Die Weltreise des "Rudi Rastlos"

Wenn es nach seiner Mutter gegangen wäre, wäre Rudi Gutendorf Beamter geworden, doch der heute 88-Jährige entschied sich für den Trainerberuf. Zum Glück, denn ohne ihn wäre der Fußball ein ganzes Stück ärmer...

Rudi Gutendorf im Jahr 1999 bei einem Training in Ruanda
Rudi Gutendorf im Jahr 1999 bei einem Training in Ruanda ©Getty Images

"Als ich Trainer wurde, hat meine Mutter das betrachtet, als wäre ich Straßenkehrer. Sie dachte, der Sport hätte keine Zukunft, und wollte, dass ich Beamter werde. Wenn ich irgendwo vorgestellt wurde, haben die feinen Damen die Nase gerümpft", erinnert sich Rudi Gutendorf an seine Anfänge im Trainermetier. Gutendorf als Beamter? Schwer vorstellbar und das mit den feinen Damen hat sich später auch nachhaltig geändert, wie der heute 88-Jährige mit dem für ihn typischen Schalk im Nacken beteuert.

Mit rund 55 Trainerstationen hält der gebürtige Koblenzer einen einsamen Weltrekord, der ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde bescherte, aber auch das eine oder andere Mal fast das Leben gekostet hätte. "Alle Stationen bekomme ich nicht mehr zusammen. Aber das ist ein einmaliger Weltrekord, der wohl nie mehr gebrochen wird", sagt Gutendorf heute mit spürbarem Stolz in der Stimme.

Angefangen hat seine unglaubliche Geschichte 1964, als er den Meidericher SV im ersten Bundesliga-Jahr sensationell zur deutschen Vizemeisterschaft führte und dabei eine eher ungewöhnliche Taktik kreierte: "Ich habe alle Spieler in die Deckung zurückgezogen und nur den Mittelstürmer vorne gelassen. Immer wenn die gegnerischen Spieler böse und leichtsinnig wurden, weil sie einfach kein Tor geschossen haben, bin ich auf die Bank gesprungen und habe die Arme ausgebreitet. Das war das Zeichen: Jetzt! Dann sind alle von hinten gekommen und nach vorne gestürmt. So sind wir ganz knapp hinter dem 1. FC Köln Vizemeister geworden. Das war ein Wunder."

Doch statt in der Bundesliga weitere für Furore zu sorgen, zog es "Rudi Rastlos" in die Ferne. In den kommenden 35 Jahren trainierte er zahlreiche Klubs auf fünf Kontinenten und saß bei 28 Nationalmannschaften auf der Trainerbank, wie den Bermudas, Bolivien, Antigua, Australien, Neukaledonien, Fidschi, Chile, Nepal oder Tonga. In Chile entkam er mit der letzten Maschine dem Pinochet-Putsch gegen seinen Freund und damaligen Präsidenten Salvador Allende und im Nach-Bürgerkriegs-Ruanda trug er ein kleines bisschen zur Aussöhnung zwischen Hutu und Tutsi bei.

Um die Jahrtausendwende, also kurz nach dem Völkermord, trainierte er das Nationalteam des tief gespaltenen Landes und erlebte so Ruandas größten sportlichen Erfolg am 8. April 2000 hautnah mit. Mit Gutendorfs legendärer Defensivtaktik erkämpfte sich sein Team ein Unentschieden gegen die mit Stars gespickte Auswahl der Elfenbeinküste. "Ich wäre fast verrückt geworden vor Freude", so Gutendorf. "Hutu und Tutsi herzten und küssten sich. Die Väter hatten sich noch gegenseitig die Hälse abgeschnitten und nun lagen sich die Söhne in den Armen - auf dem Feld und auf der Tribüne. Das war vielleicht der schönste Moment meiner Karriere.

Rudi Gutendorf im Jahr 2014
Rudi Gutendorf im Jahr 2014©Getty Images

Zwischendrin zog es Gutendorf auch immer wieder in seine Heimat zurück, wo er neben dem Hamburger SV und Hertha BSC Berlin auch den FC Schalke trainierte, mit dem er 1969/70 das Halbfinale im Pokal der Pokalsieger erreichte. Aus dieser Zeit hält Gutendorf auch noch den Frühschicht-Rekord der Liga, als er die Schalker um 5 Uhr morgens vor einer Zeche zum Training antreten ließ, damit die Fußballer sehen, wann die Kohle-Kumpel zur Arbeit kommen.

Doch meist hielt ihn das Fernweh nicht lange in Deutschland, der Reiz des Exotischen war zu groß, auch wenn Gutendorf glaubwürdig beteuert: "Ich habe mir nie die Rosinen rausgesucht, ich war auch immer bei den Ärmsten der Armen. Warum ich das gemacht habe?" Gutendorf lacht verschmitzt. "Das ist eine gute Frage. Meine Frau hat mich das auch immer gefragt. Aber ich denke, es war für mich einfache eine Art Mission. In erster Linie wohl eine moralische."

Gewürdigt wurde sein Einsatz für den Fußball auf allen fünf Kontinenten 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Inzwischen ist Gutendorf, man glaubt es kaum, in seiner Geburtsstadt Koblenz sesshaft geworden. Er ist nach wie vor ein gern gesehener Gast im Fernsehen, pflegt seine eigene Facebook-Seite und erzählt mit leuchtenden Augen von seinen Abenteuern aus Tausendundeiner Nacht.

Keine Frage, Rudi Gutendorf hat jede Sekunde seines unglaublichen (Trainer-) Lebens genossen. "Darauf können Sie Gift nehmen", stimmt er freudig zu. "Ich bin eben eine rheinische Frohnatur. Wenn die schwarze Kiste einmal zuklappt, soll es sich gelohnt haben … dafür bin ich selbst die größten Risiken gerne eingegangen."

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