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Komplette InStat-Turnierdaten sind hier einsehbar

"Es gibt kaum noch Niveau-Unterschiede", analysierte Englands Trainer Steve Cooper. "Die Qualifikation hat dies auch gezeigt. Mannschaften wie Deutschland und Spanien sind knapp weitergekommen, aber Frankreich ist ausgeschieden. Wenn man bei der Endrunde dabei sein darf, kann man auf verschiedenen Dingen aufbauen. Dieser Wettbewerb stellt einen klaren Vorteil dar und der Trainer lernt noch dazu wertvolle Dinge über seine Spieler." Italiens Trainer Carmine Nunziata sagte: "Unsere Vereine arbeiten gut, aber das Niveau unseres nationalen Fußballs ist nicht dasselbe. Wenn wir zu einem internationalen Turnier reisen, ist der Unterschied hinsichtlich der Intensität enorm."

Eine große Ungleichheit beim Stärkeverhältnis konnte man in der zweiten Turnierhälfte nicht mehr feststellen, da die Niederlande nach drei Unentschieden in der K.-o.-Runde den Titel holten. Dany Ryser, einer der Technischen Beobachter bei dem Turnier, merkte an, dass "alle Teams beim Turnier einen positiven Ansatz verfolgten. Sie waren konstruktiv und ich glaube die Unterschiede bei den Ergebnissen spiegelten die Unterschiede im technischen Bereich wider - die erste Ballberührung, die Fähigkeit, sich aus engen Situationen zu befreien, das Einsetzen des Körpers und so weiter. Dies hat meine persönliche Einschätzung bestärkt, dass es in dieser Phase der Entwicklung ein Fehler ist, wenn man die Trainingsarbeit ohne Gegner durchführt."

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Auf der anderen Seite konnte man bei den Ergebnissen nicht wirklich eine Gleichheit feststellen. Bei den 29 von 31 Spielen in England fielen Tore. Aber es gab nur neun Partien, in denen beide Teams das Tor trafen - davon vier in der K.-o.-Runde. Nur vier Spiele wurden von der Mannschaft gewonnen, die das erste Gegentor kassierte. Besonders auffällig war jedoch, dass im Vergleich zum Vorjahr 26 Prozent weniger Tore fielen.

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Diese Statistik lässt sich aus zwei Perspektiven betrachten: Entweder die Abwehrarbeit war überragend, oder die offensive Gefahr war nicht gerade berauschend. Das Bild wurde darüber hinaus noch durch die Tatsache getrübt, dass eine beachtliche Menge an Toren nach haarsträubenden Abwehrfehlern erzielt wurde. Individuelle Fehler mit Ball, aber auch individuelle und kollektive Fehler im Positionsspiel. Gleichzeitig stellt der Abschwung an Toren im Vergleich zum Rekordjahr 2017 aber auch nur eine Rückkehr zum Torschnitt von 2,35 Treffern pro Spiel des Turniers in Aserbaidschan von 2016 dar. Wie die Tabelle aller Jahre zeigt, ist die Toranzahl bei der Endrunde in England keineswegs die niedrigste des letzten Jahrzehnts.

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Interessant: 23 Prozent der Turniertreffer wurden in dem zehnminütigen Zeitraum zwischen der 61. und 70. Minute markiert. Die Tatsache, dass die letzten zehn Minuten nicht die torreichsten waren, legt nahe, dass die Konditionswerte es den Spielern dieser Kategorie erlauben, 80 Minuten lang mit einem gewissen Maße an Komfort zu agieren. Die körperliche Herausforderung lag vielmehr darin, die Erholungsphasen so zu organisieren, dass man innerhalb eines kurzen Zeitraums mehrere hochintensive Spiele absolvieren konnte. Dazu Dany Ryser: "Spieler sind unterschiedlich. Manche brauchen eine Pause, andere funktionieren dann gut, wenn sie einen Rhythmus haben. Ein Trainer muss wissen, wie er mit Müdigkeit umgeht, und er muss die Regenerationsphasen basierend auf den Eigenschaften seiner einzelnen Spieler organisieren, anstatt automatisch auf einen kollektiven Ansatz zu bauen."

