Gemeinsam oder nicht?

Sollen Menschen mit geistiger Behinderung mit nicht behinderten Spielern trainieren und spielen? Ein kürzlich in den Niederlanden durchgeführtes UEFA-Seminar hat die Diskussion eröffnet.

Behindertenfußballturnier in Barendrecht
Behindertenfußballturnier in Barendrecht ©KNVB

Experten aus 44 Nationalverbänden und sieben internationalen Verbänden, die Teil des UEFA-Portfolios „Fußball für alle“ sind, haben unlängst an einem Seminar des UEFA-Studiengruppenprogramms in den Niederlanden teilgenommen. Bei der  am Sitz des Niederländischen Fußballverbands (KNVB) in Zeist durchgeführten Veranstaltung standen praktische Vorführungen von Spitzenathleten sowie lebhafte Diskussionen über wichtige Themen im Mittelpunkt.

Bereits im Laufe des Eröffnungstags machte eine überaus wichtige Nachricht die Runde: Während der KNVB die Zuordnung von Spielern mit Behinderung in entsprechende Kategorien untersucht, bevorzugt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einen integrierenden Ansatz, in dessen Rahmen Spieler unabhängig von ihren Fähigkeiten zusammen spielen.

Diese beiden einflussreichen Nationalverbände erläuterten ihre völlig unterschiedliche Vorgehensweise bei der Bereitstellung von Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung und es wurde rasch deutlich, dass beide Ansätze eindeutige Vorteile haben.

Nico Kempf von der DFB-Stiftung Sepp Herberger erklärte, dass sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg darauf konzentriert habe, Menschen mit Behinderung ausreichend Möglichkeiten zu bieten, ihr Leben zu bestreiten. Er führte aus, wie für Fußballer mit Behinderung eine Parallelwelt geschaffen worden sei, in der sie die Möglichkeit hatten, in einem gut organisierten System gegen Spieler mit ähnlichen Behinderungen anzutreten.

Unterschiedliche Herangehensweisen

Allerdings wurde dem DFB schnell klar, dass diese Parallelwelten eines der Hauptziele von „Fußball für alle“ nicht erfüllten, nämlich die Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft. Der Verband ist mittlerweile sogar der Ansicht, dass der Ausschluss von Menschen, die in keine bestimmte Behindertenkategorie fallen, diskriminierend sei. Daher wird im Rahmen der aktuellen Philosophie des Verbands sichergestellt, dass Freunde und Familienangehörige, die zusammen in einem Team spielen möchten, dies auch tatsächlich tun können.

Im Gegensatz dazu erklärte der Behindertenbeauftragte des KNVB, Marcel Geestman, dass sein Verband die Ansicht vertrete, dass die meisten eher nach Möglichkeiten suchten, mit Menschen mit ähnlichen Behinderungen zu spielen. Im Rahmen von einzelnen Partien oder Breitenfußballturnieren biete der KNVB zwar die Möglichkeit, „Unified Football“ zu spielen, halte dies aber nicht für einen nachhaltigen Ansatz, da der Fußball so seinen Wettbewerbscharakter und somit an Bedeutung verliere.

David McArdle, Manager für Behindertenfußball und Gleichstellung beim Schottischen Fußballverband unterstützte beide Herangehensweisen. Seiner Ansicht nach sollten Fußballer mit Behinderung wenn immer möglich in reguläre Aktivitäten eingebunden werden. Wenn dies allerdings aufgrund der körperlichen Verfassung oder der fehlenden Freude am Spiel nicht möglich sei, sollten Spieler im Rahmen des „Para-Football“, wie Fußball für Behinderte in Schottland genannt wird, die Möglichkeit haben, auf angemessenem Niveau und in der entsprechenden Umgebung spielen zu können, um sich „zu messen, Kontakte zu knüpfen und den Fußball zu genießen“. Der Wettbewerbscharakter war bei der Begegnung zwischen den nationalen CP-Fußball-Auswahlen aus England und der Ukraine im Rahmen der Europameisterschaft 2018 im CP-Fußball, die parallel zum Seminar in Zeist stattfand, deutlich zu erkennen. Außerdem zeigten sich die Seminarteilnehmer von der Darbietung einiger der weltbesten Amputiertenund Elektrorollstuhl-Fußballer merklich beeindruckt.

