Technischer Bericht der Champions League 2: Spielaufbau von hinten heraus

Im zweiten Teil des neuen Technischen Berichts zur UEFA Champions League erklärt das Expertengremium, wie die erfolgreichsten Teams ihre Verteidiger und Torhüter in den Spielaufbau einbezogen.

Manuel Neuer leitete zahlreiche Angriffe seines Teams ein
Manuel Neuer leitete zahlreiche Angriffe seines Teams ein ©Getty Images

"Alle Mannschaften, die ich gesehen habe", berichtete David Moyes am Tag nach dem Endspiel, "versuchen, von hinten heraus zu spielen. Nur Manchester City legte darauf vielleicht weniger Wert, weil zumindest in den Partien, die ich beobachtet habe, der Ball nur selten von den Innenverteidigern nach vorn gespielt wurde."

Diese Aussage lässt sich auch statistisch belegen. Die Innenverteidigung der Citizens hielt diszipliniert die Stellung und im Heimspiel gegen Dynamo Kyiv gingen von den 35 angekommenen Pässen von Eliaquim Mangala (der in der siebten Minute Vincent Kompany ersetzte) vier an seinen Torhüter und 27 an seine Mitspieler in der Viererabwehr.

Im Hinspiel hatte Kompany 21 seiner 59 Pässe an defensive oder offensive Mittelfeldspieler adressiert. Als sich dasselbe Szenario zu Beginn des Halbfinalrückspiels in Madrid wiederholte, passte Mangala von 30 Bällen 23 zum Torwart oder zu seinen Abwehrkollegen.

Wenn es einmal etwas offensiver wurde, wurde Nicolás Otamendi auf dem linken Flügel anvisiert, aber im Heimspiel gegen Real spielten die City-Innenverteidiger zu 70 % ihre Kameraden in der Abwehrkette an. Der Aufbau von Angriffen oblag den Außenverteidigern, den defensiven Mittelfeldspielern - und dem Torwart. Joe Hart spielte in Madrid alle zehn Feldspieler an, auch wenn 37 % seiner langen Bälle nicht ankamen.

Deutsche Standards
Einmal mehr setzten die deutschen Torhüter der beiden Mannschaften mit den höchsten Ballbesitzquoten – Marc André ter Stegen und Manuel Neuer – Maßstäbe hinsichtlich der Einbindung ins Aufbauspiel und der Genauigkeit bei der Verteilung der Bälle.

Im Achtelfinale gegen Arsenal unterliefen ter Stegen nur bei drei von insgesamt 67 Zuspielen Fehler, wobei es sich in allen Fällen um Pässe über mehr als 30 Meter handelte. Im Viertelfinale zwischen Barça und Atlético zeigten sich anhand der Keeper der beiden Teams die Unterschiede in Sachen Spielkonzept und -philosophie.

Im Camp Nou war ter Stegen nicht gerade überlastet, aber von seinen 18 Langpässen fand nur einer sein Ziel nicht. Im Estadio Vicente Calderón kam er dann auf insgesamt 37 Pässe (und damit mehr als Neymar, Luis Suárez und Ivan Rakitić), davon 13 lange Zuspiele – und alle kamen an.

Bei Atlético sah das Konzept von Diego Simeone vor, dass Jan Oblak durch lange Bälle ein hohes Pressing des Gegners vereiteln sollte. Im Hinspiel fielen deshalb alle seiner 31 Zuspiele bis auf eines lang aus, doch nur die Hälfte davon kam beim Mitspieler an. Im Rückspiel schlug er ausschließlich Langpässe – 18 an der Zahl, bei einer Erfolgsquote von 44 % im Gegensatz zu den 100 % von ter Stegen im Hinspiel. Beide Partien zusammengenommen, waren 12 seiner 23 erfolgreichen Langpässe an Saúl Ñíguez adressiert und je drei an die Sturmspitzen Antoine Griezmann und Fernando Torres.

