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Nachwuchsförderung in Deutschland

Veröffentlicht: Donnerstag, 2. Juli 2009, 14.25MEZ
Binnen zwölf Monaten konnte Deutschland sowohl den Sieg bei der UEFA U21-EM als auch die Titel bei der U19 und U17 erringen. uefa.com untersucht die Nachwuchsförderung des DFB.
von Steffen Potter
Nachwuchsförderung in Deutschland
Deutschlands U21 feiert gemeinsam mit Trainer Horst Hrubesch den Abpfiff ©Getty Images
Veröffentlicht: Donnerstag, 2. Juli 2009, 14.25MEZ

Nachwuchsförderung in Deutschland

Binnen zwölf Monaten konnte Deutschland sowohl den Sieg bei der UEFA U21-EM als auch die Titel bei der U19 und U17 erringen. uefa.com untersucht die Nachwuchsförderung des DFB.

Keinem anderen Verband in Europa ist es bisher gelungen, gleichzeitig alle drei Nachwuchstitel zu gewinnen. Das erregt natürlich Aufmerksamkeit und fordert zum Nachforschen auf: Erst recht, wenn man bedenkt, dass der deutsche Nachwuchs lange Zeit keinen erstklassigen Ruf hatte.

Ernüchternde Ergebnisse
In der Vergangenheit hatte man sich beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) darauf verlassen, dass die Masse von ca. 6,6 Millionen organisierten Fußballern auch eine ausreichende Klasse an Spielern produzieren würde. Die ernüchternden Ergebnisse bei der FIFA WM 1998, als Deutschland im Viertelfinale scheiterte, und vor allem das Vorrundenaus bei der UEFA EURO 2000™ zeigten aber, dass der deutsche Fußball taktisch und technisch der Konkurrenz hinterherhinkte.

Initialzündung 1997
"Die Ergebnisse 1998 und 2000 haben einen großen Rückenwind für unsere Projekte gebracht", sagte der Abteilungsleiter Talentförderung beim DFB, Ulf Schott, am Mittwoch gegenüber uefa.com. Die Initialzündung für eine Neuorganisation der Jugendförderung gab es schon 1997 mit der Bewerbung Deutschlands für die FIFA WM 2006. "Wir haben uns damals gefragt, was wir tun müssen, um 2006 eine schlagkräftige Nationalmannschaft zu stellen", erinnert sich Schott. Dazu wurden Talentförderungsansätze bei Landesverbänden, anderen Nationalverbänden und auch Verbänden anderer Sportarten untersucht.

Zwei Hauptsäulen
Letztendlich entschied man sich dann dazu, auf zwei Hauptsäulen zu setzen: Die dezentralen Stützpunkte auf Kreisebene auf der einen Seite, und die Leistungszentren der Lizenzvereine auf der anderen. In den 366 Stützpunkten werden bundesweit zurzeit etwa 14 000 Spieler und Spielerinnen im Alter von elf bis 14 Jahren von ungefähr 1 000 Honorartrainern betreut. Das Konzept sieht vor, dass die Nachwuchsspieler zusätzlich zu ihrem Vereinstraining einmal wöchentlich eine qualifizierte Trainingseinheit erhalten, in deren Zentrum technische und taktische Inhalte stehen. Kernpunkt der Stützpunkte sind einheitliche Trainingspläne, mit denen man direkt auf Weiterentwicklungen der Trainingslehre reagiert: Stand 2002 noch das Üben durch Wiederholungen im Mittelpunkt, legt man nun ein viel stärkeres Gewicht auf Spielformen.

Leistungszentren
Parallel zu den Stützpunkten wurde den Bundesligisten ab 2001 vorgeschrieben, dass ihre Jugendabteilungen ab sofort als Leistungszentren geführt werden mussten, was eine ganze Reihe von Maßnahmen erforderte, so etwa die Einstellung hauptberuflicher Trainer, das Vorhandensein von Internaten oder einer bestimmten Anzahl an Trainingsfeldern. "Die Folge war, dass alle Vereine dafür investieren mussten und die Jugendabteilungen innerhalb der Vereine eine Aufwertung erfahren haben", so Schott.

Massive Sichtung
Zwar gibt es Kritiker des Systems, die monieren, dass die vielen bundesweiten Stützpunkte vor allem den Breitensport fördern würden. Beim DFB aber ist man anderer Auffassung: Über 4 500 Spieler haben mittlerweile den Sprung über die Stützpunkte in ein Leistungszentrum eines Lizenzvereins geschafft und etwa 600 000 werden innerhalb einer Saison durch die Stützpunkttrainer gesichtet.

Große Investition
Es wäre zu simpel, die jüngsten Erfolge Deutschlands auf Nachwuchsebene schon umfassend den Stützpunkten und Leistungszentren zuzuschreiben. Die aktuelle U21 etwa ist zu alt, um intensiv am Stützpunktsystem teilgenommen zu haben. Fakt aber ist: 50 Prozent der deutschen U17-Europameister gingen durch die Stützpunkte, während die andere Hälfte bereits in den Leistungszentren der Bundesligisten trainiert wurde. Eine ähnliche Quote lässt sich mittlerweile für fast alle Nachwuchsnationalmannschaften Deutschlands errechnen, so dass die gut 100 Millionen Euro, die in den letzten neun Jahren seitens des DFB für die Nachwuchsförderung ausgegeben wurden, gut investiert scheinen.

Siegermentalität
Seit der Installation von Matthias Sammer als DFB-Sportdirektor im April 2006 hat man sich außerdem wieder stark auf die früher so gefürchtete deutsche "Siegermentalität" konzentriert. "Fußball macht doch nur Spaß wenn man gewinnt", heißt es etwa bei DFB-Trainer Horst Hrubesch, und stellvertretend für seine Mitspieler erklärte U21-Europameister Andreas Beck: "Wir bekommen diese Siegermentalität täglich eingeimpft."

Gute Perspektiven?
Nun hofft man in Deutschland darauf, dass sich diese Erfolge im Nachwuchsbereich auch bei den Senioren auszahlen werden. "Wenn man weiß, dass vor Jahren die Spanier nahezu sämtliche Jugendjahrgänge europaweit dominiert haben, muss einem um die Zukunft des Profifußballs in Deutschland nicht bange sein", sagt Reinhard Rauball, der Präsident der Deutschen Fußball-Liga. "Wir machen noch viele Fehler im Übergangsbereich vom Nachwuchs- zum Männerfußball", findet dagegen Sammer. Wenn diese Fehler aber mit der gleichen Effizienz beseitigt werden, wie einst die Fehler in der Nachwuchsförderung, darf man sich einiges erhoffen.

Letzte Aktualisierung: 02.07.09 11.04MEZ

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