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Diese Fakten stachen heraus
Bleiben wir noch beim Rückgang der Tore: Die Sorgen der Technischen Beobachter hinsichtlich der Qualität im letzten Drittel lassen sich statistisch untermauern. Die Anzahl der Torschussversuche 2018 war höher als noch 2017 (668 im Vergleich zu 650). Neben dem viel niedrigeren Schnitt an Toren ist aber auch die Anzahl der Schüsse, die tatsächlich auf das Tor gingen, stark gesunken (von 271 auf 238). In England mussten die Torhüter nur bei etwas mehr als einem Drittel der Torschüsse eingreifen (35,6%). Zehn der 16 Teams schossen öfter neben oder über das Tor als auf den Kasten. Besondere Ausnahmen bildeten dabei die Teams von Spanien und der Schweiz. Beide waren sehr effizient im Abschluss, konnten aber bei weitem nicht die meisten Torchancen herausspielen. Der Technische Beobachter Savvas Constantinou sagte dazu: "Die Mannschaften hatten generell eine offensive Philosophie, Effizienz war aber Mangelware." Beispielhaft dafür waren einige Szenen von Italiens Stürmer Edoardo Vergani im Halbfinale gegen Belgien. Nachdem er zunächst in zwei aussichtsreichen Situationen frei vor dem Torwart scheiterte, erzielte er das Siegtor in einer für ihn viel schwierigeren Szene - mit einem Distanzschuss nach einem langen Pass des Innenverteidigers Nicolò Armini. Generell führte das Niveau des Torabschlusses aber dazu, dass die Technischen Beobachter über die Notwendigkeit der Einführung eines spezialisierten "Sturmtrainers" für diesen Jugendbereich diskutieren.

Die Tabelle zeigt die Teilnehmer nach Torschüssen pro Spiel und - wenn man die Gesamtanzahl der Schüsse auf das Tor durch die Anzahl der Spiele teilt - hebt hervor, wie ineffizient es im Abschluss zur Sache ging.

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Hinweis: Schüsse, die an Pfosten oder Latte gehen, werden in der Statistik "Schüsse auf das Tor" geführt, wenn sie von einem Torwart oder Verteidiger abgefälscht wurden. Traf der Ball ohne gegnerische Einwirkung die Latte, zählt der Versuch als "neben oder über das Tor".

Offensive Vielfalt
Bei der Endrunde ließen sich unterschiedliche Vorgehensweisen im Offensivspiel beobachten, zudem wurde einmal mehr der Trend deutlich, dass Flügelstürmer gerne auf der "falschen" Seite eingewechselt werden: Rechtsfüßer spielen links, Linksfüßer kommen über die rechte Seite. Dänemark ließ die beiden Flügelstürmer auch permanent die Seiten wechseln. Sehr variantenreich auch das Spiel von Spanien, das gleich mit zwei Linksfüßern auf den Flügeln auflief: Bryan Gil über links, Víctor Mollejo über rechts. Vermehrt war auch ein Ansatz zu beobachten, den John Peacock wie folgt beschrieb: "Der falschfüßige Flügelstürmer operiert gerne zwischen den Linien, so dass wir mehr Hereingaben von der Grundlinie anstatt traditioneller Flanken zu sehen bekamen." Die Tabelle zur Torentstehung verdeutlicht dies. England, Italien, Dänemark, Spanien und die Niederlande waren die einzigen Mannschaften, die traditionelle Flanken in Tore ummünzten. Im Jahr 2017 waren Flanken noch die Hauptentstehungsquelle für Tore. In England stürzten Flanken auf den vierten Platz ab - hinter Kombinationsspiel, Grundlinien-Hereingaben und Distanztreffern. In letzterer Kategorie konnte vor allem Italien überzeugen. Die Anzahl der Torerfolge aus der Distanz könnte sogar noch höher sein. Deutschlands Fernschuss gegen Spanien wurde jedoch als Eigentor gewertet, da der Ball noch entscheidend abgefälscht wurde.

