Fußball in Polen
Montag, 3. Januar 2011
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Polen hat eine stolze Fußballgeschichte und erreichte zwei Mal das Halbfinale einer WM. UEFA.com hat in den Annalen geblättert und dabei einen Stürmer mit sechs Zehen sowie eine symbolträchtige Kristallkrone gefunden.
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Der Co-Gastgeber der UEFA EURO 2012 aus Polen musste bis 2008 warten, ehe der Durchbruch bei einer UEFA-Europameisterschaft gelang, weist mit zwei Halbfinalteilnahmen in insgesamt sieben FIFA-Weltmeisterschaften allerdings eine beachtliche internationale Bilanz auf. UEFA.com wirft einen Blick zurück auf die Geschichte des polnischen Spiels, von einem Stürmer mit sechs Zehen bis hin zu einer Kristallkrone.
Der Mann mit sechs Zehen
Die Biało-czerwoni (Rot-Weißen) machten sich in den 30er Jahren erstmals einen Namen, nachdem sie bei den Olympischen Spielen 1936 einen vierten Platz in Berlin belegten, und zwei Jahre später bei der Weltmeisterschaft in die Runde der letzten 16 einzogen. Nach der 5:6-Niederlage in der Verlängerung gegen Brasilien musste das Team zwar vorzeitig aus Frankreich abreisen, doch Ernest Wilimowski ist bis heute der einzige Spieler in der WM-Geschichte, der in einem Spiel vier Tore gegen die Seleção erzielte und trotzdem auf der Verliererseite stand. Für viele ist der in Katowice geborene Stürmer der größte Fußballer, den Polen jemals hervorgebracht hat. Zehn seiner insgesamt 112 Tore in 86 Ligaspielen für KS Ruch Hajduki Wielkie erzielte er allein in einem Spiel. Wilimowski, der an einem Fuß sechs Zehen hatte, war in Polen dennoch lange Zeit ein vergessener Mann, da er sich nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dafür entschieden hatte, für Deutschland zu spielen.
Cieślik schockt UdSSR und wird vom Platz getragen
Der Polnische Fußballverband (PZPN) wurde bereits 1919 gegründet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Spielbetrieb wieder aufgenommen, doch die 50er und 60er Jahre waren trotz Talenten wie Gerard Cieślik, Ernest Pol, Edward Szymkowiak und Lucjan Brychczy eher mager. Pol führt mit 186 Treffern vor Brychczy und Cieślik zwar immer noch die ewige Torjägerliste in Polens höchster Spielklasse an, doch zu einem großen internationalen Erfolg reichte es für die drei Fußballer nicht. Dennoch gab es gewisse Höhepunkte, wie zum Beispiel den 2:1-Sieg in der WM-Qualifikation gegen die Sowjetunion in Chorzow, als Cieślik nach seinen beiden Treffern von den Anhängern vom Platz getragen wurde. In der nationalen Liga war Górnik Zabrze mit sechs Meisterschaften in den 60er Jahren das Maß aller Dinge, und erreichte zudem 1970 das Finale des Pokals der Pokalsieger, das sie in Wien mit 0:1 gegen Manchester City FC verloren. Dennoch sind sie bis heute das einzige polnische Team, das ein Europapokalfinale erreicht hat.
Lato und seine sieben Kristallkugeln
Sowohl diese Leistung als auch den Einzug von Legia Warszawa ins Halbfinale des Pokals der europäischen Meistervereine im gleichen Jahr, ließen einen gewissen Umbruch erkennen. Mit Kazimierz Górski auf der Trainerbank der Nationalmannschaft begann die erfolgreichste Ära, die mit der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1972 in München ihren Höhepunkt fand. Zwei Jahre später belegte Polen, angetrieben von Kazimierz Deyna, Jan Tomaszewski und Grzegorz Lato, den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft in Deutschland. Lato, der heutige Präsident des polnischen Fußballverbands, war mit sieben Treffern gleichzeitig der erfolgreichste Torschütze dieser WM. Als Anerkennung dafür überreichte ihm eine polnische Glasfirma eine spezielle Krone mit sieben Kristallkugeln, die jeden seiner Treffer symbolisieren sollen. "Ich habe sie immer noch, das war ein tolles Geschenk", so der Stürmer gegenüber UEFA.com.
Boniek übernimmt das Zepter
Acht Jahre später erreichte Polen mit Trainer Antoni Piechniczek und Kapitän Zbigniew Boniek in Spanien erneut das Halbfinale. Boniek, einer der talentiertesten Polen aller Zeiten, war für lange Zeit der teuerste polnische Spieler, nachdem er 1982 für eine Rekordsumme von 1,3 Millionen Euro von RTS Widzew Łódź zu Juventus gewechselt war. Doch auch er konnte die Achtelfinal-Niederlage bei der Weltmeisterschaft 1986 gegen Brasilien nicht verhindern. Das war gleichzeitig auch Polens letzte Teilnahme an einer Weltmeisterschaft im 20. Jahrhundert.
Jugend auf dem Vormarsch
In den folgenden dürren Jahren war aber vor allem aber auf die Jugend Verlass, und Polen machte 1993 Schlagzeilen, als man bei der UEFA-U16-Europameisterschaft den ersten Platz belegte. Sechs Jahre später reichte es im gleichen Wettbewerb immerhin noch zum zweiten Platz, ehe dann 2001 der Titel bei der U18 folgte. So war es nur eine logische Folge, dass Polen unter Trainer Jerzy Engel bei der Weltmeisterschaft 2002 vertreten war, auch wenn dann in der Vorrunde bereits Schluss war. In Deutschland 2006 war dann ähnlich früh Schluss, doch nach der Verpflichtung des niederländischen Trainers Leo Beenhakker qualifizierte sich das Land 2008 zum ersten Mal für eine UEFA-Europameisterschaft. In Österreich und der Schweiz schied man mit nur einem Punkt allerdings ebenfalls vorzeitig aus.