Aber wie bei allen Diskussionen sind die Dinge nicht immer nur schwarz oder weiß, wenn man sich eingehender mit ihnen beschäftigt, denn weder die Niederlande noch Deutschland verfolgen in diesem Bereich nur einen einzigen Ansatz.

Suche nach dem Mittelweg

Darüber hinaus besuchten die Teilnehmer auch ein Behindertenfußballturnier in Barendrecht, das vom KNVB und dem niederländischen Profitrainerverband organisiert wurde und an dem insgesamt 390 Spielerinnen und Spieler sämtlicher Altersklassen mit verschiedenen körperlichen oder geistigen Behinderungen teilnahmen. Die Spielerinnen und Spieler waren von ihren jeweiligen Klubs ausgewählt worden, um zusammen mit Menschen anzutreten, die sie noch nie zuvor getroffen hatten. Die Herausforderung bestand darin, als Team zusammenzuarbeiten, die Fähigkeiten jedes Einzelnen zu berücksichtigen und im Turnier weiterzukommen.

Auf die Frage nach dem Wettbewerbscharakter in Deutschland erklärte Nico Kempf, dass Spielerinnen und Spieler, die solche Begegnungen suchten, diese sicher auch fänden, und dass es in den verschiedenen Behindertenkategorien auch klare Karrierewege in die Elite-Nationalmannschaften gebe. Außerdem wies er auf die zahlreichen Angebote in Deutschland hin, „Unified Football“ auch auf Wettbewerbsniveau zu spielen. Darüber hinaus betonte Kempf zwei Dinge: Erstens würden Spieler mit Behinderung nicht selten besser spielen als unversehrte Fußballer und zweitens müsse man immer die Bedürfnisse des Einzelnen berücksichtigen und optimale Lösungen auf individueller Ebene finden.

Letztendlich bemühen sich alle Nationalverbände darum, einen Mittelweg zwischen einem kompetitiven Angebot und sozialer Integration zu finden. Vor diesem Hintergrund sprachen die Delegierten des KNVB, des Belgischen und des Norwegischen Fußballverbands über Sportvereine in ihren Ländern und erklärten, dass Spieler, die sich entschieden, für ein spezifisches Behindertenteam zu spielen, dasselbe Trikot trügen und zum selben Verein gehörten. Und wenn diese Klubs soziale oder lokale Veranstaltungen organisierten, kämen die Spieler aus allen Mannschaften unter demselben Vereinslogo zusammen.

Integration und Spaß

Behindertenfußball in den Niederlanden.
Behindertenfußball in den Niederlanden.©KNVB

In bevölkerungsärmeren Ländern wie Liechtenstein, Andorra und den Färöer-Inseln bietet „Unified Football” eine ausgezeichnete Möglichkeit, Menschen mit und ohne Behinderung in gemischten Teams antreten zu lassen, wobei Integration und Spaß im Vordergrund stehen.

Viele Nationalverbände stimmten darin überein, dass sie im Wesentlichen auf die Nachfrage aus dem Breitenfußball reagierten. Breitenfußballexperten würden ganz nah an der Basis arbeiten und wenn sie erfahren, dass ein deutlicher Wunsch nach „Unified Football“ besteht, dann würden sie auf diesen auch eingehen.

Zumindest im Moment stellt diese Diskussion kein Hindernis für entsprechende Fortschritte dar. Das Thema „Fußball für alle“ rückt immer mehr in den Vordergrund, sowohl hinsichtlich der inklusiven Werte des Fußballs als auch mit Blick auf den Unterhaltungswert der Wettbewerbe. Der wachsende Erfolg dieser Initiative ist ein Beleg für die Expertise und den Einsatz aller, die an diesem Seminar in den Niederlanden teilgenommen haben, sowie für alle Menschen, die sich überall in Europa an der Basis intensiv für den Fußball engagieren.

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus UEFA Direct Nr. 181

 

 

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