Die Grafik zeigt, dass 22 Prozent der Turniertreffer (2017 waren es noch 23%) aus Standardsituationen entstanden. Die Republik Irland (Troy Parrott) und Norwegen (Thomas Rekdal) markierten die einzigen Treffer nach direkten Freistößen. Bei einer Anzahl von 31 Partien im gesamten Turnier muss man sich fragen, ob die Entwicklung diesbezüglich auf dem richtigen Weg ist. Das einzige Tor, welches bei einem indirekten Freistoß erzielt wurde, war der Ausgleich von Bosnien und Herzegowina am ersten Spieltag gegen Dänemark. Spanien zeichnete für zwei der acht Treffer nach Eckbällen verantwortlich. Die Erfolgsquote: 1 Tor für alle 31,5 Ecken. Damit wurden die Werte aus 2017 (1:42) und 2016 (1:49) aber übertroffen.

Beim Verteidigen von Standardsituationen gab es ähnliche Ansätze, die sich im Detail aber doch unterschieden. Die meisten Teams entschieden sich für gemischte Lösungen mit Raumdeckung als Basis und Sonderbewachern für den besten Kopfballspieler des Gegners. Deutschland und Italien setzten meist nur auf Raumdeckung, während drei Teams die Manndeckung bevorzugten. Während Schweden und Irland generell die gesamte Mannschaft mit in die Defensivarbeit einbezogen, ließen die meisten Nationen bei gegnerischen Standards mindestens eine Person vorne, um einen eventuellen Konter besser einleiten zu können - gerade wenn die Innenverteidiger für die Standardsituation mit nach vorne gingen. Nur fünf Tore wurden per Kopf erzielt. Drei nach Ecken und zwei nach Flanken.

Fast ein Fünftel aller Turniertreffer fielen als Folge einer Kontersituation.

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Bei der Anzahl der Spieler, die bei einem Angriff höher als der Ball positioniert wurden, gab es bemerkenswerte Unterschiede. Die Niederländer ließen bei einem Angriff gerne fünf oder sechs Spieler auf höchster Linie agieren und waren darauf bedacht, die Viererkette des Gegners unter maximalen Druck zu setzen. Allerdings schaffte man es nicht, bei einer besonders tiefstehenden Abwehrreihe - wie der von Republik Irland im Viertelfinale - dadurch Chaos auszulösen. Endspiel-Gegner Italien entschied sich für die interessante Variante, die Mittelfeldraute auch mal zu überladen. Die Argumentation von Trainer Carmine Nunziata: "Wir waren überzeugt, dass dies der beste Ansatz ist, denn wir hatten nicht die richtigen Flügelstürmer-Typen. Ich glaube, der Trainer muss sich immer den Qualitäten der Spieler anpassen, anstatt an einer bestimmten Spielweise festzuhalten." Die Grafik zeigt, wie die Angriffe über Alessio Riccardi auf dem linken Flügel liefen, während zwei Mittelfeldspieler (und manchmal der Linksverteidiger) in die Tiefe gingen, um Überzahl zu schaffen. Angespielt wurde man häufig mit einem langen Ball des Rechtsverteidigers (wie eingezeichnet), oder nach einem Lauf durch das Mittelfeld des Linksverteidigers. Der defensive Mittelfeldspieler und der linke Mittelfeldspieler öffneten dabei einen Weg für den Pass (Grafik 1).

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Dieser Ansatz stellte Gegner vor Probleme. Die Grafik basiert auf dem Halbfinale (als Jean Freddi Greco, Nummer 16, den gesperrten Riccardi ersetzte). Belgien operierte bei gegnerischem Ballbesitz in einem 1-4-2-3-1 und hatte Schwierigkeiten, Italiens Nummer 17 in den Griff zu bekommen. Immer wieder nutzte er den Platz aus, den er zwischen den beiden defensiven Mittelfeldspielern vorfand. Außerdem schufen die Spieler mit den Rückennummern 7, 17 und 16 auf der linken Seite oft Überzahl und machten dem belgischen Rechtsverteidiger das Leben schwer (Grafik 2).