Highlights: See how Wolfsburg stunned Real Madrid
Highlights: See how Wolfsburg stunned Real Madrid

In der Paarung VfL Wolfsburg gegen Real Madrid verfolgte Diego Benaglio eine ähnliche Strategie, doch von seinen insgesamt 57 langen Zuspielen kamen nur 40 % bei VfL-Spielern an. Vergleichbar bescheiden war der Erfolg von Thibaut Courtois bei der Partie von Chelsea in Paris (7/18 Langpässen) und Petr Čech bei Arsenals Heimspiel gegen Barcelona (9/16).

Und obschon Ioan Lupescu als technischer Beobachter im PSV-Heimspiel gegen Atlético in Eindhoven "eine typisch niederländische Spielweise mit geduldigem Aufbauspiel von hinten durchs Mittelfeld" konstatierte, brachte es Jeroen Zoet im Rückspiel in Madrid auf 42 lange Abspiele, von denen 22 erfolgreich waren und 12 bei der Sturmspitze Luuk de Jong landeten.

Im Halbfinale zwischen Bayern und Atlético erhielten im Hinspiel auswärts neun Feldspieler den Ball von Manuel Neuer, in München waren es sieben, wobei die Gäste Zuspiele auf Franck Ribéry, Douglas Costa und Kingsley Coman erfolgreich unterbanden.

Ein weiterer deutscher Schlussmann, Kevin Trapp von PSG, glänzte mit Genauigkeit bei langen Pässen - besonders mit Zuspielen auf Zlatan Ibrahimović leitete er des Öfteren direkte Konter ein.

Real Madrids Variabilität
"Überrascht hat mich unter anderem", sinnierte Thomas Schaaf nach dem Finale, "dass Keylor Navas es so oft mit langen Bällen versucht hat. Vielleicht wollte er damit das hohe Pressing von Atlético umgehen, aber seine Mitspieler mussten dadurch recht oft den Ball zurückerobern."

Highlights: See how Real Madrid claimed glory in Milan
Highlights: See how Real Madrid claimed glory in Milan

In den vier vorangegangenen Begegnungen gegen Wolfsburg und ManCity hatte der Costa-Ricaner insgesamt nur 25 lange Pässe gespielt – in anderen Worten etwa ein halbes Dutzend pro Spiel –, von denen 15 einen Abnehmer fanden. Im San Siro waren 24 seiner 31 Zuspiele lang und die Hälfte davon erfolgreich. Im Endspiel basierte die Spieleröffnung bei Real zu großen Teilen auf Pässen des Innenverteidigers Sergio Ramos auf Marcelo und Toni Kroos.

Der brasilianische Linksverteidiger bediente wiederum vorrangig Cristiano Ronaldo und Gareth Bale, während Kroos all seine Mitspieler anspielte. Der zweite Innenverteidiger Pepe entschied sich für konservativere Passwege auf Navas, Ramos oder den defensiven Mittelfeldmann Casemiro.

Luka Modrić erhielt seine Zuspiele zumeist von den Rechtsverteidigern – zunächst Dani Carvajal und später Danilo. Atléticos Aufbauspiel lief zumeist übers zentrale Mittelfeld mit Koke und Gabi, die zusammen für 35 % des Passspiels ihrer Mannschaft verantwortlich zeichneten und damit die gestiegene Bedeutung der defensiven Mittelfeldspieler als Spielmacher im modernen Fußball unterstrichen.

Allerdings wurde ihr Spiel nach vorn vom Defensivverbund der Königlichen eingeschränkt, und während das Zuspiel auf Griezmann 27 Mal funktionierte, wurde Torres von dem Duo nur viermal erreicht. Überhaupt bekam "El Niño" in zwei Stunden Spielzeit nur elf Pässe. Auf der Gegenseite identifizierte Thomas Schaaf das Mittelfeld als den für die Dominanz Reals in der ersten Halbzeit ausschlaggebenden Mannschaftsteil.

"Casemiro füllte die Rolle im defensiven Mittelfeld gut aus", so seine Analyse. "Und ich denke, dass Kroos und Modrić sehr gut zusammenspielen, was den Ballbesitz und die Anspiele auf die schnellen Angreifer in der Spitze betrifft."

Dieser Artikel ist auch im neuen Technischen Bericht zur UEFA Champions League 2015/16 abrufbar: Hier geht's zum Download.