Champions-League-Endspiel: Die Blase von Lissabon

Simon Hart gehört zu den wenigen Reportern, die in Lissabon ins Stadion dürfen. Hier schildert er seine Eindrücke in Covid-Zeiten.

Atalanta-Trainer Gian Piero Gasperini mit Schutzmaske in Lissabon
Atalanta-Trainer Gian Piero Gasperini mit Schutzmaske in Lissabon UEFA via Getty Images

Die letzten zehn Minuten des Viertelfinals zwischen Atalanta und Paris Saint-Germain sind für mich stellvertretend für den Fußball, der bei den Finals der UEFA Champions League in Lissabon auf seine Grundelemente zurückgefahren wurde.

Als Reporter, der nach den Spielen die Interviews mit den Protagonisten führt, ist es üblich, dass man seinen Platz auf der Tribüne vorzeitig verlässt. Auf dem Weg hinunter zu der Interview-Zone verraten einem unter normalen Umständen die Zuschauer mit ihren Geräuschen, was sich auf dem Rasen abspielt. Doch auf dem Weg zu meiner Interview-Position im Estádio do Sport Lisboa e Benfica hörte ich gar nichts.

Dann, als ich in der ersten Reihe angekommen war, setzte die späte Dramatik der Partie ein und dieses globale Fußballevent fühlte sich plötzlich so intensiv und persönlich an, als wäre ich mittendrin. Fußball unplugged, quasi.

Man hörte die Rufe von Atalanta-Torwart Marco Sportiello ("Dai, Dai!" - "Auf geht's), der seine Mannschaft zur Verteidigung der Führung motivieren wollte. Wenig später jubelten die Ersatzspieler von Paris über den Ausgleich von Marquinhos ("Allez, allez, allez"). Als ich das nächste Mal in ihre Richtung schaute, waren die Plätze der Ersatzspieler leer. Stattdessen befanden sich alle in einem Menschenstapel an der Seitenlinie, der gerade das Siegtor von Paris abfeierte.

Kylian Mbappé auf der Tribüne
Kylian Mbappé auf der TribüneGetty Images

Der Jubel von Fußballern geht in dem Getöse eines vollen Stadions unter. Nicht hier. Es war ein Privileg, Zeuge solch roher Emotionen zu werden, etwa als Sportiello sein enttäuschtes Gesicht tief im Rasen vergrub.

Natürlich erleben wir ein ganz neues Fußball-Umfeld, welches überall neue Herausforderungen aufwirft. UEFAs Fotografen, welche die Bilder hinter den Kulissen liefern, werden am Abend vor jedem Spiel auf COVID-19 getestet. TV-Reporter müssen ihre Interviews mit Schutzmaske und auf vorher festgelegten Markierungen durchführen, um den Abstand zu Spielern zu wahren. Bei Pressekonferenzen sitzen die Trainer in einem Raum, während die Journalisten auf der Pressetribüne vor ihren Laptops sitzen und durch einen Klick auf ein Symbol mit erhobener Hand signalisieren können, dass sie eine Frage stellen wollen.

Die Pressetribüne ist deutlich kleiner geworden. Für die schreibende Presse gibt es nur 25 Akkreditierungen, je zehn davon für Vertreter der Länder der beiden Teams auf dem Rasen. Die meiste Zeit hört man nur das Echo von Applaus (ab und zu auch von Protesten), ein persönliches Highlight war für mich aber der Kommentator von RMC, der nach einem Pfostenschuss von Lyons Karl Toko Ekambi in sein Mirkofon schrie "Le poteau! Le poteau! Le poteau!".

Kameramann bei einem Spiel der Finals
Kameramann bei einem Spiel der FinalsUEFA via Getty Images

Darren Fletcher, Kommentator von BT Sport, hat mir verraten, dass er sehr von künstlicher Stadionatmosphäre auf dem Headset profitiert: "Man muss ein Spiel ja normal kommentieren, also zwischendurch mal etwas lauter werden. Die Tonspur mit Zuschauer-Geräuschen hilft mir dabei, also habe ich sie sehr laut eingestellt." Fletcher bezeichnet es als "große Ehre", vor Ort zu sein. Es sei ein "goldenes Ticket", meint er: "Kaum jemand darf dabei sein. Wenn man im Stadion war, als Bayern gegen Barcelona gewonnen hat, gibt es in Zukunft nur ein paar andere Leute, die ebenfalls sagen dürfen: 'Ich war dabei'".

Dieser Artikel erschien in einer veränderten Fassung im offiziellen Final-Programm der UEFA Champions League. Hier können sich Interessierte ein Exemplar bestellen.