Italiens Strategie war so geplant, dass Mittelfeldspieler Emmanuel Gyabuaa immer wieder Läufe in die Tiefe einstreute, auch der Rechtsverteidiger machte viele Meter. Bei der Wahl der Mannschaft des Turniers hatten die Technischen Beobachter Probleme, Außenverteidiger zu finden, die während der Endrunde konstant überzeugen konnten. Mannschaften wie Dänemark, England und Spanien verzerrten das Bild ein wenig, da die Außenverteidiger in einigen Partien auch als Flügelstürmer eingesetzt wurden oder die Seiten tauschen mussten. Ghenadie Scurtul meinte: "Wir haben gesehen, dass die Außenverteidiger bereit waren, in die Tiefe zu gehen. Aber die Qualität der Flanken war schlecht. Sie haben angegriffen, aber waren nicht in der Lage, ein gutes Endprodukt zu liefern." Und Dany Ryser fügte hinzu: "Hinsichtlich der Entwicklung ist die Frage berechtigt, ob wir die kreativen Aspekte zu sehr hervorheben, wenn ein Außenverteidiger denkt, er wäre ein Flügelstürmer. Ich persönlich denke, dass wir einen Abfall bei der Kunst des Verteidigens erlebt haben. Fähigkeiten im Zweikampf, auf den Beinen bleiben... die traditionellen Elemente in der Arbeitsbeschreibung eines Außenverteidigers. Wir haben eine ganze Reihe an Außenverteidigern gesehen, die nur von ihrer Geschwindigkeit gelebt haben." Diese Meinung teilte auch John Peacock: "Manchmal bekommt man das Gefühl, die Außenverteidiger sind eigentlich Stürmer, die sich gelegentlich in die Abwehr zurückfallen lassen..."

Mission Spielaufbau
Die meisten Teams wollten das Spiel von hinten aufbauen - selbst dann, wenn man früh unter Druck gesetzt wurde. "Es gab einige Beispiele, in denen man sehen konnte, wie Teams den Risikofaktor dabei vergessen haben", analysierte John Peacock. "Es ist einfach, sich selbst Probleme zu bereiten, wenn man darauf beharrt, das Spiel von hinten aufbauen zu wollen. Für mich war Spanien außergewöhnlich gut in dieser Hinsicht. Sie hatten die technischen Fähigkeiten, um sich aus engen Situationen zu befreien und sie haben den Gegner oft herauslocken können, um sich dann in die Tiefe zu spielen. Weiterhin hatten sie einen guten Plan, in welchen Situationen sie den langen Ball spielen."

In der Regel ließen sich die Innenverteidiger auf die Seiten des Strafraums fallen, wenn der Torwart den Ball hatte. Die Außenverteidiger positionierten sich dabei weiter vorne. Italien war das Musterbeispiel der vielen Teams, die es sich auf die Fahne geschrieben hatten, den Gegner über ein hohes Pressing zu langen Bällen zu zwingen. Die Grafik zeigt, wie die beiden Stürmer die Innenverteidiger anliefen, während die Mittelfeldspieler jederzeit bereit waren, die kurzen Pässe zu attackieren (Grafik 3).

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Die Grafik 4 zeigt, wie sich Deutschland fünf Passoptionen schuf, wenn Serbien mit zwei Stürmern Pressing ausübte.

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Die Niederländer ließen den defensiven Mittelfeldspieler Wouter Burger, der gleichzeitig als Spielmacher fungierte, zwischen die Innenverteidiger fallen, wenn der Gegner mit zwei Stürmern presste. Gab es kein Pressing, wie im Spiel gegen die Iren, standen auch die beiden Innenverteidiger hoch, so dass Burger die erste Anspielstation seines Torhüters war (Grafik 5).

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Spanien entschied sich für eine ähnliche Grundformation und versuchte bei jeder Gelegenheit, das Spiel von hinten aufzubauen. Hatte der Torwart den Ball, stand man sehr breit. Die beiden Innenverteidiger verteilten die Bälle gut ins Mittelfeld, während Iván Morante (Nummer 6) im Aufbau sehr effektiv genutzt wurde. Er überzeugte, weil er mit guter Laufarbeit immer wieder anspielbar war. Der Aufbau war geduldig, aber die Pässe wurden mit Tempo und Überzeugung gespielt. Dabei wurde die Taktzahl gut variiert (Grafik 6).

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Spanien gehörte zu den Teams, die mit Vorliebe hoch verteidigten. Die Grafik zeigt eine Szene aus dem Viertelfinale gegen Belgien, als viele Akteure ins Pressing gingen, um den Gegner entweder ins Risiko oder zu einem langen Ball zu zwingen. Um gegen die zweite Option gewappnet zu sein, wurde Belgiens Stürmer von den beiden Innenverteidigern eng gedoppelt (Grafik 7).

