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EURO 2020 – ein Turnier wie kein anderes: Interview mit Martin Kallen

Der CEO der UEFA Events SA, Martin Kallen, der bereits fünf EM-Endrunden organisiert hat, über seine schwierigste Herausforderung: Die Durchführung der weltweit größten Sportveranstaltung seit Ausbruch der Pandemie.

UEFA via Getty Images

Bereits bevor der Ball rollte, war die UEFA EURO 2020 ein internationales Turnier wie kein anderes.

Diese EM-Endrunde wird aus verschiedenen Gründen – sei es wegen der Ausrichtung in elf verschiedenen Städten, der Verschiebung aufgrund einer Pandemie oder der Anpassung der Reglemente zum Schutz der Spieler und mit Blick auf die Rückkehr von Fans in die Stadien – lange in Erinnerung bleiben.

Während die letzten Vorbereitungen vor dem Start am kommenden Freitag laufen, unterhalten wir uns mit dem CEO der UEFA Events SA, Martin Kallen, der dafür zuständig war, das Unmögliche möglich zu machen.

Martin, wie würden Sie die Zeit seit der Entscheidung der UEFA, die EURO 2020 um ein Jahr zu verschieben, beschreiben?

Es war eine herausfordernde Zeit. Zunächst war es ein Schock. Es war das erste Mal überhaupt, dass wir die EM-Endrunde ganz plötzlich um ein Jahr verschieben mussten. In unseren Verträgen steht, dass so etwas passieren kann, doch es war noch nie vorgekommen und wir konnten auch nicht darauf vorbereitet sein.

Wir mussten uns überlegen, wie es weitergehen soll. Am Anfang dachten wir, die Pandemie würde ein paar Wochen dauern, dann ein paar Monate, doch bald wurde klar, dass unsere einzige Chance aufgrund der verschiedenen Parameter des Fußballkalenders eine Verschiebung der Endrunde um ein Jahr sein würde. Danach könnten wir schauen, wie es weitergeht.

Wir mussten mit allen unseren Partnern und Interessenträgern – Regierungen, Austragungsstädten, Stadien, Sponsoren und Broadcastern sowie unseren zahlreichen Lieferanten – sprechen.

Bei der UEFA hatten wir viele Angestellte mit befristeten Verträgen und wir mussten uns überlegen, wie wir damit umgehen, ob wir sie behalten oder später zurückholen konnten. Dies war mit viel administrativem und juristischem Aufwand verbunden, doch wir können sagen, dass alle mitgespielt und ihr Bestes getan haben, sodass wir nun bereit sind und die EURO 2020 beginnen kann.

Inwiefern war die Organisation der EURO 2020 anders als jene der vier vorangegangenen Endrunden, an denen Sie beteiligt waren?

Martin Kallen ist seit 2004 für die Organisation der Fußball-Europameisterschaft verantwortlich.
Martin Kallen ist seit 2004 für die Organisation der Fußball-Europameisterschaft verantwortlich.©Getty Images

Wir hatten ein Konzept von früheren Wettbewerben – wie eine EM-Endrunde oder ein großes Event organisiert wird, was wichtig und was weniger wichtig ist, worauf besonders geachtet werden muss. Dieses Jahr mussten wir viele Dinge ganz anders machen.

Jede EM-Endrunde hat ihre eigenen Schwerpunkte oder Probleme. Dieses Jahr stand natürlich die Pandemie im Mittelpunkt.

2004 in Portugal hatten wir nur 21 Monate Zeit für die Organisation. Viele Stadien waren neu, weshalb deren Bau ein sehr zentrales Thema war. 2008 in der Schweiz und in Österreich stellte das Wetter eine Herausforderung dar. Wir mussten den Rasen in Basel auswechseln, aufgrund des Wetters sind TV-Signal und Strom ausgefallen und wir hatten zum ersten Mal große Fanzonen.

2012 in der Ukraine und in Polen musste in beiden Ländern eine ganze Infrastruktur aufgebaut werden und 2016 in Frankreich standen Sicherheit und Terrorismus im Fokus und die Ausrichter haben ausgezeichnete Arbeit geleistet, um ein sicheres Umfeld für die Fans zu schaffen.

Die EURO 2020 war bereits aufgrund der vielen verschiedenen Länder einzigartig, doch die Pandemie brachte unzählige Ungewissheiten und täglich neue Probleme mit sich: Wie sollen die Stadien gereinigt und desinfiziert werden, wie soll die Teststrategie aussehen, wie können wieder Zuschauer in die Stadien eingelassen werden?

Die Sicherheit der Zuschauer hat höchste Priorität. Welche Botschaft haben Sie für Fans, die Spiele besuchen?

Die erste, zweite und dritte Priorität bei einem Turnier ist stets die Sicherheit der Fans. Es ist für alle wichtig, dass die Zuschauer zurückkommen – es ist ein Schritt Richtung Normalität für die ganze Gesellschaft.

Wir bitten die Fans aber auch, sich vernünftig zu verhalten und vorauszuplanen. Kommen Sie rechtzeitig zum Stadion und nicht erst in letzter Minute. Tragen Sie eine Maske. Halten Sie wann immer möglich Abstand zu anderen Zuschauern und handeln Sie stets im Sinne der Sicherheit.

