Khedira-Interview: "Meine Story fing ganz unauffällig an"

Der erste Teil unseres Interviews mit Sami Khedira. Der Weltmeister verrät, dass er sich aufgrund von Schüchternheit zuerst gar nicht traute, im Verein zu trainieren.

Der Weg von Sami Khedira zum internationalen Topstar - Teil 1
Der Weg von Sami Khedira zum internationalen Topstar - Teil 1 ©UEFA.com

Nur ein verhältnismäßig kleiner Kreis deutscher Fußballer hat im Ausland richtig Spuren hinterlassen. Wenn Sami Khedira irgendwann die Schuhe an den Nagel hängt, wird auch sein Name zu dieser elitären Gruppe gehören. In unserem dreiteiligen Exklusiv-Interview beleuchten wir den Weg des Deutsch-Tunesiers, der 2017 seinen 30. Geburtstag feiert, von seinen Anfängen auf schwäbischen Bolzplätzen, über "La Décima" mit den Königlichen und seinen Zielen mit Juventus.

UEFA.com: Wie sahen Ihre ersten Berührungen mit Fußball aus?

Sami Khedira: Das war wie bei vielen anderen Kindern auch: Im Wohnzimmer. Meine Mutter war nicht gerade sonderlich erfreut darüber, aber mein Vater hat irgendwann einen kleinen Softball gekauft und ich habe auch viel auf der Straße mit Freunden gespielt. Irgendwann war die Lust da, in einen Verein zu gehen. So hat meine Story ganz unauffällig angefangen.

Ihr Vater war auch danach entscheidend für ihren Weg verantwortlich...

Er war Trainer in meinen Heimatverein TV Oeffingen. Das erste Probetraining ist nicht ganz erfolgreich verlaufen. Ich war noch etwas Schüchtern und habe lieber zugeschaut. Aber beim zweiten Mal wollte ich mitspielen. Unter der Leitung meines Vaters habe ich dann zwei Jahre dort gespielt.

2003: Sami Khedira erzielte im Finale der B-Jugendmeisterschaft als Kapitän von Stuttgart ein Tor gegen Cottbus. Vier Jahre später gab es ein Déjà-vu...
2003: Sami Khedira erzielte im Finale der B-Jugendmeisterschaft als Kapitän von Stuttgart ein Tor gegen Cottbus. Vier Jahre später gab es ein Déjà-vu...©Getty Images

Dann trat der VfB Stuttgart an Sie heran?

Genau. Ich bin im Alter von acht Jahren zum VfB gewechselt. Das war für mich eine große Entscheidung, denn ich hatte ja noch meine Schulfreunde im Heimatverein. Ich habe sie somit mehr oder weniger verlassen und musste in ein neues Umfeld. Aber ich hatte unheimlich Lust darauf, denn ich wusste damals schon, was der VfB Stuttgart bedeutet.

Inwiefern haben Sie damals vom VfB-Nachwuchszentrum profitiert?

Zu der Zeit war es das Nonplusultra. Es war bekannt dafür, die größten Talente Deutschlands hervorzubringen. Das kann man anhand der Spieler, die in großen europäischen Topklubs spielen, auch jetzt noch sehen. Ich hatte tolle Trainer und eine tolle Ausbildung.

Aber ich habe mich dort auch sozial weiterentwickelt. Es wurde viel Wert auf das Sportliche gelegt. Es ging um Schule und Fußball, aber auch darum, wie man sich richtig benimmt. Auf und außerhalb des Platzes fair zu sein, den Gegner zu respektieren. Die Leistung zu würdigen. Das ist ein ganzes Konzept gewesen, das ich beim VfB Stuttgart gelernt habe.

Gomez springt vorbei, aber Khedira trifft: Am letzten Spieltag 2007/08 macht er den 2:1-Siegtreffer gegen Cottbus und damit die VfB-Meisterschaft perfekt
Gomez springt vorbei, aber Khedira trifft: Am letzten Spieltag 2007/08 macht er den 2:1-Siegtreffer gegen Cottbus und damit die VfB-Meisterschaft perfekt©Getty Images

Ihnen wurden dort also Werte vermittelt, die Sie nachhaltig geprägt haben?

Absolut. Ich glaube, dass es viele andere Vereine gibt, die rein das Sportliche sehen. Aber ich denke, es gibt mehr als nur Fußball. Und wer in den Profifußball will, muss auch als Vorbild dienen. Das habe ich schon relativ früh gelernt. Die Leistung ist wichtig, aber nicht das Wichtigste.

Es geht darum, wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe. Es geht um Respekt und um die eigene Weiterentwicklung. Das sind Faktoren, die einen guten von einem sehr guten und internationalen Top-Spieler unterscheiden. Minimal sind das Nuancen, aber die können mitentscheiden.

Hatten Sie damals Vorbilder?

In jungen Jahren gab es beim VfB das magische Dreieck: Krassimir Balakov, Fredi Bobic und Giovane Elber. Das hat mich schon beeindruckt, gerade Balakov im Mittelfeld und Elber mit seinen Toren. Das waren meine Vorbilder in der jungen Zeit.

Aber später, als ich mich mehr mit Fußball beschäftigt habe, war es Zinédine Zidane, der den Fußball so einfach hat aussehen lassen. Ich weiß, dass ich nie so filigran sein werde, wie er. Aber er hat verstanden, wie das Spiel funktioniert, ohne großen Schnickschnack.

Erste Erfahrungen in der UEFA Champions League: Khedira durfte sich früh mit den Besten messen
Erste Erfahrungen in der UEFA Champions League: Khedira durfte sich früh mit den Besten messen©Getty Images

2007 haben Sie beim VfB Ihren ersten Profivertrag unterschrieben und wurden wenige Monate später Deutscher Meister. Also durften Sie schon in jungen Jahren in der UEFA Champions League mitmischen. Wie war das für Sie?

Ich war noch blutjung und wusste nicht wirklich, was mich erwartet. Ich kannte die Bundesliga, aber die Champions League war ein komplett anderes Level, ein anderes Niveau. Mein erstes Spiel war auswärts bei Glasgow Rangers und es war phänomenal. Bis heute war es mit das Spiel mit der beeindruckendsten Stimmung und Atmosphäre. Da wusste ich: 'Okay, das ist nicht mehr Bundesliga, das ist Champions League, das ist etwas Besonderes.'

Es ist ein spezieller Wettbewerb, den man genießen muss. Nicht jeder darf diesen Wettbewerb spielen, man muss ihn sich erarbeiten. Alleine die Hymne ist ein Gänsehautmoment. Das werde ich auch immer von Freunden gefragt: 'Wie ist das Gefühl, wenn man bei der Hymne einläuft?' Es pusht einen und man weiß, es ist 20.45 Uhr, Abendspiel und ganz Europa, vielleicht die ganze Welt, schaut zu. Man kann sich dort mit den Besten der Besten messen. Das ist es, was mich antreibt, deswegen will ich immer mehr davon.

Lesen Sie im zweiten Teil: Khedira über seinen Abschied aus Stuttgart, ganz neue Dimensionen bei Real Madrid und die dramatischen Momente im Champions-League-Finale 2014.

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