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Dänemark gehörte ebenfalls zu den Teams, die es mit einem Aufbau von hinten versuchten. Der Torwart zeigte sich geduldig im Ballbesitz und wartete darauf, dass sich die Mittelfeldspieler freiliefen. In dieser Szene aus der Partie gegen Bosnien und Herzegowina ließen sich die Spieler 6 und 10 fallen und zogen dabei ihre Gegenspieler mit sich. Damit war Platz für einen cleveren Laufweg für Spieler 14. Ein präziser Pass des Torwarts öffnete so den Weg durch das Mittelfeld (Grafik 8).

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Quintessenz
Wie die Tabelle zur Entstehung der Tore zeigt, gab es bei diesem Turnier einige sehenswerte Kombinationen. Der erste Treffer der Schweiz im Spiel gegen Israel war der Höhepunkt einer 41-sekündigen Kombination, an der acht Spieler beteiligt waren. Das erste Tor der Niederlande im Endspiel war eine Produktion von 15 Pässen in 40 Sekunden. Spaniens drittem Treffer beim 5:1-Sieg gegen Deutschland gingen zwölf Pässe in 33 Sekunden voraus. Portugal spielte vor dem vierten Tor gegen Slowenien 15 Pässe in 47 Sekunden. Auch die sieben Pässe in 30 Sekunden bei Schwedens Treffer gegen Slowenien konnten sich sehen lassen. 

Schweden agierte traditionell im 1-4-4-2 und setzte auf lange Bälle. Die Grafik zeigt eine Szene aus dem Spiel gegen Slowenien. Bei den beiden Optionen handelt es sich um einen langen Pass des Innenverteidigers und um einen flachen Ball des Linksverteidigers, wo der Spieler 15 nach innen läuft, um einen Passweg zu öffnen. Der auf der rechten Seite positionierte Stürmer macht sich auf den Weg, um den Ball in Empfang zu nehmen, während sein Sturmpartner den Gegenspieler bindet (Grafik 9).

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Zukunftsorientiert
"Wir konzentrieren uns mehr auf Spielphilosophie. Das System selbst ist nicht die wichtigste Sache", so Sloweniens Trainer Agron Šalja. Schweiz-Trainer Stefan Marini erklärte: "Wir respektieren eine Vielzahl von Prinzipien, aber der Schwerpunkt liegt darauf, die Spieler so vorzubereiten, dass sie flexibel sind und in verschiedenen System agieren können." In England wechselten die Schweizer zwischen 1-4-2-3-1 und 1-4-4-2, ähnlich wie es Israel und die Republik Irland taten. Dabei gab es in den 80 Minuten nur wenig taktische Änderungen zu beobachten. Serbien stellte in der zweiten Halbzeit auf 1-3-4-3 um, Schweden wollte die Führung in der Schlussphase gegen Portugal mit einem 1-5-4-1 über die Runden bringen. Irlands Trainer Colin O’Brien meinte: "Die Herausforderung, in diesem Juniorenbereich in verschiedenen Systemen agieren zu können, liegt in der Zeit, die man mit den Spielern zur Verfügung hat."

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Das 1-4-2-3-1 war als Grundformation besonders beliebt, denn gleich zehn Mannschaften griffen im Verlaufe des Turniers darauf zurück, manche sogar permanent. Einzig Schweden blieb dem klassischen 1-4-4-2 treu und Nachbar Norwegen war das einzige Team, welches mit Dreierkette operierte (und bei gegnerischem Ballbesitz auf Fünferkette umstellte). Nach einem nervösen Start wuchs das Selbstvertrauen und man kam zu einem Unentschieden gegen Portugal. Dabei zeigte die Truppe von Gunnar Halle, wie man das große Offensivpotenzial des Titelträgers von 2016 in Schach halten kann.

Die unten stehende Grafik zeigt, wie der Innenverteidiger einen portugiesischen Mittelfeldspieler aufnimmt, der einen diagonalen Lauf in die Schnittstelle der norwegischen Abwehr macht. Der Außenverteidiger kümmert sich um den Spieler auf dem Flügel, also entweder den Mittelfeldspieler oder Außenverteidiger. Mit diesem Mechanismus konnten erfolgreich Lücken in der Abwehr vermieden werden (Grafik 10).

