mittelfeld, vor allem dank der entschlossenen Ballgewinne von Gyabuaa. Riccardi hatte dadurch mehr offensive Freiheiten, auch wenn diese Beziehung mit Mittelstürmer Edoardo Vergani nicht als typische Partnerschaft in einem klassischen 1-4-4-2 gedacht war.

Im zweiten Durchgang waren noch keine sechs Minuten gespielt, da gingen die Niederlande in Führung. Nach einer brillanten 15-Pass-Kombination auf der rechten Seite in 40 Sekunden spielte Daishawn Redan den Ball zu Jurriën Timber, dessen Schuss aus der Halbdistanz sich ins Netz senkte. Zu diesem Zeitpunkt sah es danach aus, dass es schwer werden würde für Italien, zurück ins Spiel zu kommen. Nunziata war wohl ähnlicher Meinung und nahm eine kluge taktische Umstellung vor, er wechselte den defensiven Mittelfeldspieler Giuseppe Leone aus und zog Greco auf seine Position. Der eingewechselte Nicolò Fagioli übernahm die vordere Position in der Mittelfeld-Raute, wo er umgehend damit begann, Lücken zwischen den defensiven Mittelfeldspielern und der Viererkette zu reißen.

Innerhalb weniger Minuten wurde es dadurch dramatisch. Bei einem Angriff durch die Mitte spielte Fagioli einen genauen Pass auf Ricci, der sich drehte und Koorevaar mit einem Schuss in den rechten Torwinkel bezwang. Wenige Sekunden später - die Niederländer drängten nach vorne, um sich die Führung zurückzuholen - startete Fagioli einen schnellen Konter und bediente Riccardi, der von seiner angestammten linken Seite nach innen zog und mit einem strammen Rechtsschuss in die lange Ecke erfolgreich war.

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Der niederländische ''Super-Joker'' Brian Brobbey

Das Momentum war nun deutlich auf der Seite der Italiener, die mit ihrer Ballsicherheit den Eindruck machten, die restlichen 17 Minuten kontrolliert und souverän nach Hause bringen zu können. Kees van Wonderen antwortete jedoch mit einem Doppelwechsel, der sich als genauso schlau erweisen sollte als der seines Gegenübers. Der agile Crysencio Summerville begann, mit undurchsichtigen Sprints auf der rechten Seite für chaotische Szenen zu sorgen, während Brian Brobbeys physische Präsenz eine weitere Option im Angriffszentrum bedeutete. Sechs Minuten vor Schluss leitete Brobbey einen langen Diagonalball von Innenverteidiger Liam van Gelderen weiter zu Ihatteren, der sich auf der linken Seite gegen zwei Gegenspieler durchsetzte und den Ball flach in die Mitte brachte, genau zwischen dem Torhüter und der überraschenderweise statischen Abwehr hindurch. Brobbey war auf den langen Pfosten durchgestartet und konnte unbedrängt einschieben.

Im dritten Jahr in Folge und zum sechsten Mal in den letzten sieben Jahren musste der Titel in einem Elfmeterschießen entschieden werden - für die Niederländer war es das dritte Elfmeterschießen in Folge bei diesem Turnier. Kees van Wonderen machte aus seinem Erfolgsrezept kein Geheimnis: "Wir trainieren das sehr häufig. Wir halten uns immer an den gleichen Ablauf: Zeit nehmen, eine Entscheidung treffen, den Plan beibehalten und ausführen." Koorevaar trat umgehend als Elfmetertöter in Erscheinung, er parierte die ersten beiden italienischen Schüsse. Alle vier Linksfüßer konnten bei diesem Elfmeterschießen verwandeln, während zwei von drei Rechtsfüßern scheiterten. Die Ausnahme war der fünfte Elfmeter, als Russo beim Rechtsschuss von Jurriën Timber seine beiden orangen Handschuhe an den Ball brachte, aber trotzdem nicht verhindern konnte, dass er im Netz landete. Danach waren nur noch zwei Elfmeter nötig, und als Ramon Hendriks das 4:1 markierte, schwärmten die orangen Trikots aus, um Koorevaar neben dem Pfosten in einer Jubeltraube zu verschlingen. Russo warf seine orangen Handschuhe angewidert auf den Boden und zeigte wie seine Teamkollegen die tränenreiche Enttäuschung eines Verlierers, der fühlt, etwas Besseres verdient zu haben.

Nachdem die Niederlande zum dritten Mal in acht Jahren den Titel geholt hatten, sinnierte Kees van Wonderen: "Meine erste Reaktion ist ein unglaubliches Glücksgefühl. Wir haben vom Anfang bis zum Ende gearbeitet, wir haben die ganze Zeit dazu gelernt und den Spielern die Chance gegeben, sich gegen verschiedene Gegner zu behaupten. Sie haben bis zum Ende für das Ergebnis gekämpft, für den niederländischen Fußball und für sich selbst."

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