Fußball ohne Fans ist nicht das Gleiche und es bedeutet viel, sie wieder dabei zu haben. Ich werde mich sehr, sehr freuen, während des Turniers Fans zu sehen, und wir können zufrieden sein, dass wir das erreichen konnten.

Event-Guide der EURO 2020 mit Informationen zu allen elf Städten und Stadien

Erklären Sie uns bitte, wie beim Turnier für die Sicherheit der Spieler und Mannschaften gesorgt wird.

Dank dem UEFA-Protokoll zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs konnte der Ball in ganz Europa wieder rollen, doch bei der EURO 2020 liegen die Dinge anders. Dieses Protokoll ist das Hauptdokument – dazu haben wir im Laufe der vergangenen Saison ein operatives medizinisches Konzept für die elf Städte, die 24 Mannschaften und alle Offiziellen entwickelt, das wesentlich ausführlicher ist.

Die Mannschaften befinden sich in einer Blase ohne Kontakt zur Öffentlichkeit und werden regelmäßigen PCR-Tests sowie bei der Ankunft im Stadion einem Temperaturcheck unterzogen. Es wurden zahlreiche Maßnahmen getroffen, die mit den Gesundheitsbehörden und der Medizinischen Kommission der UEFA abgesprochen sind.

Was passiert, wenn ein Spieler positiv auf Covid-19 getestet wird?

Im Laufe der Saison gab es einige wenige positive Tests; es ist also möglich, dass Spieler während des Turniers positiv getestet werden.

Das Protokoll sieht vor, dass der betroffene Spieler in Quarantäne geht; die anderen werden dann erneut getestet und können bei einem negativen Ergebnis spielen. Dieser Grundsatz gilt in allen elf Austragungsländern und ebenso für die Schiedsrichter und Spielbeauftragten.

Es werden nicht wie ursprünglich geplant zwölf, sondern elf Austragungsstädte sein – können Sie etwas zu Dublin und Bilbao sagen?

Vier Spiele finden nun in Sevilla statt.
Vier Spiele finden nun in Sevilla statt.

Wir haben uns in den vergangenen zwölf Monaten verschiedene Szenarien angesehen und am Ende entschieden, dass die ursprüngliche Idee die Beste ist. Mit mehr Ländern können die Risiken besser verteilt werden und dadurch, dass zahlreiche Ausrichterländer qualifiziert sind, werden viele Fans weniger reisen.

Leider war es in Dublin und Bilbao nicht möglich, Spiele mit Zuschauern auszurichten, doch wir haben sehr gute Beziehungen zu Dublin, dem Irischen Fußballverband und der irischen Regierung. Dasselbe gilt für Bilbao und den Spanischen Fußballverband, weshalb wir diese Spiele nach Sevilla verlegen konnten, wo die Grundvoraussetzungen positiver sind und für die vier Spiele 30 % der Stadionkapazität genutzt werden können.

Was soll von der UEFA EURO 2020 zurückbleiben?

Jede EM-Endrunde hinterlässt ein Vermächtnis, das jedes Mal etwas besser wird. Für die EURO 2020 wurde nur ein neues Stadion gebaut, jenes in Budapest. Es ist ein positiver Schritt, keine „weißen Elefanten“ zu bauen.

Soziale Verantwortung ist uns wichtig und wir haben verschiedene bestehende Programme weiterentwickelt und auch neue ins Leben gerufen, wobei die Programme an die jeweiligen Ausrichter angepasst wurden.

Eine Großveranstaltung kann nicht 100 % nachhaltig sein, das wäre unmöglich, doch wir haben unser Bestes getan um sicherzustellen, dass die EURO 2020 umweltfreundlich ist. So haben wir die Kompensation der CO2-Emissionen bereits bezahlt und gewährleisten in mehreren Austragungsstädten die kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel.

Welchen Beitrag kann der Fußball zu einer nachhaltigeren Welt leisten?

Wie sieht Ihr eigenes Programm für die EURO 2020 aus?

Ich werde zusammen mit UEFA-Generalsekretär Theodore Theodoridis alle Stadien und Organisationsteams besuchen. Das wird eine Herausforderung, aber auch ein schönes Erlebnis, das Personal und die vielen Volunteers zu treffen.

Seit die teilnehmenden Mannschaften Anfang Juni zusammengekommen sind, spüren wir, wie die Vorfreude steigt und das Turnier in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt – mehr als die administrativen Belange und der Umgang mit der Pandemie.

Wir können an allen Spielorten auf fantastische Teams zählen, ebenso wie auf ein Führungsteam am UEFA-Sitz in der Schweiz, und alle freuen sich auf den Turnierauftakt.

Eine letzte Frage: Wie stolz sind Sie auf den Umgang des UEFA-Personals mit den Herausforderungen rund um die Organisation dieses einzigartigen Turniers?

Darauf bin ich sehr stolz. Alle haben ihr Bestes gegeben und noch eine Schippe draufgelegt, um neue Lösungen zu finden – dabei mussten alle ihre Komfortzone verlassen. Es herrschte stets ein positiver Teamgeist und das finde ich wirklich bewundernswert.

Wenn wir am 12. Juli aufwachen und die Feierlichkeiten nach dem Endspiel vorbei sind, können wir denjenigen, die alles getan haben, um diese EM-Endrunde zu ermöglichen, sehr dankbar sein. Dann können wir zurückblicken und sehr stolz sein.