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Rotation oder nicht?
Bei der Endrunde in England wurde die Kadergröße von 18 auf 20 Spieler erweitert, auch wenn verletzte Spieler nicht mehr ersetzt werden durften. Die Trainer gingen damit unterschiedlich um. Einige blieben ihren Startformationen treu, andere setzten darauf, möglichst vielen Akteuren Einsätze zu verschaffen. Besonders hervorzuheben ist Niederlande-Trainer Kees van Wonderen, der in seinen ersten zwei Begegnungen 17 seiner 18 Feldspieler einsetzte. Insgesamt kamen während der Gruppenphase nur 23 Feldspieler nicht zum Einsatz, zusätzlich zu den zweiten Torhütern.

Alle Jahre wieder
Wie bei den vergangenen Endrunden kam auch dieses Mal das Thema Geburtsmonat auf den Tisch. Eine hohe Prozentzahl der Spieler wurde in den ersten drei Monaten des Jahres geboren. Trotz der Kadererweiterung war auch 2018 keine Ausnahme. Nicht weniger als 133 der 320 Spieler wurden zwischen Januar und März 2001 geboren - also 42 Prozent insgesamt. Von den 17 Spielern mit Baujahr 2002 wurden zwölf in den ersten drei Monaten geboren. Nur 7,5 Prozent der 320 Spieler feiern ihren Geburtstag zwischen Oktober und Dezember.

Taucht man noch tiefer in die Turnier-Datenbank ein, findet man heraus, dass 78 Prozent der Spieler in der ersten Hälfte des Jahres geboren wurden. Darunter der gesamte Kader von Deutschland und 90 Prozent aller Akteure von Norwegen. Bei den Niederländern gab es immerhin eine Verteilung von 60 zu 40 Prozent, bei den Belgiern war es sogar auf 50:50 aufgeteilt. Dies ist das Ergebnis der Arbeit aus dem letzten Jahrzehnt, in dem man viel in Spätentwickler bei den Mannschaften der U16, U17 und U18 investiert hat.

Jugendliche oder Erwachsene?
"Es ist einfach zu vergessen, dass es sich hier um Juniorenfußball handelt", so Dany Ryser. "Wir konnten sehen, dass sich die Mannschaften im Betreuerstab sehr professionell aufgestellt hatten. Als Trainer muss man vorsichtig sein, dass das Management eines großen Betreuerstabes nicht von der eigentlichen Arbeit mit den Spielern ablenkt." Für viele Spieler war die Endrunde in England die erste Erfahrung mit einem langen Turnier. Vor diesem Hintergrund sagte John Peacock: "Es ist einfach zu vergessen, dass es neben technischen, taktischen und physischen Aspekten auch noch die soziale und psychologische Seite gibt." Norwegen hatte sich diesbezüglich ein klares Konzept bereitgelegt und organisierte quasi jeden Tag soziale Aktivitäten. "Ich denke, das ist ganz wichtig", so Peacock. "Man muss die Spieler aus der Blase herauslassen und sie ab und zu auch mal Jugendliche sein lassen."

Dany Ryser fügte hinzu: "Eine der wichtigsten Fragen ist, wie viel Verantwortung man diesen Teenagern überträgt. Wir wollen keine Roboter entwickeln, deshalb ist es meine persönliche Meinung, dass die Trainer auf dieser Ebene auch Probleme aufzeigen müssen und es den Spielern überlässt, Lösungen zu finden." So geschehen im englischen Lager, wo Steve Cooper den Kader in kleinere Gruppen einteilte und sie Aspekte des Spiels diskutieren ließ. Auch die Stile der Trainer an der Seitenlinie kamen durchaus unterschiedlich daher. Bei der Partie zwischen Spanien und der Niederlande war Santi Denia permanent dabei, seinen Akteuren Ratschläge zu geben. Kees van Wonderen war eher ein stiller Beobachter. John Peacock dazu: "Dies ist die wichtige Phase, wo man den besten Weg finden muss, um gleichzeitig eine siegfähige Mannschaft aufzubauen, dabei aber nicht die Spielerentwicklung vernachlässigen darf. Sonst wird das Potenzial nie ausgeschöpft. Bis zu welchem Grad sollten sie alleine gelassen werden, damit sie aus eigenen Fehlern lernen können? Hier muss der Trainer entscheiden, was richtig ist."

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